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»Wo sind die Wächter, ihn zu verhaften!« japste der Beleibte, der die Kastenfarben Weiß und Gold trug und offensichtlich Kaufmann war.

»Es gibt in Victoria keine Wächter«, sagte ich. »Zwei Kupfer-Tarsks, für jeden von euch«, sagte der Kaufmann zu zwei Hafenarbeitern in der Nähe, »wenn ihr den Kerl einfangt, fesselt und zu mir bringt.«

Hastig machten sich die beiden an die Verfolgung.

Obwohl etliche Männer herumstanden, hatte niemand den Versuch gemacht, die Börse des Kaufmanns zu stehlen, die in der Nähe lag. Die meisten Menschen, die in Victoria leben, sind ehrlich.

Einer reichte dem Kaufmann seinen Besitz zurück.

»Wie heißt du, Mann?« wandte er sich dann an mich.

»Jason.«

»Aus Victoria?«

»Hier lebe ich zur Zeit«, antwortete ich.

Der Mann lächelte. Am Fluß gibt es viele Fremde, die nicht seßhaft werden; sie kommen aus ganz Gor. »Du hattest schon einmal Schwierigkeiten mit Wächtern?« fragte er.

»In Tancreds Furt und Fina – ein wenig«, sagte ich.

»Ich bin Glyco aus der Kaste der Kaufleute von Port Cos. Du bist ein mutiger Bursche. Ich bin dir dankbar für deine Hilfe.«

»Es war nichts Besonderes«, sagte ich.

Der jammernde Dieb wurde uns von den beiden Hafenarbeitern vorgeführt. Er litt große Schmerzen und konnte kaum noch stehen. Aus den Resten seines Hemdes hatte man eine Handfessel für ihn gedreht. Die Männer drückten ihren Gefangenen vor dem Kaufmann auf die Knie.

Der Dicke wandte sich zu mir um. Er nahm einen Silber-Tarsk aus dem Beutel und reichte ihn mir.

»Du brauchst mir nichts zu geben«, sagte ich. »Es war nicht weiter wichtig.«

»Nimm das Geld als Zeichen meiner Dankbarkeit.«

Ich griff zu. »Vielen Dank«, sagte ich. Einige der Umstehenden spendeten dem Mann auf goreanische Weise Beifall, indem sie sich gegen die Schultern schlugen. Er war sehr großzügig. Für die meisten Goreaner ist eine solche Münze ein großer Betrag. Meistens wird er mit hundert Kupfer-Tarsks gleichgesetzt, die in den meisten Orten jeweils zehn bis zwanzig kleine Tarsks wert sind. Zehn Silber-Tarsks machen im allgemeinen ein Goldstück aus, wie es von den großen Städten ausgegeben wird. Allerdings muß gesagt werden, daß es in diesen Dingen nur geringe Übereinstimmung gibt, denn es hängt viel von den Realgewichten der Münzen und ihren Anteilen an Edelmetallen ab, wie sie von den amtlic hen Prägestempeln ausgewiesen werden. Manchmal werden Münzen auch durchgetrennt oder abgespant. Oft kommen über bestimmte Münzen auch üble Gerüchte in Umlauf – so machen sich Münzenhändler Waagen wie Gerüchte zunutze. Eines der wichtigsten Geldstücke auf Gor ist die goldene Tarnscheibe aus Ar, auf die viele andere Städte ihre Goldstücke abstellen. Andere allgemein bekannte Münzen sind der Silber-Tarsk aus Tharna, die goldene Tarnscheibe aus Ko-ro-ba und der goldene Tarn von Port Kar, der vordringlich am westlichen Vosk verbreitet ist, in der Gegend des Tamber-Golfes und einige hundert Pasangs nördlich und südlich des Vosk-Deltas.

Nun wandte sich der Kaufmann dem Dieb zu. »Ich werde ihn nach Port Cos bringen lassen, vor die Prätoren«, sagte er.

»Bitte, Herr!« flehte der Dieb. »Nicht vor die Prätoren!«

»Hängst du so sehr an deinen Händen?« fragte der Kaufmann. Mir fiel auf, daß das linke Ohr des Diebes bereits eine Kerbe aufwies. Dieses Sühnezeichen stammte offensichtlich nicht aus Victoria.

»Bitte, Herr, laß Gnade walten!« flehte der Dieb.

»Er hat schon einen ziemlich miesen Tag hinter sich«, legte ich ein gutes Wort für ihn ein.

»Dann sollten wir ihm gleich die Kehle durchschneiden!« rief jemand.

Der Dieb begann zu jammern. »Nein! Nein!« flehte er.

»Was schlägst du vor?« fragte mich der Kaufmann.

»Überlaß ihn mir«, sagte ich.

»Nein, bitte, Herr!« wimmerte der Dieb.

»Er gehört dir«, entschied der Kaufmann.

Ich zerrte den Burschen hoch und schob ihm den Silber-Tarsk in den Mund, so daß er nicht sprechen konnte. »Geh zu einem Arzt«, sagte ich, »der sich um deine Hand kümmert. Sie scheint gebrochen zu sein. Und morgen bist du nicht mehr in Victoria.« Dann drehte ich ihn um und versetzte ihm einen wohlgezielten Tritt, der ihn über den Pier stolpern ließ.

»Du mußt Wächter sein«, sagte der Kaufmann.

Die Männer blickten dem davonhumpelnden Dieb nach.

»Du bist großzügig«, sagte der Kaufmann.

»Er war keine Frau«, sagte ich. »Außerdem hat er nicht meine Börse gestohlen.«

Der Kaufmann lachte.

Ich blickte hinter dem Fliehenden her. Ich nahm nicht an, daß ehrliche Bürger Victorias von ihm noch etwas zu befürchten hatten.

»Noch etwas, Mann«, sagte der Kaufmann. »Ich bin geschäftlich in Victoria. Ich suche einen Mann aus Port Cos, einen Krieger namens Callimachus.«

Es erstaunte mich, diesen Namen zu hören. Es war der Name des Mannes, der mich vor einigen Wochen vor der Klinge des Piraten Kliomenes gerettet hatte.

»Abends trinkt er oft in der Taverne des Tasdron«, gab ich Auskunft. »Dort findest du ihn vielleicht.«

»Vielen Dank, Mann«, sagte der Kaufmann, drehte sich lächelnd um und verschwand zwischen den Kisten und Ballen auf der engen Pier.

»Habt ihr heute gar nichts zu tun?« fragte der Mann, bei dem ich an diesem Tage angestellt war.

»O doch, Herr«, sagte ich grinsend und setzte meine Arbeit fort.

19

»Zurück!« sagte der Pirat.

Zwei Klingen, die seine und das Schwert eines Gefährten, waren auf meine Brust gerichtet.

»Beverly!« rief ich. Meine schwitzende Hand schwebte über meinem Waffengriff.

»Keine unbedachte Bewegung!« sagte der Pirat, der als erster gesprochen hatte.

»Wer ist dieser Bursche?« fragte Beverly hochmütig. Sie kniete in der Haltung einer freien Frau hinter dem kleinen Tisch.

»Komm sofort mit mir nach Hause«, sagte ich. »Ich habe dich lange gesucht.«

Vom Hafen nach Hause zurückkehrend, hatte ich das Haus leer vorgefunden. Spuren eines gewaltsamen Eindringens oder eines Kampfes gab es nicht. Besorgt hatte ich Victorias Lokale abgesucht. Nach zwei Ahn hatte ich sie nun hier allein in der Piratenkette gefunden, einer sehr miesen Kaschemme, die einem gewissen Hibron gehörte.

»Ich möchte nicht mit dir nach Hause kommen«, sagte sie schnippisch, und ein Schwall Ka-la-na schwappte aus dem Silberkelch, den sie in der Hand hielt. Auf Befehl Kliomenes’, der im Schneidersitz neben ihr hockte, füllte eine Paga-Sklavin Miß Hendersons Trinkgefäß nach.

»Du kleine Närrin – komm mit nach Hause!« forderte ich, obwohl ich die beiden Schwertspitzen durch meine Tunika auf der Haut spürte.

»Wenn du dein Vergnügen in Tavernen suchen kannst«, sagte sie, »kann ich das schon lange!«

»Freie Frauen kommen nicht hierher. Die Schänke liegt zu dicht am Haufen. Wir sind hier auf Gor!«

»Ich habe keine Angst!« rief sie lachend.

»Du hast keine Ahnung von der Gefahr, in der du dich befindest«, sagte ich.

»Darf ich dir meinen neuen Freund vorstellen?« fragte sie. »Kliomenes, ein Flußkapitän.»

»Du erinnerst dich sicher gut an ihn«, sagte ich. »Er und seine Männer waren es, die dich Oneander entführten und verkauften.«

»Vielleicht war das ein Fehler«, bemerkte Kliomenes und grinste die Frau an.

»Mich zu entführen?« fragte sie verwirrt.

»Nein, dich dann zu verkaufen!«

Sie lachte schrill und versetzte ihm spielerisch einen leichten Stoß. »Beleidige mir keine freie Frau, Sleen!« rief sie lachend.

Daraufhin wurde in der Runde brüllend gelacht, doch in dem Lachen lag etwas Drohendes, das von dem Mädchen wohl nicht wahrgenommen wurde.