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»Aber das liegt etzt alles hinter mir«, sagte sie zu mir und trank einen großen Schluck. »Kliomenes ist Kaufmann«, fuhr sie fort. »Ich bin eine freie Frau. Wir begegnen uns als Gleichgestellte. Er ist wirklich ein netter Mann, mein Freund.«
»Komm sofort mit«, forderte ich. »Begleite mich nach Hause.«
»Das möchte ich aber nicht. Kliomenes gibt mir etwas zu trinken aus – er ist wirklich ein Ehrenmann, ein echter Mann!«
»Ich wußte gar nicht, daß sie dir gehört«, bemerkte Kliomenes amüsiert. »Das ist prächtig!«
»Ich gehöre nicht ihm!« widersprach das Mädchen. »Ich bin eine freie Frau!«
»Bist du seine Gefährtin?« wollte Kliomenes wissen.
»Nein! Ich teile nur sein Quartier. Wir sind nicht einmal Freunde.«
»Machst du dir Sorgen um sie?« fragte Kliomenes amüsiert.
»Ich möchte, daß sie mich nach Hause begleitet!«
»Aber sie selbst wünscht das nicht«, sagte er lächelnd.
»Ich will nicht!« bestätigte sie.
»Dann verschwinde, du Tölpel!« sagte Kliomenes. »Und denk an unsere erste Begegnung!«
»Verschwinde, du Tölpel!« lachte das Mädchen.
»Sei unbesorgt«, grinste Kliomenes, »ich sorge dafür, daß man sich ihrer annimmt.« Männer lachten. »Es sei denn, du willst die Sache mit der Klinge ausfechten.«
Meine schweißfeuchte Hand öffnete und schloß sich nervös über dem Schwertgriff an meiner Hüfte.
Grinsend musterte mich Kliomenes.
»Bitte, Herr«, sagte Hibron, der Wirt der heuntergekommenen Schänke. »Ich möchte keinen Ärger.«
Zornig wandte ich mich ab und verließ mit großen Schritten das Lokal. Tränen hilflosen Zorns stachen mir in den Augen. Ich wußte, daß ich Kliomenes und den anderen nicht gewachsen war. Mit dem Schwert, das ich trug, konnte ich nicht umgehen. Beim Verlassen der Schänke hörte ich das Lachen Kliomenes’ und seiner Männer. Das Mädchen lachte ebenfalls.
Draußen blieb ich mit geballten Fäusten stehen. Ich hörte Kliomenes rufen: »Mehr Wein für Lady Beverly, die freie Frau!« Gelächter brandete auf.
Ich kehrte nach Hause zurück. Lange wartete ich auf die Rückkehr Beverlys. Am Morgen ging ich wie üblich zum Hafen, um Arbeit zu suchen. Als ich am Abend nach Hause zurückkehrte, war sie noch immer nicht da, und auch nicht am folgenden Morgen.
20
»Du mußt sie vergessen, Herr«, flüsterte Peggy. Sie hob den Kopf von den Fellen und küßte mich. Wir lagen in einer Nische der Taverne des Tasdron.
»Das habe ich schon«, sagte ich.
Peggy lachte. »Ich bin zwar eine Sklavin, aber dumm bin ich nicht.«
»Es fällt schwer, sich die kleine Dirne aus dem Kopf zu schlagen.«
»In Victoria ist allgemein bekannt, wie übel sie dich verraten hat.«
»Woher weißt du das?« fragte ich. »Und wieso bin ich, ein einfacher Hafenarbeiter, in Victoria bekannt?«
»Tasdron hat freien Männern seiner Taverne von dir erzählt«, antwortete sie, »und ich und andere Sklavinnen haben das mitgehört.«
Vermutlich gab es in Victoria nur wenig, was den nackten oder halbnackten Tavernensklavinnen entging. Solche Mädchen wissen oft trotz ihrer Kragen mehr über die Ereignisse in einer Stadt als viele freie Einwohner.
»Bestimmt lacht ganz Victoria über mich!« sagte ich verbittert.
»Nein, Herr«, entgegnete sie. »Allerdings wissen viele nicht recht, warum du sie damals nicht gleich zu deiner Sklavin gemacht hast.«
Ich schwieg.
»Man kennt und respektiert dich in Victoria«, fuhr sie fort. »Wegen deiner Geschicklichkeit mit den Fäusten, was ein Goreaner gut versteht, wegen deiner Arbeit am Hafen, wegen deiner Stärke.«
»Ist es auch bekannt, daß ich aus der Taverne des Hibron geflohen bin, obwohl ich eigentlich Lady Beverly mit nach Hause nehmen wollte?«
»Ja«, sagte sie lächelnd, »ganz Victoria weiß, was sich in Hibrons Taverne abgespielt hat, doch niemand wirft dir etwas vor. Du bist kein Schwertkämpfer, und selbst wenn du es gewesen wärst, hätten die Piraten doch eine Übermacht gegen dich geschickt. Niemand macht dir Vorwürfe, das kannst du mir glauben. Viele halten dich sogar für ausgesprochen mutig, überhaupt in die Schänke gegangen zu sein, um die widerspenstige Närrin aus der Lage zu befreien, in die sie sich selbst gebracht hatte.«
»Ich habe nicht gekämpft«, sagte ich.
»Du hattest keine andere Wahl.«
»Ich zog mich zurück!«
»Du hattest keine Wahl.«
»Ich bin ein Feigling.«
»Das stimmt nicht«, sagte sie. »In einer solchen Situation hätte nur ein meisterlicher Schwertkämpfer zur Waffe gegriffen – oder ein Dummkopf oder Wahnsinniger.«
»Ich verstehe.«
»Ein kluger Mann hätte sich zurückgezogen – wie du.«
»Oder ein Feigling.«
»Du bist kein Feigling«, versicherte sie mir. »Glyco, der Kaufmann aus Port Cos, hat sich über deine mutige Tat am Hafen frei geäußert.«
»Oh.«
»Und der fixe Grat, der Dieb, der in Victoria lange sein Unwesen trieb, ist deinem Kommando gefolgt und hat fluchtartig die Stadt verlassen.«
»Das ist interessant«, sagte ich. Ich hatte nicht einmal seinen Namen gekannt.
»Es gibt sogar Stimmen, die Wächter für Victoria fordern – und dich als Anführer für diese Truppen«, fuhr sie fort.
Ich lachte. Es war amüsant, sich einen Wächter vorzustellen, der nicht einmal mit einem Schwert umgehen konnte.
Wir schwiegen eine Weile.
»Die Festung des Policrates ist uneinnehmbar«, bemerkte sie.
»Du bist eine intelligente Frau.«
»Laß den Versuch.«
Ich wußte, ich hatte notfalls die Möglichkeit, in die düstere, hohe Festung einzudringen, an deren Fuß sich eine ausgemauerte Flußbucht erstreckte.
»Vergiß die Frau, Herr«, sagte Peggy.
»Ich habe in der Taverne Glyco aus Port Cos gesehen«, bemerkte ich. »Er wollte Callimachus treffen. Seither habe ich die beiden an mehreren Abenden bei Gesprächen beobachtet, Glyco nachdrücklich, Callimachus eher mürrisch und abweisend.«
»Das stimmt«, sagte Peggy.
»Worüber unterhalten sie sich?«
»Ich weiß es nicht, Herr. Man hat uns Mädchen verboten, an ihren Tisch zu gehen, außer wenn wir bedienen müssen, und dann sprechen sie mit uns nur das Nötigste.«
»Wie lange will Glyco in Victoria bleiben?« fragte ich.
»Das weiß ich nicht, Herr«, antwortete sie. »Vielleicht ist er bereits fort, denn meines Wissens ist er heute noch nicht in der Taverne gewesen. Der Herr scheint sich sehr dafür zu interessieren.«
»Ich hätte zu gern gewußt, was Glyco mit Callimachus zu schaffen hat«, sagte ich.
»Eins kann ich dir noch sagen«, bemerkte sie. »Glyco wohnt bei den Wächtern aus Port Cos in Hafennähe.«
»Nicht in einer Schänke?«
»Nein.«
»Interessant.«
»Außerdem heißt es, Glyco sei kein einfacher Kaufmann, sondern bekleide im Kaufmannsrat von Port Cos eine hohe Stellung.«
»Ich frage mich, was ein solcher Mann in Victoria zu suchen hat – außer mit Callimachus zu sprechen.«
»Ich weiß es nicht, Herr.« Und abrupt drängte sie sich an mich, getrieben von dem hilflosen Begehren einer Sklavin.
Ich nahm sie in die Arme.
Später lagen wir nebeneinander, ihr Kopf ruhte auf meiner Hüfte.
»Die Festung des Polycrates ist uneinnehmbar«, sagte sie plötzlich. »Du mußt die Frau vergessen.«
»Woher weißt du, was ich denke?« fragte ich lächelnd.
»Sklavinnen müssen wissen, was Männer bewegt«, erwiderte sie, »denn sie sind ihre Herren.«
Ich lächelte. Ihre Worte entsprachen der Wahrheit.
»Zweifellos trägt sie längst die Stahlreifen eines Vergnügungsmädchens bei den Piraten.«
Ich hielt das für nicht unwahrscheinlich.
»Du hast Geld«, sagte Peggy. »Kauf dir ein anderes Mädchen, das dich zufriedenstellt.« Sie rückte dicht an mich heran. »Kauf Peggy, wenn du möchtest«, flüsterte sie mir ins Ohr.
»Möchtest du, daß ich dich kaufe?«