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»Es tut mir leid«, sagte ich, »daß ich dich mit so grausamen Worten bedacht habe. Das war nicht recht von mir. Ich war wütend und frustriert. Es tut mir ehrlich leid.«

»Bemitleidest du mich?« fragte er.

»Ja.«

Von einem eiskalten Willen getrieben, voller Zorn, stemmte er sich langsam und unsicher hoch. In seinen Augen loderte eine schreckliche Wut. »Du bemitleidest mich? Mich?«

»Ich weiß, daß du in Ungnade gefallen bist«, sagte ich, »daß dir das Rot genommen wurde. Es ist nicht deine Schuld. Ich werfe dir nichts vor.«

»Das Rot kann mir von niemandem genommen werden, wenn es erst einmal verliehen ist«, sagte er gepreßt. »Es sei denn, durch das Schwert.«

Er riß die Tunika auf, die er trug, und enthüllte darunter das scharlachrote Gewand, das in der Dunkelheit schwärzlich wirkte.

»Dies«, sagte er, »kann man mir nur mit dem Schwert entreißen. Wer das will, muß dazu erst einmal den Mut aufbringen.«

»Du bist am Ende«, sagte ich. »Trink.«

Bestürzt und ärgerlich blickte er auf die Flasche, die er in der rechten Hand hielt.

»Du hast den Namen des Kriegers vergessen«, fuhr ich fort, »der in Port Cos geboren wurde. Ihn gibt es nicht mehr. Trink!«

Nun nahm der Mann die Flasche in beide Hände und hob sie hoch. Lange Zeit starrte er sie an. Plötzlich wölbten sich seine Schultern vor, und er stöhnte schmerzvoll auf. Langsam und voller Pein richtete er seinen Körper auf. Er hob seinen Kopf den goreanischen Monden entgegen und äußerte einen verquälten, wilden Schrei, der durch die dunkle Gasse hallte. Was als Schmerzensschrei begann endete in einem Aufheulen des Zorns. Er drehte sich um und zerschmetterte mit abrupter Bewegung die Flasche an der Mauer hinter sich. Glassplitter trafen und verletzten ihn, der herumspritzende Paga benetzte sein Gewand.

»Ich erinnere mich an ihn«, sagte er.

»Wie hieß er?«

»Callimachus. Er hieß Callimachus und stammte aus Port Cos.«

»Ist er fort?« wollt ich wissen.

Mit abrupter Bewegung schmetterte der Mann beide Fäuste gegen die Mauer. »Nein«, sagte er mit schrecklichem Nachdruck. Blut lief über seine Hände, dunkle Ströme zwischen seinen Fingern.

»Wo ist er?«

Langsam drehte sich der Mann zu mir um. »Er ist hier«, antwortete er. »Ich bin dieser Mann.«

»Das freut mich zu hören.« Ich bückte mich, nahm die zu Boden gefallene Klinge auf und reichte sie ihm. »Dies«, sagte ich, »gehört dir.«

Er steckte das Schwert in die Scheide. Dann musterte er mich lange Zeit. »Du hast mir einen Dienst erwiesen«, sagte er. »Wie kann ich dir das vergelten?«

»Ich habe einen Plan«, sagte ich. »Lehre mich den Umgang mit dem Schwert.«

22

Verziert mit Glöckchen und anderem Schmuck, tanzte die nackte Sklavin auf den roten Kacheln der großen Halle.

Policrates, der neben mir an dem breiten, niedrigen Tisch saß, hielt nachdenklich die beiden Stücke des gelbbraunen Steins zusammen, die beiden Hälften des zerteilten Topases. Und wieder überraschte und beeindruckte es mich zu sehen, wie sich aus den bräunlichen Verfärbungen in den beiden Steinsplittern, sobald sie zusammengeführt wurden, die Umrisse einer Flußgaleere herausschälten. Kein Zweifel war möglich – es waren die beiden zusammengehörigen Hälften eines Steins.

»Faszinierend«, sagte Policrates. »Und wie geht es meinem Freund Ragnar Voskjard?«

»Gut«, antwortete ich, »und er läßt natürlich auch nach deinem Wohlergehen fragen.«

»Mir geht es ebenfalls gut«, sagte Policrates, »und du kannst ihm bei deiner Rückkehr versichern, daß ich begierig bin, unser gemeinsames Vorhaben in die Tat umzusetzen.«

»In zwanzig Tagen«, sagte ich, »stehen wir vor eurem Wassertor – diese Zeit benötigen wir für meine Rückkehr und die Ausrüstung unserer Schiffe.«

»Ausgezeichnet«, sagte Policrates.

»Wir werden dann nach Ar-Station vordringen, um die dortigen Vorräte einzukassieren und die Ar-Schiffe zu verbrennen. Anschließend werden wir Port Cos entsprechend heimsuchen. Sind diese beiden größten Häfen erst einmal lahmgelegt, gehört der Fluß mehr oder weniger uns.«

»Eine amüsante Vorstellung«, sagte Policrates, »daß die Animositäten zwischen Cos und Ar ein Zusammengehen ihrer Streitkräfte am Fluß verhindern.«

»Die Torheit unserer Gegner in dieser Hinsicht«, sagte ich, »müßte sich wesentlich zu unserem Vorteil auswirken.«

»Richtig!« rief Policrates lachend. »Darauf wollen wir trinken!«

Er hob seinen Kelch, und wir stießen an, dann beugte ich mich vor, langte mit meinem Kelch an Policrates vorbei und entbot meinen Gruß auch dem mürrischen Kliomenes, der rechts von Policrates saß. Dann tranken wir gleichzeitig. Kliomenes musterte mich aus zusammengekniffenen Augen.

Ich wandte mich ab und konzentrierte mich auf die Sklavin, die vor mir tanzte.

»Ich hatte damit gerechnet, daß mir der Topas eher geliefert würde«, sagte Policrates. »Ich habe Ragnar Voskjard vor mehr als fünfzig Tagen entsprechend Bescheid gegeben.«

»In der Festung Ragnars wurde hin und her überlegt«, antwortete ich. »Unternehmungen dieser Art beginnt man nicht leichtfertig. Außerdem wurde ich in Victoria aufgehalten. Es gibt in dieser Stadt viele Wächter aus Port Cos wie auch aus Ar-Station, und sie alle suchen nach dem Überbringer des Steins.«

»Mir wäre wohler«, sagte Kliomenes, »wenn ich dein Gesicht sehen könnte.«

»Die Maske, die ich trage, muß meine Identität schützen«, erwiderte ich.

»Kliomenes«, sagte Policrates, »es ist durchaus üblich, daß der Kurier, der den Topas bringt, in fremden Festungen seine Züge verhüllt. Die Geheimhaltung seiner wahren Person ist entscheidend für die Wirkung seiner Arbeit.«

»Vielleicht bin ich ja Ragnar Voskjard«, sagte ich zu Kliomenes.

Dieser zuckte sichtlich zusammen.

»Aber du bist es nicht«, warf Policrates ein, »denn Ragnar, ein schlauer Bursche, würde sich niemals auf eine so gefährliche Sache wie die Überlieferung des Topas einlassen.«

»Ich glaube, das kann man wohl sagen«, bemerkte ich grinsend. »Jedenfalls ist es richtig, daß ich nicht Ragnar Voskjard bin.«

»Du hast etwas an dir, das mir bekannt vorkommt«, bemerkte Kliomenes. »Sind wir uns schon einmal begegnet?«

»Vielleicht.«

»Siehst du, Kliomenes«, sagte Policrates, »unser Freund ist am Fluß vielleicht bestens bekannt. Wenn das stimmt, ist es weder in Ragnar Voskjards, noch in unserem noch in seinem Interesse, als Kurier des Topases erkannt zu werden. Sollte er in irgendeiner Stadt am Fluß eine hohe Stellung bekleiden, wäre seine Nützlichkeit für Voskjard und für uns wesentlich eingeschränkt, käme heraus, daß eine so wichtige Person mit Männern wie uns und Voskjard gemeinsame Sache macht.«

»Das stimmt«, sagte Kliomenes.

»Und wir können von der Gewißheit ausgehen, daß unser Freund in mindestens einer Stadt am Fluß gut bekannt ist.«

»Richtig«, sagte ich. In der Tat – in Victoria war ich einigermaßen bekannt.

Die Musik endete mit einem lauten Wirbel, und das Mädchen streckte sich mit klirrenden Glöckchen vor Policrates’ Tisch aus. Gleich darauf trat sie ab und wurde von einigen Piraten mit Beschlag belegt. Kurze Zeit später hörte ich sie vor Wonne stöhnen.

»Ich weiß, an wen du mich erinnerst«, sagte Kliomenes plötzlich.

»An wen?«

»An einen Tavernenraufer und Hafenarbeiter aus Victoria«, antwortete er. »Jason heißt er.«

Ich lächelte.

»Es gibt da in der Tat eine gewisse Ähnlichkeit«, sagte Policrates.

»Jason aus Victoria«, bemerkte Kliomenes, »kannte sich im Schwertkampf nicht aus.«

»Wie könnte ich es dann tun?« fragte ich.

»Zieh!« brüllte Kliomenes, sprang über den Tisch und riß seine Klinge heraus.

Gelassen wandte ich mich an Policrates. »Meine Identität dürfte ausreichend durch die Vorlage des Topases bestätigt sein«, sagte ich. »Du wirst doch nicht etwa glauben, jemand, der nicht der Gruppe Ragnar Voskjard angehört, könnte so wagemutig sein, den Stein zu dir zu bringen. Was hätte das für einen Sinn?«