»Zieh blank!« forderte Miles aus Vonda.
Die Menge der Zuschauer wurde größer. Ein Mann hatte zornig etwas gemurmelt, als er Miles’ Herausforderung hörte. Ich sah, daß mehrere die Hände auf die Schwertgriffe gelegt hatten. Voller Freude machte ich mir klar, daß diesen Burschen die Szene ganz und gar nicht gefiel. Peggy hatte mir gesagt, daß ich in Victoria nicht unbekannt sei. Nun ging mir auf, daß man mich aus dem Hafen kannte. Vielleicht hatte man auch erfahren, daß ich Grat den Dieb aus Victoria vertrieben und mich in der Taverne des Hibron - allerdings vergeblich – bemüht hatte, Miß Henderson aus großer Gefahr zu befreien. Vielleicht war ihnen auch bekannt, daß ich von meinem Unwillen über die Strafaktion der Piraten auf den Piers von Victoria keinen Hehl gemacht hatte. Mit einigen dieser Burschen hatte ich getrunken und gearbeitet.
»Zieh!« forderte Miles aus Vonda.
Ich glaube nicht, daß er die Gefahr erkannte, in der er schwebte. Mir ging es in dieser Lage vor allem darum, sein Leben zu retten.
»Ich hatte dich für einen Mann der Ehre gehalten«, sagte ich.
»Ich möchte doch hoffen, daß ich das bin«, antwortete Miles aus Vonda.
»Ich arbeite hier im Hafen«, sagte ich. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, daß Krondar sich herumdrehte, um mehrere Männer, die angespannt zuschauten, im Auge zu behalten. Wenigstens ahnte er die Gefahr, in die sich sein Herr begeben hatte. Kein Zweifel, Krondar würde gegen eine Übermacht vorgehen, auch wenn er dafür mehrere Schwerthiebe in die Brust empfangen würde. »Wie hätte ich dann, während ich auf den Piers arbeitete, die Zeit finden können, eine Schwertgeschicklichkeit zu entwickeln, die der deinen entspräche?«
Ärgerlich schob Miles aus Vonda das Schwert wieder in die Scheide. Er brauchte nicht zu wissen, daß ich mir viel Zeit genommen hatte, mich mit dem Schwert vertraut zu machen und daß ich dabei ein gewisses natürliches Geschick entwickelte. In Wahrheit, davon war ich überzeugt, wäre ich gegen den stolzen Vondaner durchaus nicht im Nachteil gewesen. Ich hätte gern gewußt, ob ich ihn hätte töten können. Andererseits wollte ich ihm nicht schaden. Und vor allem sollten die Victorianer nicht erfahren, daß ich das Schwert beherrschte. Jason, der Hafenarbeiter, in Victoria hier und dort bekannt, galt in dieser Beziehung als ahnungslos. So wie Callimachus weiter den Heruntergekommenen spielte, um unsere Pläne zu fördern, mußte ich mit meiner Unerfahrenheit im Kampf hausieren gehen.
»Ich werde dich nicht töten«, sagte Miles aus Vonda gereizt.
»Das ist eine wirklich erfreuliche Nachricht«, bemerkte ich.
Die Männer ringsum atmeten auf. Miles aus Vonda wußte es nicht, doch er hatte sich und Krondar soeben das Leben gerettet und womöglich auch das seiner Sklavin. Ein Dutzend Klingen hätten ihn durchbohrt, ehe er überhaupt an mich herangekommen wäre.
Ein Gefühl der Sympathie für die Männer aus Victoria wallte in mir auf.
»Krondar«, sagte Miles aus Vonda und deutete auf mich. »Schlag ihn zusammen.«
»Wenn du willst, Herr, greife ich ihn an«, erwiderte Krondar. »Aber schlagen kann ich ihn nicht.«
»Wie soll dann meiner Ehre Genüge getan werden?« fragte Miles aus Vonda und blickte mich an.
»Ich weiß es nicht«, antwortete ich.
Er kam auf mich zu und versetzte mir mit der rechten Hand eine schmerzende Ohrfeige. Anschließend spuckte er mich an. Männer schrien zornig auf. Krondar schnappte nach Luft. Florence wimmerte. Automatisch spannte ich die Muskeln an – aber darüber hinaus reagierte ich nicht.
Nun drehte sich Miles aus Vonda um und bedeutete Krondar mit einer Handbewegung, die Bündel aufzunehmen, die er bewacht hatte. Dann marschierte er in die Straße des Lycurgus, gefolgt von Florence und einige Schritte danach von Krondar mitsamt seiner Last.
Ich wischte meine Tunika ab und reinigte mir anschließend die Hand am Bein.
»Warum hast du ihm nicht das Genick gebrochen?« fragte einer der Männer.
»Er ist eigentlich ein netter Bursche«, antwortete ich. »Außerdem solltest du dir mal die Sklavin anschauen.« Wir blickten ihr nach, der kaum bekleideten, brünetten Schönheit, die ihrem Herrn auf dem Fuße folgte. »Wer wäre nicht eifersüchtig, wenn es um eine solche Sklavin ginge?«
»Vielleicht hast du recht«, sagte der Mann neben mir und grinste.
26
Wir schrieben die neunzehnte Ahn, eine Ahn vor der zwanzigsten Ahn, der goreanischen Mitternacht.
Ich war auf sträfliche Weise unvorsichtig. Ich hatte an Miles aus Vonda gedacht und an seine Sklavin, die ehemalige Lady Florence aus Vonda. Ich freute mich über ihr Glück und beneidete ihn ein wenig.
»Halt!« sagte da eine drohende Stimme.
In der Nähe eines Holzstapels auf einer Pier wirbelte ich herum. Ich befand mich in einer ziemlich einsamen Ecke. Gelegenheit, mein Schwert zu ziehen, hatte ich nicht. Der andere bohrte mir seine Klingenspitze bereits in den Unterleib. Vorsichtig wich ich zurück, bis ich mit dem Rücken am Holz stand.
»Du bist mir also gefolgt, Miles aus Vonda«, sagte ich. Er schwieg.
»Die Maske ist überflüssig«, fuhr ich fort. »Es ist hier dunkel, und wir sind allein.«
Das Schwert wurde einige Zoll weit zurückgezogen. »Nimm die Hände an die Seite und knie langsam nieder.«
Ich gehorchte.
»Und langsam, behutsam, legst du deinen Schwertgurt mitsamt der Klinge auf den Boden.«
Langsam ließ ich mir den Gürtel von den Schultern gleiten und legte ihn mit der Waffe auf die Bohlen.
»Du bist nicht Miles aus Vonda«, sagte ich, denn seine Stimme war mir fremd. »Wer bist du?« fragte ich. »Ein Räuber?«
Er schwieg. Ich behielt sein Schwert im Auge.
»Ich habe etwas Geld bei mir«, fuhr ich fort, »das gebe ich dir. Du brauchst mich nicht zu töten.«
»Sei kein Dummkopf«, antwortete er. »Wo ist er?«
»Wer?«
»Der Topas!«
»Du bist der Kurier von Ragnar Voskjard!« rief ich. Es mußte der Mann sein, der mir, um sich während der Durchsuchung der Taverne des Cleanthes zu schützen, den Topas in den Beutel geschoben hatte. Ich war im Inneren der Taverne nicht mehr durchsucht worden, weil ich – wie auch einige andere – kurze Zeit vorher schon außerhalb des Lokals nach dem Topas abgeklopft worden war. Vermutlich war der Kurier ein wichtiger Mann und seine Identität ein gut behütetes Geheimnis.
»Wo ist der Topas?« fragte er nachdrücklich.
»Du warst es, nicht wahr, der in mein Haus eindrang, es durchsuchte und die Lady Beverly eingehend nach dem Topas befragte!«
»Ich fand ihn dort nicht«, sagte er drohend.
»Aber du erhieltest etwas für eine Mühen«, erinnerte ich ihn. »Du brachtest Lady Beverly dazu, dich um deine Gunst anzuflehen, die du ihr dann höflicherweise nicht vorenthieltest.«
»Sie war nicht unattraktiv«, sagte er.
»Eine freie Frau zu vergewaltigen ist ein schlimmes Verbrechen«, sagte ich.
»Ich kenne mich mit Frauen aus«, antwortete er. »Sie war eine geborene Sklavin.«
»Dazu kann ich nichts sagen«, erwiderte ich.
»Lady Beverly wandte sich dann aber von dir ab und verständigte die Wächter von Port Cos, die ebenfalls dein Haus und deinen Garten absuchten – aber nichts fanden.«
»Du bist gut informiert«, stellte ich fest.
»Wo ist der Topas?« fragte er.
»In Sicherheit«, antwortete ich. Auf keinen Fall brauchte er zu wissen, daß ich den Stein, einem Plan folgend, Policrates persönlich ausgehändigt hatte.
»Möchtest du auf der Stelle sterben?«
»Wenn du mich tötest, wie willst du dann den Topas finden?«
Er zog das Schwert ein Stück zurück. »Ich habe dich beobachtet«, sagte er. »Dabei war ich sehr geduldig. Aber du führtest mich nicht zu dem Topas. Ich kann nicht ewig warten. Es gibt Leute, denen ich eine Antwort schulde.«
»Wenn ich dir den Stein aushändige, welcher Wert hätte dann mein Leben für dich?«
»Keinen.«
»Unter diesen Umständen verstehst du sicher, daß ich nicht begierig bin, dir den Stein zu überlassen.«
»Aber auch ich muß vielleicht sterben«, sagte er drohend, »wenn ich den Topas nicht ans Ziel bringe.«