»Ich bin frei. Ich tue, was mir gefällt!«
Aufgebracht starrte ich sie an. Dann wandte ich mich ab.
»Wohin gehst du?« fragte sie.
»Zum Hafen.«
»Sie ist bestimmt längst verkauft!« rief sie. »Du wirst sie niemals finden!«
»Wann hast du sie zum Verkauf gebracht?«
»Heute früh, kurz nach deinem Weggang.«
»Du hast dir das gut überlegt.«
»Du wirst sie niemals finden!«
Zornig verließ ich das Haus und knallte die Tür hinter mir zu. Dann begann ich in Richtung Hafen zu laufen.
17
Ich hing in den Seilen. Mein Rücken schmerzte von den Peitschenhieben, die ich empfangen hatte.
»Soweit wir feststellen können«, sagte der Wächter aus Port Cos, »weiß er nichts über den Verbleib des Topases.«
»Ich bürge für ihn«, sagte Tasdron. »Er ist ein ehrlicher Arbeiter, überall im Hafen bekannt. Er ist schon wochenlang in Victoria.«
Als ich Tasdrons Taverne verließ, wo ich bei Peggy Trost gesucht hatte wegen des Verlustes meiner Sklavin, hatte ich plötzlich einer Gruppe Wächter gegenübergestanden, die die Livree von Port Cos trugen. Mehrere Armbrüste waren auf mich gerichtet.
»Laß die Hände von den Waffen!« hatte man mir befohlen. »Leiste keinen Widerstand!«
»Ist er das?« hatte der Anführer der Wächter gefragt.
»Ja«, hatte Miß Henderson gesagt.
»Du bist verhaftet«, hatte der Offizier mir daraufhin verkündet.
»Wessen werde ich beschuldigt?« wollte ich wissen.
»Landstreicherei!«
»Das ist absurd!«
»Deine Unschuld, wenn du denn unschuldig bist, kann sich später noch erweisen.«
»Wir sind hier in Victoria«, stellte ich fest.
»Die Macht von Port Cos begleitet seine Soldaten, wohin sie auch gehen«, antwortete der Mann. »Fesselt ihn.«
Man hatte mir die Hände auf dem Rücken zusammengebunden.
»Ich bin fertig mit dir, Jason«, sagte Miß Henderson. Dann hatte sie sich dem Anführer der Wächter zugewandt. »Und jetzt meine Bezahlung.«
»Fesselt sie ebenfalls«, hatte er geantwortet. Zu ihrer Verblüffung erlitt sie dasselbe Schicksal wie ich. »Bringt sie beide ins Hauptquartier!« befahl der Anführer.
»Ich bürge für ihn«, wiederholte Tasdron. »Er ist ein ehrlicher Arbeiter.«
»Kam er aus dem Osten oder aus dem Westen?« fragte der Wächter.
»Soweit ich weiß, aus dem Osten, aus Lara«, erwiderte Tasdron.
»Das behauptet er ebenfalls.«
»In meiner Taverne«, fuhr Tasdron fort, »geriet er mit dem Piraten Kliomenes aneinander. Er hätte leicht das Leben verlieren können. Der Kurier Ragnar Voskjards würde sich wohl kaum in eine solche Situation begeben. Außerdem scheint er sich im Schwertkampf nicht auszukennen.«
»Niemand behauptet, daß er der Kurier sei«, sagte der Wächter. »Man meint nur, daß er weiß, wo sich der Topas befindet.«
»Gibt es einen Grund für diese Vermutung?«
»Nur das Wort einer freien Frau, die er ausgehalten hat.«
»Ich verstehe«, meinte Tasdron. »Und hast du schon einmal ähnliche Situationen erlebt?«
»Viermal«, sagte der Wächter angewidert.
»Zweifellos hast du seine Wohnung durchsucht«, bemerkte Tasdron.
»Er hat ein kleines Haus. Wir haben Haus und Garten abgesucht.«
»Und was habt ihr gefunden?«
»Nichts.«
»Was hast du für einen Eindruck – ist die Frau ihm wohlgesonnen?« wollte Tasdron als nächstes wissen.
»Sie haßt ihn.«
»Und scheint sie sich für die Belohnung zu interessieren, die auf das Auffinden des Topases ausgesetzt wurde?«
»Ja. Das Geld ist ihr anscheinend sehr wichtig.«
»Zehn Silber-Tarsks – das ist eine beträchtliche Summe«, meinte Tasdron. »Die Wächter aus Ar-Station, die ebenfalls in Victoria nach dem Stein suchen, bieten nur sechs Silber-Tarsks.«
»Schneidet ihn los«, befahl der Anführer der Wächter.
Als die Fesseln meiner Handgelenke durchgeschnitten wurden, ging ich zu Boden, ohne aber völlig von den Füßen zu sinken.
»Kräftig ist er«, sagte der Anführer.
Meine Tunika war bis zur Hüfte aufgerissen. »Vielen Dank, Tasdron, daß du dich für mich verwendet hast«, sagte ich.
»Keine Ursache«, erwiderte er und verließ den Raum.
»Du kannst gehen«, sagte der Anführer der Wächter zu mir. »Deine Sachen bekommst du an der Tür zurück.«
»Hättet ihr den Topas gefunden«, fragte ich, »was wäre dann aus mir geworden?«
»Du hättest dich im günstigsten Fall auf einen lebenslangen Dienst an Bord einer Staatsgaleere freuen können, am Ruder angekettet.«
»Ich verstehe.«
»Vergiß deine Sachen nicht.«
»Schön.«
An der Tür zog ich die Tunika enger, nahm meinen Geldbeutel und den Schwertgurt samt Waffe. Neben meiner Habe kniete Miß Henderson, an Händen und Füßen gefesselt, am Körper die Robe einer freien Frau.
»Vergiß sie nicht«, sagte der Anführer der Wächter. »Sie gehört dir.«
Ich schaute auf sie nieder. Sie begegnete meinem Blick nicht.
»Männer in ähnlichen Situationen«, sagte der Wächter, »haben solche Frauen sofort auf den Sklavenmarkt gebracht.«
Ich hockte neben Miß Henderson nieder und löste ihre Fußfesseln. Dann zog ich sie hoch und befreite sie auch von den Schnüren um die Arme. Dann verließ ich das kleine Victoria-Hauptquartier der Gardisten. Sie folgte mir nach draußen. Einige Schritte von dem Gebäude entfernt, drehte ich mich zu ihr um.
»Wenn du Geld brauchtest oder besitzen wolltest«, sagte ich, »hätte ich dir welches gegeben.«
»Bleib heute nacht bei mir«, bat sie.
»Ich gehe in die Paga-Taverne.«
»Warum?«
»Dort findet man die interessanteren Frauen!«
»Warum sind Sklavinnen interessanter als freie Frauen?«
»Weil sie Sklavinnen sind, die fraulichsten aller Frauen.«
»Widerlich«, sagte sie. »Meinen Willen könnte nie ein Mann brechen.«
»So etwas sagt stets nur eine Frau, die sich danach sehnt, von einem starken Mann überwältigt zu werden.«
»Ja, überwältige mich heute nacht«, bat sie. »Mach mich zur Sklavin!«
»Du bist eine Frau der Erde.«
»Ich verstehe – zu nobel und zu fein, ganz anders als eine Sklavin.«
»Natürlich – muß ich dir das immer wieder sagen?«
»Jason«, fragte sie, »wo ist der Topas?«
»Welcher Topas?« fragte ich zurück.
Sie stieß einen zornigen Schrei aus, aber ich hatte mich schon abgewandt und machte mich auf den Heimweg.
18
»Haltet den Dieb!« rief der rundliche Mann, dem die Roben um den Leib schlackerten.
Ein fixer kleiner Bursche huschte von ihm fort, eine pralle Börse in der Hand, deren Schnur er durchgeschnitten hatte. In der Rechten schwenkte der kleine Mann einen langen Dolch.
Männer traten zur Seite, um den Dieb durchzulassen.
»Aufhalten!« rief der rundliche Mann keuchend und stolperte ungeschickt hinter dem Fliehenden her. Einen Ballen Repfasern auf dem Rücken tragend, verfolgte ich die Szene.
Als der Fliehende in meine Nähe kam, setzte ich den Ballen ab und schob ihn ihm abrupt in den Weg. Er prallte dagegen, stolperte darüber und rollte auf den Holzdielen der Pier ab. Ich stürzte mich auf ihn. Auf dem Rücken liegend, hieb er mit der Klinge nach mir, doch ich umfaßte sein Handgelenk mit beiden Händen und zerrte ihn hoch. Die Börse ließ er dabei fallen. Zweimal wirbelte ich ihn am Handgelenk herum und schleuderte ihn, getrieben von großem Anschwung, in einen Berg Nagelfässer, die etwas seitlich gelagert waren. Sie ergossen sich über ihn. Als ic h ihn wieder zu mir zerrte, war er schon ziemlich benommen und blutete auch aus einigen Wunden. Splitter steckten in seiner Tunika und in seinem Gesicht. Mit beiden Händen brach ich ihm das Handgelenk und trat das Messer zur Seite, das zu Boden fiel. Anschließend drehte ich ihn zu mir herum. Seinen Unterarm umklammernd, starrte er mich aus weit aufgerissenen Augen an. Ein Knochenstück ragte durch die Haut. Ich versetzte ihm einen energischen Tritt, und er brüllte vor Schmerzen. Ich drehte ihn um, packte ihn am Nacken, drängte ihn zum Kai, wo ich sein Fußgelenk packte und ihn kopfüber ins Wasser stürzen ließ. Er schwamm sofort zur Küste und watete gleich darauf hastig aus dem Wasser. Zweimal schrie er noch auf. Als er dann zwischen den Stützen der nächsten Pier im flachen Wasser stand, schlug er sich verzweifelt gegen die Beine, in dem Bemühen, zwei Flußaale loszuwerden, die sich festgebissen hatten. Torkelnd, breitbeinig, ging er wieder an Land.