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Sie trat auf den Treppenabsatz im ersten Stock und sah Daniel nach. Auf halber Höhe erfaßte ein Windstoß seinen Regenschirm und stülpte ihn um. Er kämpfte dagegen an, verlor zweimal fast das Gleichgewicht, und es dauerte bis zum Gehsteig hinunter, bis er seinen Schirm in die ursprüngliche Form gebracht hatte. Aber der nächste Windstoß stülpte ihn erneut um. In seiner Frustration warf Daniel ihn in die nächsten Büsche und schaute dann zu Laura hinauf. Inzwischen war er bis auf die Haut durchnäßt, und sie sah im blassen Licht der nächsten Straßenlampe, daß sein Anzug, völlig aus der Fasson geraten, an ihm hing. Daniel war ein Riese, aber sie hatte erlebt, wie ihn Kleinigkeiten - Pfützen, Windstöße - aus dem Gleis brachten, und das war irgendwie komisch. Sie wußte, daß sie nicht lachen durfte, aber ihr Lachen platzte auch gegen ihren Willen aus ihr heraus.

»Sie sind zu verdammt schön, Laura Shane!« rief Daniel vom Gehsteig herauf. »Gott steh mir bei, Sie sind einfach zu schön!« Damit hastete er in die Nacht davon.

Laura, die ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie unwillkürlich gelacht hatte, ging ins Bad und zog ihren Schlafanzug an. Es war erst 20.40 Uhr.

Entweder war Daniel Packard ein hoffnungsloser Invalider oder der liebste Mann, den sie seit dem Tod ihres Vaters kennengelernt hatte.

Um 21.30 Uhr klingelte das Telefon. »Gehen Sie jemals wieder mit mir aus?« fragte er.

»Ich dachte schon, Sie würden nie wieder anrufen.«

»Tun Sie’s?« »Klar.«

»Abendessen und ins Kino?« schlug er vor.

»Klingt gut.«

»In dieses scheußliche französische Restaurant gehen wir nie mehr. Tut mir leid, daß wir dort reingeraten sind, tut mir wirklich leid.«

»Wohin wir gehen, ist mir egal«, sagte sie, »wenn Sie mir versprechen, daß wir in dem Restaurant bleiben, in dem wir einmal sitzen.«

»In manchen Dingen bin ich einfach zu stur. Und wie ich Ihnen schon gesagt habe ... in Gegenwart schöner Frauen bin ich einfach unbeholfen.«

»Wegen Ihrer Mutter.«

»Richtig. Sie hat mich abgewiesen. Und meinen Vater auch. Sie hat mich niemals die geringste Wärme spüren lassen. Als ich elf war, hat sie uns verlassen.«

»Das muß weh getan haben.«

»Sie sind schöner als meine Mutter und ängstigen mich zu Tode.«

»Wie schmeichelhaft!«

»Na ja, tut mir leid, aber das hätte ein Kompliment sein sollen. Dabei sind Sie nicht halb so schön wie die Sachen, die Sie schreiben, und das ängstigt mich noch mehr. Denn was könnte ein Genie wie Sie an einem Kerl wie mir finden - außer daß ich Sie vielleicht zum Lachen bringe?«

»Nur eine Frage, Daniel.«

»Danny.«

»Nur eine Frage, Danny. Wieviel taugen Sie als Börsenmakler? Haben Sie im Beruf Erfolg?«

»In meinem Beruf bin ich erstklassig«, antwortete er mit so unüberhörbarem Stolz, daß Laura wußte, daß er die Wahrheit sagte. »Meine Kunden schwören auf mich, und ich habe selbst ein hübsches kleines Portefeuille, das seit drei Jahren überdurchschnittliche Erträge abwirft. Als Börsenanalytiker, Makler und Vermögensberater gebe ich dem Wind keine Chance, mir den Schirm umzudrehen.«

2

Am Nachmittag des Tages, an dem Stefan die Sprengladungen im Keller des Instituts angebracht hatte, unternahm er die nach seiner Planung vorletzte Zeitreise. Es war ein inoffizieller Ausflug, Ziel der 10. Januar 1988. Die Reise stand nicht auf dem Dienstplan und erfolgte ohne Wissen seiner Kollegen.

Bei seiner Ankunft schneite es in den San Bernardino Mountains leicht, aber er war mit festen Stiefeln, Lederhandschuhen und seiner Seemannsjacke für dieses Wetter gut gerüstet. Er suchte unter dichten Tannen Schutz, um dort das Ende des jede Zeitreise begleitenden heftigen Gewitters abzuwarten.

Er schaute im flackernden Lichtschein der Blitze auf seine Armbanduhr und stellte erschrocken fest, wie spät es schon war. Um Laura zu erreichen, noch bevor sie den Tod fand, blieben ihm weniger als 40 Minuten. Falls er versagte und zu spät kam, würde es keine zweite Chance für ihn geben.

Noch während die letzten grellweißen Blitze die geschlossene Wolkendecke zerrissen und der Donner von den Bergen widerhallte, kam Stefan unter den Bäumen hervor und hastete ein Schneefeld hinunter. Der knietiefe Schnee lag unter dünnem Harsch, der bei jedem Schritt einbrach, so daß er wie durch einen Sumpf watend nur mühsam vorankam. Er fiel zweimal hin, Schnee drang von oben in seine Stiefel, und der Sturmwind zerrte an ihm wie ein lebendes Wesen, das ihn vernichten wollte. Bis er das Schneefeld hinter sich hatte und über dessen Rand auf die zweispurige Staatsstraße kletterte, die in einer Richtung nach Arrowhead, in der anderen nach Big Bear führte, war er über und über mit verkrustetem Schnee bedeckt, hatte eiskalte Füße und über fünf Minuten Zeit verloren.

Die vor kurzem geräumte Straße war schneefrei bis auf dünne Schneeschleier, die sich, wechselnden Luftströmungen folgend, über den Asphalt schlängelten. Die Intensität des Sturms hatte zugenommen. Die Schneeflocken waren jetzt viel kleiner als bei Stefans Ankunft und fielen doppelt so schnell. Die Straße würde bald wieder schneeglatt sein.

Stefan sah einen Wegweiser - LAKE ARROWHEAD 1 MILE - und stellte entsetzt fest, um wieviel weiter als geplant er von Laura entfernt war.

Er blickte mit zusammengekniffenen Augen gegen den Sturmwind nach Norden und entdeckte im trübseligen Grau dieses Winternachmittags einen warmen Lichtschimmer: ein ebenerdiges Gebäude in etwa 300 Meter Entfernung rechts von ihm, vor dem Autos parkten. Er marschierte sofort in diese Richtung und hielt dabei den Kopf gesenkt, um sein Gesicht vor dem schneidend kalten Wind zu schützen.

Er mußte sich ein Auto beschaffen. Laura hatte keine halbe Stunde mehr zu leben, und es waren fast 20 Kilometer bis hin zu ihr.

3

Fünf Monate nach ihrem ersten Rendezvous und eineinhalb Monate nach Abschluß ihres Studiums an der UCI heiratete Laura Danny Packard am Samstag, dem 16. Juli 1977, vor einem Richter in dessen Amtsräumen. Die einzigen Gäste, die zugleich als Trauzeugen fungierten, waren Dannys Vater Sam und Thelma Ackerson.

Sam Packard war ein etwa 1,75 Meter großer, gutaussehender silberhaariger Mann, der im Vergleich zu seinem Sohn geradezu zerbrechlich wirkte. Während der kurzen Zeremonie mußte er immer wieder weinen, und Danny drehte sich mehrmals nach ihm um und fragte: »Alles in Ordnung, Dad?« Sam nickte jedesmal, putzte sich die Nase und forderte sie zum Weitermachen auf. Aber im nächsten Augenblick weinte er schon wieder. Danny erkundigte sich wieder, ob alles in Ordnung sei, und Sam putzte sich geräuschvoll die Nase, als imitiere er den Paarungsruf von Graugänsen. »Junger Mann«, sagte der Richter schließlich, »das sind bloß Freudentränen, und ich wäre Ihnen dankbar, wenn wir weitermachen könnten -ich habe nämlich noch drei Paare zu trauen.«

Selbst wenn der Vater des Bräutigams nicht vor Ergriffenheit in Tränen ausgebrochen, der Bräutigam nicht ein Riese mit wachsweichem Herzen gewesen wäre, hätte Thelmas Anwesenheit die Hochzeitsparty zum denkwürdigen Ereignis gemacht. Ihr Haar war seltsam zottig geschnitten und vorn zu einem purpurrot gefärbten Schöpf hochgekämmt. Mitten im Sommer - und ausgerechnet zu einer Hochzeit - trug sie rote Lacklederpumps, eine hautenge schwarze Stretchhose, eine -absichtlich - mit aller Sorgfalt zerrissene schwarze Bluse und eine gewöhnliche Stahlkette als Gürtel. Übertrieben starkes purpurrotes Augen-Make-up, blutroter Lippenstift und ein Ohrring, der an einen Angelköder erinnerte, vervollständigten die Aufmachung.

Während Danny sich nach der Trauung mit seinem Vater unterhielt, hockte Thelma in einer Ecke der Eingangshalle des Gerichtsgebäudes mit Laura zusammen und erläuterte ihr diesen Aufzug. »Das ist der Punkerlook - in England der letzte Schrei. Hier bei uns trägt das noch kein Mensch. Übrigens muß er sich auch in England erst durchsetzen, aber in ein paar Jahren laufen alle so rum. Für meine Auftritte ist er große Klasse. Ich sehe so verrückt aus, daß die Leute schon lachen, wenn ich auf die Bühne komme. Außerdem ist er gut für mich. Ich meine, wenn wir mal ehrlich sind, Shane, hab’ ich mich im Alter nicht gerade vorteilhaft entwickelt. Wäre Häßlichkeit ‘ne Krankheit, gegen die ein organisierter Feldzug geführt werden müßte, dann könnten sie mein Photo auf ihre Plakate tun. Aber der Punkerlook hat zwei große Vorteile: Man kann sich mit Frisur und Make-up so tarnen, daß keiner merkt, wie hausbak-ken man ist. Außerdem soll man ohnehin verrückt aussehen. Jesus, Shane, dein Danny ist wirklich riesig. Du hast mir am Telefon schon viel über ihn erzählt, aber so groß hab’ ich ihn mir nicht vorgestellt. Den brauchte man nur in einen Godzilla-Anzug zu stecken, auf New York loszulassen und das Ergebnis zu filmen und könnte sich teure Atelierbauten sparen. Und du liebst ihn, was?«