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Am 30. März, einem Samstag, saß sie in Caswell lesend in ihrem Zimmer, als sie hörte, wie eine ihrer Zimmergenossinnen - ein weinerliches Mädchen namens Fran Wicken: - draußen im Flur mit einem anderen Mädchen über einen Brand sprach, bei dem Kinder umgekommen waren. Laura hörte nur mit halbem Ohr zu, bis das Wort »McIllroy« fiel.

Laura lief ein kalter Schauer über den Rücken, ihr Herzschlag jagte, und sie bekam feuchte Hände. Sie ließ das Buch fallen und stürzte auf den Flur hinaus, so daß die beiden Mädchen erschraken. »Wann? Wann hat’s gebrannt?«

»Gestern«, sagte Fran.

»Wie viele sind u-umgekommen?«

»Nicht viele, nur zwei, glaub’ ich, vielleicht auch nur eins -aber ich hab’ gehört, daß es nach verbranntem Fleisch gerochen hat. Muß doch scheußlich sein .«

Laura baute sich dicht vor Fran auf. »Wie haben sie geheißen?«

»He, laß mich doch!«

»Wie sie geheißen haben, will ich wissen!«

»Ich weiß keine Namen, Jesus, was hast du plötzlich?«

Laura wußte gar nicht, daß sie von Fran abließ und aus dem Heimgelände rannte, fand sich plötzlich mehrere Blocks weit von Caswell Hall entfernt auf der Katella Avenue wieder. Dort führte die Straße teilweise ohne Gehsteig durch ein Industrieareal, so daß Laura auf dem Bankett nach Osten weitertrabte, während der Verkehr rechts von ihr vorbeirauschte. Nach McIllroy waren es über acht Kilometer, und sie kannte die Strecke nicht, vertraute aber ihrem Instinkt, rannte solange, bis sie nicht mehr konnte, ging ein Stück und fiel dann wieder in Trab.

Vernünftigerweise hätte sie sich in Caswell an eine Heimerzieherin wenden und sie nach den Namen der bei dem Brand in McIllroy umgekommenen Kinder fragen sollen. Laura hatte jedoch die verrückte Vorstellung, das Schicksal der Ackerson-Zwillinge hinge einzig und allein von ihrer Bereitschaft ab, zu Fuß nach McIllroy zu gehen, um nach ihnen zu fragen. Wenn sie sich telefonisch nach ihnen erkundigte, würde sie erfahren, sie seien tot; nahm sie jedoch die Strapazen dieses Fußmarsches auf sich, würde sich herausstellen, daß die beiden in Sicherheit waren. Es war purer Aberglaube, aber Laura unterwarf sich ihm bedingungslos.

Die Abenddämmerung sank herab. An diesem Abend Ende März leuchtete der Himmel in einem schmutzigen Karmesin-und Purpurrot, und die Wolkenränder schienen in Flammen zu stehen, als Laura endlich das McIllroy Home vor sich hatte. Zu ihrer großen Erleichterung wies die Vorderfront des alten Herrenhauses keine Brandspuren auf.

Obwohl Laura schweißnaß war, vor Erschöpfung zitterte und bohrende Kopfschmerzen hatte, lief sie nicht langsamer, als sie das unbeschädigte Gebäude sah, sondern behielt ihr Tempo auch auf den letzten hundert Metern bei. Im Erdgeschoß be-gegneten ihr ein halbes Dutzend Heimkinder, und auf der Treppe kamen ihr drei weitere entgegen, von denen zwei sie anredeten. Aber sie blieb nicht stehen, um sie nach dem Brand zu fragen. Sie mußte sehen, was passiert war.

Erst auf dem letzten Treppenabsatz nahm Laura beißenden Rauchgeruch als Folge des Brandes wahr. Als sie oben die Korridortür aufstieß, sah sie, daß die Fenster an beiden Enden des Flurs im zweiten Stock offen standen und daß im Gang elektrische Ventilatoren aufgestellt worden waren, um die verpestete Luft nach beiden Richtungen hinauszubefördern.

Die Tür zum Zimmer der Ackersons wies einen neuen, grundierten Rahmen mit noch nicht lackiertem Blatt auf, aber die Wand um den Rahmen herum war rußig und rauchgeschwärzt. Ein handgemaltes Schild warnte vor Gefahren. Da keine Tür im McIllroy sich absperren ließ, ignorierte Laura das Warnschild, stieß die Tür auf, trat über die Schwelle und sah, was sie zu sehen befürchtet hatte: ein Bild der Verwüstung.

Die Flurbeleuchtung hinter ihr und das purpurrote Zwielicht vor den Fenstern erhellten den Raum nur unzulänglich, aber sie sah, daß die Überreste der verbrannten Möbel fortgeschafft worden waren: Das Zimmer war leer bis auf den scharfen Brandgeruch. Der rußgeschwärzte Fußboden war angekohlt, schien aber noch tragfähig zu sein. Die Wände waren rauchgeschwärzt. Die Türen des Einbaukleiderschranks waren verbrannt, einige Holzsplitter hafteten noch an den ausgeglühten Angeln.

Die Scheiben der beiden Fenster waren geplatzt oder von den vor den Flammen Flüchtenden eingeschlagen worden; sie waren provisorisch durch vor die Fenster genagelte durchsichtige Plastikfolien ersetzt worden. Zum Glück für die übrigen Heimkinder hatte das Feuer sich nicht durch die Wände, sondern durch die Zimmerdecke gefressen. Laura konnte in den Dachboden blicken. Undeutlich waren die mächtigen Eichenbalken zu erkennen. Der Brand war offenbar gelöscht worden, bevor die Flammen aus dem Dach schlugen, denn der Abendhimmel war nicht zu sehen.

Sie atmete laut keuchend - nicht nur wegen des anstrengenden Dauerlaufes von Caswell hierher, sondern weil panikartige Angst ihr die Kehle zuschnürte. Und bei jedem Atemholen bekam sie den Übelkeit erregenden Ruß- und Rauchgeschmack in die Kehle.

Als Laura in Caswell von dem Brand im McIllroy gehört hatte, war ihr die Ursache klar gewesen, obwohl sie sich diese nicht hatte eingestehen wollen. Tammy Hinsen war einmal mit einem kleinen Behälter Feuerzeugbenzin und Streichhölzern erwischt worden. Als Laura von der geplanten Selbstverbrennung gehört hatte, war ihr sofort klar gewesen, daß Tammy den ernsten Vorsatz gehabt hatte: Verbrennung wäre für sie die angemessene Form des Selbstmordes gewesen.

Bitte, lieber Gott, laß sie allein im Zimmer gewesen sein. Bitte!

Laura mußte wegen des Gestanks und Geschmacks würgen, wandte sich von dem ausgebrannten Zimmer ab und stolperte in den Korridor hinaus.

»Laura?«

Sie blickte auf und sah Rebecca Bogner vor sich stehen. Laura atmete stoßartig, weil der Brechreiz übermächtig zu werden drohte, aber sie schaffte es trotzdem irgendwie, die beiden Namen zu krächzen: »Ruth ... Thelma?«

Rebeccas trüber Blick schloß die Möglichkeit aus, die Zwillinge könnten heil geblieben sein, aber Laura wiederholte die Namen ihrer Freundinnen und merkte dabei, in welch mitleiderregendem Tonfall sie es sagte.

»Dort hinten«, sagte Rebecca und deutete zum Nordende des Korridors. »Im vorletzten Zimmer links.«

Wider besseres Wissen schöpfte Laura plötzlich neue Hoffnung, als sie zu dem angegebenen Zimmer lief. Drei der Betten waren leer, aber im vierten, auf das das Licht der Nachttischlampe fiel, lag ein Mädchen mit dem Gesicht zur Wand.

»Ruth? Thelma?«

Das Mädchen auf dem Bett stand langsam auf: eine der Ak-kersons, unverletzt. Sie war ungekämmt und trug ein mausgraues, stark verknittertes Kleid; ihr Gesicht war vom Weinen aufgequollen, sie hatte Tränen in den Augen. Sie trat einen Schritt auf Laura zu, blieb dann aber stehen, als ob selbst diese kleine Anstrengung schon zuviel wäre.

Laura stürzte auf sie zu, schloß sie in die Arme.

Sie verbarg ihr Gesicht an Lauras Schulter, drückte es gegen Lauras Hals und sprach endlich mit gequälter Stimme: »Oh, ich wollte, ich wär’s gewesen, Shane! Warum bin’s nicht ich gewesen, wenn’s eine von uns hat treffen müssen?«

Bis zu dem Moment, da sie sprach, hatte Laura sie für Ruth gehalten. Laura weigerte sich noch immer, das Schlimmste zu glauben.

»Wo ist Ruthie?«

»Tot. Ruthie ist tot. Ich dachte, du wüßtest, daß meine Ruthie tot ist!«

Laura hatte das Gefühl, in ihrem Innersten zerreiße etwas. Ihr Schmerz war so überwältigend, daß er nicht einmal Tränen zuließ. Sie stand stumm und betäubt da.

Sie hielten einander lange wortlos umarmt. Draußen ging die Abenddämmerung allmählich in Nacht über. Die beiden ließen sich auf der Bettkante nieder.