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Während Chris nachts im Zimmer nebenan schlief, besuchte Thelma ihre Freundin. Sie hockten in ihren Schlafanzügen im Schneidersitz auf dem Bett, als wären sie wieder kleine Mädchen, obwohl sie statt der Kekse geröstete Pistazien knabberten und Weihnachts-Champagner tranken statt Milch.

»Das verrückteste daran ist, Shane, daß ich mich trotz meiner Herkunft hier wie zu Hause fühle. Ich komme mir nicht wie eine Fehlbesetzung vor.«

Sie sah auch nicht wie eine Fehlbesetzung aus. Obwohl sie noch immer als Thelma Ackerson erkennbar war, hatte sie sich in den letzten Monaten auffällig verändert. Ihr Haar war eleganter und modischer geschnitten; sie war zum ersten Mal in ihrem Leben braungebrannt; sie trat mehr wie eine Frau und weniger wie eine Komikerin auf, die stets bemüht ist, mit jedem Wort, mit jeder Bewegung einen Lacherfolg zu erzielen. Auch der Schlafanzug der neuen Thelma war unauffälliger -und mehr sexy - als ihre früheren: am Körper anliegende, ungemusterte pfirsichfarbene Seide. Sie trug jedoch noch immer Häschenpantoffeln.

»Häschenpantoffeln«, sagte sie, »erinnern mich daran, wer ich bin. Wer Häschenpantoffeln an den Füßen hat, kann nicht eingebildet werden. Solange man Häschenpantoffeln trägt, ist man nie in Gefahr, sein Gefühl für Proportionen zu verlieren und sich wie ein Star oder eine stinkreiche Lady aufzuführen. Außerdem geben Häschenpantoffeln mir Selbstvertrauen, weil sie flott aussehen und mir dauernd vorsagen: Was auch passiert, ich lasse mich nie sosehr unterkriegen, daß ich nicht mehr verrückt und frivol sein kann. Wenn ich mich nach dem Tod in der Hölle wiederfinde, werd’ ich’s dort mit Häschenpantoffeln aushalten können.«

Der Weihnachtstag verging wie ein schöner Traum. Jason erwies sich als unverbesserlicher Romantiker, der sie dazu anstiftete, das Fest wie in ihrer Kindheit zu feiern.

So versammelten sie sich in Schlafanzug, Bademantel oder Morgenrock unter dem Weihnachtsbaum, sangen Weihnachtslieder, packten lärmend und lachend ihre Geschenke aus, verzichteten auf ein gesundes Frühstück und aßen statt dessen Plätzchen, Süßigkeiten, Nüsse, Obstkuchen und Karamelpopcorn. Jason bewies, daß er nicht nur versucht hatte, den freundlichen Gastgeber zu spielen, als er den Vorabend mit Chris an seiner Modelleisenbahn verbracht hatte; er beschäftigte sich den ganzen Tag mit dem Jungen und ließ dabei Humor und Einfühlungsvermögen erkennen. Beim Abendessen wurde Laura bewußt, daß Chris an diesem Tag mehr gelacht hatte als in den vergangenen elf Monaten.

»Ein Klassetag, was, Mom?« sagte er, als sie ihn zu Bett brachte.

»Ein großartiger Tag«, stimmte sie ihm bei.

»Ich wollte bloß«, murmelte Chris schon schläfrig, »Daddy wäre hiergewesen und hätte mitspielen können.«

»Das hätte ich mir auch gewünscht, Schatz.«

»Aber in gewisser Beziehung ist er dabeigewesen, weil ich viel an ihn gedacht habe. Werde ich immer wissen, wie er gewesen ist, Mom - selbst nach Dutzenden und Dutzenden Jahren noch?«

»Ich werde dir helfen, dich an ihn zu erinnern, Baby.«

»Manchmal gibt’s Kleinigkeiten über ihn, weißt du, an die ich mich nicht mehr genau erinnern kann. Über die ich angestrengt nachdenken muß. Aber ich will ihn nicht vergessen, weil er mein Daddy gewesen ist.«

Als Chris eingeschlafen war, ging Laura durch die Verbindungstür in ihr eigenes Zimmer hinüber. Sie war unendlich erleichtert, als Thelma wenige Minuten später zu einem weiteren Schwatz unter vier Augen aufkreuzte, denn ohne ihre Freundin hätte sie jetzt ein paar sehr schlimme Stunden durchgemacht.

»Nehmen wir mal an, ich hätte Kinder, Shane«, sagte Thelma und setzte sich auf Lauras Bett. »Glaubst du, daß sie in der menschlichen Gesellschaft leben dürften - oder müßten sie in eine Art Aussätzigenkolonie für häßliche Kinder verbannt werden?«

»Red keinen Unsinn!«

»Ich könnte mir natürlich umfangreiche Schönheitsoperationen für sie leisten. Ich meine, selbst wenn sich zeigen sollte, daß sie von zweifelhafter Art sind, könnte ich’s mir leisten, sie halbwegs menschlich zu machen.«

»Deine Art, dich selbst herabzusetzen, macht mich manchmal richtig wütend.«

»Entschuldige. Daß liegt daran, daß ich keine Eltern gehabt habe, die an mich geglaubt haben. Ich habe das Selbstvertrauen und die Selbstzweifel einer Vollwaise.« Sie schwieg einen Augenblick, bevor sie lachend fragte: »He, weißt du schon das Neueste? Jason will mich heiraten! Anfangs habe ich gedacht, er sei von Dämonen besessen und außerstande, seine Zunge zu beherrschen, aber er versichert mir, daß wir keinen Teufelsaustreiber brauchen - obwohl er offenbar einen leichten Schlaganfall erlitten hat. Na, was hältst du davon?«

»Was ich davon halte? Welche Rolle spielt das schon? Aber wenn du meine Meinung hören willst: ein toller Mann. Du läßt ihn dir doch nicht durch die Lappen gehen, oder?«

»Ich befürchte, daß er zu gut für mich ist.«

»Keiner ist zu gut für dich. Heirate ihn!«

»Ich mache mir Sorgen, daß die Ehe schiefgeht und ich am Boden zerstört zurückbleibe.«

»Und wenn du’s nicht einmal versuchst«, sagte Laura, »ist’ s noch schlimmer - dann bist du allein.«

10

Stefan spürte das vertraute, unangenehme Prickeln, das eine Begleiterscheinung von Zeitreisen war: ein eigenartiges Kribbeln, das von außen kommend Haut, Fleisch und Knochen durchdrang, um dann ebenso rasch vom Knochenmark ausgehend wieder nach außen zu verschwinden. Dann verließ er mit einem Plop! das Tor und torkelte im selben Augenblick am Abend des 10. Januar 1989 ein steiles Schneefeld in den kalifornischen San Bernardino Mountains hinunter.

Er stolperte, fiel auf seine verletzte linke Seite, rollte im Schnee den Hang hinab und wurde erst von einem umgestürzten Baumstamm aufgehalten. Zum ersten Mal seit seiner Schußverletzung spürte er heftige Schmerzen. Er schrie laut auf, wälzte sich auf den Rücken, biß sich auf die Zunge, um nicht ohnmächtig zu werden, und starrte blinzelnd in den um ihn herum herrschenden nächtlichen Aufruhr.

Ein weiterer Blitzstrahl spaltete den Nachthimmel, und aus dem klaffenden Spalt schien grellweißes Licht zu pulsieren. Im geisterhaften Schein der schneebedeckten Erde und im gleißenden Licht der unregelmäßig herabzuckenden Blitze sah Stefan, daß er sich auf einer Waldlichtung befand. Unbelaubte schwarze Bäume reckten ihre kahlen Äste wie fanatische Gläubige, die einen gewalttätigen Gott anbeteten, in den lichtdurchzuckten Himmel. Nadelbäume mit weißen Chorhemden aus Schnee standen wie ernste Priester eines feierlichen Ritus zwischen ihnen.

Bei seiner Ankunft störte ein Zeitreisender das Gleichgewicht der Naturkräfte so sehr, daß dieses nur durch Freisetzung riesiger Energiemengen ausgeglichen werden konnte. Unabhängig von dem am Bestimmungsort herrschenden Wetter geschah das durch heftige Blitzentladungen, denen die ätherische Straße, auf der Zeitreisende sich fortbewegten, die Bezeichnung »Blitzstraße« verdankte. Aus bisher unerklärlichen Gründen löste die Rückkehr ins Institut - in die eigene Zeit des Reisenden - kein derartiges Himmelsfeuerwerk aus.

Wie stets verebbten die anfangs einer Apokalypse würdigen Blitze zu einem fernen Wetterleuchten. Eine Minute später war die Nacht wieder still und dunkel.

Mit dem Nachlassen der Blitzstrahlen waren seine Schmerzen stärker geworden - fast als wären die Blitze, die zuvor den Himmel gespalten hatten, jetzt in seiner Brust, seiner linken Schulter und seinem linken Arm gefangen: viel zu starke Energien, als daß ein Menschenleib sie hätte aufnehmen oder ertragen können.