Der Kugelfang bestand aus einer zwei Meter hohen und fünf Meter breiten Mauer aus vierfach hintereinander aufgestapelten Strohballen. Dahinter lagen einige Hektar Kiefernwald - ihr Privatbesitz -, so daß ein so aufwendiger Kugelfang entbehrlich gewesen wäre, aber Laura wollte niemanden erschießen. Zumindest nicht versehentlich.
Chris band eine neue Mannscheibe fest und kam mit der alten zu Laura zurück. »Vier Treffer, Mom. Zwei tödliche, zwei mannstoppende, aber du scheinst ein bißchen nach links abzukommen.«
»Mal sehen, ob sich das korrigieren läßt.«
»Du bist bloß müde, sonst nichts«, stellte Chris fest.
Im Gras um sie herum lagen über 150 leere Patronenhülsen. Lauras Handgelenke, Arme, Schultern und Genick begannen von den vielen Rückstößen zu schmerzen, aber sie wollte noch eine Trommel verschießen, bevor sie für heute aufhörte.
Jenseits des Hauses fiel Thelmas Autotür ins Schloß.
Chris setzte seinen Gehörschutz wieder auf und griff nach dem Fernglas, um die Mannscheibe zu beobachten, während seine Mutter schoß.
Mitleid durchflutete Laura, als sie jetzt den Jungen beobachtete - nicht nur weil er vaterlos war, sondern weil es ihr unfair erschien, daß ein Kind, das erst in zwei Monaten acht wurde, bereits wußte, wie gefährlich das Leben war, und in dem Bewußtsein ständig drohender Gefahr leben mußte. Sie tat alles, damit sein Leben so fröhlich wie möglich verlief; sie erfand noch immer neue Keith-Kröterich-Geschichten, obwohl Chris nicht mehr glaubte, daß Keith tatsächlich existierte; anhand ihrer großen Sammlung klassischer Kinderbücher konnte sie ihm auch zeigen, wieviel vergnügliche Abwechslung Bücher boten; sie bemühte sich sogar, jedes Übungsschießen als Spiel hinzustellen und dadurch davon abzulenken, daß für sie die Notwendigkeit bestand, sich verteidigen zu können. Trotzdem war ihr Leben gegenwärtig beherrscht von der Angst vor dem Unbekannten. Diese Realität ließ sich nicht vor dem Jungen verbergen und würde zwangsläufig gravierende und bleibende Auswirkungen auf ihn haben.
Chris ließ das Fernglas sinken und sah sie an, um festzustellen, weshalb sie nicht schoß. Sie lächelte ihm zu. Er lächelte zurück. Sein Lächeln war so berührend, daß es Laura fast das Herz brach.
Sie drehte sich nach der Mannscheibe um, hob den Revolver mit beiden Händen und gab den ersten Schuß der neuen Serie ab.
Nach Lauras viertem Schuß erschien Thelma neben ihr. Sie steckte sich die Zeigefinger in die Ohren und verzog schmerzlich das Gesicht.
Laura gab die beiden letzten Schüsse ab und zog ihren Gehörschutz herunter, während Chris die Scheibe holte. Das Echo ihrer Schüsse hallte noch durch die Berge, als sie sich zu Thelma umdrehte und sie umarmte.
»Was soll die Knallerei?« wollte Thelma wissen. »Willst du in Zukunft Drehbücher für Clint Eastwood schreiben? Nein, he, noch besser: Du schreibst Dirty Hariet, das Gegenstück zu Clints Rolle. Und ich bin genau die richtige Schauspielerin dafür - hart, eiskalt, mit einem verächtlichen Grinsen, vor dem selbst Bogart erschrecken würde.«
»Okay, ich denke an dich, wenn’s um die Besetzung geht«, versprach Laura. »Aber am liebsten wär’s mir, wenn Clint den Part in Frauenklamotten spielen würde.«
»He, du hast ja noch Sinn für Humor, Shane!«
»Hast du gedacht, ich hätte keinen mehr?«
Thelma runzelte die Stirn. »Ich wußte nicht, was ich denken sollte, als ich dich ballern sah - böse wie ‘ne Schlange mit Giftzahnkaries.«
»Selbstverteidigung«, sagte Laura. »Jedes brave Mädchen sollte sie beherrschen.«
»Du schießt wie ein Profi.« Thelma wurde auf die glitzernden Messinghülsen im Gras aufmerksam. »Wie oft übst du hier draußen?«
»Dreimal pro Woche, jedesmal ein paar Stunden.«
Chris kam mit der Scheibe zurück. »Hallo, Tante Thelma. Mom, diesmal sind’s vier tödliche Treffer, ein mannstoppender und ein Fehlschuß.«
»Tödliche?« wiederholte Thelma.
»Findest du, daß ich noch immer nach links abkomme?« fragte Laura den Jungen.
Er zeigte die Scheibe. »Nicht mehr so stark wie vorher.«
»Ho, Christopher Robin«, fragte Thelma, »ist das alles, was ich kriege - bloß ein kümmerliches >Hallo, Tante Thelma<?«
Chris legte die Mannscheibe auf einen Stapel gebrauchter Scheiben, lief zu Thelma, umarmte sie und gab ihr einen Kuß. Dabei fiel ihm auf, daß sie nicht mehr als Punkerin zurechtgemacht war. »Was ist los mit dir, Tante Thelma?« erkundigte er sich. »Du siehst normal aus.«
»Ich sehe normal aus? Was ist das - ein Kompliment oder eine Beleidigung? Merk dir, mein Junge: Selbst wenn deine alte Tante Thelma normal aussieht, ist sie’s nicht! Sie ist ein komisches Genie, verwirrend geistreich und nach eigener Einschätzung eine Berühmtheit. Ich glaube bloß, daß der Punkerlook passé ist.«
Sie stellten Thelma dazu an, beim Aufsammeln der leeren Patronenhülsen zu helfen.
»Mom schießt klasse«, sagte Chris stolz.
»Das will ich hoffen - bei so viel Übung. Hier liegt genug Metall herum, um ein ganzes Amazonenheer mit Messingpimmeln auszurüsten.«
»Was meint Tante Thelma damit?« fragte Chris seine Mutter.
»Frag mich in zehn Jahren noch mal«, sagte Laura.
Als sie ins Haus gingen, sperrte Laura die ins Freie führende Küchentür ab. Mit zwei Sicherheitsschlössern. Dann schloß sie die Fensterläden, damit niemand von draußen hereinsehen könnte.
Thelma beobachtete diese Rituale interessiert, ohne sich dazu zu äußern.
Chris schob im Wohnzimmer »Raiders of the Lost Ark« in den Videorekorder und machte es sich mit einer Cola und einem Beutel Käse-Popcorn vor dem Fernseher gemütlich. In der Küche nebenan saßen Laura und Thelma am Tisch und tranken Kaffee, während Laura den großkalibrigen Chief’s Special zerlegte und reinigte.
Die Küche war riesig, aber trotzdem gemütlich - mit viel dunkler Eiche, Sichtmauerwerk mit alten Ziegeln an zwei Wänden, einem Dunstabzug aus Kupfer, Wandhaken, an denen Kupfertöpfe und -pfannen hingen, dunkelblauen Bodenfliesen. In solchen Küchen lösten Familien in Fernsehserien allwöchentlich in dreißig Minuten (abzüglich Werbung) ihre unsinnigen Krisen und erlangten transzendentale Erleuchtung (mit Herz). Sogar Laura hatte das Gefühl, dies sei ein etwas merkwürdiger Ort, um eine Waffe zu reinigen, deren Hauptzweck die Tötung anderer Menschen war.
»Hast du wirklich Angst?« fragte Thelma.
»Worauf du dich verlassen kannst!«
»Aber Danny ist erschossen worden, weil ihr das Pech hattet, in eine Auseinandersetzung zwischen Drogenhändlern zu geraten. Diese Leute sind längst fort, stimmt’s?«
»Vielleicht nicht.«
»Hör zu, wenn sie Angst haben, du könntest sie identifizieren, hätten sie längst versucht, dich zu beseitigen.«
»Ich gehe kein Risiko ein.«
»Du mußt wieder lockerer werden, Kid. Du kannst nicht für den Rest deines Lebens mit der Angst leben, jemand könnte aus dem nächsten Busch über dich herfallen. Okay, meinetwegen, du hast einen Revolver im Haus. Das ist wahrscheinlich klug. Aber willst du denn nie wieder unter Leute gehen? Du kannst doch nicht überall deinen Revolver mit dir rumschleppen!«
»Doch, das kann ich. Ich habe einen Waffenschein.«
»Einen Waffenschein für diese Kanone?«
»Ich habe sie in der Handtasche bei mir, egal wohin ich gehe.«
»Jesus, wie hast du ‘nen Waffenschein gekriegt?«
»Mein Mann ist unter merkwürdigen Umständen von Unbekannten erschossen worden. Die Killer haben versucht, auch meinen Sohn und mich zu erschießen - und sie befinden sich noch immer auf freiem Fuß. Außerdem bin ich eine reiche und verhältnismäßig berühmte Frau. Da wär’s seltsam, wenn ich keinen Waffenschein bekommen hätte.«