Выбрать главу

Das war unbegreiflich. Trotzdem mußte es geschehen sein.

Was hatte Kokoschka vorgehabt?

Wahrscheinlich würde er’s nie erfahren.

Jetzt lag Kokoschka im Jahre 1988 tot auf einer kalifornischen Straße, und im Institut würde bald jemand sein Fehlen bemerken.

Unter Penlowskis und Januskys Leitung sollte Stefan an diesem Nachmittag um 14 Uhr eine offizielle Zeitreise unternehmen. Er hatte die Absicht gehabt, das Institut um 13 Uhr - eine Stunde vor Reisebeginn - in die Luft zu jagen. Jetzt, um 11.43 Uhr, kam er zu dem Schluß, rascher als ursprünglich beabsichtigt handeln zu müssen, bevor wegen Kokoschkas Verschwinden Alarm geschlagen wurde.

Er trat an einen der Karteikästen aus Stahlblech, zog die leere untere Schublade auf, hängte sie aus und nahm sie ganz heraus. Hinter ihrer Rückwand war mit Draht eine 9-mm-Pistole befestigt: ein Colt Commander Parabellum mit neunschüssigem Magazin, die er sich auf einer seiner heimlichen Zeitreisen beschafft und ins Institut geschmuggelt hatte. Hinter einer weiteren Schublade holte er zwei hochwirksame Schalldämpfer und vier Reservemagazine hervor. In fliegender Hast, weil jeden Augenblick irgendein Kollege, ohne anzuklopfen, hereinkommen konnte, schraubte er an seinem Schreibtisch einen der Schalldämpfer auf den Lauf der Pistole, entsicherte die Waffe und verteilte den zweiten Schalldämpfer und die Magazine auf die Taschen seines Laborkittels.

Wenn er das Institut zum letzten Mal durch das Tor verließ, durfte er sich nicht darauf verlassen, daß Penlowski, Janusky und weitere Wissenschaftler bei der Sprengung des Instituts bestimmt den Tod finden würden. Die Detonation würde das Gebäude zum Einsturz bringen, zweifellos die meisten Akten vernichten und alle Maschinen zerstören - aber was war, wenn einer der wichtigsten Forscher überlebte? Penlowski oder Janusky konnten das Tor aus dem Gedächtnis rekonstruieren, deshalb wollte Stefan sie und einen weiteren Mann - einen gewissen Wolkow - erschießen, bevor er den Zeitschalter einstellte und das Tor betrat, um zu Laura zurückzukehren.

Mit angeschraubtem Schalldämpfer war die Commander zu lang, um ganz in die Tasche seines Laborkittels zu passen, deshalb kehrte er sie nach draußen und stieß ein Loch in die untere Naht. Mit dem Zeigefinger am Abzug steckte er die Pistole in die jetzt bodenlose Tasche und hielt sie dort fest, während er die Tür seines Büros öffnete und auf den Korridor hinaustrat.

Sein Herz schlug wie rasend. Was jetzt folgte, war der gefährlichste Teil seines Planes, weil so vieles schiefgehen konnte, bevor er die drei Männer erledigt hatte und in sein Büro zurückkehren konnte, um den Zeitzünder einzustellen.

Laura war weit, weit weg, und er würde sie vielleicht nie wiedersehen.

5

Am Montagnachmittag schlüpften Laura und Chris in graue Trainingsanzüge. Nachdem Thelma ihnen geholfen hatte, auf dem Boden der Veranda hinter dem Haus dicke Turnmatten auszurollen, saßen die beiden nebeneinander und machten Atemübungen.

»Wann kommt Bruce Lee?« fragte Thelma.

»Um vierzehn Uhr«, antwortete Laura.

»Er ist nicht Bruce Lee, Tante Thelma«, stellte Chris irritiert fest. »Du nennst ihn immer Bruce Lee, aber Bruce Lee ist tot.«

Mr. Takahami erschien pünktlich um 14 Uhr. Er trug einen blauen Trainingsanzug mit der Aufschrift QUIET STRENGTH

- dem Motto seiner Selbstverteidigungsschule - auf dem Rük-ken. »Sie sind sehr komisch«, versicherte er Thelma, als er ihr vorgestellt wurde. »Und ich finde Ihr Plattenalbum super.«

»Und ich kann Ihnen versichern, daß ich mir aufrichtig wünsche, Japan hätte den Krieg gewonnen«, antwortete Thelma, die bei diesem Lob errötet war.

»Das haben wir doch«, meinte Henry lachend.

Thelma saß in einem Liegestuhl und schlürfte Eistee, während sie zusah, wie Henry Laura und Chris in Selbstverteidigung unterrichtete.

Henry Takahami war Anfang Vierzig und hatte einen muskulösen Oberkörper und sehnige Beine. Er war Judo-, Karate-und Teakwon-do-Meister und lehrte eine auf diesen Systemen basierende Selbstverteidigung, die er selbst entwickelt hatte. Zweimal in der Woche kam er aus Riverside herüber, um Laura und Chris zu unterweisen.

Der grunzend und manchmal schreiend mit Boxhieben, Fußtritten, Beinstellen, Hüftwürfen und Handkantenschlägen geführte Nahkampf wurde sanft genug ausgetragen, um Verletzungen zu vermeiden, aber auch hart genug, um lehrreich zu sein. Die für Chris bestimmten Übungen waren kürzer und weniger anstrengend als die Lauras, und Henry ließ dem Jungen zwischendurch reichlich Zeit, sich wieder zu erholen. Bei Unterrichtsende war Laura wie jedesmal erschöpft und in Schweiß gebadet.

Nachdem Henry sich verabschiedet hatte, schickte Laura ihren Sohn nach oben unter die Dusche, während sie mit Thelma die Matten aufrollte.

»Er ist nett«, sagte Thelma.

»Henry? Ja, das ist er.«

»Vielleicht lerne ich auch Judo oder Karate.«

»Ist dein Publikum in letzter Zeit so unzufrieden mit dir gewesen?«

»Keine Tiefschläge, Shane!«

»Alles ist fair, wenn der Feind gnadenlos und übermächtig ist.«

Als Thelma am nächsten Nachmittag ihr Gepäck in den Kofferraum ihres Camaros legte, fragte sie plötzlich: »He, Shane, erinnerst du dich an die ersten Pflegeeltern, zu denen sie dich vom McIllroy aus geschickt haben?«

»Die Teagels«, sagte Laura. »Flora, Mike - und Hazel.«

Thelma lehnte sich neben Laura an die sonnenwarme Karosserie ihres Wagens. »Weißt du noch, was du uns von Mikes Begeisterung für Zeitungen wie den >National Enquirer< erzählt hast?«

»Ich erinnere mich an die Teagels, als wär’s gestern gewesen.«

»Nun«, fuhr Thelma fort, »ich habe viel über deine seltsamen Erlebnisse nachgedacht - vor allem über deinen Beschützer, der nicht altert und sich in Luft auflösen kann -, mich an die Teagels erinnert und mir überlegt, daß das eine wahre Ironie des Schicksals ist. Wie wir im McIllroy viele Abende lang über den verrückten alten Mike Teagel gelacht haben! Und du erlebst jetzt am eigenen Leib nichts anderes als exotische Nachrichten erster Klasse.«

Laura lachte halblaut. »Du meinst, an all den Geschichten von in Cleveland lebenden Wesen von einem anderen Stern könnte doch etwas Wahres sein, was?«

»Hör zu, ich will damit nur sagen, daß ... daß das Leben voller Wunder und Überraschungen ist. Gewiß, einige Überraschungen sind unangenehm, und manche Tage sind so leer wie der Kopf eines durchschnittlichen Politikers. Trotzdem gibt es Augenblicke, die mich erkennen lassen, daß wir alle aus irgendeinem Grund, so geheimnisvoll er auch sein mag, hier sind. Unser Leben ist nicht bedeutungslos. Wäre es bedeutungslos, gäbe es keine Geheimnisse. Dann wäre es so langweilig und durchschaubar und ohne Geheimnisse wie der Mechanismus einer Kaffeemaschine.«

Laura nickte.

»Meine Güte, hör dir das an! Ich vergewaltige unsere Muttersprache, um irgendeine dümmliche philosophische Erklärung zu finden, die letzten Endes nichts anderes besagt als >Kopf hoch, Kleine!<«

»Du bist nicht dümmlich.«

»Geheimnisse«, sagte Thelma. »Wunder. Du steckst mitten drin, Shane, und das ist der Sinn des Lebens. Und wenn es im Augenblick finster ist ... nun, auch das geht vorüber.«

Sie standen neben dem Auto und umarmten sich schweigend, weil sie nichts hinzuzufügen brauchten, bis Chris mit einem Bild aus dem Haus gerannt kam, das er mit Buntstiften für Thelma gemalt hatte und das sie nach Los Angeles mitnehmen sollte. Es war eine primitive, aber reizende Darstellung von Sir Keith Kröterich, der vor einem Kino stand, über dessen Eingang Thelmas Name in Riesenlettern auf einer Reklametafel prangte.