»Trauben, Herr?« fragte eine leise Mädchenstimme dicht neben mir. Ich schaute die Sklavin an, unterdrückte aber jede Reaktion. Es war die ehemals freie Frau, die auf den Piers von Victoria versklavt worden war. Eine unglaubliche Veränderung war mit ihr vorgegangen. Sie war lieblich anzuschauen, eine voll erblühte Frau, die sich ihrer selbst und ihrer Stellung klar bewußt war. »Herr?« fragte sie. Ich lächelte. Am liebsten hätte ich sie in die Arme genommen.
»Wie ich sehe, gefällt sie dir«, sagte Policrates. »Wenn du willst, kannst du sie später in deiner Kammer empfangen.«
»Vielleicht«, sagte ich achselzuckend.
Der Peitschentanz nahm seinen Fortgang.
»Obst, Herr?« fragte eine andere schüchterne Stimme vor mir. Das Mädchen hatte angstvoll den Kopf gesenkt.
»Sie hat Angst vor dir«, sagte Policrates, »denn sie weiß, daß du der Kurier Ragnar Voskjards bist. Außerdem ist sie vielleicht durch meine Nähe eingeschüchtert – sie weiß, welche Stellung ich hier innehabe. Sie ist neu und noch nicht richtig ausgebildet.«
Das dunkle Haar türmte sich locker auf ihrem Kopf. Ein geflochtenes gelbes Band hielt es zusammen.
»Exquisit, nicht wahr?« fragte Policrates.
Ich legte der Sklavin den Daumen unter das Kinn und hob ihren Kopf. Die sanften braunen Augen begegneten angstvoll meinem Blick. In ihnen stand ein Ausdruck, der mir von anderen Mädchen, die vor ihrem Herrn standen, bekannt war. Das fand ich interessant. Sie erkannte mich nicht.
Ich fand, daß Miß Beverly Henderson eine prächtige kleine Sklavin abgab.
»Ein hübsches Ding«, sagte ich und blickte hinter Miß Henderson her, die wir weitergeschickt hatten. »Wie nennst du sie?«
»Beverly.«
»Du bist grausam«, bemerkte ich lächelnd, »du gibst ihr einen Erdennamen.«
»Sie kommt von der Erde.«
»Oh.«
»Magst du Erdenmädchen?«
»Ja.«
»Die da ist noch ungeschliffen«, bemerkte er, »doch mit der Zeit wird sie sich zu einer ausgezeichneten Sklavin mausern.«
»Zweifellos.«
»Kliomenes hat sie in der Piratenkette, der Taverne des Hibron, aufgetan«, sagte er. »Sie glaubte sich bei ihm sicher und erzählte ihm, auf der Erde habe sie Beverly geheißen. Und, stell dir vor, sie lehnte die Hilfe eines Mannes ab, eines gewissen Jason aus Victoria, des Mannes, dem du ein wenig ähnlich siehst!«
»Ich verstehe.«
»Kliomenes brauchte nicht einmal Thassa-Pulver anzuwenden«, fuhr er fort. »Er schleppte sie einfach her, aber da war es für sie schon zu spät, ihren Irrtum zu erkennen.«
Als der Peitschentanz zu Ende ging, stand ich langsam auf.
»Das Fest hat doch eben erst begonnen!« rief Policrates lachend.
»Ich bin erschöpft«, sagte ich. »Ich glaube, ich werde mich zurückziehen.«
»Wie du willst!« sagte er. »Du hast eine lange Reise hinter dir. Ich werde dir natürlich ein Mädchen zum Waschen und für das Sonstige schicken.«
»Policrates ist großzügig.«
»Keine Ursache.«
Er stand auf. Gemeinsam blickten wir uns an den Tischen um.
»Such dir ein Mädchen aus«, sagte er.
»Am meisten würde mich Beverly interessieren«, sagte ich.
»Nimm dir eine andere«, sagte er.
»Warum?«
»Sie ist noch ungeschliffen, eine armselige Sklavin.«
»Trotzdem finde ich sie nicht ohne Reiz.«
»Na schön. Ich lasse sie dir in der nächsten Ahn ins Gemach schicken.«
»Sei bedankt, Policrates«, erwiderte ich. »Oh«, fuhr ich fort, »vielleicht würde ich gern in der Abgeschiedenheit meines Zimmers die Maske abnehmen!«
»Ich verstehe«, sagte er. »Ich werde ihr die Augen verbinden lassen.«
»Vielen Dank, Polic rates.«
»Keine Ursache.«
Ich verneigte mich vor meinem Gastgeber Policrates und auch vor seinem Leutnant und Vertrauten Kliomenes. Dann drehte ich mich um und suchte mein Gemach auf.
23
Ich träumte, Beverly Henderson läge nackt zu meinen Füßen.
Dann erwachte ich, verließ die Couch und ging darum herum.
Und dort lag Beverly Henderson. Sie schlief nicht. Sie erhob sich auf die Knie und neigte unterwürfig den Kopf.
»Es muß bald wieder Tag sein, Herr«, sagte sie. Genau wissen konnte sie es nicht, denn sie trug – wie schon die ganze Nacht – eine Augenbinde.
Ich nahm sie an den Oberarmen und hob sie hoch. Sanft nahm ich sie in die Arme und legte sie auf die Felle der Couch.
»Danke, Herr«, sagte sie, »daß du mir die Ehre deines Lagers gegeben hast.«
Ich schwieg. Ich hatte die ganze Nacht nichts gesagt, damit sie mich nicht erkannte.
»Mein Herr hat mich letzte Nacht heftig genommen«, fuhr sie fort. »Er brachte mir bei, daß ich eine Sklavin bin. Ich werde versuchen, ihm erneut zu gefallen. Ich gehöre meinem Herrn. Das gefällt mir sehr.«
Ich begann sie an Hals und Nacken zu küssen. Lachend neigte sie den Kopf zurück und keuchte, als ich in sie eindrang.
»Verlaß mich nicht, Herr!« flehte sie später. »Nimm mich mit, mach mich zu deinem Eigentum, mein goreanischer Herr! Ich gehöre dir. Nimm mich mit. Mein Herr Policrates würde mich bestimmt für dich freigeben, wenn du ihn nur darum bittest!«
Ich verließ die Couch und nahm meine Sachen vom Boden auf und legte sie an. Dann setzte ich wieder die Maske auf. Es klopfte an der Tür, und ich öffnete. Vor mir stand ein Pirat, der Mann, der gestern abend Beverly zu mir gebracht hatte und mich jetzt zum Frühstück holen wollte.
Ich wollte die Festung des Policrates schnellstens wieder verlassen, angeblich um flußabwärts zu Ragnar Voskjard zurückzukehren. Dieser sollte seine Flotte zum Auslaufen fertigmachen, und die vereinigten Piratenstreitkräfte wollten die Garnisonen von Ar-Station und Port Cos überwältigen und auf Hunderte von Pasang die Herrschaft am Fluß an sich reißen.
Ich nickte dem Piraten zu und bekundete ihm damit meine Bereitschaft, ihn zu begleiten.
Er blickte an mir vorbei zur Couch und zog ein überraschtes Gesicht. »Ist das Beverly?« fragte er. Neugierig schob sich der Mann an mir vorbei und trat vor das Mädchen hin, das angstvoll zurückwich. »Tatsächlich – es ist Beverly.« Sie zitterte. Er streckte die Hand aus und berührte sie an den Schultern. Sie erschauderte unter seiner Berührung und senkte den Kopf. »Was hast du mit ihr gemacht?« fragte er grinsend. »Gestern war sie noch eine versklavte Frau. Heute ist sie eine volle Sklavin. Ich würde sagen, du hast sie erheblich verbessert: ihr scheint aufgegangen zu sein, was es heißt, eine Sklavin zu sein. Was ist mit ihr geschehen?«
»Ein Herr hat mich besessen«, antwortete sie.
»Das ist offenkundig«, antwortete er und erhob sich. Dann wandte er sich grinsend zu mir um. »Policrates wird sich freuen«, sagte er und deutete mit einer Daumenbewegung auf das Mädchen.
Ich zuckte die Achseln. Ein Mädchen, das auf diese Weise erobert worden ist, weiß natürlich jedem Mann mehr zu geben.
Der Pirat wandte sich um. An mir vorbeigehend verließ er den Raum, und ich folgte ihm.
Ein letztesmal drehte ich mich zu Beverly Henderson um. »Herr!« rief sie mir jammernd nach, aus der Dunkelheit der Augenbinde, die kleinen Hände ausstreckend. »Herr!«
Dann trat ich über die Schwelle und schloß die Tür hinter mir. »Herr!« hörte ich sie weinen. »Herr!«
Und schon hatte ich sie zurückgelassen, ein Mädchen am Fuße einer Couch, eine einfache Sklavin, die einem Gast ihres Herrn gedient hatte.
24
»Fort mit dir, Sklavin«, sagte Tasdron, Besitzer der Taverne des Tasdron in Victoria, an der Straße des Lycurgus gelegen.
»Ja, Herr«, sagte Peggy, neigte unterwürfig den Kopf und entfernte sich mit anmutigen Schritten rückwärts, wie es sich für eine Sklavin gehörte. Sie war barfuß und trug einen kurzen Fetzen durchsichtige Vergnügungsseide. Das lange blonde Haar wurde von einem gelben Band zusammengehalten. Der enge Stahlkragen hob sich reizvoll von ihrem Hals ab. Das Klimpern der Sklavenglöckchen an ihrem linken Fußgelenk war leise und sinnlich. Sie zog sich in die entgegengesetzte Ecke des Raums zurück und kniete dort nieder.