Er steckte den Revolver ein und ließ das Gewehr sinken; seine drei Genossen folgten diesem Beispiele. Darauf nahmen die Soldaten die erhobenen Arme nieder. Ihr Offizier stieß in seiner Scham und Wut hervor:»Sir, wie könnt Ihr es wagen, eine solche Komödie mit uns zu spielen! Ihr müßt wissen, daß ich die Macht besitze, Euch dafür zu bestrafen!«
«Die Macht?«fragte Old Shatterhand lachend.»Die Lust, ja, aber die Macht nicht; das habe ich Euch bewiesen. Ich möchte wissen, wie Ihr es anfangen wolltet, uns irgend eine Strafe zu erteilen. Ihr würdet Euch gerade ebenso wie vorhin blamieren.«
«Oho! Jetzt kommt es darauf an, wer zuerst den Revolver in der Hand — «
Er kam nicht weiter. Er war wieder mit der Hand nach dem Gürtel gefahren, fühlte sich aber in demselben Augenblicke aus dem Sattel und durch die Luft hinüber zu Old Shatterhand gehoben, welcher ihn quer vor sich auf das Pferd warf, ihm das blitzschnell hervorgezogene Messer auf die Brust setzte und dann, abermals lachend, ausrief:»Sprecht weiter, Sir! Was wolltet Ihr sagen? Es kommt darauf an, wer zuerst den andern bei sich auf dem Sattel liegen hat; nicht wahr, so war es? Sobald einer Eurer Leute sich rührt, fährt Euch meine Klinge in das Herz! Versucht's einmal!«
Die Soldaten hielten starr auf ihren Pferden. Eine solche Körperkraft, Gewandtheit und Schnelligkeit hatten sie nicht erwartet; sie waren so betroffen und verblüfft, daß sie vergaßen, daß sie Waffen hatten und sich in der Überzahl befanden.
«Alle tausend Teufel!«schrie der Offizier, wobei er sich aber aus Angst hütete, ein Glied zu bewegen.»Was fällt Euch ein. Laßt mich los!«
«Mir fällt bloß ein, Euch zu beweisen, daß Ihr wirklich an die Falschen geraten seid. Vor so viel Männern, wie ihr seid, fürchten wir uns noch lange nicht. Und wäre es auch eine ganze Eskadron, wir würden dennoch ohne Sorge sein. Stellt Euch hierher und hört höflich an, was ich Euch sagen werde.«
Er nahm ihn beim Kragen, hob ihn mit nur einer Hand vom Pferde und stellte ihn neben dasselbe in das Gras. Dann fuhr er fort:»Habt Ihr vielleicht schon einmal einen von uns gesehen?«
«Nein, «antwortete der Gefragte, indem er tief Atem holte. Er fühlte einen Grimm in sich, dem er aber keinen Ausdruck zu geben wagte. Er sah sich vor seinen Leuten aufs äußerste blamiert und hätte am liebsten den Säbel gezogen, um ihn Old Shatterhand durch den Leib zu stoßen, doch war er überzeugt, daß ihm der Versuch dazu nicht glücken, sondern wieder schlecht bekommen werde.
«Also nicht?«meinte der Jäger.»Dennoch bin ich überzeugt, daß Ihr uns kennt. Wenigstens werdet Ihr unsre Namen gehört haben. Hat man Euch einmal von Hobble-Frank erzählt? Hier hält er gerade vor Euch.«
«Kenne weder den Mann noch seinen Namen, «murrte der Offizier.
«Aber von dem langen Davy und dem dicken Jemmy habt Ihr gehört?«
«Ja. Sollen es etwa diese beiden sein?«
«Allerdings.«
«Pshaw! Das glaube ich nicht!«
«Wollt Ihr mich etwa wieder Lügen strafen? Das laßt bleiben, Sir! Old Shatterhand pflegt jedes Wort, welches er spricht, beweisen zu können.«
«Old Shat — «rief der Lieutenant, indem er einen Schritt zurücktrat und die Augen groß und erstaunt auf den Jäger richtete. Die zweite Silbe des Namens war ihm im Munde stecken geblieben.
Auch bei seinen Leuten war eine Bewegung der Ver- oder vielmehr der Bewunderung zu bemerken. Man hörte einige laute» Ah!«, welche sie willenlos vernehmen ließen.
«Ja, Old Shatterhand, «meinte dieser.»Kennt Ihr diesen Namen?«
«Den kenne ich; den kennen wir alle nur zu gut. Und dieser Mann wollt Ihr — Ihr — Ihr — sein, Sir?«
Seine Miene drückte, indem er den Jäger mit weit geöffneten Augen maß, seinen Zweifel aus. Aber da fiel sein Blick auf das bereits erwähnte kurzläufige Gewehr mit dem eigenartigen, kugelförmigen Schlosse, und sofort fügte er, indem sein Gesicht eine schnell veränderte Miene zeigte, hinzu:»Behold! Ist das nicht ein Henrystutzen, Sir?«
«Allerdings, «nickte Old Shatterhand:»Kennt Ihr diese Art von Gewehren?«
«Gesehen habe ich noch keins, aber eine genaue Beschreibung hat man mir gegeben. Der Erfinder soll ein sonderbarer Kauz gewesen sein und nur einige angefertigt haben, weil er befürchtete, daß die Indianer und Büffel bald ausgerottet sein würden, falls dieser vielschüssige Stutzen allgemeine Verbreitung fände. Die wenigen Exemplare sind verloren gegangen, und nur Old Shatterhand soll noch eins derselben, das allerletzte, besitzen.«
«Das ist richtig, Sir. Von den elf oder zwölf Henrystutzen, die es überhaupt gegeben hat, ist nur der meinige noch vorhanden; die andern sind im wilden Westen mit ihren Besitzern verschwunden.«
«So seid Ihr also wirklich — wirklich dieser Old Shatterhand, dieser weitberühmte Westmann, welcher den Kopf eines ausgewachsenen Büffelstieres mit den Händen zu Boden drückt und den stärksten Indianer mit der bloßen Faust niederschmettert?«
«Ich habe Euch ja schon gesagt, daß ich es bin. Wenn Ihr noch daran zweifelt, so will ich gern den Beweis antreten. Ich gebe nicht nur Indianern, sondern unter Umständen auch Weißen meine Faust. Wollt Ihr sie haben?«
Er bog sich im Sattel zu dem Offizier herüber und holte mit der geballten Faust wie zum Schlage aus; dieser aber wich schnell zurück und rief:»Ich danke, Sir, ich danke! Da will ich Euch doch lieber Glauben schenken, ohne diesen Beweis abzuwarten. Ich habe nur diesen einen Schädel und wüßte nicht, woher ich, falls er mir zerschlagen würde, einen andern nehmen sollte. Verzeiht, daß ich vorhin nicht sehr höflich gewesen bin! Wir haben alle Veranlassung, gewissen Leuten scharf in das Gesicht zu sehen. Wollt Ihr nicht die Güte haben, uns zu begleiten? Meine Kameraden würden sich nicht nur sehr darüber freuen, sondern es als eine Ehre für sich betrachten, wenn es Euch gefiele, unser Gast zu sein.«
«Wohin?«
«Nach Fort Mormon, wohin wir wollen.«
«Da kann ich Eurer Einladung leider nicht Folge leisten, denn wir müssen nach der entgegengesetzten Richtung, um zu einer bestimmten Stunde mit Freunden zusammenzutreffen.«
«Das thut mir aufrichtig leid. Darf ich fragen, wohin Ihr wollt, Sir?«
«Zunächst nach den Elk Mountains, wie ich Euch schon gesagt habe; von da wollen wir dann nach den Book Mountains hinüber.«
«So muß ich Euch warnen, «meinte der Offizier, welcher jetzt einen so rücksichtsvollen Ton angeschlagen hatte, als ob er vor einem hohen Vorgesetzten stehe.
«Warum? Vor was oder wem?«
«Vor den Roten.«
«Danke! Ich habe die Indianer nicht zu fürchten. Überdies wüßte ich nicht, welche Gefahr von dieser Seite drohen könnte. Die Roten leben ja gerade jetzt in tiefem Frieden mit den Weißen, und zumal die Utahs, mit denen man es hier zu thun hat, haben seit Jahren nichts gethan, was Mißtrauen gegen sie erwecken könnte.«
«Das ist richtig; aber gerade darum sind sie jetzt desto mehr ergrimmt. Wir wissen ganz genau, daß sie seit kurzem die Kriegsbeile ausgegraben haben, und müssen infolgedessen von Mormon- und Indian-Fort aus beständig Patrouille reiten.«
«Wirklich? Davon wissen wir noch nichts.«
«Das glaube ich, denn ihr kommt aus Colorado, bis wohin die Kunde davon noch nicht gedrungen sein kann. Euer Weg führt euch mitten durch das Gebiet der Utahindianer. Ich weiß, daß der Name Old Shatterhand bei den Roten aller Nationen große Macht besitzt; aber nehmt die Sache nicht allzu leicht, Sir! Gerade die Utahs haben alle Veranlassung, gegen die Weißen ergrimmt zu sein.«
«Warum?«
«Es ist eine Gesellschaft von weißen Goldsuchern in eins der Utahlager gebrochen, um Pferde zu rauben; es war des Nachts; aber die Utahs sind erwacht und haben sich zur Wehr gesetzt, wobei viele von ihnen von den weit besser bewaffneten Weißen getötet worden sind. Diese letztern sind mit den Pferden und andern bei dieser Gelegenheit mitgenommenen Gegenständen entkommen; doch haben sich die Roten am Morgen aufgemacht, sie zu verfolgen. Die Räuber wurden ereilt, und es entspann sich ein Kampf, welcher abermals viele Menschenleben gekostet hat. Es sollen dabei gegen sechzig Indianer erschossen worden, aber auch nur sechs Bleichgesichter entkommen sein. Nun schweifen die Utahs umher, um diese sechs zu finden, und zugleich haben sie eine Gesandtschaft nach Fort Union geschickt, welche Schadenersatz verlangen sollte, für jedes Pferd ein andres, für die verlorenen Gegenstände in Summa tausend Dollar und für jeden getöteten Indianer zwei Pferde und ein Gewehr.«