Es war die achtzehnte Ahn, zwei Ahn vor der zwanzigsten Ahn, der goreanischen Mitternachtsstunde, zu der im Hinterzimmer von Tasdrons Taverne unser Geheimtreffen beginnen sollte. Ich hatte hinten mein Abendessen beendet und war dann, Callimachus und Tasdron im Gespräch zurücklassend, nach vorn in den großen Gastraum der Schänke gegangen. Bis zur zwanzigsten Ahn wollte ich mir die Füße vertreten.
»Wie ich sehe, bist du gut gesichert«, stellte ich fest.
»Mein Herr hat dafür gesorgt«, entgegnete sie stolz.
In Tasdrons Taverne gab es – wie in vielen Lokalen – an einer Wand eine Reihe von Ringen, an der man seine Sklaven festbinden konnte, während man speiste oder trank.
»Wie schön du bist!« sagte ich und ging neben ihr in die Knie. »Welch unglaubliche Veränderung!« Ich umfaßte ihr Kinn und drehte ihren Kopf hin und her.
»Du bist es eben nicht gewöhnt, mich in der Tunika und im Kragen einer Sklavin zu sehen«, sagte sie.
»Nein«, antwortete ich. »Hier ist weitaus mehr geschehen.« Ich senkte die Hand.
»Ja, Herr«, sagte sie lächelnd.
Mein Blick wanderte über sie dahin und registrierte die angenehmen Rundungen ihrer Brüste, die Flächen ihres Leibes, die Ausschwingungen ihrer Hüften, die liebliche Krümmung ihrer Oberschenkel, Knie und Waden, die kleinen, nackten Füße.
»Du bist erstaunlich schön, Florence«, sagte ich.
»Danke Herr«, erwiderte sie.
»Dein Herr hat dich gut angekettet – man hätte Mühe, dich zu stehlen«, fuhr ich lächelnd fort.
»Ja, Herr.«
»Dein Herr muß dich für sehr wertvoll halten.«
»Ich bin nur eine Sklavin«, sagte sie und senkte lächelnd den Kopf.
»Wer ist dein Herr?«
»Miles aus Vonda«, erwiderte sie.
»Das habe ich mir doch beinahe gedacht.«
»Er erstand mich bei einer Geheimauktion«, sagte sie, »die im Lager des Sklavenhändlers Tenalion stattfand.«
»Was hat er geboten?«
»Hundert Goldstücke«, sagte sie lächelnd und ohne den Kopf zu heben.
»Eitler kleiner Sleen!« rief ich lachend.
»Es stimmt«, beteuerte sie.
»Großartig! Ich selbst habe von Tenalion nur zehn Silber-Tarsks für dich erhalten.«
»Das Gold war zweifellos weitaus mehr, als ich wert war«, sagte sie.
»Nicht für Miles aus Vonda.«
»Nein.«
»Bist du glücklich?« fragte ich.
Hastig hob sie den Kopf. »O ja!« rief sie. »Ja! Ja, ich bin sehr glücklich, Herr!«
»Das freut mich für dich.«
»Als ich noch frei war, hatte ich keine Ahnung, daß Miles sich als echter Mann erweisen könnte. Hätte ich das auch nur geahnt, hätte ich mich ihm zu Füßen geworfen und um seinen Kragen gebeten.«
»Wärst du eine freie Frau geblieben, hätte er sich dir gegenüber niemals dermaßen als Mann erweisen können.«
»Das stimmt«, sagte sie. »Als freie Frau hätte er mich nicht behandeln können, wie er und ich es wollten.«
»Es freut mich, daß du glücklich bist«, sagte ich.
»Aber er ist streng mit mir«, fuhr sie fort. »Ich muß ihm in allem gehorsam sein.«
»Selbstverständlich.«
»Meine einzige Angst ist, daß er meiner überdrüssig wird oder mich verkauft«, sagte sie. »Ich gebe mir solche Mühe, ihm zu gefallen.«
»Er ist ein glücklicher Mann. Wie nennt er dich?«
»Florence.«
»Er gab dir deinen alten Namen als Sklavennamen. Wie geht es Miles aus Vonda?«
Ihr Blick umwölbte sich. »Er hat es zur Zeit sehr schwer«, entgegnete sie. »Krieger aus Ar kampierten bei ihrem Rückzug nach Süden auf seinem Besitz. Voller Zorn äußerte er sich in ihrer Gegenwart über Ar. Daraufhin brannten sie seinen Besitz nieder und trieben seine Hurt und Tharlarion auseinander.«
»Was macht er in Victoria?« wollt ich weiter wissen.
»Er ist auf dem Weg nach Westen, am Fluß entlang«, sagte sie. »Sein Ziel ist Turmus. Er hat dort Freunde, die einen Kredit für ihn aushandeln sollen; er will seinen Besitz wiederaufbauen.«
»Es ist gefährlich, auf dem Fluß zu reisen«, sagte ich. »Die Flußpiraten sind im Augenblick besonders kühn und aktiv.«
»Das Risiko müssen wir eingehen.«
»Wir groß ist sein Gefolge?« fragte ich. Davon hing natürlich die Sicherheit seines Vorhabens ab.
»Er hat nur mich und Krondar bei sich, einen Kampfsklaven.«
»Nur zwei?« fragte ich.
»Ja. Seine anderen Sklaven hat er verkauft, um Geld für die Reise aufzubringen.«
»Dich hat er aber nicht verkauft.«
»Er hat mich behalten«, sagte sie lächelnd und veränderte ihre Position an der Kette.
»Und Krondar.«
»Ja«, sagte sie. »Er mag Krondar, und am Fluß kann ein Kampfsklave sehr nützlich sein.«
»Das stimmt«, sagte ich.
Ich erinnerte mich an Krondar. Einmal hatte ich ihm sogar in der Kampfgrube gegenübergestanden; damals war ich ebenfalls Kampfsklave gewesen. Krondar war ein Veteran der Kampfarenen Ars. Er hatte sogar mit dem gespickten Knüppel und dem Klingenhandschuh gekämpft, ein untersetzter, rundlicher, kräftiger Mann. Gesicht und Oberkörper waren von zahlreichen Narben entstellt, unauslöschliche Spuren eines blutigen Lebenslaufes in den Arenen.
»Ihr solltet Victoria erst wieder verlassen«, sagte ich, »wenn mehrere Schiffe sich zu einem Konvoi nach Westen zusammenfinden.«
»Mein Herr ist ungeduldig«, sagte sie.
»Jedenfalls war es großartig, dich einmal wiederzusehen, Sklavin«, sagte ich.
»Ich möchte dir noch danken«, sagte Florence, »daß du mich vor langer Zeit gefangen und verkauft hast. Du hast mich zur echten Frau gemacht. Und ohne dich hätte ich niemals meinen Herrn kennengelernt, Miles aus Vonda.«
Ich stand auf und verließ die Taverne. Draußen sah ich mich um und entdeckte eine stämmige Gestalt, die neben einigen Bündeln an der Tavernenmauer hockte. Grinsend näherte ich mich dem Mann, der den Kopf hob und mich knurrend davor warnte, näherzukommen.
»Krondar!« sagte ich.
Der vernarbte Kopf hob sich noch mehr. Um den Hals lag ein breiter Metallreif. »Herr?« fragte Krondar.
»Nenn mich nicht ›Herr‹«, sagte ich. »Ich bin Jason, inzwischen in Freiheit lebend. Bei Vonda haben wir einmal gegen dich gekämpft.«
»Frei?« fragte das Monstrum und kniete nieder.
Ich zog ihn hoch. »Ich bin Jason«, sagte ich. »Erinnerst du dich an Jason?«
Der Sklave musterte mich im Mondschein. Dann stieg ein dumpfes Lachen aus seiner Kehle auf. »Es war ein guter Kampf«, sagte er.
Im Mondschein umarmten wir uns. Gemeinsam war uns die Brüderschaft der Kampfarena.
»Es tut gut, dich wiederzusehen, Krondar«, sagte ich.
»Es tut gut, dich wiederzusehen – Jason«, antwortete er.
Abrupt wandte ich mich um, denn ich hörte hinter mir Stahl aus einer Scheide gleiten.
Ich erblickte Miles aus Vonda, der mich aufgebracht und mit gezogenem Schwert erwartete. Neben ihm stand seine liebliche Sklavin Florence in ihrer kurzen grauen Tunika. Ich trat einen Schritt von Krondar weg und wich ein Stück zurück. Miles aus Vonda folgte mir mit erhobenem Schwert.
»In der Taverne«, sagte er, »hast du da meine Sklavin belästigt?«
»Ich habe mit ihr gesprochen«, sagte ich.
»Zieh dein Schwert!« forderte er.
»Kennst du mich nicht?«
»Du bist Jason«, sagte er, »ehemals Kampfsklave.«
»Ja.«
»Zieh deine Waffe!«
»Bitte, Herr!« flehte die Sklavin. »Er wollte nichts Böses! Bitte!«
»Schweig, Sklavin!«
»Ja, Herr«, antwortete sie bedrückt.
Einige Männer waren Miles aus der Taverne gefolgt und beobachteten die Szene.
»Wird es nötig sein, dich zu töten, während dein Schwert in der Scheide steckt?« fragte Miles aus Vonda.
»Bitte nein, Herr!« weinte Florence, sank neben ihm in die Knie und umfaßte sein Bein. Er schob sie mit dem Fuß zur Seite. Weinend lag sie auf dem Pflaster. Sie hatte ohne Erlaubnis gesprochen. Sie hatte sich in die Angelegenheiten von Männern eingemischt. Zweifellos würde er sie dafür heute abend bestrafen.