»Elmindreda?« Min fuhr hoch und mußte sich dann einen gestochenen Finger in den Mund stecken. Sie drehte sich auf der Bank um und wollte Gawyn ausschimpfen, weil er sich so an sie angeschlichen hatte, doch die Worte erstarben ihr im Mund. Galad befand sich bei ihm. Er war größer als Gawyn, hatte lange Beine und bewegte sich mit der Grazie eines Tänzers, dabei aber auf eine sehnige Art kraftvoll. Auch seine Hände waren lang, elegant und doch stark. Und sein Gesicht... Er war ganz einfach der schönste Mann, den sie je gesehen hatte.
»Hör auf, an deinem Finger zu lutschen«, sagte Gawyn grinsend. »Wir wissen, daß du ein hübsches, kleines Mädchen bist. Du mußt es uns nicht beweisen.« Sie errötete und nahm schnell den Finger aus dem Mund. Sie konnte gerade noch einen wütenden Blick unterdrücken, der ganz und gar nicht dem Charakter Elmindredas entsprochen hätte. Er hatte keine Drohungen oder Befehle der Amyrlin benötigt, um ihr Geheimnis zu wahren. Sie hatte ihn nur einfach darum bitten müssen. Doch er benützte jede mögliche Gelegenheit, um sie damit aufzuziehen. »Es ist nicht schön, sich über jemanden lustig zu machen, Gawyn«, sagte Galad. »Er wollte Euch nicht kränken, Frau Elmindreda. Verzeiht, aber kann es sein, daß wir uns schon einmal kennengelernt haben? Als Ihr Gawyn eben so finster angeblickt habt, hatte ich das Gefühl, Euch zu kennen.« Min senkte scheu den Blick. »Oh, ich könnte es niemals vergessen, wenn ich Euch kennengelernt hätte, Lord Galad«, sagte sie in ihrem besten Dummchen-Tonfall. Das und dazu der Ärger über ihre Unaufmerksamkeit ließen eine Hitzewelle bis an ihre Haarspitzen aufsteigen, was ihr Täuschungsmanöver nur unterstrich.
Sie sah ja völlig verändert aus, wobei Kleid und Frisur nur einen Teil der Veränderungen darstellten. Leane hatte in der Stadt Cremes und Puder und eine unglaubliche Anzahl von geheimnisvoll duftenden Sachen aufgetrieben und sie in deren Gebrauch unterwiesen, bis sie alles im Schlaf beherrschte. Nun hatte sie betonte Wangenknochen und mehr Farbe auf den Lippen, als die Natur ihr mitgegeben hatte. Eine dunkle Creme, mit der sie ihre Augenlider umrahmt hatte, und ein feiner Puder zur Hervorhebung ihrer Wimpern ließen die Augen größer erscheinen. Das war ganz und gar nicht sie selbst. Ein paar Novizinnen hatten ihr bewundernd gesagt, wie schön sie sei, und sogar einige Aes Sedai hatten sie als ›sehr hübsches Kind‹ bezeichnet. Das war ihr entschieden zuwider. Sie gab ja zu, daß es ein hübsches Kleid war, aber den Rest konnte sie nicht ausstehen. Doch natürlich hatte eine Verkleidung keinen Zweck, die man nicht aufrechterhielt.
»Ich bin sicher, daß du dich daran erinnern würdest«, sagte Gawyn trocken. »Ich wollte dich nicht bei deiner Stickerei stören — Schwalben, nicht wahr? Gelbe Schwalben?« Min steckte den Rahmen in den Korb zurück. »Aber ich wollte dich eigentlich bitten, mir dazu etwas zu sagen.« Er drückte ihr ein kleines, ledergebundenes, altes und zerfleddertes Buch in die Hand, und mit einemmal klang seine Stimme ernst. »Sag meinem Bruder, daß es Unsinn ist. Vielleicht hört er auf dich.« Sie betrachtete das Buch. Der Weg des Lichts von Lothair Mantelar. Sie öffnete es und las aufs Geratewohl. »Schwört deshalb allem Vergnügen ab, denn Güte ist ein reines Abstraktum, ein vollkommenes, kristallreines Ideal, das von jedem niederen Gefühl getrübt wird. Pflegt nicht das Fleisch. Das Fleisch ist schwach, doch der Geist ist stark. Das Fleisch ist nutzlos, während der Geist stark ist. Der richtige Gedanke ertrinkt in Gefühlen, und die richtige Handlungsweise wird von Leidenschaften behindert. Findet Freude am Richtigen und nur am Richtigen.« Das schien wirklich ein trockener Unsinn zu sein.
Min lächelte Gawyn an und brachte sogar ein Kichern fertig. »So viele Worte. Ich fürchte, ich verstehe nichts von Büchern, Lord Gawyn. Ich wollte aber immer schon eins lesen — wirklich.« Sie seufzte. »Aber ich habe so wenig Zeit. Nur allein schon meine Frisur aufzufrischen dauert Stunden. Findet Ihr sie hübsch?« Die völlige Verblüffung in seinem Gesichtsausdruck hätte sie beinahe zum Lachen gebracht, aber sie ließ es gerade noch zu einem Kichern abgleiten. Es war ein Vergnügen, bei ihm einmal den Spieß umzudrehen. Das mußte sie öfter versuchen. Es lagen doch wohl Möglichkeiten in dieser Verkleidung, an die sie noch gar nicht gedacht hatte. Ihr Verbleiben in der Burg war zu einer Zeit der Langeweile und wachsenden Nervosität geworden. Sie hatte sich ein wenig Vergnügen verdient.
»Lothair Mantelar«, sagte Gawyn stockend, »war der Begründer der Kinder des Lichts. Der Weißmäntel!« »Er war ein großer Mann«, sagte Galad entschieden. »Ein Philosoph der noblen Ideale. Wenn die Kinder des Lichts im Laufe der Zeit ein wenig... über das Ziel hinausgeschossen sind, so ändert das nichts daran.« »O je, Weißmäntel«, gab Min atemlos von sich und schauderte auch noch leicht dabei. »Das sind Männer mit so rauhen Sitten, wie ich höre. Ich kann mir keinen Weißmantel beim Tanzen vorstellen. Glaubt Ihr, daß es hier irgendeine Möglichkeit gibt, einmal tanzen zu gehen? Aes Sedai halten wohl auch nichts davon, und ich liebe das Tanzen doch so.« Die Frustration in Gawyns Blick war einfach köstlich.
»Ich glaube nicht«, sagte Galad und nahm ihr das Buch wieder ab. »Aes Sedai sind mit... ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Wenn ich von einer passenden Tanzveranstaltung in der Stadt höre, werde ich Euch hinbegleiten, falls Ihr das wünscht. Ihr müßt keine Angst haben, von diesen beiden ungehobelten Kerlen belästigt zu werden.« Er lächelte sie an, allerdings völlig unbewußt, und ihr blieb plötzlich wirklich die Luft weg.
Man sollte Männern kein solches Lächeln gestatten.
Sie brauchte einen ganzen Augenblick, bis ihr klar wurde, welche ungehobelten Kerle er meinte: die beiden Männer, die angeblich um Elmindredas Hand angehalten hatten und sich beinahe duelliert hätten, weil sie sich nicht entscheiden konnte und immer wieder beiden Mut machte. Sie hatten sie — angeblich — so bedrängt, daß sie in der Burg Zuflucht gesucht hatte. Das war ja die ganze Ausrede, mit der sie ihre Anwesenheit hier erklärte. Es ist dieses Kleid, sagte sie sich. Ich könnte klarer denken, wenn ich meine normale Kleidung anhätte.
»Mir ist aufgefallen, daß die Amyrlin jeden Tag mit dir spricht«, sagte Gawyn plötzlich. »Hat sie unsere Schwester Elayne erwähnt? Oder Egwene al'Vere? Hat sie irgend etwas davon erwähnt, wo sie sich aufhalten?« Min wünschte sich, sie könnte ihm ein blaues Auge verpassen. Er wußte natürlich nicht, warum sie vorgab, jemand anderes zu sein, aber er hatte versprochen, ihr bei ihrer Tarnung als Elmindreda behilflich zu sein, und nun sprach er von ihr und gerade jenen Frauen, von deren Freundschaft zu Min schon zu viele in der Burg wußten. »Oh, die Amyrlin ist eine so wundervolle Frau«, sagte sie süßlich. Sie fletschte die Zähne zu einem gequälten Lächeln. »Sie fragt mich immer, wie ich meine Zeit verbringe und macht mir Komplimente über meine Kleidung. Ich denke, sie hofft, ich werde mich nun bald entweder für Darvan oder Goemal entscheiden, aber ich kann einfach nicht.« Sie riß die Augen ein wenig auf und hoffte, so einen hilflosen und verwirrten Eindruck zu machen. »Sie sind beide so süß. Von wem habt Ihr gesprochen? Von Eurer Schwester, Lord Gawyn? Der Tochter-Erbin? Ich glaube nicht, daß die Amyrlin sie jemals erwähnt hat. Wie war doch gleich der andere Name?« Sie hörte, wie Gawyn mit den Zähnen knirschte.
»Wir sollten Frau Elmindreda nicht mit so etwas belästigen«, sagte Galad. »Das ist unser Problem, Gawyn. Es ist an uns, die Lüge zu durchschauen und damit fertigzuwerden.« Sie hörte kaum hin, denn plötzlich starrte sie einen hochgewachsenen Mann mit dunklen, in Locken bis auf seinen herabhängenden Schultern fallenden Haaren an, der unter dem wachsamen Blick einer Aufgenommenen ziellos den Kiesweg unter den Bäumen entlangschlenderte. Sie hatte Logain schon öfters gesehen, einen früher einmal starken Mann mit traurigem Gesicht, der sich immer in Begleitung einer Aufgenommenen befand. Die Frau sollte ihn sowohl davon abhalten, Selbstmord zu begehen, wie auch sein Entkommen verhindern. Doch trotz seiner Körpermaße schien er nichts dergleichen vorzuhaben. Aber sie hatte noch nie einen solchen strahlenden Schein um seinen Kopf herum wahrgenommen — leuchtendes Gold und Blau. Er war nur einen Augenblick lang zu sehen, doch das genügte.