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Callimachus, der mir gegenüber saß, betrachtete sie. Unfähig, dem Blick eines solchen Mannes zu begegnen, senkte sie den Kopf. Ich sah, daß sie zu zittern begonnen hatte, und lächelte vor mich hin. Mir war aufgefallen, wie sie Callimachus beim Bedienen gemustert hatte: in ihren Augen hatte die Liebe einer hilflosen Sklavin geleuchtet. Ich erinnerte mich an ihre Bemerkung, daß es nur einen Mann gebe, dem sie lieber gehören würde als mir, und daß er sie bisher kaum oder gar nicht wahrgenommen habe. Ich hatte nicht nach dem Namen gefragt. Jetzt aber war ich sicher, hinter ihr Geheimnis gekommen zu sein. In ihrem Herzen war das versklavte Erdenmädchen die Liebessklavin von Callimachus, dem Krieger, der einmal Port Cos gedient hatte. Sie wagte es nicht, ihm ihre Gefühle zu offenbaren. Sie wollte nicht ihr Leben verlieren. Folglich durfte sie ihn nicht anders behandeln wie jede normale Sklavin, die ihn im Lokal ihres Herrn Tasdron bediente. Trotz ihrer Schönheit und seiner häufigen Besuche in der Taverne hatte er sie noch nicht in eine Nische zu sich kommen lassen. Im Elend seiner Verkommenheit, das ihn lähmte und unentschlossen machte, hatte er sich lieber dem Selbstmitleid und den halluzinatorischen Tröstungen des Pagas ergeben, als sich der frohlockenden, stolzen Willensäußerung zu widmen, als dominierender Mann, gegenüber den Herzen und Körpern zuckender Sklavinnen. Als er dann doch zu den Ehrenvorstellungen seiner Kaste zurückgekehrt war, hatte er sich vorgenommen, solche Rechte und Siege und Freuden und Triumphe gegenüber Sklavinnen zurückzustellen, bis gewisse in Aussicht genommene Dinge erledigt waren. Und wegen dieser Pläne hatten wir uns an diesem Abend in der Taverne des Tasdron zusammengefunden.

»Euch ist natürlich klar«, sagte Tasdron, »daß es für mich schon gefährlich ist, von solchen Dingen auch nur zu wissen.«

Callimachus wandte den Blick von dem Mädchen ab. Sie war nur eine Sklavin.

»Sollten Männer wie Kliomenes oder Policrates erfahren, daß wir hier solche Themen besprechen, dürfte meine Taverne im Handumdrehen ein Opfer der Flammen sein, wenn nicht gar Schlimmeres passiert.«

»Das wissen wir natürlich, Tasdron«, sagte Callimachus. »Die Gefahr, in der du schwebst, kennen wir.«

»Die Gefahr für dich dürfte allerdings viel größer sein«, bemerkte der Wirt.

»Wir akzeptieren die Risiken«, meinte Callimachus.

»Dann will ich darin nicht zurückstehen«, erklärte Tasdron.

»Gut.«

Wir unterhielten uns leise. Wir saßen an einem kleinen Tisch im Hinterzimmer von Tasdrons Taverne. Callimachus hatte seine Wiederauferstehung als Kämpfer vor den Victorianern geheimgehalten. Wenn er sich in der Öffentlichkeit zeigte, waren seine Schultern noch immer gebeugt, sein Blick war verschleiert, sein Schritt unsicher, seine Hände zittrig. Nur in Augenblicken wie diesem, wenn er mit Vertrauten zusammen war, saß und sprach er wie ein echter Krieger. Victoria kannte ihn als gefallenen Mann, als Besiegten, der den Kodex seiner Kaste nicht mehr ernst nahm, als jemand, der träge und jammernd in seinen eigenen Fallen saß. Nach wie vor galt er als Herumtreiber und Trunkenbold - und dabei wollten wir es im Interesse unserer Pläne lassen. Die Victorianer wußten nicht, daß der einst tief Gesunkene wieder aufgestiegen war; daß er sich wieder voller Stolz nach den Regeln und Vorstellungen seiner Zunft richtete, daß die Fesseln, mit denen er sich vor langer Zeit schmerzvoll und doch auch geschickt selbst eingeschnürt hatte, längst zerrissen und abgeworfen worden waren, daß er sich gleichsam wie ein erzürnter Larl aus einem Netz befreit hatte, das zu schwach für ihn geworden war. Er hatte sich daran erinnert, daß er Callimachus war, Angehöriger der Kriegerkaste, ein Mann, dem der Stahl und das rote Tuch dieser stolzen Vereinigung anvertraut worden war. Ich nahm nicht an, daß er diese Dinge jemals wieder vergessen würde.

»Ich habe mit Glyco, dem Kaufmann aus Port Cos gesprochen«, berichtete Callimachus. »Er wird Callisthenes holen, Hauptmann der Soldaten aus Port Cos in Victoria, beauftragt mit der Suche nach dem Topas. Er wird zur zwanzigsten Ahn hierher kommen.«

»Er muß sich verkleiden«, forderte Tasdron. »Überall gibt es Spione.«

»Das wird Glyco ihm schon klarmachen«, meinte Callimachus.

Ich beobachtete Peggy, das langhaarige, langbeinige blonde Sklavenmädchen von der Erde, das vor der gegenüberliegenden Mauer kniete. Ihre Schultern zuckten, so heftig schluchzte sie. Sie war dem Manne so nahe, den sie rückhaltlos und verzweifelt liebte; trotzdem durfte sie als hilflose Sklavin kein Wort darüber verlieren.

»Hast du unter den Männern aus Victoria herumgehorcht?« wandte sich Callimachus an Tasdron. »Gibt es in der Stadt Unterstützung für unser Tun?«

»Ich habe mich auf das Unauffälligste erkundigt«, sagte Tasdron bedrückt, »aber ich fürchte, wir haben hier bei gefährlichen Machenschaften dieser Art mit wenig Hilfe zu rechnen.«

»Dann können wir aus Victoria also keine Hilfe erwarten?« fragte Callimachus.

»Nein.«

Mein Blick kehrte zu dem Mädchen an der Wand zurück. Sie, eine Sklavin, war dorthin verbannt worden, damit sie das Gespräch von Männern und Sklavenherren nicht mithören konnte. Gleichzeitig war sie dicht genug bei uns, um schnellstens zu neuem Dienst herbeigerufen zu werden. Sie weinte immer noch. Ich wandte den Blick ab. Sie war ja nur eine Sklavin, und Sklavinnen hatten keine Bedeutung.

»Wir müssen dafür sorgen, daß Aemilianus, Hauptmann der Streitkräfte von Ar-Station in Victoria, ebenfalls heute abend an diesem Treffen teilnimmt«, sagte Callimachus.

»Sicher ist es deiner Aufmerksamkeit nicht entgangen«, sagte Tasdron lächelnd, »daß Cos und Ar sich derzeit im Kriegszustand befinden.«

»Nein«, erwiderte Callimachus. »Trotzdem meine ich, daß die gemeinsamen Flußinteressen von Port Cos und Ar-Station, und auch von Cos und Ar selbst, dazu führen müßten, daß unser Plan gründlich geprüft wird.«

»Die Verantwortlichen aus Port Cos und Ar-Station würden sich eher gegenseitig an die Kehle fahren, als sich in Victoria zu einem Wein zusammenzusetzen«, meinte Tasdron.

»Die Probleme von Port Cos sind nicht identisch mit denen, die Cos hat«, widersprach Callimachus, »und das gleiche gilt für die Probleme der Ar-Station gegenüber denen von Ar.«

»Genaugenommen ist Ar-Station ein Vorposten Ars«, sagte Tasdron. »Ganz im Gegensatz zu Port Cos, bei dem es sich um eine Kolonie handelt und dessen Bindungen zu Cos weitgehend historisch und kulturell betont sind.«

»Dennoch sind Wächter dieser beiden Instanzen seit Wochen in Victoria und haben keine Anstrengung unternommen, gegeneinander vorzugehen.«

»Vielmehr sind sie sich geflissentlich aus dem Weg gegangen«, sagte Tasdron nachdenklich.

»Die Lage der Hauptquartiere dürfte beiden Seiten bekannt sein«, meinte Callimachus.

»Stimmt«, räumte Tasdron ein.

»Und doch hat keiner die Stellung der anderen gestürmt.«

»Stimmt«, wiederholte Tasdron.

»Hast du dann nicht auch den Eindruck, daß die Soldaten andere Dinge im Sinn haben, die wichtiger sind als die Differenzen, die zwischen beiden Städten bestehen?«

»Mag sein.«

»Ich unterstelle, daß die Sicherheit am Fluß beiden wichtiger ist als die fernen Kriege ihrer Verbündeten«, meinte Callimachus.

»Das mag stimmen«, sagte Tasdron, »aber es wäre doch auf keinen Fall etwas, was man offen zugibt.«

»Was könnte klarer darauf hindeuten, als die Anwesenheit beider Parteien in Victoria, ohne daß es zu Auseinandersetzungen gekommen ist?«

»Aemilianus wird sich niemals mit uns besprechen, wenn er erfährt, daß auch Callisthenes an den Beratungen teilnehmen soll, ebenso wird Callisthenes an keinem Treffen teilnehmen, zu dem jemand von Ar-Station kommt.«

»Keiner der beiden braucht vom Kommen des anderen vorher zu wissen«, sagte Callimachus.

»Und was wirst du tun, wenn sie die Wahrheit dann doch erfahren?«

»Versuchen, Blutvergießen zu vermeiden«, antwortete Callimachus.

»Ich hoffe, das wird dir gelingen«, sagte Tasdron düster. »Sollte Aemilianus oder Callisthenes in meiner Taverne getötet werden, würde der Vorfall der Aufmerksamkeit der verbündeten Wächter wohl kaum entgehen.«