Thelma verbrachte praktisch jede Nacht bis zwei Uhr morgens in diversen Künstlerclubs - im »Improv«, im »Comedy Store« und deren Nachahmern -, bemühte sich um unbezahlte Sechsminutenauftritte, knüpfte Verbindungen an - oder hoffte, welche anzuknüpfen - und konkurrierte mit Unmengen junger Komiktalente, die wie sie ins Rampenlicht drängten.
Um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete sie tagsüber, wechselte von einem Job zum anderen und übte gelegentlich seltsame Tätigkeiten aus. Beispielsweise hatte sie als Huhn verkleidet in einer verrückten Pizzeria gesungen und bedient, ein andermal als Streikposten mehrere Mitglieder der Writers Guild West vertreten, die von ihrer Gewerkschaft zum Streik aufgerufen worden waren und es vorzogen, irgend jemandem 100 Dollar pro Tag zu zahlen, damit er - oder sie -für sie Flugblätter verteilte und in der Anwesenheitsliste unterschrieb.
Obwohl Laura und Thelma lediglich eineinhalb Stunden voneinander entfernt lebten, trafen sie sich nur zwei- oder dreimal im Jahr, gewöhnlich zu einem etwas ausgedehnteren Mittag- oder Abendessen -, weil sie beide sehr beschäftigt waren. Trotz dieser langen Zeitspannen gingen sie ebenso vertraut miteinander um wie früher und waren stets bereit, ihre intimsten Gedanken und Erlebnisse auszutauschen. »Die McIll-roy-Caswell-Verbindung«, hatte Thelma einmal festgestellt, »ist stärker als jede Blutsbruderschaft, stärker als der Zusammenhalt zwischen Mafiosi, stärker als die Bande zwischen Fred Feuerstein und Barney Geröllheimer - und diese beiden sind wirklich dicke Freunde.«
»Woraus besteht eigentlich dein Problem, Shane?« fragte Thelma jetzt, nachdem Laura ihre Story erzählt hatte. »Wie ich die Sache sehe, schwärmt irgendein großer, schüchterner Kerl für dich. Viele andere Frauen wären davon begeistert.«
»Aber steckt wirklich nicht mehr dahinter? Ist er tatsächlich nur in mich verknallt?«
»Was denn sonst?«
»Das weiß ich selbst nicht. Es ... ist mir unheimlich.«
»Unheimlich? Alle diese Kröten sind niedliche kleine Geschöpfe, stimmt’s? Du hast keine bekommen, die mordlüstern dreinblickt? Keine hat ein blutiges kleines Schlachtmesser gehabt? Oder eine kleine Kettensäge aus Keramikmaterial?«
»Nein.«
»Und er hat dir keine enthauptete Kröte geschickt, oder?«
»Nein, aber ...«
»Shane, wenn du früher auch ein ziemlich ereignisreiches Leben geführt haben magst, sind die letzten Jahre friedlich abgelaufen. Daß du den Verdacht hast, dieser Kerl könnte Charles Mansons Bruder sein, ist ganz natürlich. Aber ich möchte wetten, daß er genau das ist, was er zu sein scheint: ein Mann, der dich aus der Ferne anhimmelt, vielleicht ein bißchen schüchtern ist und eine ausgeprägte romantische Ader hat. Wie sieht dein Geschlechtsleben aus?«
»Ich habe keines«, antwortete Laura.
»Und warum nicht? Du bist keine Jungfrau mehr. Letztes Jahr hast du diesen Kerl gehabt, der .«
»Hör zu, du weißt, daß das nicht funktioniert hat.«
»Seither keiner mehr?«
»Nein. Glaubst du etwa, daß ich zur Promiskuität neige?«
»Daß ich nicht lache! Kindchen, zwei Liebhaber in zweiundzwanzig Jahren wären selbst nach päpstlicher Definition keine Promiskuität. Laß dieses Mißtrauen! Sei ein bißchen weniger starr! Laß dich einfach treiben und sieh zu, wie die Sache sich entwickelt. Vielleicht stellt er sich als der Prinz heraus, der dich wachküßt.«
»Nun ... gut, vielleicht nehme ich deinen Rat an. Vermutlich hast du recht.«
»Nur noch eines, Shane.«
»Ja?«
»An deiner Stelle würde ich in Zukunft eine 357 Magnum als Talisman in der Handtasche haben.«
»Sehr witzig!«
»Witzig gehört zu meinem Beruf.«
An den folgenden drei Tagen erhielt Laura zwei weitere Kröten, und am Samstagmorgen, dem 22. Januar, war sie verwirrt, aufgebracht und ängstlich zugleich. Daß ein heimlicher Verehrer dieses Spiel so lange treiben sollte, kam ihr unwahrscheinlich vor. Jede weitere Kröte war in ihren Augen eher eine Verhöhnung als eine Liebesgabe. Die Hartnäckigkeit des Unbekannten geriet langsam in die Nähe einer Besessenheit.
Den größten Teil der Nacht zum Sonntag verbrachte sie in einem Sessel am großen Fenster ihres abgedunkelten Wohnzimmers. Durch einen Vorhangspalt konnte sie den Eingangsbereich des Appartementgebäudes und ihre eigene Wohnungstür beobachten. Falls der Kerl nachts aufkreuzte, wollte sie ihn auf frischer Tat ertappen und zur Rede stellen. Als er jedoch nicht kam, döste sie gegen halb vier Uhr ein. Als sie morgens aufwachte, lag kein Päckchen auf der Schwelle.
Nachdem Laura geduscht und kurz gefrühstückt hatte, verließ sie das Haus und ging zu ihrem Auto, das auf einem überdachten Stellplatz hinter dem Gebäude stand. Sie wollte in die Universitätsbibliothek fahren, um dort zu studieren, und dies war ein Tag, an dem man sich lieber nicht im Freien aufhielt. Der bleigraue, wolkenverhangene Winterhimmel wirkte bedrückend - ein Gefühl, das sich noch verstärkte, als Laura auf der Instrumentenabdeckung ihres versperrten Chevy eine weitere Schachtel entdeckte. Am liebsten hätte sie vor Wut und Verzweiflung laut gekreischt.
Statt dessen setzte Laura sich ans Steuer und öffnete die Schachtel. Bisher waren die Figuren nie teuer gewesen - zehn bis 15 Dollar, manche vielleicht nur drei Dollar wert -, diesmal aber hatte der Unbekannte ihr eine Porzellanminiatur geschenkt, die mindestens 50 Dollar gekostet haben mußte. Die Verpackung interessierte Laura jedoch mehr als die Kröte: Die Schachtel war nicht neutral wie sonst immer, sondern trug den Aufdruck der Geschenkboutique »Collectibles« in der Ladenpassage an der South Coast Plaza.
Laura fuhr sofort hin, war eine Viertelstunde zu früh da, wartete auf einer Bank in der Passage und betrat als erste Kundin den Laden, als geöffnet wurde. Besitzerin und Geschäftsführerin der Boutique war Mrs. Eugenia Farvor, eine grauhaarige, zierliche Mittfünfzigerin. »Ja, wir führen solche Figuren«, bestätigte sie, nachdem sie sich Lauras knappe Erklärung angehört und die Porzellankröte betrachtet hatte, »und ich habe die hier gestern nachmittag einem jungen Mann verkauft.«
»Wissen Sie, wie er heißt?«
»Nein, leider nicht.«
»Wie hat er ausgesehen?«
»Ich kann mich gut an ihn erinnern, weil er so groß gewesen ist. Über einsneunzig, eher einsfünfundneunzig. Und sehr breitschultrig. Er war recht gut angezogen. Blauer Anzug mit Nadelstreifmuster und dezent gestreifte Krawatte. Bei seiner Größe hat er bestimmt Mühe, Konfektionskleidung zu finden.«
»Hat er bar bezahlt?«
»Mmmmm ... nein, mit einer Kreditkarte, glaube ich.«
»Haben Sie die Rechnungsdurchschrift noch?«
»Bestimmt! Bis wir sie bei den Kreditkartenorganisationen einreichen, vergehen immer ein, zwei Tage.« Mrs. Farvor führte Laura an Vitrinen mit Wedgwoodporzellan, Lalique-und Waterfordkristall, Hummelfiguren und anderen teuren Stücken vorbei zu einem winzigen Büro hinter dem Laden. Dann hatte sie plötzlich Bedenken, die Identität ihres Kunden preiszugeben. »Falls er harmlose Absichten hat, falls er Sie wirklich nur verehrt - und ich muß sagen, daß er sehr nett und freundlich gewesen ist -, würde ich ihm alles verderben. Er wird sich Ihnen bestimmt zu erkennen geben, wann er’s für richtig hält.«
Laura gab sich große Mühe, Mrs. Farvor für sich einzunehmen und ihr Mitgefühl zu wecken. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals beredter oder mit mehr Eindringlichkeit gesprochen zu haben; im allgemeinen lag es ihr besser, ihre Gefühle schriftlich auszudrücken. Echte Tränen kamen ihr dabei zu Hilfe - und überraschten Laura noch mehr als die Besitzerin der Boutique.
Laura verließ die Geschenkboutique mit seinem Namen -Daniel Packard - und seiner Telefonnummer, die von der Kreditkarte aufs Rechnungsduplikat übernommen worden waren. Sie betrat sofort eine Telefonzelle in der Ladenpassage, um ihn nachzuschlagen. Im Telefonbuch standen zwei Daniel Packards, aber der mit der angegebenen Nummer wohnte in der Newport Avenue in Tustin.