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Als Laura dieses innere Feuer gelöscht hatte, fragte Thelma: »Warum hast du mir nicht schon vor Jahren von deinem . deinem Beschützer erzählt? Nicht schon damals im McIllroy?«

»Das weiß ich selbst nicht. Die Sache ist mir irgendwie ... magisch vorgekommen. Wie etwas, das ich für mich behalten mußte, weil sonst der Bann gebrochen war und ich ihn nie wiedersehen würde. Und als er’s mir überließ, mit dem Aal fertig zu werden, nicht eingriff, um Ruthie zu retten, glaubte ich wohl nicht mehr recht an ihn. Ich habe Danny nie von ihm erzählt, denn damals ist mein Beschützer mir ungefähr so real vorgekommen wie der Weihnachtsmann. Und dann ... hat er plötzlich auf der Straße vor mir gestanden.«

»In dieser Nacht in den Bergen hat er doch gesagt, er werde in einigen Tagen zurückkommen und dir alles erklären ...?«

»Aber ich habe ihn seitdem nicht wiedergesehen. Ich warte seit sieben Monaten darauf, daß jemand, der plötzlich vor mir auftaucht, mein Beschützer ist - oder, ebenso wahrscheinlich, ein zweiter Kokoschka mit einer Maschinenpistole.«

Thelma war von der Story wie elektrisiert und rutschte in ihrem Sessel hin und her, als stehe sie unter Strom. Zuletzt stand sie auf und ging im Zimmer auf und ab. »Was ist mit Kokoschka? Haben die Cops was über ihn rausgekriegt?«

»Nichts. Er hat keinerlei Papiere bei sich gehabt. Sein Pontiac ist wie der rote Jeep gestohlen gewesen. Die Polizei hat seine Fingerabdrücke mit sämtlichen Karteien verglichen - ohne Ergebnis. Und einen Toten kann man nicht vernehmen. Niemand weiß, wer er war, woher er kam und weshalb er uns erschießen wollte.«

»Du hast viel Zeit gehabt, über die Sache nachzudenken. Wie steht’s mit ein paar Vermutungen? Wer ist dieser Beschützer? Woher kam er?«

»Keine Ahnung.« In Wirklichkeit hatte Laura eine ganz bestimmte Ahnung, die ihr jedoch verrückt erschien und für die sie keinerlei Beweise hätte vorbringen können. Sie verschwieg Thelma diese Vermutung jedoch nicht deshalb, weil sie sie für verrückt hielt, sondern weil sie so egozentrisch geklungen hätte. »Ich weiß es einfach nicht.«

»Wo ist dieser Gürtel, den er bei dir zurückgelassen hat?«

»Der liegt im Safe«, antwortete Laura und deutete mit dem Kopf zu der Ecke hinüber, in der ein in den Boden eingelassener Safe unter dem Teppich verborgen war.

Die beiden schlugen den mit Klebeband befestigten Teppichboden zurück und legten einen Safe frei, der aus einem 40 Zentimeter langen Zylinder mit 30 Zentimeter Durchmesser bestand. Laura öffnete ihn und holte den einzigen Gegenstand heraus, den er enthielt.

Sie gingen an den Schreibtisch zurück, um den geheimnisvollen Gürtel in besserem Licht betrachten zu können. Laura verstellte dazu ihre Arbeitslampe.

Der zehn Zentimeter breite Gürtel bestand aus schwarzem Stretchmaterial, vielleicht Nylon, mit eingewebten Kupferdrähten, die eigentümlich komplizierte Muster bildeten. Wegen seiner Breite benötigte er statt einer Gürtelschnalle zwei kleine Schnallen, die ebenfalls aus Kupfer hergestellt waren. Unmittelbar links neben diesen Schnallen war ein Kästchen von der Größe eines altmodischen Zigarettenetuis - etwa acht mal zehn Zentimeter bei nur knapp zwei Zentimeter Tiefe - aus Kupfer aufgenäht. Selbst eine genaue Untersuchung ließ keine Möglichkeit erkennen, das Kästchen zu öffnen, aus dem in der linken unteren Ecke ein gelber Knopf mit etwa zwei Zentimeter Durchmesser herausragte.

Thelma befühlte das seltsame Material des Gürtels zwischen Daumen und Zeigefinger. »Wiederhole mir noch einmal, was er sagte, daß passieren würde, wenn du auf den gelben Knopf drücken würdest.«

»Er hat mich ermahnt, um Himmels willen nicht draufzudrücken, und als ich ihn nach dem Grund fragte, hat er geantwortet: >Weil du nicht hinwillst, wohin er dich bringen würde.««

Sie standen im Lichtkegel der Schreibtischlampe nebeneinander und starrten den Gürtel an, den Thelma in ihren Händen hielt. Inzwischen war es nach vier Uhr morgens, und das Haus war so still wie irgendein unbelebter Mondkrater.

»Bist du jemals versucht gewesen, auf den Knopf zu drük-ken?« fragte Thelma schließlich.

»Nein, niemals«, antwortete Laura, ohne zu zögern. »Als er von dem Ort sprach, an den der Gürtel mich bringen würde ... da war in seinen Augen ein schrecklicher Ausdruck. Ich weiß, daß er nur widerstrebend dorthin zurückgekehrt ist. Ich weiß nicht, woher er stammt, Thelma, aber wenn ich seinen Ausdruck richtig gedeutet habe, dann muß dieser Ort praktisch die Hölle auf Erden sein.«

Am Sonntagnachmittag gingen sie in Shorts und T-Shirts hinters Haus, breiteten einige Decken auf dem Rasen aus und veranstalteten ein langes, gemütliches Picknick mit Kartoffelsalat, Weißbrot, Aufschnitt, Käse, Obst, Kartoffelchips und dicken Zimtschnitten mit viel Schlagsahne. Sie spielten mit Chris, der diesen Nachmittag vor allem auch deshalb genoß, weil Thelma die Gabe besaß, ihr komisches Talent den Bedürfnissen eines Achtjährigen anzupassen.

Als Chris Eichhörnchen sah, die in der Nähe des Waldrandes umhertollten, wollte er sie füttern. Laura gab ihm eine Scheibe Weißbrot mit. »Die zerteilst du in kleine Stücke, die du ihnen zuwirfst. Sie lassen dich ohnehin nicht zu nah an sich heran. Und du bleibst in meiner Nähe, verstanden?«

»Klar, Mom.«

»Geh nicht an den Waldrand. Nur ungefähr die halbe Strecke bis zum Wald.«

Chris lief ungefähr zehn Meter weit, hatte damit etwas über die Hälfte der Strecke bis zum Waldrand zurückgelegt, und ließ sich auf die Knie nieder. Er riß kleine Weißbrotstücke ab und warf sie den Eichhörnchen zu, und die scheuen Tiere kamen bei jedem Brocken näher heran.

»Ein lieber Junge«, meinte Thelma.

»Sehr lieb.« Laura zog ihre Uzi näher zu sich heran.

»Er ist nur zehn, zwölf Meter von uns entfernt«, stellte Thelma fest.

»Aber dem Waldrand näher als mir.« Laura beobachtete die Schatten unter den grüngezackten Baumriesen.

Thelma angelte sich ein paar Kartoffelchips aus dem Beutel. »Mein erstes Picknick, zu dem jemand eine Maschinenpistole mitgebracht hat. Gefällt mir gar nicht so übel. Wenigstens braucht man keine Angst vor Bären zu haben.«

»Sie hilft natürlich auch gegen Ameisen.«

Thelma streckte sich auf der Seite liegend aus und stützte ihren Kopf in eine Hand. Laura blieb nach Indianerart mit untergeschlagenen Beinen sitzen. Orangerote Schmetterlinge, hell wie konzentrierter Sonnenschein, flatterten durch die warme Augustluft.

»Der Junge scheint mit der Sache fertig zu werden«, sagte Thelma.

»Mehr oder weniger«, stimmte Laura zu. »Anfangs ist’s natürlich schlimm gewesen. Er hat viel geweint, ist emotional labil gewesen. Aber das hat sich wieder gegeben. Kinder in seinem Alter sind wandlungsfähig, passen sich rasch an. Aber obwohl er sich mit allem abgefunden zu haben scheint . ich fürchte, daß er jetzt einen düsteren Zug in sich hat, der früher nicht dagewesen ist und sich nicht wieder verlieren wird.«

»Nein, er verliert sich nicht wieder«, bestätigte Thelma. »Er liegt wie ein Schatten auf seinem Herzen. Aber Chris wird weiterleben und glücklich werden, und es wird Zeiten geben, in denen er sich dieses Schattens überhaupt nicht bewußt sein wird.«

Während Thelma beobachtete, wie Chris die Eichhörnchen anlockte, betrachtete Laura ihre Freundin von der Seite. »Du vermißt Ruth noch immer, nicht wahr?«

»Jeden Tag seit zwanzig Jahren. Vermißt du deinen Vater etwa nicht?«