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»Doch«, antwortete Laura. »Aber ich glaube, daß ich etwas anderes empfinde, wenn ich an ihn denke. Wir rechnen damit, daß unsere Eltern vor uns sterben, und selbst wenn sie uns vorzeitig verlassen, werden wir damit fertig, weil wir stets gewußt haben, daß das früher oder später passieren wird. Ganz anders sieht die Sache aus, wenn Ehepartner, Kinder ... oder Geschwister sterben, mit deren vorzeitigem Tod wir nie gerechnet haben. Deshalb werden wir damit schwerer fertig. Und am schwersten trifft uns wohl der Verlust einer Zwillingsschwester.«

»Bei jeder guten Nachricht - in bezug auf meine Karriere, meine ich - überlege ich mir als erstes, wie sehr Ruthie sich darüber für mich gefreut hätte. Und wie steht’s mit dir, Shane? Wie kommst du zurecht?«

»Ich weine nachts.«

»Das ist jetzt gesund. In einem Jahr wär’s nicht mehr gesund.«

»Ich liege nachts wach und horche auf meinen Herzschlag -ein einsames Geräusch. Gott sei Dank, daß ich Chris habe! Er ist jetzt mein Lebenszweck - und du, Thelma. Ich habe Chris und dich, wir sind eine Art Familie, findest du nicht auch?«

»Nicht nur eine Art Familie. Wir sind eine Familie. Du und ich, wir zwei sind Schwestern.«

Laura streckte lächelnd eine Hand aus und fuhr damit Thel-ma durchs zerzauste Haar.

»Aber«, schränkte Thelma ein, »daß wir Schwestern sind, bedeutet noch lange nicht, daß ich dir meine Klamotten leihe.«

4

Durch die offene Tür der Büro- und Laborräume des Instituts sah Stefan seine Kollegen bei der Arbeit, und keiner von ihnen ließ irgendein besonderes Interesse für ihn erkennen. Er fuhr in den zweiten Stock hinauf, wo er unmittelbar vor seinem Arbeitszimmer auf Dr. Wladislaw Janusky stieß, der als Dr. Wladimir Penlowskis langjähriger Schützling stellvertretender Leiter des Zeitreiseprojekts war, das ursprünglich als Projekt »Sichel« bezeichnet worden war, bis es vor einigen Monaten den zutreffenderen Decknamen »Blitzstraße« erhalten hatte.

Janusky war vierzig, um zehn Jahre jünger als sein Mentor, aber er sah älter aus als der energische, vitale Penlowski. Der kleine, dickliche Mann mit Stirnglatze, fleckigem Teint, zwei blitzenden Goldzähnen im Mund und dicken Brillengläsern, hinter denen seine Augen wie bemalte Eier aussahen, hätte eine komische Figur sein können. Aber sein fanatischer Glaube an den Staat und der Eifer, mit dem er sich für die nationale Sache einsetzte, machten sein komisches Potential mehr als wett; tatsächlich war er einer der unheimlichsten Männer, die an »Blitzstraße« beteiligt waren.

»Ah, mein lieber Stefan«, sagte Janusky, »ich wollte Ihnen noch für Ihren Vorschlag vom Oktober letzten Jahres danken, die Stromversorgung des Tores durch einen eigenen Generator sicherzustellen. Ihr Weitblick hat das Projekt gerettet. Wären wir weiterhin vom städtischen Stromnetz abhängig ... nun, dann wäre das Tor inzwischen ein halbes dutzendmal zusammengebrochen, und wir wären mit unserer Arbeit hoffnungslos im Rückstand.«

Stefan, der erwartet hatte, bei seiner Rückkehr ins Institut verhaftet zu werden, war verwirrt. Sein Verrat war offenbar unentdeckt geblieben, statt dessen wurde er von dieser bösartigen weißen Made gelobt. Hinter seinem Vorschlag, das Tor durch einen unabhängigen Generator mit Strom zu versorgen, hatte keineswegs der Wunsch gestanden, den Erfolg des Projekts zu sichern, sondern er hatte lediglich verhindern wollen, daß seine Zeitreisen in Lauras Leben durch Stromausfälle gestört würden.

»Ich hätte letzten Oktober nicht gedacht, daß die Lage sich bis heute so verschlechtern würde, daß die öffentliche Versorgung nicht mehr zuverlässig arbeitet«, fuhr Janusky fort und schüttelte trüb den Kopf. »Wieviel das Volk ertragen muß, um den Endsieg zu erringen, was?«

»Wir leben in bösen Zeiten«, bestätigte Stefan, der damit etwas ganz anderes meinte als Janusky.

»Aber wir werden siegen!« stellte Janusky nachdrücklich fest. In seinen vergrößerten Augen stand der Wahn, den Stefan so gut kannte. »Wir werden durch >Blitzstraße< siegen!« Er klopfte Stefan auf die Schulter und watschelte den Korridor entlang davon.

»Doktor Janusky?« rief Stefan ihm nach, als der Wissenschaftler schon fast am Aufzug war.

Die fette weiße Made drehte sich nach ihm um. »Ja?«

»Haben Sie Kokoschka heute schon gesehen?«

»Heute? Nein, heute nicht.«

»Aber er ist hier, nicht wahr?«

»Oh, das nehme ich an. Er ist meistens hier, solange irgend jemand arbeitet. Ein vorbildlich diensteifriger Mann. Hätten wir doch mehr Männer wie Kokoschka, stünde der Endsieg längst außer Zweifel. Müssen Sie ihn sprechen? Soll ich ihn zu Ihnen schicken, falls ich ihn irgendwo sehe?«

»Nein, nein,« wehrte Stefan an, »die Sache ist nicht dringend. Ich möchte ihn nicht von irgendwas abhalten. Er begegnet mir bestimmt irgendwo.«

Janusky ging zum Aufzug weiter, und Stefan verschwand in seinem Büro und schloß die Tür hinter sich.

Er kauerte neben dem Aktenschrank nieder, den er etwas seitlich verschoben hatte, damit er ein Drittel des Lüftungsgitters über der Fußbodenleiste abdeckte. In dem schmalen Spalt dahinter waren die aus dem untersten Schlitz kommenden dünnen Kupferdrähte kaum sichtbar. Die Litzen führten zu einem einfachen Zeitschalter, der wiederum mit einer Steckdose hinter dem Schrank verbunden war. Alle Verbindungen waren intakt. Stefan brauchte nur hinter den Aktenschrank zu greifen und den Zeitschalter einzustellen, um im Zeitraum von einer bis fünf Minuten - je nach Schalterstellung - das ganze Institut in die Luft zu jagen.

Was geht hier vor, verdammt noch mal? fragte er sich.

Er blieb eine Weile hinter seinem Schreibtisch sitzen und starrte den Himmelsausschnitt an, den er durch eines der beiden Fenster sehen konnte: Vor azurblauem Hintergrund zogen einzelne schmutzweiße Haufenwolken vorüber.

Schließlich verließ er sein Büro, ging zur Nordtreppe und stieg rasch am dritten Stock vorbei zum Dachboden hinauf. Die Tür knarrte nur kurz, als er sie öffnete. Stefan machte Licht, betrat den langen, nur teilweise ausgebauten Dachraum und bewegte sich so leise wie möglich über die Bodendielen. Er überprüfte drei der vor zwei Nächten angebrachten Sprengladungen. Der Plastiksprengstoff und die Zündkapseln befanden sich unverändert an Ort und Stelle.

Die Sprengladungen im Keller brauchte er nicht eigens zu überprüfen. Er verließ den Dachboden und kehrte in sein Büro zurück.

Offensichtlich wußte niemand von seinem Plan, das Institut zu zerstören, oder von seinen Versuchen, eine Serie von Tragödien in Lauras Leben zu verhindern. Niemand außer Kokoschka. Verdammt noch mal, Kokoschka mußte davon gewußt haben, sonst wäre er nicht mit einer Uzi auf der kalifornischen Bergstraße aufgetaucht.

Weshalb hatte Kokoschka sein Wissen für sich behalten?

Als Beamter der Geheimen Staatspolizei war Kokoschka ein Fanatiker, ein blind gehorsamer Staatsdiener. Und er war persönlich für die Sicherheit des Projekts »Blitzstraße« verantwortlich. Hätte er im Institut einen Verräter vermutet, würde er keinen Augenblick gezögert haben, sofort starke Polizeikräfte zusammenzuziehen, das Gebäude zu umstellen, die Ausgänge bewachen zu lassen und jedermann scharf zu verhören.

Jedenfalls hätte er nicht zugelassen, daß Stefan Laura auf der Bergstraße zu Hilfe kam und danach mit der Absicht folgte, alle im Institut zu töten. Ihm wäre es vor allem darum gegangen, Stefan an der Ausführung seiner Pläne zu hindern und ihn zu vernehmen, um herauszubekommen, ob er etwa im Institut Mitverschwörer hatte.

Kokoschka wußte, daß Stefan die vorausbestimmten Ereignisse im Leben dieser Frau schon mehrmals massiv beeinflußt hatte. Und er hatte die Sprengladungen im Institut entdeckt oder nicht entdeckt - vermutlich nicht, denn sonst hätte er zumindest die Zündleitungen unterbrochen. Und aus nur ihm bekannten Gründen hatte er an diesem Morgen in privater Initiative und nicht offiziell als Polizeibeamter gehandelt. Auch konnte Stefan sich beim besten Willen nicht denken, was Kokoschka dazu bewogen haben sollte, ihm durchs Tor zu diesem Winternachmittag im Januar 1988 zu folgen.