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An der Tür erschienen zwei weitere Mädchen. Dies war offenbar ihr Zimmer, aber Laura schickte sie mit einer Handbewegung fort.

Thelma starrte vor sich hin. »Ich bin von einem Kreischen aufgewacht«, erzählte sie mit leiser Stimme, »von einem schrecklichen Kreischen ... und von einem grellen Licht, das mich geblendet hat. Und dann ist mir klar geworden, daß unser Zimmer in Flammen stand. Tammy war in Flammen gehüllt, sie hat wie eine Fackel gebrannt! Sie hat brennend und kreischend im Bett um sich geschlagen ...«

Laura legte ihr den Arm um die Schultern und wartete schweigend.

». dann haben die Flammen sich plötzlich ausgebreitet -schschsch ging’s die Wand hinauf, ihr Bett brannte lichterloh, der Teppich hat zu brennen angefangen .«

Laura erinnerte sich, wie Tammy zu Weihnachten mit ihnen gesungen hatte und danach von Tag zu Tag ruhiger geworden war, als finde sie allmählich inneren Frieden. Jetzt war offensichtlich, daß dieser Friede die Folge ihres Entschlusses gewesen war, ihren Qualen endgültig ein Ende zu bereiten.

»Tammy hatte das Bett neben der Tür, die Tür brannte, deshalb schlug ich das Fenster über meinem Bett ein. Ich rief Ruth, sie ... s-sie hat geantwortet, sie kommt gleich, aber der Qualm war so dicht, daß ich sie nicht sehen konnte, und dann kam Heather Dorning, die in deinem früheren Bett schlief, zum Fenster, und ich half ihr raus, und dann sah ich durch den Rauch, daß Ruth versucht hatte, ihre Bettdecke über Tammy zu werfen, um die Flammen zu e-ersticken, aber die Decke hatte auch Feuer gefangen, und ich hab g-gesehen, wie Ruth ... wie Ruth ... Ruth in Flammen stand ...«

Draußen ging die purpurrote Abenddämmerung in eine sternenklare Nacht über.

Die Schatten in den Ecken des Zimmers wurden dunkler, bedrohlicher.

Der noch in der Luft hängende Brandgeruch schien stärker zu werden.

». und ich wollte hinlaufen, um sie rauszuholen, natürlich war’ ich hingelaufen, aber dann ist das F-Feuer explodiert, es hüllte das ganze Zimmer ein, und der Qualm war so schwarz und dicht, daß ich weder Ruth noch irgendwas sehen konnte ... Dann hörte ich Sirenen, laute Sirenen ganz in der Nähe, und redete mir ein, die Feuerwehr würde rechtzeitig kommen und Ruth retten, aber das ist eine L-L-Lüge gewesen, die ich einfach glauben wollte, und ... Ich hab’ sie dort drin zurückgelassen, Shane! O Gott, ich bin durchs Fenster abgehauen und hab’ Ruthie brennend, in F-F-Flammen zurückgelassen .«

»Du hast nichts anderes tun können«, versicherte Laura ihr.

»Ich hab’ Ruthie brennend zurückgelassen.«

»Du hättest ihr nicht helfen können.«

»Ich hab’ Ruthie im Stich gelassen.«

»Wem hätte es genützt, wenn du auch umgekommen wärst?«

»Ich hab’ Ruthie brennend zurückgelassen.«

Im Mai 1968, nach ihrem dreizehnten Geburtstag, kam Thelma ebenfalls nach Caswell Hall und bezog dort ein Zimmer gemeinsam mit Laura. Die Heimleitung war mit dieser Lösung einverstanden, weil Thelma unter Depressionen litt und auf keine Therapie reagierte. Vielleicht fand sie den benötigten Trost in ihrer Freundschaft mit Laura.

Laura bemühte sich monatelang verzweifelt, Thelmas Verfall aufzuhalten, ins Gegenteil zu verwandeln. Ihre Freundin wurde nachts von Alpträumen heimgesucht und quälte sich tagsüber mit Selbstvorwürfen. Die Zeit wirkte allmählich heilend, obwohl ihre Wunden sich niemals ganz schlossen. Thelmas Sinn für Humor kehrte langsam zurück, ihr Witz war wieder so ätzend wie früher, aber eine neue Art von Melancholie ergriff von ihr Besitz.

Die beiden teilten sich fünf Jahre lang ein Zimmer in Caswell Hall, bis sie aus staatlicher Vormundschaft entlassen wurden, um in Zukunft für ihr Leben ausschließlich selbst verantwortlich zu sein. In diesen Jahren hatten sie viel Spaß zusammen, das Leben war wieder schön, wenn es auch nie mehr so wurde, wie es vor dem Brand gewesen war.

11

Beherrschendes Objekt im Hauptlabor war das Tor, durch das man andere Zeitalter betreten konnte. Es bestand aus einem riesigen, trommelförmigen Zylinder von vier Meter Länge und zweieinhalb Meter Durchmesser, dessen blanke Edelstahlhülle mit polierten Kupferplatten ausgekleidet war. Der Zylinder ruhte auf Kupferblöcken einen halben Meter über dem Betonboden des Labors. Armdicke Elektrokabel führten zu ihm, und starke elektrische Felder ließen die Luft in seinem Inneren wie Wasser schimmern.

Kokoschka kehrte durch die Zeit ins Tor zurück und materialisierte sich im riesigen Zylinder. Er hatte an diesem Tag mehrere Zeitreisen unternommen, Stefan an verschiedenen Orten beschattet und endlich in Erfahrung gebracht, weshalb der Verräter so versessen darauf war, in Laura Shanes Leben einzugreifen. Jetzt trat er rasch aus dem Tor, vor dem ihn zwei Wissenschaftler und drei seiner eigenen Leute erwarteten.

»Das Mädchen hat nichts mit den Hochverratsplänen des Hurensohns, nichts mit seinen Versuchen zu tun, das Zeitreiseprojekt zu sabotieren«, stellte Kokoschka fest. »Sein Interesse an ihr ist persönlicher Natur - ein rein privates Unternehmen.«

»Nun wissen wir also, was er alles getan und weshalb er’s getan hat«, sagte einer der Wissenschaftler, »und Sie können ihn liquidieren.«

»Richtig«, bestätigte Kokoschka und trat ans Hauptprogrammierpult. »Nachdem wir jetzt alle Geheimnisse des Verräters aufgedeckt haben, können wir ihn liquidieren.«

Während Kokoschka am Programmierpult saß, um die Koordinaten eines anderen Raum-Zeit-Kontinuums einzugeben, in dem er dem Verräter auflauern konnte, beschloß er, auch Laura umzubringen. Das war keine schwere Aufgabe, die er allein erledigen konnte, weil er das Überraschungsmoment auf seiner Seite haben würde; er arbeitete ohnehin am liebsten allein, um das Vergnügen nicht mit anderen teilen zu müssen. Laura Shane stellte keine Gefahr für die Staatsführung und deren Pläne zur Umgestaltung der Zukunft der Welt dar, aber er würde zuerst sie umbringen, vor Stefans Augen, damit dem Verräter das Herz brach, bevor er es mit einer Kugel zum Stillstand brachte. Außerdem mordete Kokoschka gern.

Ein Licht im Dunkel

1

Am 12. Januar 1977, ihrem 22. Geburtstag, bekam Laura Shane mit der Post eine Kröte geschickt. Das Päckchen trug keinen Absender und enthielt kein Begleitschreiben. Als Laura die Geschenkpackung im Wohnzimmer ihres Appartements am Schreibtisch unter dem Fenster öffnete, ließ das helle Sonnenlicht des ungewöhnlich warmen Wintertages die hübsche kleine Keramikfigur aufleuchten. Die gut fünf Zentimeter große Kröte mit Stöckchen und Zylinder stand auf einem Keramiksockel, der ein Seerosenblatt darstellte.

Zwei Wochen zuvor hatte das Literaturmagazin ihrer Universität Lauras »Krötengeschichte« veröffentlicht - die Kurzgeschichte von einem Mädchen, dessen Vater phantasievolle Fabeln über einen erfundenen Sir Keith Kröterich aus England erzählte. Obwohl nur sie den wahren Hintergrund dieser Story kannte, mußte irgend jemand deren Wichtigkeit für sie intuitiv erfaßt haben, denn die grinsende Kröte mit dem Zylinder war außergewöhnlich gut verpackt. Sie war sorgfältig in Baumwoll-flies gehüllt, das mit einem roten Geschenkband verschnürt war. Darüberhinaus war sie in Kosmetiktücher gewickelt und in eine weiße Schachtel gelegt worden, die ihrerseits von zusammengeknüllten Zeitungen umgeben war und in einem festen Karton steckte. Nur um eine Keramikfigur zu schützen, die vielleicht fünf Dollar gekostet hatte, hätte sich niemand soviel Mühe gegeben - es sei denn, die sorgfältige Verpackung sollte darauf hinweisen, daß irgend jemand Lauras gefühlsmäßige Bindung zu ihrer »Krötengeschichte« zu würdigen wußte.

Um sich die Miete leisten zu können, teilte sie sich ihr Appartement in Irvine mit Meg Falcone und Julie Ishimina, zwei ihrer Kommilitoninnen im vorletzten Studienjahr, und dachte zunächst, eine von ihnen habe ihr die Kröte geschickt. Das war jedoch wenig wahrscheinlich, denn Laura war nicht eng mit ihnen befreundet. Die beiden waren mit ihrem Studium beschäftigt und hatten eigene Interessen; außerdem wohnten sie erst seit September mit Laura zusammen. Sie behaupteten, nichts von der Kröte zu wissen, und ihre Aussagen wirkten glaubwürdig.