Mat saß allein mit dem Rücken zur Wand, wo er alle Türen im Auge behalten konnte, auch wenn er die meiste Zeit über versonnen in einen noch unberührten Krug mit Rotwein blickte. Er ging nicht zu den Spielern hinüber und er betrachtete nicht einmal die Beine der Bedienungen. Da die Taverne so voll war, kamen öfter einmal Männer her und wollten sich an seinen Tisch setzen, aber nach einem genaueren Blick auf seine Miene zogen sie gewöhnlich wieder ab und suchten sich einen Platz auf irgendeiner anderen Bank.
Er stippte mit einem Finger in seinen Wein und kritzelte damit gelangweilt auf der Tischfläche herum. Diese Narren hatten alle keine Ahnung, was heute abend im Stein passiert war. Er hatte gehört, daß ein paar Tairener von Unruhe im Stein gesprochen hatten, aber die Worte waren schnell gefallen und ebenso schnell unter nervösem Lachen wieder vergessen. Sie wußten nichts und wollten auch nichts wissen. Er wünschte beinahe, ebenfalls nichts wissen zu müssen. Nein, aber es wäre gut, mehr über das zu wissen, was tatsächlich geschehen war. Bilder huschten durch seinen Kopf, durch die Lücken in seinem Gedächtnis, und er wußte nichts Rechtes damit anzufangen.
Der Kampfeslärm irgendwo in einiger Entfernung warf Echos im Korridor, die von den Wandbehängen gedämpft wurden. Er zog mit einer zitternden Hand sein Messer aus der Leiche des Grauen Mannes. Ein Grauer Mann, und er war hinter ihm her gewesen. Er mußte jedenfalls hinter ihm her gewesen sein. Graue Männer liefen nicht einfach in der Gegend herum und brachten wahllos Leute um. Sie hatten Opfer, wie ein Pfeil sein Ziel hat. Er wandte sich um und wollte weglaufen, doch da war ein Myrddraal, der wie eine schwarze Schlange auf Beinen auf ihn zuschritt. Der Blick aus seinem leichenblassen, augenlosen Gesicht jagte ihm einen Schauder über den Rücken. Auf dreißig Schritt Entfernung warf er mit voller Wucht sein Messer dorthin, wo sich die Augen befinden sollten. Er war in der Lage, bei vier von fünf Würfen auf diese Entfernung ein Ziel zu treffen, das nicht größer war als ein Auge.
Das schwarze Schwert des Blassen verschwamm fast in der schnellen Bewegung, mit der er beinahe mühelos das Messer zur Seite schlug. Er kam noch nicht einmal ins Stolpern. »Zeit zu sterben, Hornbläser.« Seine Stimme war wie das trockene Zischen einer Sandviper, eine Vorankündigung des Todes.
Mat zog sich zurück. Nun hatte er in jeder Hand ein Messer, obgleich er sich gar nicht daran erinnerte, sie gezogen zu haben. Nicht, daß Messer sehr viel gegen ein Schwert ausrichten konnten, aber wenn er einfach wegrannte, hatte er ebenso sicher das schwarze Schwert im Rücken wie fünf Sechser vier Dreier schlugen. Er wünschte sich einen guten Bauernspieß herbei. Oder einen Bogen. Er würde gern einmal sehen, wie dieses... Ding... einen Pfeil von einem Langbogen von den Zwei Flüssen abwehrte. Er wünschte, er sei woanders. Hier würde er vermutlich sterben.
Mit einem Mal kam brüllend ein Dutzend Trollocs aus einem Seitengang gerannt und stürzte sich mit hackenden Äxten und Schwertern auf den Blassen. Mat traute seinen Augen kaum. Der Halbmensch kämpfte wie ein schwarz gerüsteter Wirbelwind. Mehr als die Hälfte der Trollocs war tot oder lag im Sterben, bis sich der Blasse als zuckendes Häufchen am Boden wand. Ein Arm krümmte sich und schlug aus wie eine sterbende Schlange, und das drei Schritt entfernt vom Körper. Er hatte das schwarze Schwert nicht losgelassen. Ein Trolloc mit Hammelhörnern blickte zu Mat herüber und hob die Schnauze zum Wittern. Er knurrte Mat an, winselte aber dann und leckte sich einen langen Riß, wo das Schwert des Blassen durch den Armschutz und in den haarigen Unterarm geschnitten hatte. Die anderen schnitten den Verwundeten vollends die Kehlen durch, und einer bellte ein paar harte, kehlige Worte. Ohne Mat weiter zu beachten, wandten sie sich um und trotteten weg. Ihre Hufe und Stiefel klapperten hohl auf dem Steinboden.
Von ihm weg. Mat schauderte. Trollocs als Retter. In was hatte ihn Rand nun wieder verwickelt? Er bemerkte, was er mit der weinbenetzten Fingerspitze auf den Tisch gezeichnet hatte — eine offene Tür — und wischte es ärgerlich weg. Er mußte von hier weg. Es mußte sein. Und im Hinterkopf hatte er wieder dieses drängende Gefühl, er müsse zum Stein zurück. Er schob das Gefühl beiseite, aber es wollte nicht vergehen.
Er fing einen Gesprächsfetzen vom Tisch zu seiner Rechten auf, wo der Bursche mit dem hageren Gesicht und dem hochgezwirbelten Schnurrbart mit schwerem Lugarder Akzent losgelegt hatte. »Dieser Drache bei Euch ist zweifellos ein großer Mann, das leugne ich gar nicht ab, aber er kann Logain nicht das Wasser reichen. Also, Logain hat es geschafft, ganz Ghealdan mit Krieg zu überziehen und noch halb Amadicia und Altara dazu. Er hat ganze Städte, die sich gegen ihn gestellt hatten, von der Erde verschlucken lassen. Gebäude, Leute und eben alles. Und der andere oben in Saldaea? Masim? Na ja, sie sagen, er habe die Sonne stillstehen lassen, bis er das Heer von Lord Bashere besiegt hatte. Das sei eine Tatsache, erzählt man.« Mat schüttelte den Kopf. Der Stein erobert und Callandor in Rands Hand, und dieser Idiot hielt ihn immer noch für einen falschen Drachen. Schon wieder hatte er diese Tür auf den Tisch gekritzelt. Er wischte mit einer Hand darüber, und mit der anderen hob er den Weinkrug, doch auf halbem Weg zu seinem Mund hielt er inne. Über all den Lärm hinweg hatte er eine vertraute Bezeichnung von einem der Tische in der Nähe her aufgeschnappt. So schob er seine Bank knirschend zurück und ging mit dem Krug in der Hand hinüber.
Die Menschen, die um den betreffenden Tisch saßen, stellten diese typische, eigenartige Mischung dar, die man in den Tavernen des Mauleviertels fand. Zwei barfüßige Seeleute mit Ölzeugmänteln über den nackten Oberkörpern, der eine davon mit einer dicken Goldkette um den Hals. Ein früher wohl einmal fetter Mann mit Hängebacken in einem dunklen Mantel aus Cairhien, der auf der Brust rote und goldene und grüne Schrägstreifen aufwies. Das konnte darauf schließen lassen, daß er ein Adliger sei, doch der Ärmel an einer Schulter war zerrissen. Es waren eben eine Menge Flüchtlinge aus Cairhien abgerissen und heruntergekommen nach Tear geschwemmt worden. Eine grauhaarige Frau, ganz in gedämpftes Dunkelblau gekleidet. Sie hatte ein hartes Gesicht und trug an den Händen schwere Goldringe. Und der Sprecher, der Bursche mit dem geteilten Bart, der einen Rubin von Taubeneigröße am Ohrläppchen trug. Die drei Silberkordeln auf der zum Platzen engen Brust seiner Jacke wiesen ihn als kandorischen Handelsmeister aus. In Kandor gab es eine Gilde der Kaufleute.