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Bevor Laura Chris wieder zu Bett brachte, machte sie noch Eisbecher aus Kokos-Mandel-Eiscreme mit Hershley-Schokoladensirup. Während sie am Küchentisch saßen, stellte Laura fest, daß die Niedergeschlagenheit ihres Sohnes verflogen zu sein schien. Vielleicht hatte das bizarre Wetterphänomen, das diesen traurigen Jahrestag so dramatisch beendet hatte, ihn aus seinen Gedanken an den Tod gerissen und zum Staunen über Naturwunder gebracht. Chris plapperte in einem fort über den Blitz, der in dem alten James-Whale-Film, den er vor einer Woche zum ersten Mal gesehen hatte, durch eine Drachenschnur in Dr. Frankensteins Labor gelangt war, über die Blitze, die Donald Duck in einem Cartoon geängstigt hatten, und über die Gewitternacht in dem Film »101 Dalmatiner«, in dem den Welpen so schreckliche Gefahren von Cruella DeVille gedroht hatten.

Als sie Chris zudeckte und ihm einen Gute-Nacht-Kuß gab, lächelte er wieder - ein auffälliger Gegensatz zu dem finsteren Gesichtsausdruck, den er den ganzen Tag über zur Schau getragen hatte. Laura blieb im Sessel neben seinem Bett sitzen, bis er fest schlief, obwohl Chris keine Angst mehr hatte und ihre Gegenwart nicht mehr brauchte. Sie blieb einfach sitzen, weil sie ihn eine Zeitlang ansehen mußte.

Um 21.15 Uhr ging sie in ihr Arbeitszimmer zurück. Aber bevor sie sich wieder an ihren PC setzte, trat sie an eines der Fenster, starrte die Schneefläche vor dem Haus an, verfolgte das schwarze Band der kiesbestreuten Zufahrt bis zur fernen Staatsstraße und blickte zu dem wolkenverhangenen Nachthimmel auf. Irgend etwas an den Blitzen beunruhigte sie zutiefst: Nicht daß sie so ungewöhnlich, so bedrohlich gewesen waren, sondern daß ihre einzigartige, fast übernatürliche Energie irgendwie ... vertraut gewesen war.

Laura ging ins Schlafzimmer und kontrollierte das Schaltpult der Alarmanlage im Einbaukleiderschrank. Alle Türen und Fenster des Hauses waren gesichert. Dann holte sie unter dem Bett eine Uzi hervor, deren übergroßes Sondermagazin 400 Schuß Leichtmunition enthielt. Sie nahm die Maschinenpistole ins Arbeitszimmer mit und legte sie neben ihrem Stuhl auf den Teppichboden.

Als sie sich eben setzen wollte, zuckte erneut ein Blitz herab und erschreckte sie. Der sofort folgende Donnerschlag erschütterte sie bis ins Mark. Noch ein Blitz und noch einer und noch einer leuchtete in den Fenstern auf wie eine Folge grinsender Geisterfratzen aus Ektoplasma.

Während das Himmelsgewölbe zu erzittern schien, hastete Laura zu Chris, um ihn zu beruhigen. Obwohl die Blitze und Donnerschläge beängstigend heftiger waren als zuvor, wachte der Junge zu ihrem Erstaunen nicht auf - vielleicht weil das Getöse ihm als Teil eines Traumes über Dalmatinerwelpen und ihre Abenteuer in einer Gewitternacht erschien.

Auch diesmal fiel kein Regen.

Das Unwetter legte sich rasch, aber Lauras Besorgnis wollte nicht abklingen.

Im Dunkel sah er seltsame pechschwarze Gestalten: Fabelwesen, die durch den Wald huschten und ihn mit Augen beobachteten, die noch schwärzer waren als ihre Leiber. Aber obwohl sie ihn erschreckten und ängstigten, wußte Stefan, daß sie nicht real, sondern nur Ausgeburten seines mehr und mehr verwirrten Geistes waren. Er schleppte sich weiter trotz äußerer Kälte, innerer Hitze, spitzer Kiefernadeln, tückischer Brombeerranken und gelegentlicher Eisplatten, auf denen er den Boden unter den Füßen verlor. Die Schmerzen in Brust, Schulter und Arm wurden so stark, daß er im Delirium zu spüren glaubte, wie Ratten sein Fleisch von innen heraus annagten, obwohl er sich nicht vorstellen konnte, wie sie dort hineingelangt sein sollten. Nachdem er mindestens eine Stunde lang herumgeirrt war - es erschien ihm wie viele Stunden, sogar Tage, aber es konnten keine Tage gewesen sein, weil die Sonne nicht aufgegangen war -, erreichte er einen Waldrand und sah am Fuß einer sanft abfallenden weiten Schneefläche ein Haus stehen. Seine Fensterläden waren geschlossen, aber an deren Rändern schimmerte es hell. Drinnen brannte Licht. Stefan verharrte ungläubig, weil er zunächst glaubte, das Haus sei nicht wirklicher als die Unterweltgestalten, die ihn durch den Wald begleitet hatten. Dann begann er sich auf die Fata Morgana zuzubewegen - für den Fall, daß sie doch kein Trugbild aus einem Fiebertraum war.

Schon nach wenigen Schritten zuckte ein Blitz durch die Nacht, schien den Himmel aufzureißen. Die Peitsche knallte noch mehrmals, schien jedes Mal von einem stärkeren Arm geschwungen zu werden.

Während Stefan im Augenblick vor Angst gelähmt war, drehte und wand sein Schatten sich im Schnee vor ihm. Manchmal hatte er zwei Schatten, weil er aus zwei Richtungen gleichzeitig von Blitzen beleuchtet wurde. Ein Sonderkommando war ihm bereits auf der Blitzstraße gefolgt, um ihn zu erledigen, bevor er Laura warnen konnte.

Er sah sich nach den Bäumen um, unter denen er hervorgekommen war. Unter dem stroboskopisch aufleuchtenden Himmel schienen die Nadelbäume auf ihn zuzuspringen, dann wieder zurückzuweichen, sich wieder nach vorn zu bewegen. Dort waren keine Verfolger zu erkennen.

Als das Unwetter nachließ, taumelte Stefan weiter auf das Haus zu. Er stürzte zweimal, raffte sich wieder auf und torkelte weiter, obwohl er fürchtete, beim nächsten Sturz nicht wieder aufstehen oder laut genug rufen zu können, um gehört zu werden.

Laura starrte den Bildschirm an, versuchte an Sir Keith Kröterich zu denken, statt dessen fielen ihr die Blitze ein: die Blitze genau an dem Tag, an dem ihr Vater ihr erstmals von Sir Keith erzählt hatte, der Junkie ins Geschäft gekommen war und sie ihren Beschützer zum ersten Mal gesehen hatte - an jenem Sommertag in ihrem achten Lebensjahr.

Sie setzte sich ruckartig im Sessel auf.

Ihr Herz begann wie rasend zu schlagen.

Blitze dieser unnatürlichen Intensität bedeuteten Unannehmlichkeiten einer ganz bestimmten Art: Unannehmlichkeiten für sie. Während der Bestattung ihres Vaters oder an dem Tag, als Danny starb, hatte es keine Blitze gegeben. Mit einer Gewißheit, die sie nicht hätte erklären können, wußte sie jedoch, daß die Blitze heute abend für sie Schlimmes bedeuteten.

Sie griff nach der Uzi, machte einen Rundgang durch den ersten Stock, kontrollierte die Fenster, sah nach Chris und überzeugte sich davon, daß alles in Ordnung war. Dann hastete sie die Treppe hinunter, um die Räume im Erdgeschoß zu inspizieren.

Als Laura die Küche betrat, schlug etwas gegen die Tür zum Garten. Sie warf sich mit einem ängstlich-verblüfften Aufschrei herum, riß die Uzi hoch und hätte beinahe das Feuer eröffnet.

Aber dies war nicht das entschiedene Geräusch, das jemand machte, der sich gegen die Tür warf, um sie einzudrücken. Es klang nicht so bedrohlich, war kaum lauter als ein Klopfen und wiederholte sich zweimal. Darüber hinaus glaubte sie eine schwache Stimme zu hören, die ihren Namen rief.

Stille.

Laura schlich zur Tür und horchte etwa eine halbe Minute lang nach draußen.

Nichts.

Die Tür war ein Hochsicherheitsmodell mit einer Stahlplatte, die zwischen die zwei je fünf Zentimeter starken Eichenpaneele eingesetzt war, so daß Laura nicht zu befürchten brauchte, sie könnte durch die Tür hindurch erschossen werden. Trotzdem schreckte sie davor zurück, ganz an die Tür heranzutreten und einen Blick durch den Spion zu werfen, weil sie fürchtete, ein von außen gegen die Linse gepreßtes Auge zu sehen, das sie zu beobachten versuchte. Als sie endlich den Mut dazu aufbrachte, zeigte der Spion ihr ein Weitwinkelbild der Veranda, und sie sah einen Mann mit ausgebreiteten Armen auf den Fliesen liegen, als wäre er nach hinten umgefallen, nachdem er an die Tür geklopft hatte.

Falle! dachte sie. Falle, Trick.

Laura schaltete die Außenbeleuchtung ein und trat an das mit Stahlläden gesicherte Fenster neben der Tür. Indem sie sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie durch die schrägen Lamellen hinaussehen. Der Mann auf der Veranda war ihr Beschützer. Seine Schuhe und Hosenbeine waren schneeverkrustet. Er trug etwas, das wie ein weißer Laborkittel aussah, dessen Vorderseite dunkle Blutflecken aufwies.