»Jason?« fragte Laura.
»Jason Gaines, der Regisseur«, antwortete Thelma. »Der Regisseur des Films, den ich gerade drehe. Ich bin bei ihm eingezogen.«
»Weiß er schon davon?«
»Hör zu, Shane, ich mache hier die Witze.«
»Entschuldigung.«
»Er liebt mich, sagt er. Ist das nicht verrückt? Jesus, ich meine, da haben wir einen passabel aussehenden Kerl, nur fünf Jahre älter als ich und ohne sichtbaren Defekt, der als millionenschwerer, schrecklich erfolgreicher Filmregisseur so ziemlich jedes vollbusige kleine Sternchen kriegen könnte und trotzdem nur mich will. Er hat natürlich einen Dachschaden, aber den merkt man ihm im Gespräch nicht an, so normal wirkt er. Er behauptet, mich wegen meiner Intelligenz zu lieben ...«
»Weiß er, wie krank dein Gehirn ist?«
»Nicht schon wieder, Shane! Er liebt angeblich meinen Verstand und meinen Sinn für Humor und findet sogar meinen Körper erregend - oder er ist der erste Mann der Welt, der eine Erektion vortäuschen kann.«
»Du hast einen sehr attraktiven Körper.«
»Na ja, ich spiele in letzter Zeit mit dem Gedanken, daß er vielleicht doch nicht so übel ist, wie ich immer geglaubt habe. Falls man Knochigkeit für das weibliche Schönheitsideal schlechthin hält, versteht sich. Aber selbst wenn ich meinen Körper heute noch im Spiegel betrachten kann, sitzt darüber noch immer dieses Gesicht.«
»Du hast ein durchaus hübsches Gesicht - vor allem jetzt, wo es nicht mehr von grünem und purpurrotem Haar umgeben ist.«
»Es ist nicht dein Gesicht, Shane. Was bedeutet, daß ich verrückt sein muß, wenn ich dich über Weihnachten zu uns einlade. Sobald Jason dich sieht, sitze ich in einem Müllsack draußen auf dem Gehsteig. Aber wie steht’s damit? Kommt ihr? Wir drehen den Film in L. A. und Umgebung und werden um den 10. Dezember fertig. Danach hat Jason noch mehr zu tun, weil er die Schneidearbeit überwachen muß, aber in der Weihnachtswoche faulenzen wir. Wir hätten euch gern bei uns. Sag endlich, daß ihr kommt!«
»Natürlich möchte ich den Mann, der clever genug gewesen ist, sich in dich zu verlieben, gern kennenlernen, Thelma, aber ich weiß nicht recht ... Hier fühle ich mich sicher, verstehst du?«
»Hältst du uns etwa für gefährlich?«
»Du weißt, was ich meine.«
»Du kannst eine Uzi mitbringen.«
»Was würde Jason davon halten?«
»Ich erzähle ihm einfach, daß du eine linke Radikalistin, eine Retterin der Pottwale, eine Kämpferin für Müsli ohne Konservierungsstoffe und eine Papageienbefreierin bist, die für den Fall, daß die Weltrevolution überraschend ausbrechen sollte, ständig eine Uzi mit sich rumschleppt. Das glaubt er mir sofort. Wir leben schließlich in Hollywood, Kleine. Die meisten Schauspieler, mit denen er arbeitet, sind politisch noch verrückter.«
Der Durchgang zum Wohnzimmer gab den Blick auf Chris frei, der lesend in einem Sessel hockte.
Laura seufzte. »Vielleicht wär’s besser, wenn wir wieder mehr unter Menschen kämen. Und Weihnachten wird schwierig, wenn Chris und ich allein sind - die ersten Weihnachten ohne Danny. Aber mir ist unbehaglich zumute ...«
»Alles liegt jetzt schon zehn Monate zurück, Laura«, sagte Thelma sanft.
»Aber ich werde dort nicht weniger wachsam sein!«
»Das erwartet niemand von dir. Du kannst deine Uzi mitbringen. Meinetwegen bringst du dein ganzes Arsenal mit, wenn dir dann wohler ist. Hauptsache, du kommst.«
»Gut ... einverstanden.«
»Phantastisch! Ich kann’s kaum noch erwarten, daß du Jason kennenlernst.«
»Soll das heißen, daß die Liebe, die dieser Hollywoodmagnat mit Dachschaden für dich empfindet, erwidert wird?«
»Ich bin verrückt nach ihm«, gab Thelma zu.
»Ich freue mich mit dir, Thelma. Du solltest mich jetzt sehen: Ich stehe hier, kann nicht zu grinsen aufhören und fühle mich so wohl wie seit Monaten nicht mehr.«
Das stimmte. Aber nachdem sie aufgelegt hatte, fehlte Danny ihr mehr als je zuvor.
8
Sobald Stefan den Zeitzünder hinter dem Aktenschrank eingestellt hatte, verließ er sein Büro im zweiten Stock und fuhr ins Hauptlabor im Erdgeschoß hinunter. Es war 12.14 Uhr, und da die planmäßige Zeitreise erst um 14 Uhr stattfinden sollte, war das Hauptlabor menschenleer. Der große Raum war weiter so schwach beleuchtet wie vor über einer Stunde, als Stefan aus den San Bernardino Mountains zurückgekommen war. Die zahlreichen Skalen, Instrumente und Anzeigen der Hilfsaggregate leuchteten blaßgrün und orangerot. Das mehr im Schatten als im Licht liegende Tor erwartete ihn.
Vier Minuten bis zur Detonation.
Er trat sofort ans Hauptprogrammierpult und stellte die Skalen, Schalter und Hebel sorgfältig aufs gewünschte Ziel ein: Südkalifornien, in der Nähe von Big Bear, am 10. Januar 1988 um 20 Uhr - wenige Stunden nach der Ermordung Danny Packards. Stefan hatte die erforderlichen Berechnungen schon vor Tagen angestellt und sich die Ergebnisse aufgeschrieben, so daß er jetzt auf seine Notizen zurückgreifen und die Zeitmaschine in nur einer Minute programmieren konnte.
Hätte er zum Nachmittag des 10. Januar vor dem Unfall und der Schießerei mit Kokoschka reisen können, hätte er’s in der Hoffnung getan, Danny retten zu können. Wie sich jedoch gezeigt hatte, konnte ein Zeitreisender an keinen Ort zurückkehren, wenn der zweite Besuch vor seiner ersten Ankunft stattfinden sollte; irgendein natürlicher Mechanismus verhinderte, daß der Zeitreisende an einen Ort gelangte, an dem er sich selber auf einer früheren Reise hätte begegnen können. Stefan konnte nach Big Bear zurückkehren, nachdem er Laura an diesem Januarabend verlassen hatte, denn da er von der Straße verschwunden war, bestand keine Gefahr mehr, sich selbst zu begegnen. Stellte er jedoch eine Ankunftszeit ein, die diese Möglichkeit nicht ausschloß, würde er sich im Institut wiederfinden, ohne irgendwo gewesen zu sein. Das gehörte zu den vielen rätselhaften Aspekten von Zeitreisen, die ihnen bereits bekannt waren und die sie bei ihrer Arbeit einkalkulierten, ohne sie wirklich zu verstehen.
Nachdem er die Programmierung vorgenommen hatte, warf er einen Blick auf die Koordinatenanzeige, um sich davon zu überzeugen, daß er in der Umgebung von Big Bear ankommen würde. Mit einem weiteren Blick auf die Uhr stellte er zu seiner Verblüffung fest, daß sie den 10. Januar 1989 anzeigte. Er würde also nicht wenige Stunden nach Dannys Tod, sondern ein ganzes Jahr später ankommen!
Stefan wußte bestimmt, daß seine Berechnungen richtig waren; in den vergangenen Wochen hatte er reichlich Zeit gehabt, sie durchzuführen und mehrmals zu überprüfen. Offenbar hatte er in seiner Nervosität die Zahlen falsch eingegeben. Er würde die Programmierung wiederholen müssen.
Weniger als drei Minuten bis zur Detonation.
Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, während er die Augen zusammenkniff und die Zahlen, die er sich aufgeschrieben hatte - das Ergebnis langer Berechnungen - erneut studierte. Als er eben die bisherige Programmierung löschen und seine Zahlen erneut eingeben wollte, hörte er draußen im Korridor Alarmrufe. Die lauten Stimmen schienen vom Nordende des Gebäudes zu kommen, wo das Archiv lag.
Irgend jemand hatte die Leichen Januskys und Wolkows entdeckt.
Er vernahm weitere Rufe. Auf dem Korridor hörte man das Trampeln von Schritten, das sich näherte und wieder entfernte.
Nach einem nervösen Blick zur geschlossenen Korridortür hinüber sagte er sich, daß er keine Zeit haben werde, die Zeit-maschine neu zu programmieren. Er würde sich damit begnügen müssen, mit einem Jahr Verspätung zu Laura zurückzukehren.
Stefan erhob sich mit der Colt Commander mit Schalldämpfer in der rechten Hand vom Programmierpult und trat auf das Tor zu - den auf 30 Zentimeter hohen Kupferblöcken ruhenden, an beiden Enden offenen polierten Stahlzylinder. Er wollte nicht einmal riskieren, sich noch die Zeit zu nehmen, seine Seemannsjacke aus dem Versteck zu holen, in dem er sie vor einer Stunde zurückgelassen hatte.