Das Zimmer entsprach dem Größenmaßstab der Tür. Doch Loial, der hemdsärmelig und mit einer langen Pfeife zwischen den Zähnen auf dem mit Blättern verzierten Teppich stand, ließ die Einrichtung durch seine Größe schon wieder normal erscheinen. Der Ogier war größer als ein Trolloc, wenn auch etwas schlanker, und trug hüfthohe Stiefel mit breiten Sohlen. Sein dunkelgrüner Rock, der bis zur Hüfte zugeknöpft war und dann wie ein Kilt weit ausgestellt über die Pumphosen hinwegstand, wirkte mittlerweile nicht mehr belustigend auf Perrin, aber selbst für andere hätte ein Blick genügt, um zu zeigen, daß dies kein gewöhnlicher Mann in einem gewöhnlichen Zimmer sein konnte. Die Nase des Ogiers war so breit, daß sie schon wie ein kleiner Rüssel wirkte, und die Augenbrauen hingen so lang wie ein Schnurrbart neben teetassengroßen Augen herunter. Spitze Ohren mit Haarbüscheln obenauf schoben sich durch buschiges schwarzes Haar, das ihm beinahe bis auf die Schultern reichte. Als er Perrin um den Pfeifenstiel herum angrinste, war das Grinsen so breit, daß es fast sein Gesicht spaltete.
»Guten Morgen, Perrin«, grollte er, und dann nahm er die Pfeife aus dem Mund. »Hast du gut geschlafen? Nicht leicht nach einem Abend wie dem letzten. Ich bin die halbe Nacht aufgeblieben und habe alles aufgeschrieben, was geschehen ist.« Er trug in der freien Hand eine Feder, und auf seinen wurstdicken Fingern waren Tintenflecke zu sehen.
Überall lagen Bücher — auf den Stühlen im Ogierformat, dem riesigen Bett und dem Tisch, dessen Fläche sich auf der Höhe von Perrins Brust befand. Das mit den Büchern war nicht überraschend, aber die Blumen schon. Blumen jeder Art und jeder Farbe. Vasen und Körbe voller Blumen, manche mit einem schönen Band oder sogar auch einmal mit einem Faden zusammengebunden, standen aufgereiht, so daß es wie in einem Garten wirkte. Perrin hatte so etwas noch nie in einem Zimmer gesehen. Ihr Duft erfüllte die Luft. Aber was Perrin besonders auffiel, war die dicke Beule auf Loials Kopf, groß wie eine Männerfaust, und das schwerfällige Hinken des Ogiers. Falls Loial zu stark verletzt war, um die Reise mitzumachen... Er schämte sich, so egoistisch zu denken — der Ogier war schließlich sein Freund —, aber er konnte nicht anders.
»Bist du verwundet, Loial? Moiraine kann dich doch heilen. Ich bin sicher, daß sie es tut.« »Ach, ich schaffe das schon ohne Hilfe. Und es gab so viele, die wirklich ihre Hilfe benötigten. Ich möchte sie nicht belästigen. Ich bin ja auch in meiner Arbeit keineswegs behindert.« Loial blickte dabei kurz zum Tisch hinüber, wo ein großes, ledergebundenes Buch geöffnet neben einer ebenfalls offenen Tintenflasche lag. Das Buch war auch für Loial ziemlich groß, paßte aber dennoch in eine seiner Rocktaschen. »Ich hoffe, daß ich alles korrekt festgehalten habe. Ich habe gestern abend nicht viel gesehen, bis alles vorüber war.« »Loial«, sagte Faile, die mit einem Buch in der Hand hinter einer Blumenbank aufstand, »Loial ist ein Held.« Perrin zuckte sichtlich zusammen. Die Blumen hatten ihren Parfumduft völlig überlagert. Loial gab beruhigende Laute von sich, und seine Ohren zuckten verlegen. Er winkte ihr mit seinen großen Pratzen zu, um sie zum Schweigen zu bringen, aber sie fuhr fort. Ihre Stimme klang kühl, doch ihr Blick ruhte heiß auf Perrins Gesicht.
»Er hat so viele Kinder wie möglich um sich gesammelt und auch einige ihrer Mütter, ist mit ihnen in einen großen Raum gegangen und hat ganz allein während des gesamten Kampfes die Tür gegen die Trollocs und Myrddraal verteidigt. Diese Blumen stammen von den Frauen im Stein und sollen ihm Ehre erweisen und ihre Dankbarkeit zeigen für seinen Mut, seine Standhaftigkeit und Treue.« Die Worte ›Standhaftigkeit‹ und ›Treue‹ klangen für Perrin wie Peitschenhiebe.
Perrin bemühte sich, nicht wieder dabei zusammenzuzucken, aber es gelang ihm gerade so eben. Was er getan hatte, war richtig gewesen, doch er konnte natürlich nicht erwarten, daß sie das einsah. Selbst wenn sie wüßte, warum er das getan hatte, würde sie es wohl nicht einsehen. Es war richtig. Ganz und gar richtig. Er wünschte sich nur, er hätte ein besseres Gefühl dabei. Es war einfach nicht fair, zu wissen, daß er recht hatte, und sich trotzdem im Unrecht zu fühlen.
»Es war doch gar nichts«, sagte Loial mit wild zuckenden Ohren. »Es ist doch bloß so, daß sich die Kinder nicht selbst verteidigen konnten. Das ist alles. Keine Heldentat. Nein.« »Unsinn.« Faile steckte einen Finger in ihr Buch, um ihre Seite nicht zu verlieren, und trat näher an den Ogier heran. Sie reichte ihm nicht einmal bis zur Brust. »Es gibt keine Frau im Stein, die dich nicht heiraten würde, wenn du ein Mensch wärst, und manche würden es wohl auch so tun. Loial ist der richtige Name für dich, denn die Loyalität ist deine zweite Natur. Das muß eine Frau doch lieben.« Die Ohren des Ogiers wurden vor Schreck steif, und Perrin grinste. Sie hatte offensichtlich den ganzen Morgen Loial Honig um den Mund geschmiert, in der Hoffnung, der Ogier werde bereit sein, sie auf jeden Fall mitzunehmen, aber nun war sie, ohne es zu wissen, gewaltig über das Ziel hinausgeschossen. »Hast du etwas von deiner Mutter gehört, Loial?« fragte Perrin mit Unschuldsmiene.
»Nein.« Loial brachte es fertig, gleichzeitig erleichtert und besorgt zu klingen. »Aber gestern habe ich in der Stadt Laefar getroffen. Er war genauso überrascht, mich zu sehen, wie ich, ihn. Wir sind ja in Tear alles andere als ein alltäglicher Anblick. Er kam vom Stedding Schangtai her, um über Reparaturarbeiten an einigen von Ogier erbauten Teilen von Schlössern zu verhandeln. Ich bezweifle nicht, daß seine ersten Worte zu Hause im Stedding sein werden: ›Loial ist in Tear.‹« »Das klingt nach Schwierigkeiten«, sagte Perrin, und Loial nickte betrübt.
»Laefar hat gesagt, daß mich die Ältesten zum Ausreißer erklärt haben und meine Mutter habe ihnen versprochen, mich zu verheiraten und dazu zu bringen, daß ich mich niederlasse. Sie hat mir sogar schon jemand ausgesucht. Laefar wußte nicht, wen. Zumindest behauptete er das. Er hält so etwas für lustig. Sie könnte in etwa einem Monat hier ankommen.« Failes Gesicht war ein Abbild von Verwirrung, was Perrin beinahe wieder zum Grinsen gebracht hätte. Sie behauptete immer, sie wisse soviel mehr von der Welt als er, und eigentlich war das ja auch richtig, aber sie kannte Loial nicht. Das Stedding Schangtai war Loials Heimat oben am Rückgrat der Welt, und da er kaum die neunzig Jahre überschritten hatte, hielt man ihn für zu jung, um auf eigene Faust in die Welt der Menschen hinauszureisen. Ogier hatten eine sehr lange Lebensspanne. Nach ihren Maßstäben war Loial nicht älter als Perrin; vielleicht sogar jünger. Aber Loial war trotzdem losgezogen, um die Welt zu sehen, und seine schlimmste Angstvorstellung bestand darin, seine Mutter könne ihn finden und ins Stedding zurückschleifen, um ihn dort zu verheiraten, so daß er nie mehr wegkönnte.
Während sich Faile bemühte, zu verstehen, was eigentlich vorging, sprach Perrin in das verlegene Schweigen hinein: »Ich muß zurück zu den Zwei Flüssen, Loial. Dort findet dich deine Mutter bestimmt nicht.« »Ja, das ist wahr.« Der Ogier zuckte verlegen die Achseln. »Aber mein Buch. Rands Geschichte. Und deine und die Mats. Ich habe schon so viele Notizen gesammelt, doch... « Er ging um den Tisch herum nach hinten und betrachtete das geöffnete Buch, dessen Seiten mit seiner gestochen sauberen Schrift bedeckt waren. »Ich werde derjenige sein, der die wahre Geschichte des Wiedergeborenen Drachen niederschreibt, Perrin. Das einzige Buch von jemandem, der mit ihm gezogen ist und der dabei war, als die Dinge geschahen. Der Wiedergeborene Drache von Loial, Sohn des Arent, Sohn des Halan, aus dem Stedding Schangtai.« Er runzelte die Stirn, beugte sich über das Buch und stippte seine Feder in die Tintenflasche. »Das hier stimmt nicht ganz. Es war eher... « Perrin legte eine Hand auf die Seite, auf der Loial weiterschreiben wollte. »Du wirst kein Buch schreiben, wenn dich deine Mutter findet. Jedenfalls keines über Rand. Und ich brauche dich, Loial.« »Brauchen, Perrin? Ich verstehe dich nicht.« »An den Zwei Flüssen treiben sich Weißmäntel herum. Sie suchen mich.« »Suchen dich? Aber warum?« Loial blickte beinahe genauso verwirrt drein wie vorher Faile. Die hatte sich andererseits eine Art von gelassener Genugtuung zugelegt, die Perrin Sorgen bereitete. Trotzdem fuhr er fort.