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Sie zuckte mit keiner Wimper. »Elayne und Nynaeve schiffen sich heute nach Tanchico ein. Eine gefährliche Stadt, Tanchico. Euer Wissen und Euer Geschick könnten helfen, ihre Leben zu erhalten.« Also das war es. Sie wollte ihn von Rand trennen, damit der Junge hilflos ihren Manipulationen ausgesetzt war. »Wie Ihr sagtet, ist Tanchico eine gefährliche Stadt, doch das war sie immer. Ich wünsche den jungen Frauen Glück, aber ich habe nicht die geringste Lust, meinen Kopf in ein Schlangennest zu stecken. Ich bin zu alt für so etwas. Ich habe daran gedacht, einen Bauernhof zu erwerben. Ein ruhiges Leben. Und sicher.« »Ich glaube, ein ruhiges Leben würde Euch umbringen.« Es klang ausgesprochen belustigt, wie sie das sagte. Sie zupfte mit kleinen, schmalen Händen die Falten ihres Kleids zurecht. Er hatte den Eindruck, daß sie ein Lächeln unterdrückte. »Tanchico wäre besser für Euch, und Ihr würdet dort nicht sterben, das garantiere ich, und Ihr wißt, daß ich die Wahrheit sage. Beim Ersten Eid.« Er runzelte die Stirn, obwohl er sich alle Mühe gab, keine Miene zu verziehen. Sie hatte es gesagt, und sie konnte nicht lügen, aber woher wollte sie das wissen? Er war sicher, sie konnte die Zukunft nicht vorhersagen. Er hatte auch schon gehört, daß sie dieses Talent zu besitzen abstritt. Aber sie hatte es gesagt. Verseng doch diese Frau! »Warum sollte ich nach Tanchico reisen?« Sie würde bei ihm auf den Titel verzichten müssen.

»Um Elayne zu beschützen, Morgases Tochter?« »Ich habe Morgase fünfzehn Jahre nicht mehr gesehen. Elayne war noch ein Kind, als ich Caemlyn verließ.« Sie zögerte, aber als sie schließlich weitersprach, klang ihre Stimme unnachgiebig und hart. »Und Euer Grund, Andor zu verlassen? Ich glaube, das war wegen eines Neffen namens Owyn. Einer dieser armen Narren, wie Ihr es ausgedrückt habt, der die Macht benützen kann. Die Roten Schwestern waren angewiesen, ihn nach Tar Valon zu bringen, wie jeden dieser Männer, aber statt dessen unterzogen sie ihn auf der Stelle einer Dämpfung und überließen ihn der... der Gnade seiner Nachbarn.« Thom warf beim Aufstehen seinen Stuhl um und mußte sich dann am Tisch festhalten, weil seine Knie zitterten. Owyn hatte nach der Dämpfung nicht mehr lange gelebt und war von angeblichen Freunden aus seinem Haus getrieben worden, weil sie es nicht ertragen konnten, neben einem Mann zu leben, der die Macht benutzt hatte. Nichts von alledem, was Thom anstellte, konnte Owyn den Lebensmut zurückgeben oder seine junge Frau daran hindern, ihm innerhalb des gleichen Monats ins Grab zu folgen.

»Warum...?« Er räusperte sich überlaut und versuchte, seine Stimme weniger heiser klingen zu lassen. »Warum erzählt Ihr mir das?« Auf Moiraines Gesicht zeigte sich Sympathie. Und konnte das auch Bedauern sein? Sicher nicht. Nicht bei einer Aes Sedai. Auch die Sympathie mußte bloße Verstellung sein. »Das hätte ich nicht, wenn Ihr willens gewesen wärt, einfach Elayne und Nynaeve zu helfen.« »Warum, seng Euch! Warum?« »Wenn Ihr Elayne und Nynaeve begleitet, werde ich Euch beim nächsten Zusammentreffen die Namen dieser Roten Schwestern nennen und auch derjenigen, die den Befehl dazu gab. Sie taten das nicht aus eigenem Antrieb. Und ich werde Euch wiedersehen. Ihr werdet Tarabon überleben.« Er atmete nervös durch. »Was werden mir ihre Namen nützen?« fragte er mit ausdrucksloser Stimme. »Aes-Sedai-Namen, hinter denen die Macht der Weißen Burg steht.« »Ein geschickter und gefährlicher Spieler, der das Spiel der Häuser perfekt beherrscht, könnte sie nützlich finden«, antwortete sie ruhig. »Sie hätten nicht tun sollen, was sie taten. Sie hätten auch deshalb nicht von jeder Strafe ausgenommen werden dürfen.« »Geht Ihr jetzt bitte?« »Ich werde Euch beweisen, daß nicht alle Aes Sedai so sind wie diese Roten, Thom. Das müßt Ihr mir glauben.« »Bitte!« Er stand da auf den Tisch gestützt, bis sie weg war. Er wollte sie nicht sehen lassen, wie er steif auf die Knie niedersank und ihm die Tränen über das verwitterte Gesicht liefen. O Licht, Owyn! Er hatte das alles so gut verdrängt, wie es ihm nur möglich gewesen war. Ich kam nicht mehr rechtzeitig hin. Zu sehr mit diesem verfluchten Spiel der Häuser beschäftigt. Er wischte sich nachdenklich die Tränen vom Gesicht. Moiraine war eine hervorragende Spielerin. Sie hatte ihn völlig umgedreht, jeden Faden gezogen, den er für absolut sicher verborgen gehalten hatte. Owyn. Elayne. Morgases Tochter. Für Morgase empfand er nur noch Freundschaft, oder vielleicht doch ein bißchen mehr, aber es war schwer, ein Kind zu mißachten, das man auf den Knien geschaukelt hatte. Dieses Mädchen in Tanchico? Die Stadt würde sie beim lebendigen Leib auffressen, und das selbst ohne diesen Krieg. Jetzt muß das eine Löwengrube sein. Und Moiraine wird mir die Namen sagen. Alles, was er tun mußte, war, Rand den Händen einer Aes Sedai zu überlassen. So, wie er Owyn im Stich gelassen hatte. Sie hatte ihn gefangen wie eine Schlange unter dem Gabelstock. Er konnte sich winden, wie er wollte, kam aber nicht frei. Seng doch diese Frau!

Min schob den Henkel des Stickkörbchens über ihren Arm, raffte mit der anderen Hand den Rock hoch und schritt nach dem Frühstück mit geschmeidigen Schritten und erhobenen Hauptes aus dem Speisesaal. Sie hätte ein volles Weinglas auf dem Kopf balancieren können, ohne einen Tropfen zu verschütten. Zum Teil war das darauf zurückzuführen, daß sie in diesem Kleid gar nicht normal gehen konnte. Das Kleid bestand ganz aus blaßblauer Seide, mit einem eng anliegenden Oberteil und einem weiten Rock, dessen bestickter Saum auf dem Boden schleifte, wenn sie ihn nicht anhob. Zum anderen schritt sie so einher, weil sie sicher war, Laras' Blick auf ihrem Rücken zu spüren.

Ein Blick zurück bewies ihr, daß sie recht hatte. Die Herrin der Küchen, ein wandelndes Weinfaß, strahlte sie wohlwollend von der Tür des Speisesaals her an. Wer hätte schon geglaubt, daß diese Frau in ihrer Jugend eine Schönheit gewesen war oder in ihrem Herzen Platz finden würde für hübsche, immer zum Flirten geneigte Mädchen? ›Lebhaft‹ nannte sie so etwas. Wer hätte vermutet, daß sie ›Elmindreda‹ unter ihre kräftigen Fittiche nehmen würde? Das war keine sehr bequeme Lage. Laras hatte ein schützendes Auge auf Min geworfen, und dieses Auge schien sie überall auf dem Gelände der Burg aufspüren zu können. Min lächelte zurück und tastete über ihr Haar, das jetzt zu einem schwarzen Lockenkopf gediehen war. Seng die Frau! Hat sie denn nichts zu kochen oder irgendeine Magd, die sie anschreien kann?

Laras winkte ihr zu, und sie winkte zurück. Sie konnte sich nicht leisten, jemanden zu kränken, die sie so genau beobachtete, nicht, solange sie keine Ahnung hatte, wie viele Fehler sie vielleicht machte. Laras kannte jeden Trick solch ›lebhafter‹ Frauen und wollte Min alle die beibringen, die sie vielleicht noch nicht kannte. Ein wirklicher Fehler, überlegte Min, als sie sich auf eine Marmorbank unter einem hohen Fenster setzte, war die Stickerei gewesen. Nicht von Laras Standpunkt aus gesehen, wohl aber von ihrem eigenen. Sie zog den Stickrahmen aus dem Korb und betrachtete reumütig ihre Arbeit von gestern: einige schiefe, gelbe Ochsenaugen und etwas, das eigentlich eine hellgelbe Rosenknospe hatte werden sollen. Das erkannte aber niemand, wenn sie es nicht dazusagte. Seufzend machte sie sich daran, das Ganze wieder aufzutrennen. Leane hatte wohl doch recht gehabt.

Eine Frau konnte stundenlang mit ihrem Stickrahmen dasitzen und jeden und alles beobachten, ohne daß es auffiel. Es wäre allerdings schon hilfreich gewesen, hätte sie wenigstens etwas Geschick dabei an den Tag gelegt.

Immerhin war es ein wunderbarer Morgen, gerade recht, um sich draußen im Freien aufzuhalten. Eine goldene Sonne hatte sich eben über den Horizont erhoben und am Himmel schienen selbst die wenigen Schäfchenwolken perfekt arrangiert. Eine zarte Brise brachte den Duft nach Rosen mit sich und zauste leicht an den hohen Calma-Büschen mit ihren großen roten und weißen Blüten. Bald würden immer mehr Menschen über die Kieswege zwischen den Bäumen schlendern oder in Erfüllung ihrer Aufträge eilen, von Aes Sedai bis zu Stallburschen. Ein vollkommener Morgen und ein hervorragender Platz, um unbemerkt zu beobachten. Vielleicht würde sie heute auch etwas Brauchbares aus der Zukunft sehen.