Das Typoskript von »Shadrach« lag auf dem Eßtisch.
Laura sah sich nach einer kurzen Mitteilung Dannys um. Sie fand keine.
»Großer Gott!« sagte sie.
Ihr Buch war miserabel. Es war schaurig schlecht. Es war eine Katastrophe. Der arme Danny war irgendwo hingegangen, um sich mit einem Bier Mut anzutrinken, damit er imstande wäre, ihr zu raten, sie solle Installateur lernen, solange sie noch jung genug für einen neuen Beginn sei.
Laura hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Sie hastete ins Bad, aber ihre Übelkeit klang wieder ab. Sie wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser.
Ihr neuer Roman war eine Katastrophe.
Gut, damit mußte sie eben leben. Sie hatte geglaubt, »Shadrach« sei weit besser als »Jericho«, aber das war offenbar ein Irrtum gewesen. Also würde sie ein drittes Buch schreiben.
Laura ging in die Küche und öffnete ein Coors. Sie hatte kaum zwei Schlucke davon getrunken, als Danny heimkam -mit einem Geschenkkarton, in dem ein Basketball Platz gehabt hätte. Er stellte ihn auf den Eßtisch neben das Manuskript und warf Laura einen ernsten Blick zu. »Das ist für dich.«
Sie ignorierte den Geschenkkarton. »Sag’s mir!«
»Erst mußt du dein Geschenk auspacken.«
»Mein Gott, ist das Buch so schlecht? So mies, daß du den Schlag mit einem Geschenk abmildern mußt? Sag mir die Wahrheit! Ich halte alles aus. Augenblick!« Laura zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. »Jetzt kannst du loslegen! Mich wirft nichts mehr um.«
»Dein Sinn fürs Dramatische ist überentwickelt, Laura.«
»Was soll das heißen? Daß mein Buch melodramatisch ist?«
»Nicht das Buch. Du. Zumindest in diesem Augenblick. Hörst du bitte endlich auf, die am Boden zerstörte Jungautorin zu spielen, und machst dein Geschenk auf?«
»Schon gut, schon gut, wenn ich mir das Geschenk ansehen muß, bevor du redest, mache ich eben das verdammte Geschenk auf!«
Sie hob den schweren Karton auf die Knie und riß das Geschenkband ab, während Danny sich ihr gegenübersetzte und sie beobachtete.
Obwohl der Karton aus einer teuren Geschenkboutique stammte, war Laura nicht auf seinen Inhalt gefaßt: eine riesige, prachtvolle Lalique-Schale aus klarem Glas mit zwei Handgriffen, die aus je zwei hüpfenden grünen Rauchkristallkröten bestanden.
Laura sah mit großen Augen auf. »So was Schönes hab’ ich noch nie gesehen, Danny!«
»Sie gefällt dir also?«
»Mein Gott, wieviel hat sie gekostet?«
»Dreitausend.«
»Das können wir uns nicht leisten, Danny!«
»Doch, das können wir.«
»Nein, das können wir wirklich nicht. Nur weil ich ein miserables Buch geschrieben habe und du mich trösten willst ...«
»Du hast kein miserables Buch geschrieben. Du hast ein krötenwürdiges Buch geschrieben. Ein Vierkrötenbuch, wobei vier die höchsterreichbare Stufe ist. Diese Schale können wir uns genau deshalb leisten, weil du >Shadrach< geschrieben hast. Dein neuer Roman ist ausgezeichnet, Laura, weit besser als dein erster. Dieses Buch ist, was du bist, und es leuchtet.«
In ihrer Aufregung und weil sie es so eilig hatte, ihn zu umarmen, hätte sie die Dreitausenddollarschale beinahe fallen lassen.
6
Die Fahrbahn verschwand jetzt unter einer dünnen Neuschneedecke. Der Jeep hatte Allradantrieb und Schneeketten, so daß Stefan trotz der schlechten Straßenverhältnisse einigermaßen schnell vorankam.
Aber nicht schnell genug.
Nach seiner Schätzung war das Restaurant, vor dem er den Jeep gestohlen hatte, rund 20 Kilometer vom Haus der Pa-ckards entfernt, das einige Kilometer südlich von Big Bear nahe der Staatsstraße 330 stand. Die schmalen Bergstraßen waren kurvenreich und wiesen starke Steigungen und Gefällestrecken auf. Im Schneesturm war die Sicht so schlecht, daß seine Durchschnittsgeschwindigkeit bestenfalls 60 Stundenkilometer betrug. Er durfte jedoch nicht schneller fahren, denn Laura, Danny und Chris hatten überhaupt nichts davon, wenn er die Kontrolle über den Jeep verlor, von der Straße abkam und in den Tod stürzte. Bei dieser Geschwindigkeit würde er ihr Haus jedoch frühestens zehn Minuten nach ihrer Abfahrt erreichen.
Ursprünglich hatte er sie zu Hause festhalten wollen, bis die Gefahr vorüber war. Dieses Vorhaben ließ sich jetzt nicht mehr verwirklichen.
Der Januarhimmel schien von der Schneelast so tief herabgedrückt zu werden, daß es aussah, als berühre er die Wipfel der auf beiden Seiten der Straße aufragenden Baumriesen. Sturmböen schüttelten die Bäume und ließen selbst den Jeep erzittern. Schnee setzte sich an den Scheibenwischern fest und wurde rasch zu Eis. Stefan stellte die höchste Stufe der Scheibenheizung an und beugte sich nach vorn, um besser durch die unzulänglich von Eis und Schnee freigehaltene Scheibe sehen zu können.
Beim nächsten Blick auf seine Uhr stellte er fest, daß ihm weniger als eine Viertelstunde Zeit blieb. Laura, Danny und Chris stiegen jetzt in ihren Chevrolet Blazer. Vielleicht rollte der Wagen bereits aus der Einfahrt.
Er würde sie in letzter Sekunde vor dem Tod auf der Straße abfangen müssen.
Stefan bemühte sich, etwas mehr Geschwindigkeit aus dem Jeep herauszuholen, ohne aus einer Kurve getragen zu werden und in einen Abgrund zu stürzen.
7
Am 15. August 1979, fünf Wochen nach dem Tag, an dem Danny ihr die Lalique-Schale geschenkt hatte, stand Laura mittags in der Küche und machte sich eine Dose Hühnersuppe heiß, als ihr New Yorker Agent Spencer Keene anrief. Viking waren von »Shadrach« ganz begeistert und boten hunderttausend.
»Dollar?« fragte Laura.
»Natürlich Dollar«, sagte Spencer. »Denken Sie etwa Rubel? Was würden Sie dafür kriegen - vielleicht ‘ne Pelzmütze?«
»O Gott.« Sie mußte sich festhalten, weil sie plötzlich weiche Knie hatte.
»Laura, meine Liebe«, fuhr Spencer fort, »Sie müssen wissen, was am besten für Sie ist, aber wenn Viking nicht bereit sind, die hunderttausend als ihr Mindestangebot bei einer Auktion stehenzulassen, möchte ich Ihnen raten, dieses Angebot abzulehnen.«
»Hunderttausend Dollar ablehnen?« fragte sie ungläubig.
»Ich möchte das Manuskript an sechs, acht weitere Verlage schicken, einen Versteigerungstag festsetzen und abwarten, was dann passiert. Ich kann mir vorstellen, was passieren wird, Laura, weil ich glaube, daß allen das Buch so gut gefallen wird wie mir. Andererseits ... vielleicht auch nicht. Das ist eine schwierige Entscheidung, die Sie nur nach reiflicher Überlegung treffen sollten.«
Sobald Spencer aufgelegt hatte, rief Laura Danny im Büro an und berichtete ihm von dem Angebot.
»Wenn sie kein Mindestgebot daraus machen wollen, würde ich an deiner Stelle ablehnen«, riet er ihr.
»Aber können wir uns das leisten, Danny? Ich meine, mein Wagen ist elf Jahre alt und fällt fast auseinander. Und deiner ist schon fast vier Jahre alt ...«
»Hör zu: Was habe ich dir über dieses Buch gesagt? Habe ich dir nicht erklärt, daß du dieses Buch bist, daß es ein Spiegel deiner selbst ist?«
»Das ist lieb von dir, aber ...«
»An deiner Stelle würde ich das Angebot ablehnen. Hör zu, Laura, du glaubst natürlich, daß es eine Verhöhnung aller Schicksalsgötter bedeutet, hundert Mille abzulehnen - daß du ihren Zorn damit geradezu herausforderst. Aber du hast dir diesen großen Erfolg verdient, und das Schicksal wird dich nicht darum betrügen.«
Laura rief Spencer Keene an und teilte ihm ihre Entscheidung mit.
Nervös, aufgeregt und den 100 000 Dollar bereits nachtrauernd, ging sie in ihr Arbeitszimmer zurück, setzte sich an die Schreibmaschine und starrte die unfertige Kurzgeschichte eine Zeitlang an, bis ein starker Geruch nach Hühnersuppe sie daran erinnerte, daß sie die Herdplatte eingeschaltet gelassen hatte.