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Thelma schwieg eine Minute lang, trank mit kleinen Schluk-ken ihren Kaffee und sah zu, wie Laura den Revolver reinigte. »Mir ist’ s ein bißchen unheimlich, Shane«, meinte sie dann, »daß du so todernst, so nervös bist. Ich meine, es ist jetzt sieben Monate her, daß Danny ... gestorben ist. Aber du bist unruhig, als wäre es erst gestern passiert. Du kannst nicht ständig so angespannt oder bereit oder sonst was sein. Damit treibst du dich selbst in den Wahnsinn! Verfolgungswahn. Du mußt einsehen, daß du nicht für den Rest deines Lebens ununterbrochen auf der Lauer liegen kannst.«

»Das kann ich aber, wenn’s sein muß.«

»Ach, tatsächlich? Wie sieht’s damit im Augenblick aus? Dein Revolver ist zerlegt. Was wäre, wenn irgendein tätowierter Barbar jetzt anfangen würde, die Tür dort drüben einzuschlagen?«

Die Küchenstühle waren auf Gummirollen beweglich. Laura stieß sich vom Tisch ab, ließ sich zu dem Schrank neben der Kühl-Gefrierkombination rollen, riß eine Schublade auf und holte einen weiteren Chiefs Special Kaliber 38 heraus.

»He, wo bin ich hier - mitten in einem Waffenlager?« erkundigte Thelma sich.

Laura legte den zweiten Revolver in die Schublade zurück. »Komm, wir machen eine kleine Besichtigungstour.«

Thelma folgte ihr in den Anrichteraum, an dessen Tür eine MP Uzi hing.

»Das ist eine Maschinenpistole, stimmt’s? Darfst du die überhaupt legal besitzen?«

»Waffenscheinbesitzer dürfen sie in zugelassenen Geschäften kaufen - allerdings nur als halbautomatische Waffe; der Umbau zur vollautomatischen Maschinenpistole ist strafbar.«

Thelma warf Laura einen prüfenden Blick zu und seufzte. »Diese hier ist wohl umgebaut?«

»Ja, sie schießt vollautomatisch. Aber ich habe sie von einem illegalen Waffenhändler, nicht in einem Geschäft gekauft.«

»Das ist mir alles zu unheimlich, Shane. Wirklich!«

Laura führte ihre Freundin ins Eßzimmer und zeigte ihr den Revolver in der Halterung unter dem Sideboard. Im Wohnzimmer war ein vierter Revolver unter dem niedrigen Tisch neben einem der Sofas befestigt. Eine zweite umgebaute Uzi hing innen an der Haustür. In einer Schublade im Hobbyraum, in Lauras Arbeitszimmer im Obergeschoß, in ihrem Bad und im Nachttisch neben ihrem Bett lagen weitere Revolver. Vervollständigt wurde dieses Arsenal durch eine dritte MP Uzi in Lauras Schlafzimmer.

»Das wird ja immer unheimlicher«, sagten Thelma, während sie die Uzi anstarrte, die Laura unter ihrem Bett hervorgeholt hatte. »Wären wir nicht alte Freundinnen, Shane, würde ich glauben, du seist übergeschnappt - zu einer wilden Waffennärrin geworden. Da ich dich aber kenne, mußt du für solche Angst gute Gründe haben. Aber was ist mit Chris und all diesen Waffen?«

»Chris weiß, daß er sie nicht anfassen darf, und ich habe Vertrauen zu ihm. Um Chris brauchst du dir keine Sorgen zu ma-chen.«

»Wie findet man um Himmels willen einen illegalen Waffenhändler?« fragte Thelma, als Laura die Uzi wieder unter ihr Bett legte.

»Ich bin reich, hast du das vergessen?«

»Und mit Geld kann man alles kaufen? Okay, das mag stimmen - aber wie nimmt man Verbindung mit einem Waffenhändler auf? Solche Leute hängen doch wohl keinen Zettel ans Kleinanzeigenbrett im nächsten Waschsalon, oder?«

»Ich habe Recherchen für mehrere komplizierte Romane angestellt, Thelma. Dabei habe ich gelernt, jeden und alles ausfindig zu machen.«

Als sie in die Küche zurückkamen, war Thelma schweigsam geworden. Aus dem Wohnzimmer drang die bombastische Musik herüber, die Indiana Jones bei allen seinen Abenteuern begleitete. Während Laura saß und weiter ihren Revolver reinigte, schenkte Thelma ihnen Kaffee nach.

»Reden wir doch einmal vernünftig miteinander, Kleine. Falls da draußen wirklich eine Gefahr lauert, die dieses Waffenarsenal rechtfertigt, bist du allein ihr nicht gewachsen. Weshalb hast du keine Leibwächter?«

»Weil ich niemandem traue. Niemandem außer Chris und dir, meine ich. Und Dannys Vater, der aber in Florida lebt.«

»Aber du kannst nicht so weitermachen: allein, in ständiger Angst .«

»Ja, ich habe Angst, aber das Bewußtsein, vorbereitet zu sein, beruhigt«, sagte Laura, während sie eine Spiralbürste durch den Revolverlauf schob. »Ich habe mein Leben lang untätig zugesehen, wie mir geliebte Menschen weggenommen worden sind. Ich habe nichts dagegen getan, als es zu erdulden. Aber damit ist jetzt Schluß! In Zukunft kämpfe ich, verstehst du? Wer mir Chris wegnehmen will, muß über meine Leiche gehen, muß einen Krieg führen!«

»Laura, ich weiß, was du mitmachst. Aber hör zu, laß mich hier die Psychoanalytikerin spielen und dir sagen, daß das weniger eine Reaktion auf eine wirkliche Bedrohung, sondern eine Überreaktion auf das Gefühl ist, dem Schicksal hilflos ausgeliefert zu sein. Gegen die Vorsehung bist du machtlos, Kleines. Du kannst nicht mit Gott pokern und gewinnen wollen, nur weil du einen Revolver in der Handtasche hast. Ich meine, du hast Danny durch einen gewaltsamen Tod verloren, das stimmt, und Nina Dockweiler könnte vielleicht noch leben, wenn jemand den Aal erledigt hätte, als er’s verdiente, aber das sind die einzigen Fälle, in denen Menschen, die du geliebt hast, durch Schußwaffengebrauch hätten gerettet werden können. Deine Mutter ist bei deiner Geburt gestorben. Dein Vater ist einem Herzanfall erlegen. Ruthie haben wir durch einen Brand verloren. Selbstverteidigung mit Waffen ist in Ordnung, aber du mußt die Dinge in der richtigen Perspektive sehen, du mußt dir einen Sinn für Humor in bezug auf unsere Verwundbarkeit als Spezies Mensch bewahren - sonst landest du eines Tages in einer geschlossenen Anstalt. Was wäre, was Gott verhüten möge, wenn Chris Krebs bekäme? Du bist bereit, jeden abzuknallen, der ihn auch nur anfaßt, aber Krebs läßt sich mit keinem Revolver bekämpfen, und ich fürchte, du bist so darauf fixiert, Chris zu beschützen, daß du daran zerbrechen wirst, wenn ihm etwas in der Art zustößt, etwas, mit dem du nicht fertig wirst, mit dem niemand fertig wird. Ich mache mir Sorgen um dich, Kleines.«

Laura nickte und empfand plötzlich warme Zuneigung für ihre Freundin. »Ich weiß, Thelma. Und ich kann dich beruhigen. Ich habe vierunddreißig Jahre lang alles erduldet; jetzt wehre ich mich, so gut ich kann. Würden Chris oder ich Krebs kriegen, würde ich die besten Fachärzte aufsuchen und ihm oder mir die beste Behandlung sichern. Sollte jedoch alles fehlschlagen - sollte beispielsweise Chris an Krebs sterben -, würde ich diese Niederlage akzeptieren. Kämpfen schließt erdulden nicht aus. Ich kann kämpfen, und wenn aller Kampf nichts hilft, kann ich noch immer leiden.«

Thelma starrte sie lange über den Tisch hinweg an.

Schließlich nickte sie. »Das habe ich zu hören gehofft. Okay. Ende der Diskussion. Weiter im Text. Wann kaufst du dir einen Panzer, Shane?«

»Der wird am Montag geliefert.«

»Haubitzen, Granaten, Bazookas?«

»Dienstag. Was ist aus deinem Filmprojekt mit Eddie Murphy geworden?«

»Ich habe den Vertrag vorgestern unterschrieben.«

»Wirklich? Meine Thelma tritt als Star in einem EddieMurphy-Film auf?«

»Deine Thelma kriegt eine Rolle in einem Film mit Eddie Murphy. Ein Star bin ich deshalb noch lange nicht.«

»In dem Film mit Steve Martin hat du die vierte Hauptrolle gespielt, in dem mit Chevy Chase die dritte. Und diesmal spielst du die zweite, stimmt’s? Und wie oft bist du schon Moderatorin der >Tonight Show< gewesen? Achtmal, nicht wahr? Gib’s zu, Thelma, du bist ein Star.«

»Vielleicht, aber von sehr geringer Helligkeit. Ist das nicht verrückt, Shane? Wir beide kommen aus dem Nichts, aus dem McIllroy Home, und schaffen den Sprung zur Spitze. Merkwürdig, was?«

»Durchaus nicht«, widersprach Laura. »Not erzeugt Stehvermögen, und Leute mit Stehvermögen sind erfolgreich. Und verstehen zu überleben.«