Der Junge erblickte das Licht der Welt um 14.23 Uhr, wobei seine Mutter weit mehr Blut verlor als bei Geburten sonst üblich. Laura, deren Blutungen unter starken Schmerzen weitergingen, erhielt bis zum Abend insgesamt drei Bluttransfusionen. Sie verbrachte jedoch eine bessere Nacht als erwartet und war am Morgen schwach und übernächtigt, aber offensichtlich außer Lebensgefahr.
Am nächsten Tag erschien Thelma Ackerson während der Besuchszeit, um Mutter und Kind zu sehen. Noch immer im Punkerstil gekleidet und mit ihrer Frisur der Zeit voraus - links langes Haar mit einer weißen Strähne wie Frankensteins Braut, rechts kurzes Haar ohne Strähne -, kam sie in Lauras Privatzimmer gerauscht, steuerte als erstes auf Danny zu, umarmte ihn und rief dabei aus: »Mein Gott, bist du groß! Bestimmt ein Mutant. Gib’s zu, Packard, deine Mutter war vielleicht ein Mensch, aber dein Vater muß ein Grizzlybär gewesen sein.« Sie trat an das Bett, in dem Laura in drei Kissen gelehnt lag, und küßte sie auf beide Wangen. »Ich bin rasch an der Säuglingsabteilung vorbeigegangen und habe mir Christopher Robert durchs Fenster angesehen. Er ist süß! Aber ich glaube, daß du all die Millionen, die du mit deinen Büchern verdienst, brauchen wirst, Kleine, denn der Junge wird seinem Vater nachschlagen - und du wirst dreißigtausend im Monat brauchen, um ihn durchzufüttern. Wahrscheinlich knabbert er eure Möbel an, bis du ihn halbwegs erzogen hast.«
»Ich freue mich, daß du gekommen bist, Thelma«, sagte Laura.
»Hätte ich mir das entgehen lassen sollen? Na gut, wenn ich in einem der Mafia gehörenden Clubs in Bayonne, New Jersey, aufzutreten hätte und vertragsbrüchig werden müßte, um herfliegen zu können, würd ich’s mir vielleicht überlegen, denn diese Kerle schneiden dir die Daumen ab, wenn du Verträge brichst. Aber ich war westlich des Mississippi, als ich gestern abend davon hörte, und nur ein Atomkrieg oder ein Rendezvous mit Paul McCartney hätten mich davon abhalten können, dich zu besuchen.«
Vor fast zwei Jahren war Thelma endlich im »Improv« auf die Bühne gekommen - und hatte Erfolg gehabt. Sie hatte einen Agenten gefunden, der ihr Engagements in schäbigen drittklassigen - später zweitklassigen Clubs in ganz Amerika vermittelte. Laura und Danny waren zweimal nach Los Angeles gefahren, um sie live zu erleben, und hatten sich köstlich amüsiert. Thelma schrieb ihre Texte selbst und trug sie auf die komische Art vor, die sie schon als Kind beherrscht und seither noch verfeinert hatte. Ihr Vortrag hatte etwas Ungewöhnliches an sich, etwas, das sie zum Star machen oder zur Erfolglosigkeit verdammen konnte: eine unterschwellig spürbare Melancholie, ein Gefühl für die Tragik des Lebens, das aller Humor nicht überdecken konnte. Tatsächlich war dies eine Parallele zu der Grundhaltung von Lauras Romanen, aber was Lesern gefiel, brauchte Zuhörern, die herzhaft lachen wollten, noch lange nicht zu gefallen.
Jetzt beugte Thelma sich erneut über Laura und betrachtete sie prüfend. »He, du siehst blaß aus«, stellte sie fest. »Und diese Ringe unter den Augen ...«
»Thelma, Liebste, ich zerstöre deine Illusionen nur ungern, aber ein Baby wird nicht wirklich vom Storch gebracht. Die Mutter muß es selbst gebären - und das ist Schwerarbeit.«
Thelma musterte sie erneut und starrte danach ebenso forschend Danny an, der auf die andere Bettseite getreten war und Lauras Hand hielt. »Was ist hier nicht in Ordnung?«
Laura seufzte, verzog schmerzlich das Gesicht und veränderte ihre Stellung. »Siehst du?« sagte sie zu Danny. »Ich hab’ dir gesagt, daß sie ein Bluthund ist.«
»Es ist keine leichte Schwangerschaft gewesen, stimmt’ s?« fragte Thelma.
»Die Schwangerschaft ist nicht weiter schwierig gewesen«, antwortete Laura. »Dafür die Geburt um so mehr.«
»Du bist nicht ... fast gestorben oder so was, Shane?«
»Nein, nein, nein«, wehrte Laura ab und spürte, wie Danny ihre Hand fester umklammerte. »Nichts so Dramatisches. Wir haben von Anfang an gewußt, daß es gewisse Schwierigkeiten geben würde, aber wir haben den besten Arzt gefunden, der alles penibel überwacht hat. Aber ich ... kann keine Kinder mehr bekommen, weißt du. Christopher ist unser letztes.«
Thelma schaute zu Danny hinüber, bevor sie sich an Laura wandte und leise sagte: »Oh, das tut mir leid.«
»Halb so schlimm«, wehrte Laura mit gezwungenem Lächeln ab. »Wir haben den kleinen Chris, der wunderhübsch ist.«
Alle drei schwiegen verlegen, bis Danny feststellte: »Ich habe noch nicht zu Mittag gegessen und bin fast verhungert. Wenn ihr nichts dagegen habt, verschwinde ich für eine halbe Stunde nach unten in den Coffee Shop.«
Als er das Zimmer verlassen hatte, lächelte Thelma wissend. »Er ist nicht wirklich hungrig, stimmt’s? Er hat nur gemerkt, daß wir Mädels ungestört miteinander schwatzen wollen.«
Laura lächelte. »Er ist ein lieber Kerl.«
Thelma klappte das Bettgitter auf der linken Seite herab. »Ich schüttle nicht deine Innereien durcheinander, wenn ich mich hier neben dich setze, oder?« fragte sie. »Du fängst nicht plötzlich an, mich mit Blut zu besudeln, Shane?«
»Ich will mich bemühen, es nicht zu tun.«
Thelma setzte sich auf die Kante des hohen Krankenhausbetts und ergriff mit beiden Händen Lauras rechte Hand. »Hör zu, ich habe >Shadrach< gelesen und finde den Roman verdammt gut. Er verkörpert genau das, was alle Schriftsteller wollen und so selten erreichen.«
»Danke, Thelma. Du bist süß.«
»Nein, ich bin abgebrüht, zynisch und eisenhart. Hör zu, das mit dem Buch ist mein Ernst. Es ist brillant. Ich habe die alte Kuh Bowmaine darin erkannt - und natürlich Tammy. Und Boone, den Psychologen vom Jugendamt. Alle unter anderem Namen, aber ich habe sie wiedererkannt. Du hast sie treffend charakterisiert, Shane. Mein Gott, manchmal hat alles so lebendig vor mir gestanden, daß mir ein kalter Schauder über den Rücken gelaufen ist und ich das Buch weglegen und einen Spaziergang in der Sonne machen mußte. Und manchmal habe ich schallend lachen müssen.«
Laura schmerzten alle Muskeln, alle Gelenke. Sie hatte nicht einmal die Kraft, sich aufzurichten und ihre Freundin zu umarmen. Deshalb sagte sie nur: »Ich liebe dich, Thelma.«
»Den Weißen Aal hast du natürlich weggelassen.«
»Den habe ich mir für ein anderes Buch aufgehoben.«
»Und mich, verdammt noch mal! Ich komme nicht in deinem Buch vor, obwohl ich die originellste Persönlichkeit bin, die du je kennengelernt hast!«
»Dich habe ich mir für ein eigenes Buch aufgehoben«, sagte Laura.
»Im Ernst?«
»Ja. Nicht fürs nächste, aber fürs übernächste.«
»Hör zu, Shane, mach mich bildhübsch, sonst verklage ich dich auf Schadenersatz in Millionenhöhe. Kapiert?«
»Ich habe verstanden.«
Thelma biß sich auf die Unterlippe. »Willst du dann auch .«
»Ja, Ruthie wird auch darin vorkommen.«
Sie blieben eine Zeitlang schweigend sitzen und hielten sich an den Händen.
Laura standen Tränen in den Augen, aber sie sah, daß ihre Freundin ebenfalls gegen die Tränen ankämpfte. »Nicht, Thelma! Sonst zerfließt dein schönes Punker-Augen-Make-up.«
Thelma hob einen Fuß bis in Höhe der Bettkante. »Sind das nicht ausgefallene Stiefel? Schwarzes Leder, spitz zulaufend, hohe Absätze und Zierketten. Damit sehe ich wie ‘ne gottverdammte Domina aus, stimmt’s?«
»Als du vorhin reingekommen bist, habe ich mich als erstes gefragt, wie viele Männer du in letzter Zeit ausgepeitscht haben magst.«
Thelma seufzte und zog geräuschvoll hoch. »Hör mir jetzt mal gut zu, Shane. Deine Begabung ist vielleicht wertvoller, als du glaubst. Du bist imstande, das Leben anderer aufs Papier zu bannen, und selbst wenn diese Menschen eines Tages sterben, ist das Papier noch da - ist ihr Leben noch da. Du kannst Gefühle zu Papier bringen, und jeder, der deine Bücher liest, kann diese Gefühle nachempfinden. Du rührst unsere Herzen an; du erinnerst uns daran, was es bedeutet, in einer aufs Verdrängen und Vergessen fixierten Welt menschlich zu sein. Deine Begabung ist ein Lebenszweck, wie ihn nur wenige besitzen. Deshalb ... nun, ich weiß, wie sehr du dir eine Familie gewünscht hast ... drei oder vier Kinder, hast du gesagt ... deshalb weiß ich, wie traurig du jetzt sein mußt. Aber du hast Danny und Christopher und deine erstaunliche Begabung - das ist schon sehr viel!«