»Deine Worte klingen logisch«, erwiderte Policrates, »trotzdem scheint es da eine Ähnlichkeit zu geben, wie mein Leutnant gesagt hat.«
»Das kann man doch wohl kaum mir anlasten!« rief ich lächelnd.
»Würde es dich schmerzen, es auf eine Probe ankommen zu lassen?« fragte Policrates.
Ich grinste. »Nein«, sagte ich. »Aber andererseits ist überall am Fluß bekannt, daß es sich bei Kliomenes um einen ausgezeichneten Schwertkämpfer handelt. Man muß mir schon verzeihen, wenn ich nicht begierig darauf bin, von ihm aufgespießt zu werden.«
»Zieh!« forderte Policrates lächelnd.
Ich warf meinen Umhang hinter mich und entblößte die Klinge, die ich an der Hüfte trug. Mit einem Fuß drückte ich den niedrigen Tisch zur Seite, wobei ich Kliomenes nicht aus den Augen ließ, damit er mich nicht angriff, während ich noch nicht bereit war.
Dies entging Kliomenes natürlich nicht.
Stille herrschte plötzlich in dem großen Saal. Die Piraten, die sich an den niedrigen Tischen ihrem Festmahl gewidmet hatten, hielten inne und beobachteten uns. Die Mädchen, die mit Tabletts und Gefäßen unterwegs waren, verharrten stumm und wandten die Köpfe in unsere Richtung. Es war schließlich so still, daß man das Knistern der Fackeln an den Wänden vernehmen konnte.
Plötzlich stieß Kliomenes zu, und ich parierte energisch, ohne ihn selbst treffen zu wollen.
Weitere dreimal hieb er los, und dreimal wehrte ich den Stahl ab.
An den Tischen entstand Gemurmel. Er war zu leicht abgewehrt worden. Zornig werdend, griff Kliomenes nun ernsthaft an. Drei oder vier Ehn lang hieb er wild auf mich ein. Schwitzend und voller Zorn senkte er schließlich sein Schwert. Absichtlich hatte ich energisch pariert, besonders in den letzten beiden Ehn. Beim Schwertkampf ist nicht nur Geschick vonnöten, man braucht auch Kraft – ein Umstand, der von vielen Laien nicht richtig verstanden wird. Die Anforderungen an die Kraft werden größer, je mehr sich die Auseinandersetzung in die Länge zieht. Man kann zwar eine Stahlklinge zur Seite ableiten, doch läßt sich das auch mit kräftigem Schwung machen, was dann einen zusätzlichen Kraftaufwand des Angreifers erfordert, seinen Stahl wieder in die Ausgangslage zu bringen. Um sich selbst zu schützen, muß er seine Klinge unter diesen Umständen durch einen größeren Bogen führen, und unter verstärktem Druck und mit größerem Tempo.
»Offensichtlich kann dieser Mann nicht Jason aus Victoria sein«, sagte Policrates lächelnd.
Zornig schob Kliomenes seine Klinge in die Scheide. Ich steckte meine Waffe ebenfalls wieder fort. Ich hatte jeden Versuch unterlassen, auf seinen Angriff einzugehen, und mich nur verteidigt. Auf diese Weise hatte ich das Risiko einer Blöße gemieden und war kaum in Gefahr gewesen, jedenfalls nicht in der kurzen Zeit des Kampf es. Natürlich ist es schwierig, einen Schwertkämpfer, der sowohl erfahren, als auch vorsichtig ist, zu treffen. Andererseits muß es über längere Zeit gefährlich sein, sich nur auf die Verteidigung zu verlassen. Zum einen könnte der Angreifer kühner werden und immer gefährlichere Attacken vortragen, unbeeinflußt von der Notwendigkeit, sich selbst zu schützen. Zweitens könnte natürlich die eigene Abwehr sich öffnen, besonders, wenn eine gewisse Zeit vergeht. Eine auch nur so geringe Unaufmerksamkeit konnte irreparable Schäden zur Folge haben. Wer sich nur auf die Verteidigung konzentriert und nicht selbst angreift, kann logischerweise nicht gewinnen – und dann muß er über kurz oder lang verlieren. Keine Mauer ist so dick, daß sie nicht eines Tages doch einbricht.
Kliomenes kehrte an seinen Platz zurück, während ich den Tisch wieder zurechtschob und mich ebenfalls setzte.
»Du scheinst erschöpft zu sein, Kliomenes«, bemerkte Policrates.
»Ich wollte ihn nur auf die Probe stellen«, sagte Kliomenes, »und bestimmen, ob er sich mit dem Schwert auskennt.«
»Und was ist dein Urteil?«
»Sein Schwertgeschick scheint angemessen«, äußerte Kliomenes.
»Den Eindruck hatte ich auch«, sagte Policrates lächelnd.
Ich war ihm sehr dankbar, meinem Lehrer, Callimachus aus Port Cos. In den letzten Tagen hatten wir vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung und auch noch beim Lampenschein den Schwertkampf geübt. Er hatte mir Techniken eingedrillt und Erwartungshaltungen und Reflexe und Besorgnisse und taktische Überlegungen. Ich glaube nicht, daß ich mich allzu ungeschickt anstellte. Dennoch waren mir die Grenzen meiner Fähigkeiten nur allzu klar bewußt. Großes Geschick im Umgang mit dem Stahl läßt sich nicht so einfach anlernen, insbesondere wenn es um die ganz feinen Unterschiede und Aspekte und zusätzlichen Dimensionen geht, die den großen Meister ausmachen.
»Ich wollte ihn nur auf die Probe stellen«, sagte Kliomenes, »ich wollte sehen, ob er das Schwert beherrscht. Töten wollte ich den Kurier Ragnar Voskjards nicht.«
»Das weiß ich natürlich«, sagte Policrates lächelnd. »Musik!« forderte er. »Und eine neue Tänzerin und Bedienung! Das Fest soll weitergehen!«
Die Musiker setzten ihr Spiel fort; die sinnliche, melodische, erregende wilde Musik Gors hallte von neuem durch den großen Raum.
Ich nahm einen Vuloschenkel und biß hinein. Daß ich insgeheim erleichtert war, ließ ich mir nicht anmerken. Kliomenes sprach weiterhin zornig dem Wein zu. Eine neue Sklavin erschien auf der Tanzfläche und begann einen Peitschentanz vorzuführen. Wenig bekleidete Sklavinnen erschienen an den Tischen und servierten Speisen und Getränke. Ich ließ meinen Blick zwischen ihnen herumwandern. Miß Beverly Henderson sah ich nicht, dafür aber mehrere andere, die ich sehr gern mein eigen genannt hätte.
»Wein, Herr?« fragte ein rothaariges Mädchen, das sich zwei Ledergurte um den Leib gebunden hatte.
»Brot, Herr?« fragte eine blonde Schönheit, kaum daß das andere Mädchen weitergegangen war. Sie hielt mir ein silbernes Tablett hin, auf dem dampfendes goreanisches Brot aus Sa-Tarna-Korn lag. Ich nahm ein Stück und goß mir aus dem kleinen Silbergefäß heiße Butter darüber. Dann schickte ich das Mädchen mit einer Kopfbewegung fort.
»Trotz allem«, sagte Kliomenes, »wäre mir lieber, wenn er keine Maske trüge.«
»Du mußt endlich begreifen«, sagte Policrates, »daß seine wahre Identität geheimbleiben muß.« Er deutete in die Runde. »Was sollte geschehen, wenn einer dieser Männer zum Verräter würde und später unseren Gast identifizierte und bloßstellte, etwa gegen Gold? Oder wenn sein Gesicht von einer Sklavin gesehen würde, die später, wenn sie verkauft oder verschenkt worden ist, dem Mann begegnet und ihn gegen ihren Willen durch ihre Reaktion verrät?«
Kliomenes nickte mürrisch und wandte sich wieder seinem Wein zu.
»Wissen denn hier sogar die Sklavinnen, daß ich Ragnar Voskjards Kurier bin?« fragte ich.
»Selbstverständlich«, erwiderte Policrates. »Dieses Fest wurde anläßlich deiner Ankunft angeordnet, zur Feier des Versprechens, das der Topas darstellt. Und selbst wenn das nicht so wäre, ist es schwierig, Gerüchte dieser Art in den Küchen und Gehegen zu unterbinden. Die kleinen Dirnen, auch wenn sie Ketten tragen, klatschen gern und erzählen jede Kleinigkeit sofort weiter.«
Ich lächelte.
»Fleisch, Herr?« fragte ein nacktes Mädchen, das neben mir kniete. Sie hielt mir ein Tablett mit kleinen Würfeln gerösteten Boskfleisches hin, in denen Spieße steckten. Ich nahm mehrere und tauchte sie vor dem Essen noch in eine Sauce, die auf demselben Tablett stand. Die kleinen Spieße legte ich anschließend wieder auf das Tablett.
»Glaubst du wirklich«, wandte sich Policrates an mich, »daß die Flotte des Ragnar Voskjard in zwanzig Tagen voll getakelt und ausgerüstet zur Stelle sein kann?«
»Ich sehe in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten«, versicherte ich ihm.
»Gut«, gab er zurück.