Als Laura später ein Blech mit Plätzchen in den Backofen schob, schickte sie Chris zur Haustür, um ihn nachsehen zu lassen, ob der UPS-Paketbote eine Sendung, die sie angeblich erwartete, dort hinterlegt habe. Der Junge kam ganz aufgeregt zurück. »Mami, komm nur, sieh doch!«
In der Diele zeigte er ihr die winzigen Kleidungsstücke, und Laura sagte: »Die gehören Sir Keith, nehme ich an. Oh, habe ich vergessen, dir von unserem neuen Mieter zu erzählen? Ein vornehmer, gebildeter Kröterich aus England, der im Auftrag der Königin hier ist.«
Laura war acht gewesen, als ihr Vater Sir Keith erfunden hatte, und hatte den fabelhaften Kröterich als amüsante Phantasiegestalt akzeptiert. Chris war erst fünf und nahm ihn ernster. »Wo soll er schlafen - im Gästezimmer? Und was ist, wenn Grandpa auf Besuch kommt?«
»Wir haben Sir Keith einen Raum auf dem Dachboden vermietet«, behauptete Laura. »Wir dürfen ihn dort nicht stören oder irgend jemandem außer Daddy von ihm erzählen, weil Sir Keith mit einem Geheimauftrag Ihrer Majestät unterwegs ist.«
Chris starrte sie mit großen Augen an, und sie hätte am liebsten gelacht. Er hatte braunes Haar und braune Augen wie seine Eltern, aber das feingeschnittene Gesicht Lauras. Obwohl er noch so klein war, hatte er irgend etwas an sich, das sie vermuten ließ, er werde eines Tages in die Höhe schießen und so groß und athletisch werden wie Danny. Jetzt brachte er seine Lippen an ihr Ohr und flüsterte: »Ist Sir Keith ein Spion?«
Beim Backen, Aufräumen und Kartenspielen am Küchentisch fragte Chris den ganzen Nachmittag lang immer wieder nach Sir Keith, und Laura entdeckte, daß das Erfinden von Kindergeschichten in mancher Beziehung anstrengender war als das Schreiben von Romanen für Erwachsene.
»Hallo, wo steckt ihr?« rief Danny von der Verbindungstür zur Garage aus, als er gegen 16.30 Uhr nach Hause kam.
Chris sprang vom Küchentisch auf, an dem seine Mutter mit ihm Karten gespielt hatte, und legte seinen Zeigefinger auf die Lippen. »Pssst, Daddy, Sir Keith schläft vielleicht gerade, er hat eine lange Reise hinter sich, er ist die Königin von England und spioniert auf unserem Dachboden!«
Danny runzelte die Stirn. »Kaum bin ich ein paar Stunden fort, nisten sich hier bereits schuppige britische Spione ein, die noch dazu Transvestiten sind?«
Nachdem Laura später am Abend im Bett besonders leidenschaftlich gewesen war, fragte Danny: »Was hast du heute? Du bist so ... aufgekratzt, so blendend gelaunt.«
Sie schmiegte sich unter der Decke an ihn und genoß das Gefühl, seinen nackten Körper an sich zu pressen. »Oh, ich weiß auch nicht, es liegt nur daran, daß ich lebe, daß Chris lebt, daß du lebst, daß wir zusammen sind. Und die Geschichte mit Sir Keith Kröterich.«
»Die macht dir Spaß.«
»Ja, sie macht mir Spaß. Aber das ist nicht alles. Sie ... nun, sie gibt mir irgendwie das Gefühl, daß das Leben weitergeht, daß es immer weitergeht, daß dieser Zyklus sich wiederholt -klingt verrückt, was? - und daß das Leben für uns, für uns alle noch lange weitergehen wird.«
»Na ja, wahrscheinlich hast du recht«, stimmte Danny zu. »Außer du bist in Zukunft jedesmal so energiegeladen, wenn wir uns lieben - dann bringst du mich nämlich in drei Monaten unter die Erde.«
Im Oktober 1986, als Chris sechs wurde, erschien »Endloser Fluß«, Lauras fünfter Roman, und wurde besser besprochen und verkauft als alle ihre früheren Bücher.
Ihr Lektor hatte diesen Erfolg vorausgesagt: »Ein typischer Laura-Shane-Roman - humorvoll, spannend und tragisch zugleich -, aber irgendwie nicht so düster wie die anderen, was ihn besonders reizvoll macht.«
Seit zwei Jahren waren Laura und Danny wenigstens einmal im Monat mit Chris übers Wochenende zum Lake Arrowhead und nach Big Bear in den San Bernardino Mountains gefahren, damit er lernte, daß die Welt nicht nur aus angenehmen, aber gänzlich urbanisierten und suburbanisierten Wohngebieten wie dem Orange County bestand. Da sie weiterhin als Schriftstellerin Erfolg hatte, Danny ihr Geld nach wie vor erfolgreich anlegte und Laura in letzter Zeit bereit war, ihren Optimismus auch zu leben, beschlossen sie, sich etwas zu leisten, und kauften ein zweites Haus in den Bergen.
Das Elf-Zimmer-Haus der Packards aus Naturstein und RotTannenholz stand einige Kilometer südlich von Big Bear auf einem acht Hektar großen Grundstück unweit der Staatsstraße 330. Tatsächlich war es viel luxuriöser als das Haus, in dem sie während der Woche in Orange Park Acres wohnten. Das riesige Grundstück war überwiegend mit Ponderosa-Kiefern, Tannen und kalifornischem Wacholder bewachsen, und die nächsten Nachbarn wohnten weit außer Sicht. Als sie an ihrem ersten Wochenende in den Bergen einen Schneemann bauten, erschienen am nahen Waldrand drei Hirsche und beobachteten sie neugierig.
Chris war von den Hirschen begeistert, und als er an diesem Abend zu Bett gebracht wurde, war er davon überzeugt, das seien die Hirsche gewesen, die den Schlitten des Weihnachtsmanns zogen. Hier verbringe der fröhliche dicke Mann den Rest des Jahres, behauptete er - nicht etwa am Nordpol, wie es immer hieß.
»Wind und Sterne« erschien im Oktober 1987 und war noch erfolgreicher als die vorigen. Die Verfilmung von »Endloser Fluß« kam am Thanksgiving Day in die Kinos und erzielte in der ersten Woche nach der Premiere die höchsten Einspielergebnisse aller Filme dieses Jahres.
Am 8. Januar 1988, einem Freitag, fuhren sie in dem angenehmen Bewußtsein, daß »Wind und Sterne« an diesem Sonntag zum fünften Mal die Bestsellerliste der »New York Times« anführen würde, am Nachmittag nach Big Bear, sobald Chris aus der Schule heimgekommen war. Der kommende Dienstag war Lauras 33. Geburtstag, und sie wollten ihn zu dritt vorausfeiern: hoch oben in den Bergen, mit Schnee statt dem Zuckerguß auf der Torte und dem Wind, der für Laura singen würde.
Die Hirsche hatten sich unterdessen so an sie gewöhnt, daß am Samstagmorgen ein ganzes Rudel in der Nähe des Hauses äste. Aber Chris war jetzt schon sieben, hatte in der Schule Gerüchte gehört, den Weihnachtsmann gebe es gar nicht, und neigte selbst dazu, diese Tiere für ganz gewöhnliche Hirsche zu halten.
Das Wochenende verlief perfekt, war vielleicht das beste, das sie bisher in den Bergen verbracht hatten -, aber sie mußten es vorzeitig abbrechen. Ursprünglich hatten sie am Montagmorgen um sechs Uhr abfahren wollen, um Chris direkt zur Schule zu bringen. Am späten Sonntagnachmittag zog jedoch vorzeitig ein Schneesturm auf, und obwohl sie kaum eineinhalb Stunden von den milderen Temperaturen in Küstennähe entfernt waren, sollte es in den Bergen über einen halben Meter Neuschnee geben. Um nicht eingeschneit zu werden und Chris einen Unterrichtstag versäumen zu lassen - was trotz ihres Blazers mit Allradantrieb vielleicht nicht zu vermeiden sein würde -, sperrten sie das große Haus ab und waren kurz nach 16 Uhr auf der Staatsstraße 330 nach Süden unterwegs.
Südkalifornien gehört zu den wenigen Gebieten der Welt, in denen man in weniger als zwei Stunden aus einer Winterlandschaft in subtropische Hitze fahren kann, und Laura genoß diese wunderbare Fahrt jedesmal. Die drei Packards waren mit Stiefeln, Wollsocken, Thermo-Unterwäsche, dicken Hosen, warmen Pullovern und Daunenjacken winterfest ausgerüstet, aber in eineinviertel Stunden würden sie ein milderes Klima erreichen, wo keiner mehr vermummt war, und in zwei Stunden würden die Leute wieder in Hemdsärmeln herumlaufen.
Laura fuhr den Blazer, während Danny, der neben ihr saß, mit Chris auf dem Rücksitz ein Assoziationsspiel mit Wörtern spielte, das sie auf früheren Fahrten zu ihrer Unterhaltung erfunden hatten. Rasch fallender Schnee bedeckte selbst die Straßenstücke, die auf beiden Seiten im Schutz großer Bäume lagen, und auf ungeschütztem Terrain wirbelte der Sturm Millionen von Schneeflocken über die Fahrbahn und nahm Laura manchmal fast die Sicht. Sie fuhr langsam, weil es sie nicht störte, wenn die Zwei stundenfahrt nach Hause diesmal drei oder gar vier Stunden dauerte; da sie frühzeitig aufgebrochen waren, hatten sie reichlich Zeit.