Am Ausgang der großen Kurve, einige Kilometer südlich ihres Hauses, wo die knapp einen Kilometer lange Steigung begann, sah sie einen roten Jeep entgegen der Fahrtrichtung am rechten Straßenrand parken und einen Mann in einer halblangen Seemannsjacke mitten auf der Straße stehen. Er kam ihnen bergab entgegen und winkte mit beiden Armen, sie sollten anhalten.
Danny beugte sich nach vorn, kniff die Augen zusammen, um trotz der über die Scheibe holpernden Wischer klar zu sehen, und sagte: »Er scheint ‘ne Panne zu haben und Hilfe zu brauchen.«
»Packards Patrouille greift ein!« rief Chris vom Rücksitz aus.
Als Laura das Gas wegnahm, winkte der Mann ihr aufgeregt zu, sie solle an den rechten Straßenrand fahren.
»Irgendwie kommt er mir merkwürdig vor ...«, sagte Danny.
Merkwürdig war der Mann tatsächlich: Er war ihr spezieller Beschützer. Sein unerwartetes Auftauchen nach so vielen Jahren ängstigte und erschreckte Laura.
10
Er war eben erst aus dem gestohlenen Jeep gestiegen, als der Blazer aus der Kurve am Fuß der Steilstrecke tauchte. Während er darauf zurannte, sah er, daß Laura im unteren Drittel der Steigung das Gas wegnahm und nur mehr im Schrittempo vorwärtskroch. Aber sie befand sich noch mitten auf der Straße, deshalb gab er ihr verzweifelt Zeichen, so nahe wie möglich an den rechten Straßenrand heranzufahren. Anfangs kroch sie weiter, als wisse sie nicht recht, ob er nur ein Autofahrer sei, der eine Panne hatte, oder ein gefährlicher Straßenräuber. Sobald sie jedoch so nahe heran war, daß sie sein Gesicht sehen konnte - und ihn vielleicht erkannte -, gehorchte sie sofort.
Als sie ruckartig beschleunigte, an ihm vorbeiröhrte und den Blazer nur fünf, sechs Meter unterhalb von Stefans Jeep an einer Stelle zum Stehen brachte, wo das Bankett etwas breiter war, kehrte er um, lief zurück und riß die Tür auf. »Ich weiß nicht, ob’s genügt, nicht auf der Fahrbahn zu sein. Steigt aus, klettert den Hang hinauf, beeilt euch, los!«
»He, Augenblick mal ...«, begann Danny.
»Tu, was er sagt!« rief Laura. »Schnell, Chris, raus mit dir!«
Stefan packte Lauras Hand und zerrte sie halb vom Fahrersitz. Während Danny und Chris sich beeilten, aus dem Blazer zu springen, hörte Stefan das Brummen eines schwer arbeitenden Motors, das den heulenden Wind übertönte. Er blickte die lange Steigung hinauf und beobachtete einen Kleinlaster, der über den Hügel gekommen war und jetzt bergab auf sie zurollte. Stefan zog Laura hinter sich her um den Kühler des Blazers herum.
»Los, weg von der Straße!« drängte ihr Beschützer und machte sich daran, den zusammengepreßten, mit einer Eisschicht bedeckten Schneewall zu erklettern, den Schneepflüge aufgetürmt hatten und der zu den ersten Bäumen hin steil abfiel.
Laura blickte die Steigung hinauf und sah den Kleinlaster, der noch einige hundert Meter von ihnen entfernt war, wie in Zeitlupe ins Schleudern geraten, bis er fast querstand. Hätte ihr Beschützer sie nicht aufgehalten, wären sie dem schleudernden Lastwagen genau dort begegnet und bereits von ihm gerammt worden.
Danny, der neben ihr stand und Chris auf dem Rücken hatte, erfaßte sofort die Gefahr, in der sie noch immer schwebten. Der außer Kontrolle geratene Lastwagen konnte die ganze Gefällestrecke hinunter und in ihre am Straßenrand abgestellten Fahrzeuge rasen. Danny packte Chris fester, arbeitete sich den Schneewall hoch und rief Laura zu, sie solle sich bewegen.
Sie begann hastig zu klettern, suchte Griffe und trat mit den Stiefeln Trittlöcher. Der Schneewall war nicht nur verharscht, sondern auch mit Eisbrocken durchsetzt, und an einigen Stellen lösten sich große Brocken, und Laura wäre beinahe rückwärts aufs Bankett gestürzt. Als sie dann mit ihrem Beschützer, Danny und Chris fünf Meter über der Straße auf einem schmalen, aber fast schneefreien Felsband in der Nähe der Bäume stand, hatte sie das Gefühl, ewig geklettert zu sein. Tatsächlich mußte die Angst ihr Zeitgefühl beeinträchtigt haben, denn als sie wieder auf die Straße blickte, sah sie, daß der Lastwagen noch immer auf sie zuschleuderte. Er war noch zehn Wagenlängen von ihnen entfernt, hatte sich einmal um seine Achse gedreht und kam wieder mit der Längsseite auf sie zu.
Im Schneetreiben schien das Fahrzeug sich wie in Zeitlupe zu bewegen: das Schicksal in Form einiger Tonnen Stahl. Auf seiner Ladefläche stand ein Schneemobil, das weder mit Ketten noch Gurten gesichert war; offenbar hatte der Fahrer leichtsinnigerweise darauf vertraut, daß es durch sein Gewicht stehenbleiben würde. Jetzt stieß das Schneemobil heftig gegen die Bordwände und die Rückwand des Fahrerhauses und brachte den schleudernden Kleinlaster so heftig ins Schwanken, daß ein Überschlagen wahrscheinlicher erschien als das erneute Kreiseln, das er jetzt vollführte.
Laura sah den Fahrer vergeblich mit dem Lenkrad kämpfen, sah die Frau neben ihm die Hände vors Gesicht schlagen und dachte: Mein Gott, diese armen Menschen!
Als habe ihr Beschützer ihre Gedanken erraten, rief er laut, um das Heulen des Windes zu übertönen: »Beide betrunken, keine Schneeketten!«
Wenn du soviel über sie weißt, dachte Laura, mußt du auch wissen, wer sie sind - warum hast du sie dann nicht angehalten, weshalb hast du nicht auch sie gerettet?
Mit schrecklichem Krachen bohrte der Kühler des Kleinlasters sich in die Flanke des Jeeps, und die Beifahrerin, die ihren Sicherheitsgurt nicht angelegt hatte, wurde zur Hälfte durch die Windschutzscheibe geschleudert und blieb, halb aus dem Wagen hängend, liegen .
»Chris!« kreischte Laura. Aber dann sah sie, daß Danny den Jungen bereits abgesetzt hatte und ihn an sich gedrückt hielt, um zu verhindern, daß der Junge Augenzeuge des Unfalls wurde.
... Auch dieser Aufprall brachte den Lastwagen nicht zum Stehen; seine Bewegungsenergie war zu hoch, die Reifen ohne Ketten fanden auf der Schneedecke keinen Halt, doch änderte sich nun die Bewegungsrichtung des Lastwagens, dessen Heck jetzt abrupt nach rechts ausritt, so daß er rückwärts weiterschoß. Das Schneemobil durchbrach die Ladeklappe am Heck, flog in weitem Bogen von der Ladefläche, krachte in die Motorhaube des Blazers und zertrümmerte die Windschutzscheibe. Im nächsten Augenblick knallte das Heck des Kleinlasters mit solcher Gewalt gegen die Front des Blazers, daß das schwere Fahrzeug trotz angezogener Handbremse drei Meter weit zurückgeschoben wurde .
Obwohl Laura den Unfall aus sicherer Höhe über der Straße beobachtete, umklammerte sie Dannys Arm, weil sie sich entsetzt vorstellte, wie sie alle verletzt oder gar getötet worden wären, wenn sie in ihrem Wagen geblieben oder hinter ihm Schutz gesucht hätten.
... Jetzt prallte der Kleinlaster von dem Blazer ab; die blutende Frau fiel ins Fahrerhaus zurück; der demolierte Wagen, der an Geschwindigkeit verloren hatte, aber noch immer außer Kontrolle war, beschrieb in einem unheimlich graziösen Ballett des Todes einen Vollkreis, schleuderte über beide Fahrspuren, fand auf der Schneedecke keinen Halt, geriet über den ungesicherten Fahrbahnrand und verschwand sich überschlagend in der Tiefe.
Obwohl der Schrecken vorüber war, schlug Laura die Hände vors Gesicht, als könne sie dadurch das vor ihrem inneren Auge stehende Bild aussperren, wie der Kleinlaster mit seinen beiden Insassen Hunderte von Metern tief in die steile, fast unbewaldete Schlucht stürzte. Der Fahrer und seine Beifahrerin würden tot sein, bevor sie den Boden der Schlucht erreichten. Über das Tosen des Windes hinweg hörte sie, wie der Lastwagen gegen einen Felsen krachte, weiterstürzte und erneut aufschlug. Sekunden später gingen die Absturzgeräusche im wilden Heulen des Sturms unter.