Keiner der beiden einander gegenüber Sitzenden schien beginnen zu wollen. Old Shatterhand blickte wartend und so gleichgültig, als ob ihm nicht das mindeste geschehen könne, vor sich nieder. Der Rote aber konnte seinen prüfenden Blick nicht von dem Weißen lassen. Die Farbe, welche dick auf seinem Gesichte lag, ließ den Ausdruck desselben nicht erkennen; aber die breit und etwas abwärts gezogenen Mundwinkel deuteten an, daß er sich von dem viel besprochenen Jäger eine Vorstellung gemacht hatte, welche durch die äußere Gestalt desselben jetzt nicht bestätigt wurde. Dies zeigte sich, als er jetzt endlich die fast ironische Bemerkung machte:»Der Ruf Old Shatterhands ist groß; aber seine Gestalt ist nicht mit demselben fortgewachsen.«
Old Shatterhand ragte über die gewöhnliche Größe hinaus, war aber dem Äußern nach keineswegs ein Gigant. Er hatte in der Vorstellung des Roten jedenfalls als ein wahrer Goliath gelebt. Der Jäger antwortete lächelnd:»Was hat die Gestalt mit dem Rufe zu thun? Soll ich dem Häuptlinge der Utah etwa antworten: Die Gestalt des» großen Wolfes «ist groß, aber sein Ruf, seine Tapferkeit ist nicht gleichmäßig mit ihr gewachsen?«
«Das würde eine Beleidigung sein, «erklärte der Rote mit blitzenden Augen,»auf welche ich dich sofort verlassen würde, um den Befehl zum Beginne des Kampfes zu erteilen!«
«Warum erlaubst du dir da eine solche Bemerkung über meine Gestalt? Zwar können deine Worte einen Old Shatterhand nicht beleidigen, aber sie enthalten eine Mißachtung, welche ich nicht dulden darf. Ich bin wenigstens ein ebenso großer Häuptling wie du; ich werde höflich mit dir sprechen und verlange von dir die gleiche Höflichkeit. Das muß ich dir sagen, bevor wir unsre Unterredung beginnen, denn sonst würde dieselbe zu keinem guten Ziele führen.«
Er war es sich und seinen drei Begleitern schuldig, dem Roten diesen Verweis zu geben. Je kräftiger er auftrat, desto mehr imponierte er, und von dem Eindrucke, welchen er jetzt hervorbrachte, hing die Gestaltung seiner Lage ab.
«Es gibt nur ein einziges Ziel und kein andres, «erklärte der» große Wolf«.
«Welches?«
«Euer Tod.«
«Das wäre ein Mord, denn wir haben euch nichts gethan.«
«Du befindest dich in der Gesellschaft der Mörder, welche wir verfolgen!«
«Glaubst du, daß ich dabei war, als sie euch des Nachts überfielen?«
«Nein. Old Shatterhand ist kein Pferdedieb; er hätte sie von ihrem Beginnen abgehalten.«
«Nun, warum behandelst du mich dennoch als Feind?«
«Du bist mit ihnen geritten.«
«Nein, das ist nicht wahr. Sende einen deiner Leute auf unsrer Spur zurück. Er wird bald sehen, daß diese beiden Männer erst nach uns gekommen und auf unsre Fährte gestoßen sind.«
«Das ändert nichts. Die Bleichgesichter haben uns im tiefsten Frieden überfallen, unsre Pferde geraubt und viele von unsern Kriegern getötet. Unser Grimm war groß, doch unsre Bedachtsamkeit nicht kleiner. Wir schickten weise Männer ab, um Bestrafung der Schuldigen und Ersatz für unsre Verluste zu verlangen; man hat sie ausgelacht und abgewiesen. Darum haben wir die Tomahawks ausgegraben und geschworen, daß, bis unsre Rache vollendet ist, jeder Weiße, welcher in unsre Hände fällt, getötet werden soll. Diesen Schwur müssen wir halten, und du bist ein Weißer.«
«Der aber unschuldig ist!«
«Waren meine Krieger, welche man tötete, etwa eines Fehlers schuldig? Verlangst du, daß wir barmherziger sein sollen als unsre Widersacher und Mörder?«
«Ich beklage, was geschehen ist. Der» große Wolf «wird wissen, daß ich ein Freund der roten Männer bin.«
«Ich weiß es; aber dennoch mußt auch du sterben. Wenn die ungerechten Bleichgesichter, welche unsre Klagen nicht berücksichtigen, erfahren, daß sie durch ihr Verhalten den Tod vieler Gerechter, sogar Old Shatterhands, verschuldet haben, so werden sie sich dies zur Lehre dienen lassen und in Zukunft klüger und einsichtsvoller handeln.«
Das klang gefährlich. Der Indianer sprach im vollsten Ernste, und die Folgerung, welche er zog, war gar nicht unlogisch entstanden. Dennoch antwortete Old Shatterhand:»Der» große Wolf «denkt nur an seinen Schwur, aber nicht an die Folgen desselben. Wenn ihr uns tötet, wird ein Schrei der Entrüstung über die Berge und Prairien erschallen, und Tausende von Bleichgesichtern werden sich gegen euch aufmachen, um unsern Tod zu rächen. Diese Rache wird um so strenger sein, als wir stets die Freunde der roten Männer waren.«
«Ihr? Nicht du allein? Du sprichst auch von deinen Gefährten? Wer sind sie denn, diese Bleichgesichter?«
«Der eine heißt Hobble-Frank, und du wirst ihn vielleicht nicht kennen; aber die Namen der beiden andern hast du oft gehört; sie sind der dicke Jemmy und der lange Davy.«
«Ich kenne sie. Man hat nie den einen ohne den andern gesehen, und ich habe niemals erfahren, daß sie Feinde der Indianer seien. Aber gerade deshalb wird ihr Tod die ungerechten Häuptlinge der Weißen belehren, wie unklug es von ihnen war, unsre Gesandten fortzuweisen. Euer Schicksal ist entschieden, aber es wird ein ehrenvolles sein. Ihr seid tapfere und berühmte Männer und sollt den qualvollsten Tod erleiden, den wir euch nur bieten können. Ihr werdet ihn erdulden, ohne mit der Wimper zu zucken, und die Kunde davon wird durch alle Lande erklingen. Dadurch wird euer Ruhm noch glänzender, als er bisher war, und ihr werdet in den ewigen Jagdgründen zu großem Ansehen gelangen. Ich hoffe, daß du erkennst, welche Rücksicht das von uns ist, und uns dafür dankbar bist!«
Old Shatterhand war keineswegs über die ihm hier gebotenen Vorteile entzückt. Er ließ das aber nicht merken und antwortete:»Deine Absicht ist eine sehr gute, und ich lobe dich dafür; aber diejenigen, welche uns rächen, werden dir nicht dankbar dafür sein.«
«Ich lache über sie; sie mögen kommen!«
«Meinst du, daß du sie besiegen wirst, daß es ihrer wenige sein dürften?«
«Ovuts-avaht hat nicht die Gewohnheit, seine Feinde zu zählen. Und weißt du nicht, wie zahlreich wir dann sein werden? Es werden sich versammeln die Krieger der Weawers, der Uinta, Yampa, Sampitsches, Pah-vants, Wiminutsches Elks, Capotes, Païs, Tasches, Muatsches und Tabequatsches. Diese Völker alle gehören zu dem Stamme der Utahs; sie werden die weißen Krieger zermalmen.«
«So gehe nach dem Osten und zähle die Weißen! Und welche Anführer werden sie haben! Es werden uns Rächer erstehen, von denen ein einziger viele, viele Utahs aufwiegt.«
«Wer wäre das?«
«Ich will dir nur einen nennen, nämlich Old Firehand.«
«Er ist ein Held; er ist unter den Bleichgesichtern das, was der Grizzly unter Prairiehunden ist, «gab der Häuptling zu.»Aber er wäre auch der einzige; einen zweiten kannst du mir nicht nennen.«
«O, viele, noch viele könnte ich anführen; aber ich will nur noch einen erwähnen, Winnetou, den du wohl kennen wirst.«
«Wer sollte ihn nicht kennen, aber wenn er hier wäre, müßte er auch sterben; er ist unser Feind.«
«Nein; er wagt und läßt sein Leben für jeden seiner roten Brüder.«
«Schweig davon! Er ist der Häuptling der Apachen. Die Weißen fühlen sich zu schwach gegen uns; sie haben zu den Navajos gesandt und diese gegen uns aufgehetzt.«
«Das weißt du schon?«
«Die Augen des» großen Wolfes «sind scharf, und seinen Ohren kann kein Geräusch entgehen. Gehören die Navajos nicht zu dem Stamme der Apachen? Müssen wir also Winnetou nicht als unsern Feind betrachten? Wehe ihm, wenn er in unsre Hände fällt!«
«Und wehe dann auch euch! Ich warne dich. Ihr hättet nicht nur die Krieger der Weißen gegen euch, sondern auch viele tausend Streiter der Mescaleros, der Llaneros, der Xicarillas, Taracones, Navajos, Tschiriguamis, Pilanenjos, Lipans, Coppers, Gilas und Mimbrenjos, welche ja alle zu dem Stamme der Apachen gehören. Diese würden gegen euch ziehen, und die Weißen brauchten nichts zu thun, als nur ruhig zuzusehen, wie sich die Utahs und Apachen untereinander aufreiben. Willst du euern bleichen Feinden wirklich diese Freude machen?«