Callisthenes zögerte.
»Dies ist keine Falle?« fragte Aemilianus.
»Unsere größte Gefahr ist es, daß wir uns wie Feinde gegenüberstehen«, äußerte Callimachus.
»Meine Herren Offiziere!« flehte Glyco, »steckt die Waffen fort. Wir kommen zwar aus verschiedenen Städten, aber wir haben gemeinsame Interessen!«
Verwirrt, zögernd, senkte Aemilianus die Waffe und sah uns an.
»Wir wollen dir nichts tun«, sagte ich.
»Dies ist keine Falle?« fragte Aemilianus.
»Nein«, antwortete ich.
Callisthenes steckte das Schwert fort. Gleich darauf ruhte auch die Klinge des Aemilianus wieder in der Scheide.
»Kommt und setzt euch an den Tisch«, sagte Tasdron. »Wir haben viel zu besprechen.«
28
»Hätten wir bei den anderen mehr Unterstützung gefunden, könnten wir unser Projekt verwirklichen«, sagte Callimachus. »Wie die Dinge aber stehen, fürchte ich, daß wir es nicht schaffen.«
Das Deck der flachen Flußgaleere bewegte sich unter unseren Füßen, während sich das Schiff langsam durch die Nebenarme des Flusses auf die Festung des Policrates zubewegte. Das Bauwerk liegt etwa zwei Meilen vom eigentlichen Fluß entfernt.
»Dein ursprünglicher Plan war ausgezeichnet«, fuhr Callimachus fort. »Nach der Abänderung aber befürchte ich das Schlimmste.«
Callimachus und ich standen auf dem Vorderdeck der Galeere. Ich trug die Maske, die ich bereits in meiner Rolle als Kurier des Ragnar Voskjard getragen hatte. Ich kannte die Losungssätze und die dazugehörigen Antworten, die den Zugang zur Festung durch das Wassertor ermöglichten. Sie waren mir überlassen worden, damit Ragnar Voskjard sie bei seinem Einrücken in die Festung anwenden konnte. Ursprünglich hatte ich geplant, eine große Zahl von Schiffen zusammenzuholen, vorwiegend aus Port Cos und Ar-Station, um damit die Flotte des Ragnar Voskjard vorzutäuschen, die von Policrates erwartet wurde. Damals erschien es mir ziemlich einfach, genügend Männer – angeblich Kämpfer Ragnar Voskjards – in die Festung zu schmuggeln und Policrates damit zu überrumpeln. Er selbst kannte Ragnar Voskjard nicht. Es war ein kühner Plan, der mir aber vernünftig vorgekommen war. Callimachus, der sich in Kriegsdingen auskannte, hatte ihn gutgeheißen. Glyco und Tasdron, die man ehrlich nicht als leichtfertig bezeichnen konnte, waren ebenfalls davon angetan gewesen. Interessanterweise hatten aber die Krieger Callisthenes und Aemilianus von Gefahr und Unausgereiftheit gesprochen. Besonders Callisthenes war gegen meinen Plan gewesen.
Es war kurz vor der zwanzigsten Stunde, der goreanischen Mitternacht. Wolken standen am Himmel. Die drei Monde leuchteten hoch über den Bäumen, die den dunklen Wasserlauf säumten. In der Ferne machte ich die hohen schwarzen Mauern der Policrates-Festung aus, in denen das riesige Wassertor klaffte, eine schwere Eisengitterkonstruktion.
»Die Flotte Ragnar Voskjards«, hatte Callisthenes gesagt, »kann sich niemals mit der Flotte des Policrates vereinigen. Die Kette wird das verhindern.«
»Warum warst du dann so besorgt, daß der Topas in Policrates’ Hände fallen könnte?« wollte Glyco wissen.
»Die Angelegenheit war dem Kaufmannsrat sehr wichtig«, antwortete Callisthenes. »Ich tue nur meine Pflicht. Einige Abgeordnete glauben wohl nicht recht an die Wirksamkeit der Kette.«
»Und zu denen gehöre ich«, stellte Glyco fest. »Das ist mir bekannt«, sagte Callisthenes. »Ist die Kette inzwischen an Ort und Stelle?« fragte Glyco. »Ja«, gab Callisthenes zurück.
»Diese Arbeit muß dann aber ganz heimlich durchgeführt worden sein«, schaltete ich mich ein. In Victoria hatte ich noch nicht davon gehört – und das gleiche galt für Callimachus und Tasdron.
»Ich nehme es an«, gab der Offizier aus Port Cos zurück, »obwohl die Existenz der Kette in den Städten des Westens inzwischen bekannt sein dürfte.«
»Sie wurde in Cos geschmiedet, auf tausend Längen«, berichtete Glyco, »und über Land transportiert, um das Delta herum, und dann auf Galeeren von Turmus aus nach Osten. Die Fundamente und Stützen wurden vorwiegend bei Nacht errichtet. Die Kette liegt westlich von Port Cos und soll uns vor den Piraten schützen.«
»Sie ermöglicht es Port Cos auch, den Flußverkehr von Westen her zu kontrollieren«, sagte Tasdron gereizt.
»Wir stehen unter Druck von Cos«, sagte Glyco. »Persönlich bin ich nicht für die Kette. Als Kaufmann finde ich, daß ein freier Handel unseren Interessen am besten dient. Außerdem wird die Kette Port Cos bei ihren Schwesterstädten nicht gerade beliebter machen.«
»Soviel ist klar«, sagte Tasdron. »Victoria hat – wenigstens bisher – mehr auf der Seite Cos’ gestanden.«
»Wir aus Ar-Station hätten eine solche Kette niemals gezogen«, behauptete Aemilianus, und ich fand seine Bemerkung einigermaßen überflüssig.
»Möglicherweise habt ihr nicht den Weitblick oder die technischen Möglichkeiten«, bemerkte Callisthenes.
»Unsere Gedanken, meine Herrn Offiziere«, schaltete sich Callimachus ein, »müssen in diesem Augenblick den Gefahren gelten, die uns drohen – nicht der politischen Lage zwischen Cos und Ar.«
»Politische Lage!« rief Callisthenes. »Cos und Ar stehen im Krieg!«
»Weder Ar noch Ar-Station, Hauptmann«, sagte Aemilianus, »führen Krieg gegen Port Cos.«
»Das stimmt«, bemerkte Tasdron hastig. Und er hatte recht. Bei den goreanischen Stadtstaaten herrschte die klassische Kolonisationsform vor, die im Gegensatz stand zur typischen Kolonisierung von Flächenstaaten, die ihre Kolonien meistens voll und ganz beherrschen. Bildet eine goreanische Stadt eine Kolonie, gewöhnlich als Folge des Bevölkerungsdrucks oder eines internen politischen Streits, geben sich die Kolonisten noch vor der Abreise eine eigene Verfassung und Gesetze. Aus goreanischer Sicht ist in diesem Zusammenhang besonders wichtig, daß die Kolonie bei ihrer Gründung einen eigenen Heimstein erhält. So war der Heimstein von Port Cos nicht mit dem Heimstein von Cos identisch. Ar-Station dagegen hatte keinen eigenen Heimstein. Dies alles bedeutet natürlich nicht, daß die Kolonie normalerweise keine engen Bindungen zur Heimatstadt hat; dazu gibt es einfach zu viele kulturelle und historische Übereinstimmungen.
»Die Kette war ungewöhnlich teuer«, sagte Glyco, »und wird sich meiner Meinung nach als wirkungslos erweisen.«
»Sie wurde in Cos geschmiedet«, sagte Callisthenes.
»Langfristig wird man aber uns die Kosten aufbürden«, entgegnete Glyco.
»Das mag stimmen«, meinte Callisthenes, »aber schließlich profitieren wir am unmittelbarsten davon.«
»Wenn sie überhaupt einen Vorteil bringt.«
»Gewiß wird es Port Cos vorteilhaft finden, von den Übergriffen der Piraten verschont zu bleiben«, sagte Callisthenes.
»Die Kette ändert bestimmt nichts«, beharrte Glyco. »Deshalb bin ich ja auch nach Victoria gekommen. Ich wollte Callimachus bitten, uns in dieser finsteren Zeit, da der Topas auf Reisen gegangen ist, seinen Rat und seine Schwerthand zu leihen.«
»In Anbetracht der Existenz der Kette«, sagte Callisthenes, »ist der Topas ohne Bedeutung, wenn ich auch den Auftrag habe, ihn möglichst abzufangen, was mir dank unseres jungen Freundes nicht gelungen ist.« Callisthenes bedachte mich mit einem vielsagenden Blick. »Den Topas tatsächlich an Policrates auszuhändigen, grenzt beinahe an Idiotie!«
Ich zuckte die Achseln. »Du hast meinen Plan gehört«, sagte ich. »Wir wollen Schiffe zusammenholen und uns im Schutze der Dunkelheit als Ragnar Voskjards Flotte ausgeben, um dann in die Festung des Policrates einzudringen.«
»Ein törichter Plan!« sagte Callisthenes. »Man würde die Täuschung garantiert merken. Überall gibt es Spione. Die Piraten sind bestens informiert.«
»Nur die Anwesenden in diesem Zimmer kennen den Plan«, sagte ich.
»Wende dich mit deinem Plan an Aemilianus«, schlug Callisthenes vor. »Die Piraten am östlichen Vosk sind mehr seine Sorge als meine. Die Kette wird die Piraten des westlichen Vosk aus den Gewässern von Port Cos fernhalten.«