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Sie sah nur ein paar Aes Sedai, die entweder weit vor ihr um irgendeine Ecke kamen oder ein entferntes Zimmer betraten. Das war erfreulich. Niemand kam einfach vorbei, um der Amyrlin einen Besuch abzustatten. Die Handvoll Dienerinnen, die an ihr vorbeieilten und ihrer Arbeit nachgingen, stellten ihr selbstverständlich keine Fragen, warfen ihr nicht einmal einen Blick nach, wenn sie ganz kurz vor ihr geknickst hatten, ohne im Schritt richtig innezuhalten.

Sie öffnete die Tür zum Arbeitsbereich der Amyrlin und hatte sich schon eine Geschichte zurechtgelegt, falls sich jemand Fremdes bei Leane aufhielt. Doch das Vorzimmer war leer. So eilte sie zur Innentür und steckte den Kopf hinein. Die Amyrlin und die Behüterin saßen sich an Siuans Tisch gegenüber, der mit schmalen, dünnen Papierstreifen übersät war. Ihre Köpfe drehten sich abrupt ihr zu und die Blicke trafen sie wie vier Nägel, die man in sie hämmerte.

»Was tust du hier?« fauchte die Amyrlin. »Du sollst das dumme Mädchen spielen, das hier Zuflucht sucht, und nicht meine Jugendfreundin. Es darf keinen Kontakt zwischen uns geben, außer ganz flüchtigen Zusammentreffen. Wenn nötig, werde ich Laras Anweisung erteilen, daß sie dich wie eine Kinderschwester überwacht. Das würde ihr Spaß machen, glaube ich, aber dir vermutlich nicht.« Min schauderte bei dem Gedanken daran. Plötzlich erschien ihr Logain nicht mehr so dringend. Es war kaum denkbar, daß er in den nächsten Tagen bereits zu neuem Ruhm und Ehre gelangen sollte. Er war eigentlich nicht der Grund, aus dem sie gekommen war. Nur eine Ausrede, doch jetzt würde sie keinen Rückzieher mehr machen. So schloß sie die Tür hinter sich und stammelte etwas von dem heraus, was sie gesehen hatte und was es bedeuten mochte. Sie fühlte sich noch immer nicht wohl, wenn Leane anwesend war.

Siuan schüttelte müde den Kopf. »Noch etwas, um sich Gedanken darüber zu machen. Hungersnot in Cairhien. Eine Schwester in Tarabon vermißt. Die Trolloc-Überfälle in den Grenzlanden nehmen wieder zu. Dieser Narr, der sich Prophet nennt, sorgt für blutige Unruhen in Ghealdan. Er predigt ganz offensichtlich, daß der Drache als schienarischer Lord wiedergeboren wurde«, sagte sie skeptisch. »Selbst die kleinen Dinge stellen sich als schlimm heraus. Der Krieg in Arad Doman hat den Handel aus Saldaea zum Erliegen gebracht, und die Folge sind Unruhen in Maradon. Es kann sogar geschehen, daß deshalb Tenobia den Thron aufgeben muß. Die einzige positive Botschaft, die ich erhalten habe, ist die, daß sich aus irgendeinem Grund die Grenze der Fäule zurückverlagert hat. Zwei Meilen oder mehr an grünen Pflanzen jenseits der Grenzpfosten, ohne ein Anzeichen von Verfall oder Pestilenz, und zwar von Saldaea bis hinauf nach Schienar. Das ist das erste Mal seit Menschengedenken! Aber ich fürchte, auf die guten Nachrichten folgen immer die schlechten. Wenn ein Boot einmal ein Leck hat, hat es auch noch mehr. Ich wünschte nur, das würde sich wenigstens im Gleichgewicht halten. Leane, gib Logain eine stärkere Bewachung mit. Ich kann mir nicht vorstellen, welche Schwierigkeiten er uns jetzt bereiten könnte, aber ich lege gar keinen Wert darauf, es herauszufinden.« Sie wandte diesen durchbohrenden Blick aus blauen Augen wieder Min zu. »Warum bist du hier heraufgeflattert wie eine aufgescheuchte Möwe? Das mit Logain hätte noch Zeit gehabt. Der Mann wird wohl kaum vor Sonnenuntergang zu Ruhm und Ehre kommen.« Dieses Echo ihrer eigenen Gedanken ließ Min unangenehm berührt von einem Fuß auf den anderen treten. »Ich weiß«, sagte sie. Leanes Augenbrauen zogen sich drohend hoch und sie fügte ein schnelles ›Mutter‹ hinzu. Die Behüterin nickte zustimmend.

»Das war aber noch keine Begründung, Kind«, meinte Siuan.

Min riß sich zusammen. »Mutter, nichts von dem, was ich seit dem ersten Tag gesehen habe, ist sehr wichtig gewesen. Ich habe bestimmt nichts vorhergesehen, was auf die Schwarzen Ajah hinwies.« Bei der Bezeichnung lief es ihr immer noch eiskalt den Rücken herunter. »Ich habe Euch alles darüber gesagt, welches Unglück Euch Aes Sedai treffen wird, und der ganze Rest ist nutzlos.« Sie mußte erst einmal innehalten und schlucken. Dieser durchdringende Blick machte sie nervös. »Mutter, es gibt keinen Grund, warum ich nicht fort könnte. Und es gibt Gründe dafür, warum ich gehen sollte. Für Rand ist es mehr als nützlich, was ich voraussehen kann. Falls er wirklich den Stein eingenommen hat... Mutter, er wird mich brauchen!« Zumindest brauche ich ihn! Was für eine dumme Gans ich doch bin!

Die Behüterin schauderte ganz offen bei der Erwähnung von Rands Namen. Siuan andererseits schnaubte laut. »Deine Voraussagen haben sich als sehr nützlich erwiesen. Es ist wichtig, über Logain Bescheid zu wissen. Du hast einen Dieb erwischt, bevor irgend jemand anders in Verdacht kommen konnte. Und diese feuerhaarige Novizin, die sich beinahe hätte schwängern lassen...! Sheriam hat das unterbunden. Das Mädchen wird nicht einmal mehr an Männer denken, bis sie ihre Ausbildung beendet hat. Aber wir hätten nicht Bescheid gewußt, bevor es passiert wäre, wenn du nicht gewesen wärst. Nein, du darfst nicht gehen. Früher oder später werden mir deine Visionen einen Weg zu den Schwarzen Ajah weisen, und bis dahin bist du immer noch dein Geld wert.« Min seufzte, und das nicht nur, weil die Amyrlin sie dabehalten wollte. Als sie die rothaarige Novizin das letzte Mal gesehen hatte, hatte das Mädchen sich gerade mit einem kräftigen Wachsoldaten in ein kleines Waldstück zurückgezogen. Sie würden heiraten, wahrscheinlich sogar noch vor Ende des Sommers. Das hatte Min gesehen, sobald sie die beiden zusammen erblickte. Die Burg ließ wohl niemals eine Novizin vor Ende ihrer Ausbildung gehen, selbst wenn kaum noch Fortschritte zu erwarten waren, aber in der Zukunft des Paares lagen ein Bauernhof und eine Schar Kinder. Es war allerdings sinnlos, der Amyrlin auch das mitzuteilen.

»Könntet Ihr nicht wenigstens Gawyn und Galad wissen lassen, daß Egwene und ihre Schwester in Sicherheit sind, Mutter?« Ihre eigene Frage irritierte sie, genauso wie ihr Tonfall dabei. Es war, als bettle ein Kind um einen Keks, nachdem ihm ein Stück Kuchen verweigert worden war. »Sagt Ihnen doch wenigstens etwas anderes als diese lächerliche Geschichte, daß sie Strafdienst auf einem Bauernhof leisten müssen.« »Ich habe dir doch gesagt, daß dich das nichts angeht. Ich will das nicht noch einmal wiederholen.« »Sie glauben das doch genausowenig wie ich«, brachte Min heraus, bevor das trockene Lächeln der Amyrlin ihr die weiteren Worte im Hals ersterben ließ. Das Lächeln wirkte überhaupt nicht amüsiert.

»Du schlägst also vor, ich soll etwas anderes sagen, wo sie sich aufhalten? Nachdem ich jedem erzählt habe, sie befänden sich auf einem Bauernhof? Glaubst du nicht, das würde einigen zu denken geben? Jeder außer diesen Jungen akzeptiert die Geschichte. Und außer dir. Nun, Coulin Gaidin wird einfach härter mit ihnen arbeiten müssen. Ein Muskelkater und genug Schweiß wird die meisten Männer von allen anderen Problemen ablenken. Auch bei Frauen wirkt das. Stell mir noch viele Fragen, und ich werde sehen, ob ein paar Tage Töpfe schrubben dir nicht guttun. Besser ein paar Tage auf deine Dienste verzichten, als daß du deine Nase ständig in Dinge steckst, die dich nichts angehen.« »Ihr wißt noch nicht einmal, ob sie in Schwierigkeiten stecken oder nicht. Oder Moiraine.« Sie meinte aber in Wirklichkeit nicht Moiraine damit.

»Mädchen«, sagte Leane warnend, aber Min ließ sich jetzt nicht aufhalten.

»Warum haben wir nichts von ihnen gehört? Die Gerüchte sind schon vor zwei Tagen bis hierher gedrungen. Zwei Tage! Warum enthält keiner dieser Fetzen auf Eurem Tisch eine Nachricht von ihr? Hat sie keine Tauben? Ich glaubte, Ihr Aes Sedai hättet überall Eure Leute mit Brieftauben sitzen. Wenn das in Tear nicht der Fall ist, sollte man schleunigst jemanden hinschicken. Selbst ein Reiter hätte mittlerweile Tar Valon von dort aus erreicht. Warum... « Das Klatschen von Siuans Handfläche auf den Tisch ließ sie abbrechen. »Du gehorchst erstaunlich gut«, sagte sie trocken. »Kind, bis wir das Gegenteil hören, müssen wir annehmen, daß es dem jungen Mann gutgeht. Bete darum, ja?« Leane schauderte wieder. »Es gibt ein Sprichwort im Mauleviertel, Kind«, fuhr die Amyrlin fort. »›Sorge dich nicht, bevor die Sorgen dich plagen.‹ Merk dir das gut, Kind.« Es klopfte schüchtern an die Tür.