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Soviel sie erkennen konnte, lauerte niemand auf der Veranda oder auf dem Rasen dahinter, aber sie mußte mit der Möglichkeit rechnen, daß jemand ihn hingelegt hatte, um sie aus dem Haus zu locken. Unter diesen Umständen war es tödlicher Leichtsinn, nachts die Tür zu öffnen.

Trotzdem konnte sie ihn nicht draußen liegen lassen. Nicht ihren Beschützer. Nicht, wenn er verletzt war und vielleicht im Sterben lag.

Sie betätigte den Überbrückungsschalter der Alarmanlage neben der Tür, sperrte die Sicherheitsschlösser auf und trat mit schußbereiter Uzi widerstrebend in die Winternacht hinaus. Niemand schoß auf sie. Auf der nur schwach erhellten Rasenfläche bis zum Waldrand hin war keine Bewegung zu erkennen.

Laura erreichte ihren Beschützer, kniete neben ihm nieder und fühlte seinen Puls. Er lebte. Sie schob eines seiner Lider zurück. Er war bewußtlos. Die Wunde unter seinem linken Schlüsselbein sah schlimm aus, obwohl sie im Augenblick nicht zu bluten schien.

Durch ihre Ausbildung bei Henry Takahami und durch regelmäßiges Krafttraining war sie weit stärker als früher, aber trotzdem nicht stark genug, den Verletzten mit einer Hand hochheben zu können. Sie lehnte die Uzi an den Türrahmen und mußte feststellen, daß sie ihn nicht einmal mit zwei Händen hochheben konnte. Obwohl es wahrscheinlich gefährlich war, einen so schwer Verletzten zu bewegen, war es bestimmt noch gefährlicher, ihn hier in der Kälte liegen zu lassen - vor allem, weil er anscheinend verfolgt wurde. Laura schaffte es, ihn halb hochzuheben und rückwärtsgehend in die Küche zu schleppen, wo sie ihn auf den Boden legte. Mit einem Seufzer der Erleichterung holte sie ihre Uzi herein, sperrte die Tür ab und schaltete die Alarmanlage wieder ein.

Er war erschreckend blaß und eiskalt, deshalb mußte Laura ihm als erstes die schneeverkrusteten Schuhe und Socken ausziehen. Als sie mit dem linken Fuß fertig war und den rechten Schuh aufzuschnüren begann, murmelte er etwas in einer fremden Sprache - allerdings so undeutlich, daß Laura sie nicht identifizieren konnte - und dann auf Englisch etwas von Sprengladungen und Toren und »Gespenstern in den Bäumen«.

Obwohl sie wußte, daß er im Delirium lag und sie vermutlich so wenig verstehen würde, wie sie ihn verstand, redete sie beruhigend auf ihn ein: »Okay, langsam, immer mit der Ruhe, reg dich nicht auf, alles kommt wieder in Ordnung; sobald ich deinen Fuß aus diesem Eisklotz befreit habe, rufe ich einen Arzt an.«

Bei der Erwähnung eines Arztes schreckte er kurz aus seiner Verwirrung auf. Er umklammerte mit schwachem Griff Lauras Arm und starrte sie angstvoll und durchdringend an. »Keinen Arzt. Muß fort ... muß weg von hier ...«

»In deinem Zustand kannst du nirgends hin«, widersprach sie. »Außer mit einem Krankenwagen ins nächste Krankenhaus.«

»Muß aber fort. Schnell! Sie kommen ... kommen bald ...«

Sie sah zu der Uzi hinüber. »Wer kommt?«

»Killer«, sagte er drängend. »Ermorden mich aus Rache. Ermorden dich, ermorden Chris. Sind schon unterwegs.«

Bei diesen Sätzen ließ weder Blick noch Stimme auf ein Delirium schließen. Sein bleiches, schweißnasses Gesicht war nicht mehr schlaff, sondern starr vor Angst. Lauras ganze Schieß- und Selbstverteidigungsausbildung schien plötzlich keine bloße hysterische Vorsichtsmaßnahme mehr. »Okay«, sagte sie. »Wir verschwinden, sobald ich mir deine Wunde angesehen und sie verbunden habe.«

»Nein! Sofort. Müssen sofort weg.«

»Aber ...«

»Sofort«, wiederholte er. In seinen Augen stand ein so gequälter Blick, daß man beinahe glauben konnte, die Killer, von denen er redete, seien keine gewöhnlichen Männer, sondern übernatürliche Wesen.

»Okay«, stimmte sie zu. »Wir fahren sofort.«

Seine Hand glitt von ihrem Arm. Sein Blick wurde verschwommen, er begann heiser sinnloses Zeug zu murmeln.

Als sie durch die Küche hastete, um nach oben zu laufen und Chris zu wecken, hörte sie ihren Beschützer wie im Traum, aber trotzdem ängstlich von einer »großen, schwarzen, unaufhaltbaren Todesmaschine« sprechen, was ihr nichts sagte, sie aber dennoch erschreckte.

Zweiter Teil

VERFOLGUNG

Die lange Gewohnheit zu leben hat uns der Fähigkeit zu sterben beraubt.

Sir Thomas Browne

Ein Heer von Schatten

1

Laura knipste eine Lampe an und rüttelte Chris wach. »Zieh dich an, Schatz.«

»Was iss’n los?« fragte er verschlafen und rieb sich mit seinen kleinen Fäusten die Augen.

»Ein paar böse Männer sind hierher unterwegs, und wir müssen fort, bevor sie kommen. Beeil dich jetzt!«

Chris hatte im vergangenen Jahr nicht nur um seinen Vater getrauert, sondern sich auf den Augenblick vorbereitet, in dem ihr trügerisch friedlicher Alltag durch einen weiteren unerwarteten Ausbruch des Chaos geschüttelt werden würde, das Chaos, das am Grunde aller menschlichen Existenz schlummerte und von Zeit zu Zeit gleich einem Vulkan ausbrach wie in jener Nacht, als sein Vater ermordet worden war. Chris hatte beobachtet, wie seine Mutter sich zu einer erstklassigen Pistolenschützin heranbildete, hatte miterlebt, wie sie ein ganzes Arsenal ansammelte, hatte mit ihr Unterricht in Selbstverteidigung genommen und war in Einstellung und Verhalten trotzdem ein normales Kind geblieben, auch wenn er seit dem Tode seines Vaters verständlicherweise etwas melancholischer gewirkt hatte als andere Kinder. In diesem Augenblick der Krise reagierte er jedoch nicht wie ein Achtjähriger: Er greinte nicht, stellte keine unnötigen Fragen, war weder langsam noch widerspenstig noch schwer von Begriff. Statt dessen schlug er seine Bettdecke zurück, stand sofort auf und lief zum Kleiderschrank.

»Ich warte in der Küche auf dich«, sagte Laura noch.

»Okay, Mom.«

Sie war stolz darauf, wie vernünftig er reagierte, und erleichtert darüber, daß Chris ihre Flucht nicht behindere würde; zugleich betrübte sie jedoch, daß er schon als Achtjähriger die Kürze und Härte des Lebens gut genug begriff, um auf eine Krise rasch und gelassen wie ein Erwachsener zu reagieren.

Laura trug Jeans und eine blaukarierte Flanellbluse. Als sie jetzt in ihr Schlafzimmer ging, brauchte sie nur noch in einen Pullover zu schlüpfen und ihre Freizeitschuhe mit hochschäfti-gen Wanderstiefeln zu vertauschen.

Sie hatte Dannys Sachen weggegeben und besaß deshalb keinen Mantel für den Verletzten. Aber sie hatte reichlich Wolldecken und holte im Vorbeigehen zwei aus dem Wäscheschrank auf dem Flur.

Dann fiel ihr noch etwas ein. Sie hastete in ihr Arbeitszimmer zurück, öffnete den Safe und nahm den eigenartigen schwarzen Gürtel mit Kupferapplikationen heraus, den ihr Beschützer ihr voriges Jahr anvertraut hatte. Sie stopfte ihn in ihre geräumige Umhängetasche.

Im Erdgeschoß holte Laura ihre blaue Daunenjacke aus dem Garderobenschrank in der Diele und nahm die hinter der Haustür hängende Uzi mit. Während sie sich durchs Haus bewegte, achtete sie auf von draußen kommende ungewöhnliche Laute, Stimmen oder Motorengeräusche, aber die Nacht blieb still.

In der Küche legte sie die Uzi zu der anderen Maschinenpistole auf den Tisch und kniete dann neben ihrem Beschützer nieder, der wieder bewußtlos war. Laura knöpfte seinen von Schmelzwasser durchnäßten Laborkittel und das Hemd darunter auf und untersuchte die Schußwunde unter seinem linken Schlüsselbein. Sie saß hoch über dem Herzen, was gut war, aber er hatte viel Blut verloren, mit dem seine Kleidung förmlich getränkt war.

»Mom?« Chris stand für die Winternacht gekleidet an der Küchentür.

»Nimm eine der Uzis mit, hol die dritte aus dem Anrichtezimmer und leg sie in den Jeep.«