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Floras Ehemann war ein stämmiger Lastwagenfahrer mit Babygesicht. Er verbrachte die Abende in seinem Sessel, studierte den »National Enquirer« und ähnliche Blätter und nahm aus dubiosen Artikeln über Kontakte mit außerirdischen Lebewesen und über Schwarze Messen in Filmstarkreisen wertlose Tatsachen in sich auf. Seine Vorliebe für »exotische Nachrichten«, wie er sie nannte, wäre harmlos gewesen, wenn er so mit sich selbst beschäftigt gewesen wäre wie seine Frau. Aber Mike kam oft zu Laura, wenn sie im Haushalt arbeitete oder ausnahmsweise einmal Zeit hatte, ihre Hausaufgaben zu machen, und bestand darauf, ihr besonders kuriose Artikel vorzulesen.

Sie hielt diese Storys für dumm, unlogisch und sinnlos - aber das durfte sie Mike nicht sagen. Sie hatte die Erfahrung gemacht, daß er nicht beleidigt war, wenn sie seine Zeitungen als Schund bezeichnete. Statt dessen betrachtete er sie mitleidig und begann dann, ihr aufreizend geduldig und mit der auf den Nerv gehenden Besserwisserei, die nur sehr Gebildete und völlig Ungebildete an den Tag legen, den Lauf der Welt zu erklären. Ausführlichst. »Laura, du mußt noch viel lernen«, sagte er jedesmal. »Die wichtigen Leute, die in Washington an der Regierung sind - die wissen über außerirdische Lebewesen und die Geheimnisse von Atlantis Bescheid ...«

Trotz aller ihrer sonstigen Unterschiede hatten Flora und Mike eine Überzeugung gemeinsam: Ein Pflegekind nahm man nur auf, um sich ein kostenloses Dienstmädchen zu sichern. Laura sollte kochen, spülen, putzen, waschen und bügeln.

Ihre eigene Tochter - Hazel, ein Einzelkind - war zwei Jahre älter als Laura und gründlich verzogen. Hazel brauchte nie zu kochen, zu spülen, zu putzen, zu waschen oder zu bügeln. Obwohl sie erst 14 war, hatte sie perfekt gepflegte und lackierte Finger- und Zehennägel. Hätte man von ihrem Alter die Stunden abgezogen, die sie sich vor dem Spiegel bewunderte, wäre sie erst fünf Jahre alt gewesen.

»Am Waschtag mußt du meine Sachen zuerst bügeln«, erklärte sie Laura an deren erstem Tag bei den Teagels. »Und vergiß nicht, sie nach Farben geordnet in meinen Kleiderschrank zu hängen.«

Dieses Buch habe ich gelesen, diesen Film habe ich gesehen, dachte Laura. Großer Gott, ich spiele die Hauptrolle in Cinde-rella!

»Später werd’ ich mal ein großer Filmstar oder ein bekanntes Fotomodell«, sagte Hazel. »Deshalb sind mein Gesicht, meine Hände und mein Körper meine Zukunft. Ich muß gut auf sie achten.«

Als Mrs. Ince - die für Laura zuständige spindeldürre Sozialarbeiterin mit dem Spitzmausgesicht - der Familie Teagel am Vormittag des 16. September, einem Samstag, den angekündigten Besuch abstattete, wollte Laura sie auffordern, für ihre Rückkehr ins McIllroy zu sorgen. Die dort von Willy Sheener ausgehende Gefahr erschien ihr als geringeres Problem als der Alltag bei den Teagels.

Mrs. Ince traf pünktlich ein und sah Flora Geschirr spülen, was diese seit zwei Wochen zum erstenmal tat. Laura saß am Küchentisch und war scheinbar damit beschäftigt, ein Kreuzworträtsel zu lösen, das ihr jedoch erst in die Hand gedrückt worden war, als es klingelte.

Während des in Lauras Zimmer stattfindenden Gesprächs unter vier Augen, das zu Mrs. Inces Besuchsprogramm gehörte, weigerte die Sozialarbeiterin sich, ihr die Überlastung durch Hausarbeit zu glauben. »Aber Mr. und Mrs. Teagel sind vorbildliche Pflegeeltern, meine Liebe. Und du siehst nicht so aus, als würdest du ausgenutzt. Du hast sogar ein paar Pfund zugenommen.«

»Ich behaupte nicht, daß sie mich verhungern lassen«, sagte Laura. »Aber ich habe nie Zeit für meine Hausaufgaben. Ich falle jeden Abend erschöpft ins Bett und ...«

»Außerdem«, unterbrach Mrs. Ince sie, »sollen Pflegeeltern die ihnen anvertrauten Kinder nicht nur aufziehen, sondern auch erziehen, was bedeutet, daß sie ihnen Manieren beibringen, ihren Sinn für gute Werte wecken und sie zu Fleiß und Ordnung anhalten.«

Mrs. Ince war ein hoffnungsloser Fall.

Laura griff auf den Plan der Ackerson-Zwillinge - »Wie werde ich eine unerwünschte Pflegefamilie los?« - zurück. Sie begann, schlampig zu putzen. Hatte sie abgewaschen, war das Geschirr noch fleckig und schlierig. Sie bügelte Falten in Ha-zels Kleidungsstücke.

Da die Vernichtung des größten Teils ihrer Bücher ihre Achtung vor jeglicher Art von Eigentum erhöht hatte, brachte Laura es nicht über sich, Geschirrstücke oder sonstigen Besitz der Teagels zu zertrümmern, also ersetzte sie diesen Teil des Ackerson-Plans durch Frechheit und Verachtung. Für ein Kreuzworträtsel brauchte Flora eine Rinderrasse mit sechs Buchstaben, und Laura sagte: »Teagel«. Als Mike von fliegenden Untertassen erzählte, von denen er im »Enquirer« gelesen hatte, unterbrach sie ihn mit einer Fabel über Maulwurfsmenschen, die im hiesigen Supermarkt lebten. Und Hazel suggerierte sie, der große Durchbruch im Showgeschäft sei ihr sicher, wenn sie sich als Double für Ernest Borgnine bewerbe. »Du siehst ihm täuschend ähnlich, Hazel. Sie müssen dich einfach nehmen!«

Diese Unverschämtheiten brachten ihr sofort eine Tracht Prügel ein. Mike legte sie übers Knie und versohlte sie mit seiner breiten, schwieligen Hand, aber Laura biß sich auf die Unterlippe und weigerte sich, ihm die Befriedigung zu verschaffen, sie zum Weinen gebracht zu haben. »Das reicht, Mike«, sagte Flora, die von der Küchentür aus zugesehen hatte. »Man darf keine Spuren sehen.« Er hörte erst widerstrebend auf, als seine Frau ins Wohnzimmer kam und ihm in den Arm fiel.

In dieser Nacht fand Laura kaum Schlaf. Sie hatte erstmals ihre Sprachfertigkeit - die Macht des Wortes - genutzt, um eine erwünschte Wirkung zu erzielen, und die Reaktion der Teagels hatte bewiesen, daß sie sich darauf verstand. Viel erregender war jedoch der erst halb gefaßte, noch nicht ganz ausgeformte Gedanke, sie könnte die Fähigkeit besitzen, sich nicht nur mit Worten zu verteidigen, sondern eines Tages sogar ihren Lebensunterhalt damit verdienen - vielleicht sogar als Schriftstellerin. Mit ihrem Vater hatte sie darüber gesprochen, ob sie Ärztin, Ballerina oder Tierärztin werden sollte, aber das war nur Gerede gewesen. Keiner dieser Träume war so erregend gewesen wie die Vorstellung, Schriftstellerin werden zu können.

Als Laura am nächsten Morgen in die Küche kam, wo die drei Teagels beim Frühstück saßen, sagte sie: »He, Mike, ich hab’ vorhin entdeckt, daß im Klospülkasten ein intelligenter Tintenfisch vom Mars lebt.«

»Was soll das sein?« fragte Mike brummig.

»Eine exotische Nachricht«, antwortete sie lächelnd.

Zwei Tage später wurde Laura ins McIllroy Home zurückgebracht.

6

Willy Sheeners Wohnzimmer und sein Hobbyraum waren eingerichtet, als lebe hier ein ganz normaler Mensch. Stefan wußte nicht recht, was er eigentlich erwartet hatte. Vielleicht Anzeichen für eine Geisteskrankheit, aber gewiß nicht dieses saubere, ordentliche Heim.

Eines der beiden Schlafzimmer stand leer, das andere war entschieden merkwürdig. Die einzige Schlafgelegenheit war eine schmale Matratze am Fußboden. Die Bettwäsche, die aus einem Kinderzimmer zu stammen schien, war mit bunten Cartoonhäschen bedruckt. Nachttisch und Kommode waren mit Tierfiguren - Giraffen, Kaninchen und Eichhörnchen - bemalte blaßblaue Kindermöbel. Sheener besaß auch eine umfangreiche Sammlung von Bilderbüchern, Plüschfiguren und Spielsachen für Sechs- bis Siebenjährige.

Stefan glaubte anfangs, dieser Raum sei für die Verführung von Kindern aus der näheren Umgebung bestimmt, weil Sheener offenbar labil genug war, selbst auf heimatlichem Boden, wo das Risiko am größten war, nach Opfern Ausschau zu halten. Im ganzen Haus gab es jedoch kein weiteres Bett, und Kommode und Einbaukleiderschrank enthielten Männersachen. An den Wänden hing ein Dutzend gerahmter Photos eines rothaarigen Jungen, die ihn als Säugling und bis zum Alter von sieben oder acht Jahren zeigten - unverkennbar Willy Sheener. Allmählich wurde Stefan klar, daß diese Raumausstattung lediglich eine Macke des Hausbesitzers war. Der Spinner schlief hier allein. Beim Schlafengehen zog Sheener sich offenbar in eine Kindheitsphantasie zurück und fand in dieser gespenstischen allnächtlichen Rückverwandlung zweifellos den ersehnten Seelenfrieden.