Laura fragte sich, ob Professor Matlin, der die Redaktion des UCI-Literaturmagazins beriet, ihr die Keramikfigur geschickt haben könnte. Seit sie im zweiten Studienjahr an Matlins Seminar für kreatives Schreiben teilgenommen hatte, ermutigte er sie, ihre Begabung zu nutzen und ihren Stil zu verbessern. Da die »Krötengeschichte« ihm besonders gut gefallen hatte, konnte er ihr die Kröte als Ausdruck seiner Anerkennung geschickt haben. Aber weshalb ohne Absender? Ohne ein paar freundliche Zeilen? Und wozu die Geheimnistuerei? Nein, das war nicht Harry Matlins Art.
An der Universität hatte Laura einige Studienkollegen und -kolleginnen, aber daraus hatten sich aus Zeitmangel keine richtigen Freundschaften entwickelt. Das Studium, ihr Nebenjob und das Schreiben nahmen ihre ganze Zeit in Anspruch, sofern sie nicht aß oder schlief.
Ihr fiel niemand ein, der sich ihretwegen die Mühe gemacht hätte, die Kröte zu kaufen, einzupacken und anonym abzuschicken.
Ein Rätsel.
Am folgenden Tag hatte Laura von acht bis 14 Uhr Vorlesungen. Gegen 15.45 Uhr kam sie zu ihrem neun Jahre alten Chevy auf dem Parkplatz vor dem Hörsaalgebäude zurück, sperrte die Tür auf, glitt hinters Lenkrad - und sah zu ihrer Verblüffung eine weitere Kröte auf der Instrumentenabdeckung liegen.
Die smaragdgrüne Keramikfigur war fünf Zentimeter hoch und zehn Zentimeter lang. Die Kröte lag auf der Seite, stützte den Kopf in eine Hand und lächelte versonnen.
Laura wußte bestimmt, daß sie den Wagen versperrt hatte, und er war auch versperrt gewesen, als sie vorhin zurückgekommen war. Der geheimnisvolle Krötenverschenker hatte sich offenbar alle Mühe gegeben und die Autotür mit einem Dietrich oder Drahthaken geöffnet, um die Kröte auf so dramatische Art zurücklassen zu können.
Zu Hause erhielt die liegende Kröte einen Platz auf ihrem Nachttisch, auf dem schon die Figur mit Stöckchen und Zylinder stand. Laura verbrachte den Abend lesend im Bett. Von Zeit zu Zeit wanderte ihr Blick zu den Kröten hinüber.
Als sie am nächsten Morgen ihre Wohnung verließ, fand sie vor ihrer Tür eine kleine Schachtel. Sie enthielt eine weitere sorgfältig verpackte Kröte, diesmal aus Zinnguß, die mit einem Banjo auf einem Baumstamm saß.
Den Sommer über hatte Laura einen Ganztagsjob als Serviererin im »Hamburger Hamlet« in Costa Mesa, und während des Studienjahrs arbeitete sie dort drei Abende in der Woche. Das »Hamlet« war ein gutgehendes Hamburger-Restaurant, das zu vernünftigen Preisen gutes Essen in angenehmer Atmosphäre -Balkendecke, holzgetäfelte Wände, bequeme Stühle mit Armlehnen - bot, so daß die Gäste im allgemeinen zufriedener waren als in den Restaurants, in denen Laura früher bedient hatte.
Selbst wenn der Laden schäbig und die Gäste unfreundlich gewesen wären, hätte sie den Job behalten, denn sie brauche das Geld. An ihrem 18. Geburtstag vor vier Jahren war ihr eröffnet worden, daß ihr Vater bestimmt habe, aus seinem Nachlaß solle ein Treuhandfonds gebildet werden, auf den der Staat trotz seiner Aufwendungen im McIllroy Home und in Caswell Hall keinen Anspruch erheben dürfe. Seit damals konnte Laura über das Geld verfügen und hatte damit einen Teil ihres Studiums finanziert. Ihr Vater war jedoch nicht reich gewesen; selbst mit Zins und Zinseszinsen machte das Fondsvermögen nach sechs Jahren nur rund 12 000 Dollar aus - bei weitem nicht genug für vier Jahre Essen, Kleidung, Miete und Studiengebühren. Deshalb mußte Laura unbedingt als Serviererin dazuverdienen.
Am 16. Januar, einem Sonntag, hatte sie bereits die halbe Abendschicht im »Hamlet« hinter sich, als ein älteres Ehepaar Anfang Sechzig an einem ihrer Tische Platz nahm. Während die beiden die Speisekarte studierten, bestellten sie zwei Glas Michelob. Als Laura einige Minuten später das Bier brachte, sah sie auf dem Tisch eine Keramikkröte stehen. Vor Überraschung wäre ihr beinahe das Tablett aus der Hand gefallen. Sie starrte die beiden an, die jedoch nichts sagten, und fragte schließlich: »Sie haben mir also die Kröten geschenkt? Aber ich kenne Sie doch gar nicht - oder vielleicht doch?«
»Ah, das ist also nicht die erste?« wollte der Mann wissen.
»Das ist schon die vierte! Sie haben sie also nicht für mich mitgebracht? Aber sie ist vorhin noch nicht dagewesen. Wer hat sie hiergelassen?«
Er blinzelte seiner Frau zu, die Laura erklärte: »Sie haben einen heimlichen Verehrer, meine Liebe.«
»Wen?«
»Ein junger Mann, der dort drüben gesessen hat«, antwortete der Mann und zeigte auf einen der Tische, für die Lauras Kollegin Amy Heppleman zuständig war. Aber dort saß niemand mehr; soeben räumte ein ebenfalls hier angestellter junger Mann das gebrauchte Geschirr ab.»Sobald Sie weg waren, um unser Bier zu holen, ist er rübergekommen und hat uns gebeten, das hier für Sie zurücklassen zu dürfen.«
Diesmal war es eine als Weihnachtsmann verkleidete Kröte -allerdings ohne Bart - mit einem Spielzeugsack über der Schulter.
»Wissen Sie wirklich nicht, wer er ist?« fragte die Frau.
»Nein. Wie hat er ausgesehen?«
»Groß«, sagte der Mann. »Sehr groß und athletisch. Braunes Haar.«
»Und braune Augen«, ergänzte die Frau. »Sehr höflich.«
Laura starrte die Kröte in ihrer Hand an. »Diese Sache ist mir irgendwie ... unheimlich.«
»Unheimlich?« wiederholte die Frau. »Aber der junge Mann ist nur in Sie verknallt, meine Liebe.«
»Ob das alles ist?« fragte sie leise.
Um eine vielleicht bessere Personenbeschreibung des Krö-tenverschenkers zu erhalten, sprach sie Amy Heppleman am Salatbüfett an.
»Er hat eine Omelette mit Pilzen, einen Vollkorntoast und eine Cola gehabt«, sagte Amy, während sie mit der Salatzange aus rostfreiem Stahl zwei Schalen füllte. »Hast du ihn nicht dort sitzen gesehen?«
»Nein, er ist mir nicht aufgefallen.«
»Ein großer, kräftiger Kerl. Jeans. Blaukariertes Hemd. Zu kurzer Haarschnitt, aber sonst gar nicht übel, wenn man auf Muskelmänner steht. Ziemlich schweigsam, fast ein bißchen schüchtern.«
»Hat er mit einer Kreditkarte bezahlt?«
»Nein, bar.«
»Zum Teufel mit ihm!« sagte Laura.
Sie nahm die Weihnachtsmannkröte mit nach Hause und stellte sie zu den anderen.
Am Montagmorgen verließ Laura ihr Appartement, und wieder lag eine weiße Schachtel vor der Tür. Sie machte sie widerstrebend auf. Die Schachtel enthielt eine gläserne Kröte.
Als Laura an diesem Montag von der Uni heimkam, saß Julie Ishimina mit einer Zeitung am Tisch in der Eßnische und trank eine Tasse Kaffee. »Schon wieder eine«, sagte sie und zeigte auf ein Päckchen auf der Arbeitsfläche neben dem Ausguß. »Ist mit der Post gekommen.«
Laura riß die sorgfältig verpackte Sendung auf. Die sechste Kröte war eigentlich ein Krötenpaar - Salz- und Pfefferstreuer.
Sie stellte die beiden zu den übrigen Figuren auf ihrem Nachttisch, blieb lange auf der Bettkante sitzen und starrte ihre wachsende Sammlung stirnrunzelnd an.
An diesem Nachmittag rief sie kurz nach 17 Uhr Thelma Ak-kerson in Los Angeles an und erzählte ihr von den Kröten.
Da Thelmas Eltern ihr buchstäblich keinen Cent hinterlassen hatten, war sie gar nicht erst auf den Gedanken gekommen, eines Tages zu studieren; andererseits hatte sie diese Tatsache nie bedauert, weil das akademische Leben sie nicht interessierte. Nach der High School war sie sofort nach Los Angeles gegangen, um sich im Showgeschäft als Komikerin einen Namen zu machen.