Lauras Stimme schwankte. »Manchmal ... habe ich solche Angst.« »Angst wovor, Baby?«
»Ich wollte eine große Familie, weil . weil es dann unwahrscheinlicher ist, daß sie mir alle weggenommen werden.«
»Dir wird niemand weggenommen.«
»Wenn ich nur Danny und den kleinen Chris habe ... nur diese beiden ... da könnte irgendwas passieren.«
»Es passiert aber nichts.«
»Dann wäre ich allein.«
»Es passiert aber nichts«, wiederholte Thelma.
»Irgendwas passiert immer. So ist das Leben.«
Thelma rutschte von der Bettkante weiter zur Bettmitte, streckte sich neben ihrer Freundin aus und legte den Kopf an Lauras Schulter. »Als du gesagt hast, es sei eine schwere Geburt gewesen ... als ich gemerkt habe, wie blaß du bist ... hab’ ich Angst bekommen. Klar, ich habe Freunde in Los Angeles, aber die sind alle vom Bau. Du bist der einzige reale Mensch, der mir nahesteht, selbst wenn wir uns nicht allzu häufig sehen, und die Vorstellung, daß du beinahe .«
»Ich bin aber nicht.«
»Hätte aber sein können.« Thelma lachte humorlos. »Der Teufel soll’s holen, Shane: Wir Waisen können eben nie aus unserer Haut heraus, stimmt’s?«
Laura drückte sie an sich und streichelte ihr Haar.
Kurz nachdem Chris seinen ersten Geburtstag gefeiert hatte, lieferte Laura »Die goldene Klinge« ab. Der Roman erschien zehn Monate später, und am zweiten Geburtstag des Jungen stand das Buch auf Platz 1 der Bestsellerliste der »New York Times« - für Laura eine Premiere.
Danny verwaltete Lauras Einkommen mit soviel Geschick, Vorsicht und Scharfsinn, daß sie trotz fast erdrückend hoher Einkommensteuern damit rechnen konnten, binnen weniger Jahre nicht nur reich - reich waren sie nach den meisten Begriffen längst -, sondern schwerreich zu sein. Laura wußte nicht recht, was sie davon halten sollte. Sie hatte nie erwartet, eines Tages reich zu werden. Beim Gedanken an ihre beneidenswerten Vermögensverhältnisse hätte sie vielleicht freudig erregt oder - angesichts des Elends auf der Welt - entsetzt sein müssen, aber das viele Geld berührte sie kaum. Die materielle Sicherheit war willkommen, sie schuf Zuversicht. Aber Danny und Laura dachten nicht daran, aus ihrem hübschen Haus auszuziehen, obwohl sie sich einen Landsitz hätten leisten können. Das Geld war da, basta, und Laura dachte nicht weiter darüber nach. Das Leben bestand nicht aus Geldverdienen; ihr Leben bestand aus Danny und Chris und natürlich auch ihren Büchern.
Mit einem Kleinkind im Haus konnte und wollte Laura nicht mehr sechzig Stunden pro Woche vor ihrem PC sitzen. Chris lernte sprechen und laufen und ließ nichts von der Launenhaftigkeit und Aufsässigkeit erkennen, die Elternratgeber als normales Verhalten Zwei- bis Dreijähriger beschrieben. Er war ein lieber, aufgeweckter, wißbegieriger Junge, und Laura verbrachte möglichst viel Zeit mit ihm, ohne befürchten zu müssen, ihn dadurch zu verziehen.
»Die erstaunlichen Appelby-Zwillinge«, Lauras viertes Buch, erschien erst im Oktober 1984 - zwei Jahre nach »Die goldene Klinge«. Das Leserecho war keineswegs geringer, wie es manchmal der Fall ist, wenn ein Autor nicht jedes Jahr ein neues Buch schreibt. Die Vorbestellungen lagen höher als bei ihren bisherigen Titeln.
Am 10. Oktober saßen Laura, Danny und Chris auf den Sofas im Wohnzimmer, sahen auf Video alte Road-Runner-Cartoons an - »Brumm, brumm!« sagte Christopher jedesmal, wenn Road Runner blitzartig davonschoß - und aßen Popcorn, als Thelma in Tränen aufgelöst aus Chicago anrief. Laura nahm den Hörer in der Küche ab, aber auf dem Fernsehschirm nebenan versuchte der belagerte Kojote seinen Verfolger in die Luft zu sprengen und jagte sich dabei selbst in die Luft, so daß Laura sagte: »Danny, ich spreche lieber vom Arbeitszimmer aus.«
In den vier Jahren seit Christophers Geburt hatte Thelma Karriere gemacht und war in mehreren großen Spielkasinos in Las Vegas aufgetreten. (»He, Shane, ich muß ziemlich gut sein, denn obwohl die Serviererinnen halbnackt sind und viel Busen und Po zeigen, sehen die Kerle im Publikum manchmal tatsächlich mich an. Andererseits bin ich vielleicht nur für Schwule attraktiv.«) Im vergangenen Jahr war sie im MGM Grand im Hauptsaal aufgetreten, um das Publikum auf Dean Martin einzustimmen, und viermal zu Johnny Carsons »To-night Show« eingeladen worden. Es gab ein Filmprojekt oder sogar Pläne für eine eigene Fernsehserie, und Thelma schien kurz davor zu stehen, als Komödiantin ein Star zu werden. Im Augenblick war sie in Chicago, wo sie demnächst in einem bekannten Club als Hauptattraktion auftreten sollte.
Vielleicht war die lange Reihe positiver Ereignisse in Thel-mas und ihrem eigenen Leben schuld daran, daß Laura sofort in Panik geriet, als sie Thelma schluchzen hörte. Sie ließ sich in den Sessel hinter dem Schreibtisch fallen und griff mit zitternder Hand nach dem Telefonhörer. »Thelma? Was ist los, was hast du, was ist passiert?«
»Ich habe gerade ... dein neues Buch gelesen.«
Da Laura sich nicht vorstellen konnte, weshalb Thelma auf die »Appleby-Zwillinge« so betroffen reagieren sollte, fragte sie sich jetzt, ob ihre Charakterisierung der Zwillinge Carrie und Sandra Appleby irgendwie kränkend gewesen sein mochte. Obwohl keine der geschilderten Episoden aus Ruthies und Thelmas Leben stammte, waren die Applebys natürlich eine Kopie der Ackerson-Zwillinge. Beide waren liebevoll und mit viel Humor gezeichnet; ihre Darstellung enthielt bestimmt nichts für Thelma Beleidigendes, und Laura versuchte in ihrer Panik, ihre besten Absichten zu beteuern.
»Nein, nein, Shane, du hoffnungsloser Dummkopf!« sagte Thelma schluchzend. »Ich bin nicht beleidigt. Ich muß bloß heulen, weil dir was Wundervolles gelungen ist. Carrie Apple-by ist Ruthie, wie ich sie gekannt habe, aber in deinem Buch läßt du Ruthie lange leben. Du läßt Ruthie weiterleben, Shane, und leistest damit weit bessere Arbeit als Gott im richtigen Leben.«
Sie sprachen noch fast eine Stunde miteinander - vor allem über Ruthie, jetzt nicht mehr unter Tränen, tauschten Erinnerungen über sie aus. Danny und Chris erschienen mehrmals etwas ratlos an der offenen Tür des Arbeitszimmers, aber Laura warf ihnen lediglich Kußhände zu und telefonierte weiter, denn dies war einer jener seltenen Fälle, wo Erinnerungen an eine Tote wichtiger waren als die Bedürfnisse der Lebenden.
Zwei Wochen vor Weihnachten 1985, als Chris fünf vorbei war, begann in Südkalifornien die Regenzeit mit einem Platzregen, der Palmenwedel wie Knochen klappern ließ, die letzten Blüten von den Geranien schlug und Straßen überflutete. Chris konnte nicht im Freien spielen. Sein Vater war unterwegs, um Immobilien zu besichtigen, die eine gute Geldanlage sein konnten, und der Junge hatte keine Lust, sich allein zu beschäftigen. Er kam mit allen möglichen Ausreden zu Laura, die daraufhin um 14 Uhr den Versuch aufgab, an ihrem gegenwärtigen Roman zu arbeiten. Sie schickte ihn in die Küche, damit er die Backbleche aus dem Schrank hole, und versprach ihm, er dürfe ihr helfen, Plätzchen mit Schokoladestreusel zu backen.
Bevor sie nach unten ging, holte sie Sir Keith Kröterichs breite Stiefel, den winzigen Regenschirm und seinen karierten Schal aus der Kommode im Schlafzimmer, wo sie auf einen Tag wie diesen gewartet hatten. Auf dem Weg in die Küche ließ Laura sie in der Diele zurück.