Weißes Licht blendete ihn, und Donner erfüllte seinen Kopf, bis er jeden klaren Gedanken vertrieben hatte.
Er stürzte schwer auf staubigen Boden unter trüber Beleuchtung und rollte hart gegen das Faß, auf dem er in der Großen Sammlung seine Lampe abgestellt hatte. Das Faß schaukelte. Pakete und Statuen stürzten krachend herunter; Stein und Elfenbein und Porzellan zersplitterten. Er sprang auf und warf sich zurück auf den steinernen Türrahmen zu. »Seng mich, Ihr könnt mich nicht einfach herauswerfen...!« Er taumelte durch — und prallte gegen die Kisten und Fässer auf der anderen Seite. Ohne Luft zu holen, drehte er sich um und sprang noch einmal hindurch. Mit dem gleichen Ergebnis. Diesmal fing er sich und hielt sich an dem Faß mit seiner Lampe fest. Die Lampe wäre beinahe auf die sowieso schon zerbrochenen Sachen vor seinen Stiefeln gefallen. Diesmal jedoch packte er sie rechtzeitig, verbrannte sich die Finger und stellte sie auf einen sicheren Platz zurück.
Seng mich, wenn ich weiter hier unten im Dunkeln bleiben will, dachte er und saugte an seinen Fingern. Licht, so, wie sich mein Glück entwickelt, hätte sie hier alles in Brand stecken können und ich wäre mitten drin verbrannt!
Er blickte zornig den Ter'Angreal an. Warum funktionierte er nicht mehr? Vielleicht hatten diese Leute auf der anderen Seite das Tor irgendwie abgeschaltet? Er verstand ja praktisch gar nichts von alledem, was geschehen war. Diese Glocke und ihre Panik! Man hätte denken können, sie hätten Angst, daß ihnen das Dach auf den Kopf fallen könne. Wenn er es richtig bedachte, dann wäre das ja auch beinahe passiert. Und dann Rhuidean und der ganze Rest. Die Wüste war schon schlimm genug, aber sie sagten, es sei sein Schicksal, irgend jemand zu heiraten, die sich Tochter der Neun Monde nannte. Heiraten! Und dem Namen nach noch dazu eine Adlige! Und dann diese Sache mit dem Sterben und wieder leben. Nett von ihnen, daß sie das letztere noch erwähnten! Falls ihn ein schwarz verschleierter Aielmann auf dem Weg nach Rhuidean tötete, würde er ja herausfinden, ob an der Sache etwas dran war. Es war alles Unsinn, und er glaubte kein Wort davon. Nur... Die verfluchte Tür hatte ihn tatsächlich irgendwohin befördert, und sie hatten nur drei Fragen beantworten wollen, genau wie Egwene behauptet hatte.
»Ich werde keine verdammte Adlige heiraten!« verkündete er dem Ter'Angreal. »Ich werde heiraten, wenn ich zu alt bin, um mich noch mit allen zu amüsieren. So ist das! Und was das verfluchte Rhuidean betrifft...!« Ein Stiefel erschien, der sich aus der verdrehten Steintür herausschob. Dann folgte der Rest von Rand, mitsamt dem feurigen Schwert in der Hand. Die Klinge verschwand, als er ganz heraus war, und er atmete erleichtert auf. Selbst in diesem trüben Lichtschein konnte Mat sehen, daß Rand ein besorgtes Gesicht machte. Er fuhr zusammen, als er Mat bemerkte. »Schnüffelst du nur hier herum, Mat, oder bist du auch durchgegangen?« Mat beobachtete ihn einen Augenblick lang mißtrauisch. Wenigstens war dieses Schwert weg. Er schien auch gerade nicht die Macht zu benutzen — aber woran sah man sowas schon? —, und er sah auch nicht unbedingt aus wie ein Wahnsinniger. Im Gegenteil, er schien eigentlich ganz so, wie ihn Mat in Erinnerung hatte. Er mußte sich dazu zwingen, daran zu denken, daß sie eben nicht mehr zu Hause waren, und Rand nicht mehr der Junge von früher. »Ach, ich bin auch durchgegangen, klar. Ein Haufen verdammter Lügner, wenn du mich fragst! Was sind die eigentlich? Sie haben mich an Schlangen erinnert.« »Keine Lügner, glaube ich.« Bei Rand klang das, als wünsche er sich, daß sie Lügner seien. »Nein, das wohl nicht. Sie hatten von Anfang an Angst vor mir. Und als dieses Läuten begann... Das Schwert hat sie zurückgehalten. Sie trauten sich nicht einmal, es anzuschauen. Haben sich weggedreht, die Augen abgewandt. Hast du deine Antworten erhalten?« »Nichts, was irgendeinen Sinn ergibt«, knurrte Mat. »Wie steht's bei dir?« Plötzlich erschien Moiraine aus dem Ter'Angreal. Sie schien graziös aus der Luft hervorzutreten, herauszufließen. Wenn sie nicht gerade eine Aes Sedai wäre, könnte man sehr wohl mit ihr tanzen gehen. Als sie die beiden sah, straffte sich ihre Mundpartie.
»Ihr! Ihr wart beide da drinnen! Deshalb...!« Sie zischte frustriert durch die Zähne. »Einer von Euch wäre schon schlimm genug gewesen, aber zwei Ta'veren gleichzeitig —Ihr hättet beinahe die Verbindung völlig abgerissen und wärt drinnen gefangen gewesen! Ungezogene Jungen, die mit Sachen spielen, deren Gefahren sie überhaupt nicht kennen! Perrin? Ist Perrin etwa auch drin? War er bei Eurer... Heldentat dabei?« »Das letzte, was ich von Perrin gesehen habe«, sagte Mat, »war, daß er ins Bett gehen wollte.« Vielleicht würde ihn Perrin Lügen strafen, indem er als nächster aus dem Ding heraustrat, aber es war besser, wenn er jetzt den Zorn der Aes Sedai ablenkte. Perrin mußte sich dem nicht auch noch aussetzen. Vielleicht kann er ihr endlich ganz entkommen, falls er weg ist, bevor sie es bemerkt. Verfluchte Frau! Ich wette, sie ist als Adlige zur Welt gekommen.
Es gab keinen Zweifel daran, daß Moiraine wütend war. Das Blut war aus ihren Wangen gewichen, und der Blick aus ihren dunklen Augen durchbohrte Rand unnachgiebig. »Wenigstens seid Ihr mit dem Leben davongekommen. Wer hat Euch davon erzählt? Welche von ihnen? Ich werde sie wünschen lassen, ich hätte ihr die Haut bei lebendigem Leib wie einen Handschuh abgezogen.« »Ein Buch hat es mir erzählt«, sagte Rand gelassen. Er setzte sich auf eine Kiste, die unter seinem Gewicht beängstigend knarrte. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust. Alles äußerst gelassen. Mat wünschte, er könne es Rand gleichtun. »Einem Bücherpaar, um es genau zu sagen. Schätze des Steins und Die Politik Tears bezüglich des Territoriums von Mayene. Überraschend, was man so in Büchern ausgraben kann, wenn man lange genug liest, ja?« »Und Ihr?« Sie schwenkte ihren durchbohrenden Blick zu Mat herüber. »Habt Ihr es auch in einem Buch gelesen? Ausgerechnet Ihr?« »Ich lese auch manchmal«, antwortete er trocken. Er hätte wohl nichts dagegen gehabt, wenn sie Nynaeve und Egwene ein wenig die Haut abzog, nach dem, was sie mit ihm gemacht hatten, damit er ihnen gestand, wo er den Brief der Amyrlin versteckt hatte. Es war schon schlimm genug, ihn mit Hilfe der Macht zu fesseln, aber was sie danach noch angestellt hatten! Doch im Moment machte es mehr Spaß, Moiraine an der Nase herumzuführen. »Schätze. Politik. Es stehen so viele Dinge in solchen Büchern.« Glücklicherweise bestand sie nicht darauf, daß er die vollständigen Titel wiederholte. Er hatte nämlich nicht aufgepaßt, als Rand die Bücher erwähnte.
Statt dessen wandte sie sich wieder Rand zu. »Und Eure Antworten?« »Gehören mir«, antwortete Rand. Dann runzelte er die Stirn. »Aber es war nicht leicht. Sie brachten eine Frau herein, um zu... dolmetschen, aber sie sprach wie ein altes Buch. Ich konnte einige der Worte kaum verstehen. Ich habe nie daran gedacht, daß sie eine andere Sprache sprechen könnten.« »Die Alte Sprache«, sagte Moiraine. »Sie gebrauchen die Alte Sprache — einen ziemlich hart klingenden Dialekt, um präzise zu sein —, wenn sie mit Menschen sprechen. Und Ihr, Mat? Konntet Ihr euren Dolmetscher besser verstehen?« Er mußte erst wieder ein bißchen Speichel im Mund sammeln, um antworten zu können: »Die Alte Sprache? Das war es also? Sie haben mir keinen Dolmetscher gegeben. Ich kam auch nicht einmal dazu, Fragen zu stellen. Diese Glocke hat angefangen, die Wände fast zum Einstürzen zu bringen, und sie haben mich rausbefördert, als hätte ich ihnen den Teppich mit Kuhmist verschmutzt.« Sie starrte ihn immer noch an und wollte schier seinen Kopf durchbohren. Sie wußte, daß er manchmal unbewußt die Alte Sprache sprach. »Ich habe... hier und da mal ein Wort verstanden, aber den Zusammenhang nicht begriffen. Ihr und Rand habt Antworten erhalten. Was haben sie eigentlich davon? Diese Schlangen mit Beinen. Wir werden doch wohl nicht hinaufgehen und merken, daß zehn Jahre vergangen sind, so wie Bili im Märchen?« »Empfindungen«, sagte Moiraine und verzog das Gesicht. »Empfindungen, Gefühle, Erfahrungen. Sie kramen darin herum. Man kann es spüren und bekommt eine Gänsehaut. Vielleicht ernähren sie sich auf gewisse Weise von Gefühlen anderer. Die Aes Sedai, die diesen Ter'Angreal untersuchte, als er sich in Mayene befand, schrieb über den ausgeprägten Wunsch, hinterher ein Bad zu nehmen. Ich habe das jedenfalls auch vor.« »Aber ihre Antworten stimmen?« fragte Rand, als sie sich abwenden wollte. »Seid Ihr sicher? Das Buch hat diese Behauptung aufgestellt, aber können sie wirklich mit ihren Antworten die Zukunft vorhersagen?« »Die Antworten stimmen«, sagte Moiraine bedächtig, »soweit sie Eure eigene Zukunft betreffen. Soviel ist gewiß.« Sie beobachtete Rand und schätzte wohl die Wirkung ihrer Worte auf ihn ab. »Wie das möglich ist, darüber kann man nur spekulieren. Ihre Welt ist... auf gewisse Weise... gefaltet. Ich kann es nicht klarer ausdrücken. Es kann sein, daß diese Eigenschaft ihrer Welt ihnen gestattet, den Schicksalsfaden eines menschlichen Lebens zu deuten und die unterschiedlichen Arten zu erkennen, auf die er ins Muster verwoben werden kann. Vielleicht ist es auch ein besonderes Talent dieses Volkes. Jedoch sind die Antworten oft verschleiert. Falls Ihr Hilfe braucht, um herauszubekommen, was Eure Antworten bedeuten, dann stehe ich Euch zur Verfügung.« Ihr Blick huschte vom einen zum anderen und Mat hätte beinahe geflucht. Sie glaubte ihm nicht, daß er keine Antworten erhalten hatte. Oder war es nur das übliche Mißtrauen der Aes Sedai anderen gegenüber?