Er richtete sich kniend auf, kam schwankend auf die Beine und fürchtete, kaum eine Chance zu haben, lebend aus diesem Wald herauszukommen. Bis auf das phosphoreszierende Leuchten der Schneedecke auf der Lichtung war die Nacht unter bewölktem Himmel bedrohlich finster, ja rabenschwarz. Obwohl Windstille herrschte, war die Winterluft eisig, und er trug lediglich einen dünnen Laborkittel über Hemd und Hose.
Noch schlimmer war, daß er unter Umständen kilometerweit von einer Straße oder irgendeinem markanten Geländepunkt entfernt war, der ihm eine Positionsbestimmung ermöglicht hätte. Betrachtete man die Zeitmaschine als Kanone, war ihre Treffsicherheit in bezug auf die Zeit beachtlich, aber das geographische Ziel wurde weit weniger genau getroffen. Der Zeitreisende kam im allgemeinen bis auf zehn Minuten genau zur gewünschten Zeit an - allerdings nicht unbedingt am gewünschten Ort. Manchmal war er weniger als hundert Meter von seinem Ziel entfernt; im ungünstigsten Fall konnten daraus jedoch 20 bis 25 Kilometer werden wie am 10. Januar 1988, als Stefan die Zeitreise unternommen hatte, um Laura, Danny und Chris vor dem Zusammenstoß mit dem schleudernden Kleinlaster der Robertsons zu bewahren.
Bei allen früheren Reisen hatte er eine Karte des Zielgebiets und einen Kompaß bei sich gehabt, um für den Fall gerüstet zu sein, daß er sich in einem unwegsamen Gebiet wie diesem wiederfand. Da seine Seemannsjacke in einer Ecke des Labors zurückgeblieben war, besaß er weder Karte noch Kompaß, und der bewölkte Himmel verhinderte eine Orientierung nach den Sternen.
Er stand ohne Stiefel, nur in Straßenschuhen bis fast zu den Knien im Schnee und hatte das Gefühl, sich sofort bewegen zu müssen, wenn er nicht festfrieren wollte. Nach einem Blick in die Runde, der ihm jedoch nicht die erhoffte Eingebung bescherte, wählte er willkürlich eine Richtung, stapfte los und hielt Ausschau nach einem Wildwechsel oder einem anderen natürlichen Pfad durch den tiefverschneiten Wald.
Seine gesamte linke Körperhälfte vom Hals bis zur Hüfte brannte wie Feuer. Er konnte nur hoffen, daß die Kugel, die durch seinen Oberkörper gegangen war, keine Arterie zerrissen hatte und daß der Blutverlust so langsam fortschritt, daß er Laura zumindest noch erreichte und ihr Gesicht - das Gesicht, das er liebte - noch einmal sehen konnte, bevor er starb.
Der erste Jahrestag von Dannys Ermordung fiel auf einen Dienstag, und obwohl Chris die Bedeutung dieses Tages nicht erwähnte, war klar, daß er sich ihrer bewußt war. Der Junge war ungewöhnlich still. Den größten Teil dieses traurigen Tages verbrachte er damit, im Wohnzimmer lautlos mit seinen »Master of the Universe«-Figuren zu spielen - ein Spiel, für das sonst lautstarke Imitationen von Laserwaffen, Schwertergeklirr und Raketentriebwerksgedröhn charakteristisch waren. Später lag er in seinem Zimmer auf dem Bett und las Comics. Er widerstand allen Bemühungen Lauras, ihn aus seiner selbstgewählten Einsamkeit herauszulocken, was vermutlich nur gut war; jeder ihrer Versuche, heiter zu sein, wäre unglaubwürdig gewesen und hätte Chris nur noch mehr deprimiert, weil er gespürt hätte, wie sehr auch seine Mutter gegen die Erinnerung an ihren schmerzlichen Verlust ankämpfte.
Thelma, die erst vor vier Tagen angerufen hatte, um die frohe Botschaft zu verkünden, daß sie sich entschlossen habe, Jason Gaines zu heiraten, rief gegen 19.15 Uhr an, um mit ihrer Freundin zu schwatzen, als wäre ihr die Bedeutung dieses Tages gar nicht bewußt. Laura telefonierte von ihrem Arbeitszimmer aus, in dem sie noch immer mit dem rabenschwarzen Buch kämpfte, das sie seit einem Jahr beschäftigte.
»He, Shane, stell dir vor, ich habe Paul McCartney kennengelernt! Er war in L. A., um einen Plattenvertrag zu unterschreiben, und wir sind uns am Samstagabend auf einer Party begegnet. Als ich ihn sah, stopfte er sich gerade ein Hors d’œuvre in den Mund; er sagte hallo, hatte Krümel auf den Lippen und war herrlich. Er kennt alle meine Filme und machte mir Komplimente darüber, und wir unterhielten uns - kaum zu glauben, was? -, wir müssen mindestens zwanzig Minuten miteinander geredet haben. Und allmählich ist was ganz Merkwürdiges passiert ...«
»Du hast gemerkt, daß du ihn während eures Gesprächs ausgezogen hattest.«
»Nun, er sieht noch immer blendend aus, weißt du, noch immer dieses Engelsgesicht, für das wir vor zwanzig Jahren geschwärmt haben, aber jetzt natürlich von Erfahrung gezeichnet, geradezu distinguiert und mit einem reizend melancholischen Zug um die Augen, und er ist sehr amüsant und charmant. Zu Anfang hätte ich ihm wohl am liebsten die Kleider vom Leib gerissen, das gebe ich zu, und endlich meinen Traum ausgelebt. Aber je länger wir miteinander redeten, desto mehr verwandelte er sich aus einem Gott in einen Menschen, und binnen Minuten war der Mythos verflogen, Shane, und er war nur mehr ein netter, attraktiver Mann in mittleren Jahren. Na, was hältst du davon?«
»Was soll ich davon halten?«
»Das weiß ich selbst nicht«, gab Thelma zu. »Es beunruhigt mich ein bißchen. Sollte eine lebende Legende, die man kennenlernt, einen nicht etwas länger als zwanzig Minuten beeindrucken? Ich meine, ich kenne unterdessen massenhaft Stars, von denen keiner gottähnlich geblieben ist. Aber das ist McCartney gewesen!«
»Hör zu, wenn dich meine Meinung interessiert, sagt dieser rasche Verlust mythologischer Eigenschaften nichts Negatives über ihn aus, aber viel Positives über dich. Du hast ein Stadium neuer Reife erreicht, Ackerson.«
»Bedeutet das, daß ich mir jetzt am Samstagmorgen keine alten Filme mit den Three Stooges mehr ansehen darf?«
»Die Stooges sind erlaubt, aber Streit ums Essen kommt in Zukunft für dich nicht mehr in Frage.«
Als Thelma um 19.50 Uhr auflegte, fühlte Laura sich etwas besser, deshalb wechselte sie von ihrem rabenschwarzen Buch zu dem über Sir Keith Kröterich. Sie hatte erst zwei Sätze der Kindergeschichte geschrieben, als die Nacht vor den Fenstern durch einen grellweißen Blitz erhellt wurde, der sie entsetzt an eine detonierende Atombombe denken ließ. Der folgende Donner erschütterte das Haus vom Dachfirst bis zu den Fundamenten. Laura sprang auf und war so erschrocken, daß sie sogar vergaß, auf die Speichertaste ihres Computers zu drük-ken. Ein zweiter Blitzstrahl ließ die Fenster wie Fernsehschirme aufleuchten, der Donner grollte diesmal noch lauter.
»Mom!«
Sie drehte sich um und sah Chris an der Tür stehen. »Alles in Ordnung«, versicherte sie ihm. Er kam zu ihr gerannt. Sie setzte sich wieder und zog ihn auf ihren Schoß. »Alles in Ordnung«, wiederholte sie. »Du brauchst keine Angst zu haben, Schatz.«
»Aber es regnet nicht«, wandte er ein. »Warum ist der Donner so laut, wenn’s gar nicht regnet?«
Draußen ging noch fast eine Minute lang eine unglaubliche Serie von Blitzen und einander ablösenden Donnerschlägen nieder, um dann allmählich abzuklingen. Dieser Ausbruch der Naturgewalten war so heftig gewesen, daß Laura sich vorstellte, der zerbrochene Himmel werde am Morgen gleich den Bruchstücken einer riesigen Eierschale herumliegen.
Stefan war noch keine fünf Minuten von der Lichtung entfernt, auf der er gelandet war, als er bereits rasten und sich an den dicken Stamm einer Kiefer lehnen mußte, deren Äste dicht über seinem Kopf begannen. Die Wundschmerzen bewirkten, daß er Ströme von Schweiß vergoß; zugleich fror er in der bitteren Januarkälte, war zu benommen, um stehen zu können, und fürchtete sich andererseits davor, sich hinzusetzen und in einen Schlaf zu verfallen, aus dem es kein Erwachen geben würde. Unter den herabhängenden Ästen der Riesenkiefer, die ihn auf allen Seiten umgaben, hatte er das Gefühl, Zuflucht unter der schwarzen Robe des Todes gesucht zu haben.