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Das Stimmengewirr auf dem Korridor wurde lauter.

Als er nur noch wenige Schritte vom Tor entfernt war, wurde die Labortür mit solcher Gewalt aufgestoßen, daß sie gegen die Wand krachte.

»Halt, stehenbleiben!«

Stefan erkannte die Stimme, aber er wollte seinen Ohren nicht trauen. Er riß die Pistole hoch, während er sich nach dem Mann umdrehte, der ihn angerufen hatte: Kokoschka, der jetzt ins Labor gestürmt kam.

Unmöglich! Kokoschka war tot. Kokoschka war ihm am Spätnachmittag des 10. Januar 1988 nach Big Bear gefolgt, und er hatte Kokoschka im Schneesturm auf der Bergstraße erschossen.

In seiner Benommenheit drückte Stefan zweimal überhastet ab. Beide Schüsse verfehlten ihr Ziel.

Kokoschka erwiderte das Feuer. Eine Kugel durchschlug Stefans Oberkörper unter dem linken Schlüsselbein und ließ ihn rückwärts gegen die Unterkante des Stahlzylinders torkeln. Aber er blieb auf den Beinen und gab drei weitere Schüsse auf Kokoschka ab, so daß der Schweinehund sich zu Boden werfen und hinter dem nächsten Arbeitstisch in Deckung gehen mußte.

Die Sprengladungen werden in weniger als zwei Minuten detonieren.

Stefan hatte keine Schmerzen, weil er unter Schockeinwir-kung stand. Aber sein linker Arm war kraftlos; er hing wie gelähmt herab. Und eine beharrliche, pechartige zähe Schwärze hatte begonnen, sein Blickfeld immer mehr einzuengen.

Nur wenige der Deckenlampen waren eingeschaltet gewesen, aber jetzt flackerten und erloschen plötzlich auch diese wenigen Lampen, so daß der Raum nur noch durch den schwachen Lichtschein der vielen Anzeigegeräte erhellt wurde. Im ersten Augenblick glaubte Stefan, dieser Lichtabfall sei eine auf eine weitere Bewußtseinstrübung zurückzuführende subjektive Erscheinung, aber dann wurde ihm klar, daß die öffentliche Stromversorgung erneut ausgefallen war - diesmal anscheinend durch Sabotage, weil keine Luftschutzsirenen vor einem Bombenangriff gewarnt hatten.

Kokoschka schoß zweimal aus dem Dunkel und verriet durch das Mündungsfeuer seine Position. Stefan erwiderte das Feuer mit den letzten drei Schüssen aus seiner Waffe, obwohl er nicht hoffen durfte, Kokoschka durch die massive Marmorplatte des Arbeitstischs hindurch zu treffen.

Stefan war dankbar, daß das Tor wegen seiner unabhängigen Stromversorgung weiterhin funktionsfähig war, als er jetzt seine Pistole wegwarf und mit der rechten Hand nach dem Rand des Stahlzylinders griff. Er zog sich hinein und kroch mit verzweifelter Hast auf den Dreiviertelpunkt zu, an dem er das Kraftfeld durchqueren und im Jahr 1989 in die Umgebung von Big Bear versetzt werden würde.

Während er in der Dunkelheit auf zwei Knien und einem heilen Arm weiterkroch, wurde ihm plötzlich klar, daß der Zeitzünder in seinem Büro ans öffentliche Netz angeschlossen war. Das bedeutete, daß der geplante Zündungsablauf durch diesen Stromausfall unterbrochen war.

Voller Verzweiflung begriff Stefan jetzt auch, weshalb Kokoschka nicht im Jahre 1988 tot bei Big Bear zurückgeblieben war. Kokoschka hatte diese Zeitreise noch nicht unternommen. Kokoschka hatte seinen Verrat erst jetzt entdeckt, nachdem Janusky und Wolkow tot aufgefunden worden waren. Bevor die öffentliche Stromversorgung wiederhergestellt war, würde Kokoschka sein Büro durchsuchen, den Zeitzünder finden und die Sprengladung entschärfen. Das Institut würde nicht zerstört werden.

Stefan zögerte und überlegte, ob er zurückkriechen sollte. Im Labor hinter sich hörte er die Stimmen weiterer Sicherheitsbeamter, die Kokoschka zu Hilfe geeilt waren.

Er kroch weiter.

Und was war mit Kokoschka? Der Sicherheitschef würde offenbar zum 10. Januar 1988 reisen und versuchen, ihn auf der Staatsstraße 330 zu liquidieren. Aber es würde ihm nur gelingen, Danny zu erschießen, bevor er selbst den Tod fand. Stefan war der Überzeugung, Kokoschkas Tod sei dessen unabwendbares Schicksal, aber er würde dennoch mehr über die Paradoxe von Zeitreisen nachdenken müssen, um herauszubekommen, ob es nicht auch eine Möglichkeit gab, daß Kokoschka am 10. Januar 1988 nicht erschossen wurde - ein Tod, dessen Augenzeuge Stefan bereits geworden war.

Die mit Zeitreisen verbundenen Komplikationen waren verwirrend genug, wenn man bei klarem Verstand über sie nachdachte. In seinem Zustand - verletzt darum kämpfend, nicht das Bewußtsein zu verlieren - machte ihn diese geistige Anstrengung nur noch benommener. Später. Darüber würde er sich später Sorgen machen.

Im dunklen Labor hinter ihm begann jemand in den Stahlzylinder zu schießen, um ihn vielleicht noch zu treffen, bevor er den Absprungpunkt erreichte.

Stefan kroch den letzten halben Meter. Auf Laura zu. Auf ein neues Leben in einer fernen Zeit zu. Aber er hatte gehofft, die Verbindung zwischen der Zeit, die er verließ, und jener, für die er jetzt optierte, endgültig zu kappen. Statt dessen würde das Tor offenbleiben. Und sie würden durch die Zeit kommen, um ihn zu erledigen. Ihn und auch Laura.

9

Laura und Chris verbrachten Weihnachten bei Thelma im Beverly Hills. Jason Gaines’ Villa hatte 22 Zimmer und stand in einem von einer Mauer umgebenen zweieinhalb Hektar großen Park - ein phantastisch großer Besitz in einem Prominentenviertel, in dem die Grundstückspreise längst schwindelerregende Höhen erreicht hatten. Beim Bau des Hauses in den vierziger Jahren - der ursprüngliche Besitzer hatte als Produzent von verrückten Komödien und Kriegsfilmen Millionen gescheffelt - waren keinerlei Kompromisse in bezug auf Qualität gemacht worden, und sämtliche Räume zeichneten sich durch prachtvolle Details aus, die heutzutage selbst zum Zehnfachen des ursprünglichen Herstellungspreises nicht mehr hätten imitiert werden können: fein ausgeführte Kassettendek-ken, teils in Eiche, teils in Kupfer; kunstvoll geschnitzte Türrahmen; bleigefaßte farbige oder facettierte Fensterscheiben in so tiefen Nischen in den festungsartig dicken Mauern, daß man bequem auf den breiten Fensterbänken sitzen konnte; innere Fensterrahmen aus Holz mit handgeschnitzten Verzierungen, etwa Ranken und Rosen, Cherubim und Banner, springende Hirsche, Vögel mit Bändern im Schnabel; aus Granit gemeißelte äußere Fensterrahmen, von denen zwei mit farbenprächtigen Trauben aus Keramikfrüchten im Della-Robbia-Stil geschmückt waren. Das zweieinhalb Hektar große Villengrundstück war ein sorgfältig gepflegter Park, in dem sich gepflasterte Wege durch eine subtropische Landschaft mit Pfauen, Palmen, duftenden Lorbeerbüschen, Feigenbäumen, mit roten Blüten überladenen Azaleen, Balsamsträuchern und Unmengen Blumen wanden, von denen Laura kaum die Hälfte mit Namen kannte.

Nachdem Laura und Chris am frühen Nachmittag des 24. Dezember, einem Samstag, angekommen waren, führte Thelma sie durchs Haus und durch den Park. Danach tranken sie heißen Kakao und aßen von der Köchin gebackene Pastetchen, die das Dienstmädchen ihnen auf der geräumigen Terrasse über dem Swimming-pool servierte.

»Ist das nicht verrückt, Shane? Hättest du dir vorstellen können, daß ein Mädchen, das fast zehn Jahre in Heimen wie McIllroy und Caswell zugebracht hat, eines Tages hier leben würde, ohne zuerst als Prinzessin wiedergeboren werden zu müssen?«

Die Villa war so imposant, daß sie jeden Eigentümer dazu verleiten konnte, sich für sehr wichtig zu halten, und wer sie besaß, hatte sicher Mühe, nicht eitel und selbstzufrieden aufzutreten. Als Jason Gaines gegen 16 Uhr nach Hause kam, erwies er sich als einer der am wenigsten eingebildeten Männer, die Laura kannte - ein erstaunlicher Zug bei einem Mann, der seit 17 Jahren in der Filmbranche tätig war. Er war 38, um fünf Jahre älter als Thelma, und erinnerte an einen jüngeren Robert Vaughn, was weit besser war als »passabel aussehend«, wie Thelma ihn charakterisiert hatte. Er war kaum eine halbe Stunde zu Hause, als Chris und er bereits in einem seiner drei Hobbyräume mit einer riesigen Modelleisenbahn spielten, die auf einem fünf mal sechs Meter großen Tisch inmitten einer bis ins kleinste nachgebildeten Miniaturlandschaft mit Dörfern, Hügeln, Seen, Windmühlen, Wasserfällen, Straßen, Brücken und Tunnels aufgebaut war.