»Du bist wirklich in keiner beneidenswerten Lage – wie ich.«
»Und da hätte ich wenig zu verlieren, wenn ich dich umbrächte.«
»Diese Tatsache ist mir nicht entgangen«, räumte ich ein.
»Es gibt aber eine einfache Lösung für unsere Schwierigkeiten«, meinte er, »eine Lösung, die im Interesse von uns beiden ist.«
»Indem du mich nämlich verschonst, wenn ich dir den Topas gebe.«
»Natürlich.«
»Aber welche Garantie hätte ich, daß du dich an eine solche Abmachung hältst?«
»Ich gebe dir mein Wort«, sagte er.
»Mit allem gebotenen Respekt muß ich anmerken«, sagte ich, »daß Piraten und alle, die sich mit ihnen verbünden, nicht gerade wegen ihrer Ehre bekannt sind.«
»Hast du eine andere Wahl?« fragte er und hob das Schwert.
»Ich zeige dir, wo ich den Topas versteckte habe.«
»Erhebe dich langsam!« befahl er. »Und geh langsam. Laß dein Schwert liegen.«
Ich richtete mich vorsichtig auf und begann behutsam und unbewaffnet zwischen den auf den Piers gelagerten Waren auszuschreiten. Er blieb hinter mir, und das blanke Schwert war kampfbereit erhoben. Wäre ich auf ihn losgegangen, hätte er mich niederschlagen können, ehe ich auch nur in seine Nähe kam. Und ich wagte ihm nicht wegzulaufen, da er mich vermutlich mit seiner Klinge noch erreicht hätte, ehe ich außer Reichweite war.
»Langsam, Langsam!« sagte er warnend.
»Hier ist das Versteck.« Und wirklich hatte ich den Stein dort verstaut gehabt. Natürlich hatte ich ihn später aus dem Versteck wieder herausgeholt, ehe ich ihn in die Festung des Policrates brachte. Vorsichtig griff ich nach einem der schweren rechteckigen Granitblöcke, die etwa sechs mal sechs mal achtzehn Zoll maßen und in einer Art Pyramide inmitten anderer Baumaterialien aufgestapelt lagen. Der ursprüngliche Käufer war aus dem Vertrag ausgestiegen, und die Steine sollten nun hier den Winter über neben dem Lagerhaus des Steinbruchs liegen, bis im Frühling ein guter Auktionspreis zu erzielen war. Das vorübergehende Festliegen der Steine und ihr Gewicht und ihr geringer Preis hatten mich bewogen, hier das ideale Versteck für den Topas zu sehen. Es lag überdies kaum mehr als vierhundert Meter von der Arbeitsvermittlung des Hafens entfernt, die ich morgens oft aufsuchte, um Beschäftigung zu finden.
»Niemand würde vermuten, daß der Topas hier versteckt ist«, sagte ich nachdenklich.
»Hast du ihn noch?« fragte der Mann hinter mir. Er war groß und hager. Auf den ersten Blick hatte ich ihn für Miles aus Vonda gehalten.
Mir ging auf, daß ich nicht mehr viel Zeit hatte. Vorsichtig bewegte ich einen anderen Stein. Dann nahm ich einen dritten in die Hände und gab mir den Anschein, als müsse ich mich damit abmühen.
»Du willst mich verschonen, wenn ich dir den Topas gebe«, sagte ich.
»Ja, ja!« rief er.
»Hier ist er«, sagte ich.
Er schlug mit der Klinge zu, und ich stieß im Umdrehen den Granitblock hoch, um den Hieb abzublocken. Funken sprühten, Gesteinssplitter flogen in alle Richtungen. Ich trat den Mann von dem Stein fort, den ich noch in den Händen hielt. Er torkelte rückwärts. Ich wartete, bis er aufrecht stand, bis er das Gleichgewicht zurückgewonnen hatte. Dann schleuderte ich von unten herauf den Granitblock in seine Richtung. An der linken Schulter wurde er getroffen. Er japste und wirbelte, von dem Stein gedreht, herum. Ich stürzte mich auf ihn, hielt aber inne, als er sich schnell herumdrehte. Sein Schwertstoß war um etwa einen Fuß zu kurz. Ich trat einen Schritt zurück. Er rückte nicht vor. Er atmete schwer. Sein linker Arm hing leblos herab. Vermutlich war seine ganze linke Schulter gelähmt.
»Ach, der Stein war doch nicht da«, sagte ich. »Ich scheine mich geirrt zu haben.«
Keuchend und taumelnd kam er auf mich zu. Ich machte kehrt und ergriff schnellfüßig die Flucht. Geschickt kehrte ich zu den Holzstapeln zurück, bückte mich und nahm das Schwert auf, das ich dort zurückgelassen hatte. Als ich mich umwandte, sah ich ihn langsam, mühsam folgen. Als er gewahrte, daß ich meine Klinge erhoben hatte, blieb er stehen. Diese Reaktion überzeugte mich, daß der Mann nicht aus Victoria stammen konnte. In Victoria glaubte man, daß ich mich mit dem Schwert nicht auskannte. Wäre er aus der Stadt gewesen, hätte er mich wohl trotz seiner Schmerzen angegriffen.
»Verräterischer Sleen!« fauchte er.
»Nicht ich habe heimtückisch mit dem Schwert zugeschlagen«, bemerkte ich.
»Sleen!« wiederholte er.
»Holla, zu Hilfe!« rief ich laut. »Heda, was tust du da? Wer bist du! Verschwinde von hier! Wir gestatten es nicht, daß sich auf diesen Piers Diebe herumtreiben!«
Der Mann erbebte vor Zorn und trat einen Schritt vor.
»Fort mit dir, du Dieb!« rief ich. »Fort!«
»Sei still, du Dummkopf!« sagte der Mann.
»Dieb! Dieb!« rief ich. »Hier stiehlt man nicht ungestraft, Bursche, du bist hier in Victoria!«
»Was geht hier vor!« rief eine Stimme weiter hinten an der Pier.
»Hilfe! Hilfe!« rief ich. »Ein Dieb!«
Ich schaute über die Schulter zurück und sah eine Laterne näher kommen. Zwei Männer näherten sich mit Sklaven.
»Sleen!« sagte der Mann mit der Maske, dann machte er kehrt und floh mit schnellen Schritten.
»Bist du das, Jason?« fragte einer der Näherkommenden.
»Ja«, erwiderte ich und steckte das Schwert fort.
»Was ist?«
»Ich habe da einen Mann auf den Kais herumschleichen sehen«, sagte ich. »Bestimmt führte er nichts Gutes im Schilde.«
»Er scheint fort zu sein«, sagte der erste Mann.
»Ja. Vorhin war er drüben beim Steinlager. Er machte sich am Granit zu schaffen, an der festliegenden Ladung.«
»Dort gibt es aber nichts Wertvolles zu finden«, meinte der zweite Mann.
»Da hast du recht«, sagte ich.
27
»Wir haben schon die zweite Ahn«, sagte Callimachus. »Sie kommen bestimmt nicht mehr.«
Peggy kniete vor Tasdron, ihrem Herrn. Noch immer trug sie die schwere Kette mit der Glocke und dem Münzkasten.
»Hast du getan, was Jason dir aufgetragen hat?« fragte Tasdron.
»Ja, Herr«, antwortete sie. »Ich suchte Aemilianus auf, Hauptmann der Wächter von Ar-Station. Kniend bot ich mich ihm dar.«
»Ja«, sagte Tasdron.
»Und bei dem Versuch, ihm zu gefallen, flüsterte ich ihm zu, daß ich von Männern gesandt worden sei, die das Versteck des Topases kennen. Wenn er Informationen darüber wünschte, sollte er heute nacht zur zwanzigsten Ahn in die Taverne kommen.«
»Du bist aber selbst erst um die erste Ahn zurückgekehrt.«
»Ich habe Aemilianus erst kurz vor der zwanzigsten Ahn gefunden.«
»Warum?« fragte Tasdron.
»Männer haben mich aufgehalten«, sagte sie. »Ich trug die Glocke und den Münzkasten.«
Ich wog das Kästchen in der Hand. Mehrere Münzen klapperten darin.
»Auch Aemilianus hatte seinen Spaß mit mir«, fuhr sie beschämt fort. Schließlich sprach sie vor Callimachus, den sie heimlich liebte.
»Hat er seine Münze bezahlt?« fragte Tasdron.
»Ja«, sagte sie errötend.
»Aber er ist jetzt nicht hier«, stellte ich fest.
»Als er mich wieder fortschickte«, berichtete sie, »sagte er nur, ich solle zu meinem Herrn zurückkehren. Ich weiß nicht, ob er kommt.«
»Bring uns zu essen und zu trinken«, wandte sich Tasdron an Peggy und nahm ihr die Ketten ab. »Wo ist Glyco?« fragte er, als das Mädchen verschwunden war. »Er brauchte doch nur Callisthenes zu holen, den er gut kennt. Das müßte keine Schwierigkeiten machen. Die beiden hätten vor über einer Ahn hier sein müssen.«
»Ich weiß es nicht«, sagte ich.
»Vielleicht sind sie in eine Falle gelaufen«, sagte Tasdron. »Überall gibt es Spione. Vielleicht sind unsere Pläne längst verraten.«
»Die Taverne steht noch nicht in Flammen«, bemerkte ich.
»Ach, wundervoll!« rief Tasdron gereizt.
Ich lächelte.
»Du verstehst doch, welche Gefahren solche Unternehmungen bringen, nicht wahr?« fragte Tasdron.