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Er drückte die Tür zu seinem Zimmer auf und blieb wie angewurzelt stehen. Moiraine richtete sich so selbstverständlich auf, als habe sie jedes Recht, die auf seinem Tisch verstreuten Papiere durchzugehen. Dann richtete sie seelenruhig ihren Rock und setzte sich auf den Hocker. Das war nun eine wirklich schöne Frau, so elegant und graziös, wie sie sich ein Mann nur wünschen konnte, und sie lachte sogar über seine Scherze und Kunststücke. Narr! Alter Narr! Sie ist eine Aes Sedai, und du bist zu müde, um noch klar zu denken.

»Guten Morgen, Moiraine Sedai«, sagte er und hängte seinen Umhang an einen Haken. Er vermied es, seinen Kasten mit den Schreibutensilien anzusehen, der noch immer unter dem Tisch stand, wie er ihn zurückgelassen hatte. Er wollte sie ja nicht wissen lassen, daß der wichtig war. Es war wahrscheinlich auch sinnlos nachzuschauen, wenn sie wieder weg war. Sie konnte das Schloß mit Hilfe der Macht geöffnet und wieder geschlossen haben, und er würde keinen Unterschied bemerken. So erschöpft wie er war, wußte er noch nicht einmal mit Sicherheit, ob er etwas Verdächtiges darin hinterlassen hatte oder irgendwo anders. Alles, was er sah, befand sich genau dort, wo es hingehörte. Er glaubte auch nicht, daß er so dumm gewesen war, irgend etwas liegenzulassen. Die Türen in den Quartieren der Diener hatten keine Schlösser oder Riegel. »Ich würde Euch gern ein erfrischendes Getränk anbieten, aber ich fürchte, ich habe nichts als Wasser.« »Ich habe keinen Durst«, sagte sie mit ihrer angenehmen, melodiösen Stimme. Sie beugte sich vor, und da das Zimmer klein war, reichte es, daß sie ihm eine Hand auf das rechte Knie legen konnte. Ein eiskalter Schauer durchlief seinen Körper. »Ich wünschte, es wäre eine gute Heilerin in der Nähe gewesen, als das passierte. Jetzt ist es leider viel zu spät.« »Ein Dutzend Heilerinnen hätten nicht ausgereicht«, gab er ihr zur Antwort. »Die Verletzung stammt von einem Halbmenschen.« »Ich weiß.« Was weiß sie sonst noch? fragte er sich. Er wandte sich um und wollte den einzigen Stuhl hinter dem Tisch hervorziehen. Dabei verbiß er sich gerade noch einen Fluch. Er fühlte sich nämlich, als hätte er eine wundervoll durchschlafene Nacht hinter sich, und der Schmerz war aus seinem Knie gewichen. Er humpelte wohl noch, doch das Gelenk war beweglicher als je zuvor seit dieser Verletzung. Die Frau hat mich nicht einmal gefragt, ob ich das überhaupt will! Seng mich, was will sie von mir? Er weigerte sich, das Bein zu bewegen. Wenn sie sich nicht danach erkundigte, würde er ihr Geschenk ignorieren.

»Ein interessanter Tag gestern«, bemerkte sie, als er sich setzte.

»Ich würde Trollocs und Halbmenschen nicht gerade als interessant bezeichnen«, gab er trocken zurück.

»Die habe ich auch gar nicht damit gemeint. Früher. Hochlord Carleon starb bei einem Jagdunfall. Sein guter Freund Tedosian verwechselte ihn offensichtlich mit einem Keiler. Oder vielleicht auch einem Hirsch.« »Das hatte ich nicht gehört.« Er bemühte sich um einen ruhigen Tonfall. Selbst wenn sie die Nachricht gefunden hätte, würde sie es trotzdem kaum seiner Urheberschaft zurechnen können. Carleon selbst hätte das für seine eigene Handschrift gehalten. Er glaubte nicht, daß sie die seine darin erkannt habe, doch sie war natürlich eine Aes Sedai... Als müsse er erst daran erinnert werden! Dieses glatte, hübsche Gesicht vor ihm, diese ernsten, dunklen Augen, die ihm all seine Geheimnisse zu entlocken schienen. »Die Quartiere der Dienstboten sind voll von Gerüchten, aber ich höre nur selten darauf.« »Tatsächlich?« murmelte sie in mildem Tonfall. »Dann habt Ihr sicher auch nicht davon gehört, daß Tedosian kaum eine Stunde nach seiner Rückkehr in den Stein erkrankte, gleich nachdem ihm seine Frau einen Pokal mit Wein reichte, um den Staub der Jagd herunterzuspülen. Man sagt, er habe geweint, als er erfuhr, daß sie ihn persönlich pflegen und mit eigenen Händen füttern werde. Zweifellos waren es Freudentränen ob ihrer großen Liebe. Ich hörte, sie habe geschworen, nicht von seiner Seite zu weichen, bis er wieder aufstehen kann. Oder bis er stirbt.« Sie wußte Bescheid. Woher, das konnte er nicht sagen, aber sie wußte Bescheid. Doch warum ließ sie ihn das wissen? »Eine Tragödie«, sagte er im gleichen nichtssagenden Ton wie sie zuvor. »Rand wird alle loyalen Hochlords brauchen, die er nur auftreiben kann, schätze ich.« »Carleon und Tedosian kann man kaum loyal nennen. Selbst untereinander nicht, wie es scheint. Sie führten eine Partei an, die Rand töten und dann vergessen möchte, daß er je gelebt hat.« »Wirklich? Ich achte nicht sehr auf solche Dinge. Die Taten der Mächtigen gehen einen einfachen Gaukler nichts an.« Ihr Lächeln war von einem herzhaften Lachen nicht weit entfernt, aber sie erzählte nun, als lese sie den Text irgendwo ab: »Thomdril Merrilin. Einst genannt der Graue Fuchs, jedenfalls von einigen, die ihn kannten oder von ihm wußten. Hofbarde im königlichen Palast von Andor in Caemlyn. Eine Weile lang Morgases Liebhaber, nachdem Taringail gestorben war. Ein glücklicher Zufall für Morgase, daß Taringail starb. Ich glaube, sie hat niemals herausbekommen, daß er sie hatte töten und sich dann zum ersten König von Andor ausrufen wollen. Aber wir sprachen ja von Thom Merrilin, einem Mann, von dem man sich erzählte, er könne das Spiel der Häuser im Schlaf spielen. Es ist eine Schande, daß dieser Mann sich nun als einfachen Gaukler bezeichnet. Und doch: welcher Hochmut, den eigenen Namen beizubehalten.« Thom konnte nur mit Mühe seinen Schreck nach außen hin verbergen. Wieviel wußte sie? Zuviel, selbst wenn es sonst nichts mehr war. Aber sie war nicht die einzige, die über etwas Bescheid wußte. »Wenn wir schon von Namen sprechen«, sagte er äußerlich gelassen, »dann ist es bemerkenswert, wieviel man daraus ablesen kann: Moiraine Damodred. Lady Moiraine aus dem Hause Damodred in Cairhien. Taringails jüngste Halbschwester. König Lamans Nichte. Und eine Aes Sedai, das wollen wir nicht übersehen. Eine Aes Sedai, die dem Wiedergeborenen Drachen bereits behilflich war, bevor sie auch nur wissen konnte, daß er mehr war als ein weiterer armer Narr, der die Macht benützen kann. Eine Aes Sedai mit besten Verbindungen in höchste Kreise der Weißen Burg, würde ich sagen, denn sonst würde sie ein solches Risiko nicht eingehen. Jemand aus dem Burgrat? Mehr als nur eine, nehme ich an. Wenn das an die Öffentlichkeit käme, würde es das Machtgefüge der Welt erschüttern. Aber warum sollte es Schwierigkeiten geben? Vielleicht ist es das beste, einen alten Gaukler einfach in seinem Unterschlupf in den Quartieren der Dienstboten in Ruhe zu lassen. Nur ein alter Gaukler, der seine Harfe spielt und Geschichten erzählt. Geschichten, die niemandem schaden.« Falls er es geschafft hatte, ihre Beherrschung ein wenig ins Wanken zu bringen, ließ sie sich davon nichts anmerken. »Reine Spekulation ohne Tatsachen dahinter ist immer gefährlich«, konterte sie ruhig. »Ich verwende absichtlich meinen Familiennamen nicht. Das Haus Damodred hatte schon verdientermaßen einen schlechten Ruf, bevor Laman auch noch Avendoraldera fällen mußte und deshalb Thron und Leben verlor. Seit dem Aielkrieg ist der Ruf dann — ebenfalls verdientermaßen — noch schlechter geworden.« Konnte denn nichts diese Frau erschüttern? »Was wünscht Ihr von mir?« fragte er gereizt.