Chris hatte Tränen in den Augen. »Mußt du wirklich schon fahren, Tante Thelma? Kannst du nicht noch einen Tag bleiben?«
Thelma umarmte ihn und rollte dann die Zeichnung vorsichtig zusammen, als habe er ihr ein unschätzbares Meisterwerk geschenkt. »Ich würde gern länger bleiben, Christopher Robin, aber ich kann nicht. Meine begeisterten Fans fordern lautstark, daß ich diesen Film drehe. Außerdem habe ich eine hohe Hypothek zu tilgen.«
»Was ist eine Hypothek?«
»Die größte Motivation der Welt«, antwortete Thelma und gab ihm einen Abschiedskuß. Sie stieg ein, ließ den Motor an, öffnete das Seitenfenster und blinzelte Laura zu. »Exotische Nachrichten, Shane.«
»Geheimnisse.«
»Wunder!« Laura grüßte zum Abschied mit drei Fingern wie in »Raumschiff Enterprise«.
Thelma lachte. »Du schaffst es bestimmt, Shane. Trotz der Schußwaffen und aller Dinge, die ich seit Freitag gehört habe, mache ich mir jetzt weniger Sorgen um dich als vor meiner Ankunft.«
Chris stand neben Laura, und die beiden sahen Thelmas Wagen nach, bis er die langgestreckte Zufahrt verließ und in die Staatsstraße einbog.
6
Dr. Wladimir Penlowskis Chefbüro lag im dritten Stock des Instituts. Als Stefan das Vorzimmer betrat, war es menschenleer, aber er hörte Stimmen nebenan. Er trat an die einen Spalt weit offene Verbindungstür, stieß sie ganz auf und sah, daß Penlowski seiner Sekretärin Anna Kaspar etwas diktierte.
Penlowski hob den Kopf und schien von Stefans Auftauchen leicht überrascht zu sein. Stefans Nervosität war ihm offenbar anzusehen, denn Penlowski runzelte die Stirn und fragte: »Ist irgendwas nicht in Ordnung?«
»Irgendwas ist seit langem nicht mehr in Ordnung«, erwiderte Stefan, »aber es kommt jetzt in Ordnung, glaube ich.« Während die Falten auf Penlowskis Stirn sich vertieften, zog Stefan die Colt Commander mit Schalldämpfer aus der Tasche seines Laborkittels und schoß den Wissenschaftler zweimal in die Brust.
Anna Kaspar sprang vom Stuhl auf, ließ Bleistift und Stenoblock fallen und öffnete den Mund zu einem Schrei.
Er tötete nicht gern Frauen - er tötete überhaupt nicht gern -, aber in diesem Fall blieb ihm keine andere Wahl, deshalb drückte er dreimal ab, so daß die Schüsse Anna Kaspar rückwärts gegen den Schreibtisch warfen, bevor sie laut aufschreien konnte.
Sie war bereits tot, als sie vom Schreibtisch hinunter zu Boden glitt. Die Schüsse waren nicht lauter gewesen als das Fauchen einer wütenden Katze, und Anna Kaspars Zusammenbrechen nicht so laut, daß es unliebsame Aufmerksamkeit hätte erregen können.
Penlowski war mit offenem Mund und offenen Augen in seinem Sessel zusammengesackt und starrte blicklos vor sich hin. Einer der beiden Schüsse mußte sein Herz getroffen haben, denn auf seinem Hemd zeichnete sich nur ein kleiner Blutfleck ab; sein Herz mußte augenblicklich zu schlagen aufgehört haben.
Stefan verließ rückwärtsgehend den Raum und schloß die Tür hinter sich. Er durchquerte das Vorzimmer, trat in den Korridor hinaus und schloß auch diese Tür.
Sein Puls jagte noch immer. Mit diesen beiden Morden hatte er sich endgültig von seiner eigenen Zeit, von seinem eigenen Volk losgesagt. Eine Zukunft hatte er nur noch in Lauras Zeit. Für ihn gab es jetzt kein Zurück mehr.
Mit den Händen - und der Pistole - in den Taschen seines Laborkittels ging er den Korridor entlang auf Januskys Büro zu. Als er sich der Tür näherte, kamen zwei weitere seiner Kollegen heraus. Sie nickten ihm im Vorbeigehen zu, und er blieb stehen, um zu sehen, ob sie etwa zu Penlowski wollten. In diesem Fall hätte er sie ebenfalls erschießen müssen.
Zu seiner Erleichterung blieben sie bei den Aufzügen stehen. Je mehr Leichen in seinem Kielwasser zurückblieben, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, daß jemand einen Toten entdeckte und Alarm schlug, was Stefan daran hindern würde, den Zeitzünder einzustellen und über die Blitzstraße zu entkommen.
Er betrat das Vorzimmer von Januskys Büro. Die Sekretärin des Wissenschaftlers - auch sie wie Anna Kaspar von der Geheimpolizei - sah lächelnd zu ihm auf.
»Ist Doktor Janusky da?« fragte Stefan.
»Nein, er ist mit Doktor Wolkow unten im Archiv.«
Wolkow war der dritte Mann, der so eingehende Kenntnisse über das Projekt besaß, daß er ebenfalls liquidiert werden mußte. Stefan erschien es als gutes Omen, daß er und Janusky praktischerweise gemeinsam in einem Raum anzutreffen sein würden.
Im Archiv wurden die von den Teilnehmern offizieller Zeitreisen zurückgebrachten vielen Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und weiteren Unterlagen aufbewahrt, studiert und ausgewertet. Gegenwärtig hatten die Erfinder der »Blitzstraße« den Forschungsauftrag, die entscheidenden Zeitpunkte zu finden, an denen Veränderungen des natürlichen Ganges der Ereignisse genau die gewünschten Veränderungen des Laufes der Geschichte bewirken würden.
Auf der Fahrt nach unten wechselte Stefan den Schalldämpfer seiner Pistole im Aufzug gegen den unbenutzten zweiten aus. Der erste hätte noch ein weiteres Dutzend Schüsse ausgehalten, bevor seine Schallblenden ernstlich beschädigt gewesen wären, aber Stefan wolle ihn nicht überbeanspruchen. Der zweite Schalldämpfer war eine zusätzliche Vorsichtsmaßnahme. Außerdem wechselte er das halbleere Magazin gegen ein volles aus.
Der Hauptkorridor im Erdgeschoß war wie immer von Institutsangehörigen belebt, die aus Büros und Labors kamen und gingen. Stefan ließ beide Hände in den Taschen und ging geradewegs ins Archiv.
Als er es betrat, standen Janusky und Wolkow über eine Zeitschrift gebeugt vor einem Eichentisch und diskutierten ziemlich erregt, aber nur halblaut. Sie blickten auf und setzten ihre Diskussion gleich wieder fort, weil sie annahmen, er sei hier, um selbst irgend etwas nachzuschlagen.
Stefan schoß Wolkow zweimal in den Rücken.
Janusky reagierte entsetzt und verwirrt, als sein Kollege, durch die fast lautlosen Schüsse nach vorn geworfen, über dem Tisch zusammenbrach.
Stefan erledigte Janusky mit einem Kopfschuß, bevor er sich abwandte, den Raum verließ und die Tür hinter sich ins Schloß zog. Da er sich nicht zutraute, auch nur halbwegs beherrscht oder zusammenhängend mit Kollegen zu sprechen, spielte er den Gedankenverlorenen und hoffte, daß das sie daran hindern würde, ihn anzusprechen. Er ging so rasch wie möglich zum Aufzug, ohne gleich zu rennen, fuhr in sein Büro im zweiten Stock hinauf, griff hinter den Aktenschrank und drehte den Zeitschalter ganz nach rechts. Nun hatte er gerade noch fünf Minuten Zeit, das Tor zu erreichen und zu flüchten, bevor das Institut in einen brennenden Trümmerhaufen verwandelt wurde.
7
Als das Schuljahr begann, hatte Laura sich eine Ausnahmegenehmigung verschafft, um Chris von einer staatlich anerkannten Privatlehrerin zu Hause unterrichten lassen zu dürfen. Die Dame hieß Ida Palomar und erinnerte Laura an Majorie Main, die verstorbene Hauptdarstellerin der Filme mit Ma und Pa Kettle. Ida war eine imposante Gestalt, ein bißchen rauhbeinig, aber meistens freundlich und vor allem eine ausgezeichnete Lehrerin.
Als die Thanksgiving-Ferien begannen, fühlten Laura und Chris sich nicht mehr als Gefangene, sondern hatten sich an die verhältnismäßige Einsamkeit gewöhnt, in der sie lebten. Tatsächlich genossen sie sogar die besonders enge Beziehung, die sich zwischen ihnen entwickelte, weil es so wenige andere Menschen in ihrem Leben gab.
Am Thanksgiving-Day rief Thelma aus Beverly Hills an, um ihnen zum Fest alles Gute zu wünschen. Laura telefonierte von der Küche aus, in der es appetitanregend nach Truthahnbraten roch. Chris saß im Wohnzimmer und las.
»Ich wollte euch nicht nur alles Gute wünschen«, sagte Thelma, »sondern euch einladen, Weihnachten mit Jason und mir zu verbringen.«