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»Das ist er!« sagte Chris mit vor Staunen großen Augen.

»Richtig«, bestätigte Laura. »Er ist schwerverletzt bei uns aufgekreuzt. Außer den Uzis nimmst du zwei Revolver mit -den aus der Schublade dort drüben und den aus dem Eßzimmer. Aber sei vorsichtig, damit du nicht versehentlich ...«

»Keine Angst, Mom«, sagte er und machte sich daran, ihre Aufträge auszuführen.

Laura wälzte ihren Beschützer so behutsam wie möglich auf die rechte Seite - er stöhnte dabei, ohne jedoch aus seiner Bewußtlosigkeit zu erwachen -, um nachzusehen, ob er am Rücken eine Austrittswunde hatte. Tatsächlich hatte die Kugel den Oberkörper durchschlagen und war unter dem Schulterblatt ausgetreten. Auch der Rücken des Laborkittels war mit Blut getränkt, aber weder Ein- noch Austrittswunde schienen stark zu bluten; falls er jedoch starke innere Blutungen hatte, so konnte Laura sie weder feststellen noch behandeln.

Unter dem Hemd trug er einen der schwarzen Gürtel mit eingewebten Kupferfäden. Laura nahm ihn ihm ab und stopfte ihn zu dem anderen in ihre geräumige Umhängetasche. Sie knöpfte ihm das Hemd wieder zu und überlegte, ob sie ihm den durchnäßten Laborkittel ausziehen sollte. Aber es wäre zu schwierig gewesen, ihm die Ärmel von den Armen zu ziehen. Also begnügte sie sich damit, ihn erneut auf die Seite zu wälzen, um ihn in eine graue Wolldecke hüllen zu können.

Während Laura den Verletzten einpackte, benützte Chris den Durchgang vom Bügelraum zur Garage, um die Waffen nach draußen in den Jeep zu schaffen. Dann kam er mit einem etwas über einen Meter langen und einen halben Meter breiten Transportwagen - im Prinzip eine massive Sperrholzplatte auf drehbaren Rädern - zurück, die Möbelpacker vor etwas über einem Jahr bei ihnen vergessen und nicht mehr abgeholt hatten.

Er fuhr damit wie auf einem Skateboard zur Tür des Anrichtezimmers. »Wir müssen die Munitionskiste mitnehmen«, sagte er, »aber die kann ich nicht schleppen. Deshalb stelle ich sie hier drauf.«

Laura freute sich darüber, daß er so tatkräftig und clever war. »Wir haben zwölf Schuß in den beiden Revolvern und zwölfhundert in den drei Uzis - das müßte für alle Fälle reichen. Schnell, bring den Karren in die Küche! Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, wie wir ihn ohne große Erschütterungen zum Jeep transportieren könnten. Das hier scheint die Lösung zu sein.«

Die beiden bewegten sich so rasch, als hätten sie für diesen speziellen Notfall geübt. Trotzdem hatte Laura das Gefühl, sie brauchten viel zu lange. Ihre Hände zitterten, ihre Magennerven hatten sich verkrampft. Sie rechnete jeden Augenblick damit, daß jemand an die Tür hämmern würde.

Chris hielt den Transportwagen fest, während Laura den Verletzten hinaufzog. Als er mit Kopf, Schultern, Rücken und Gesäß auf der Plattform lag, konnte sie seine Beine ergreifen und ihn wie einen Schubkarren vor sich herschieben. Chris, dessen rechte Hand auf der Schulter des Mannes lag, lief gebückt neben ihm her, um zu verhindern, daß er seitlich abrutschte. Die hohe Trittschwelle zwischen Bügelraum und Garage war nicht ganz einfach zu überwinden, aber es gelang ihnen doch, den Verletzten mit dieser Methode in die Dreifachgarage zu schaffen.

Links war der Mercedes geparkt, der Jeep stand rechts, der Platz in der Mitte war frei. Sie rollte ihren Beschützer zu dem Jeep.

Chris hatte bereits die Heckklappe geöffnet und auf der Ladefläche eine kleine Turnmatte als Matratze ausgebreitet.

»Das hast du großartig gemacht!« lobte sie ihn.

Gemeinsam gelang es ihnen, den Verletzten durch die offene Heckklappe in den Jeep zu bugsieren.

»Hol bitte die zweite Decke und seine Schuhe aus der Küche«, verlangte Laura.

Bis der Junge damit zurückkam, hatte Laura ihren Beschützer in Rückenlage auf der Turnmatte ausgestreckt. Sie breiteten die zweite Decke über seine nackten Füße und stellten die durchnäßten Schuhe neben ihn.

»Chris, du steigst schon ein und schnallst dich an«, forderte Laura ihn auf, während sie die Heckklappe schloß.

Sie hastete nochmals ins Haus zurück. Ihre Umhängetasche, in der sie Geld und alle ihre Kreditkarten hatte, lag auf dem Küchentisch. Laura nahm die Tasche über die Schulter, griff nach der dritten Uzi und machte sich auf den Rückweg in die Garage. Aber schon nach wenigen Schritten ließ ein gewaltiger Schlag die aus der Küche ins Freie führende Tür erzittern.

Laura warf sich herum und riß die Waffe hoch.

Noch ein gewaltiger Anprall, aber die Spezialtür mit Stahlkern und Schlage-Sicherheitsschlössern war nicht so leicht aufzubrechen.

Dann begann der Alptraum im Ernst.

Eine Maschinenpistole hämmerte los, und Laura ging hinter dem Kühlschrank in Deckung. Irgend jemand versuchte, die Küchentür aufzuschießen, aber ihr Stahlkern hielt auch diesem Angriff stand. Die ganze Tür erzitterte jedoch, und einige Kugeln durchschlugen das Mauerwerk neben dem ebenfalls verstärkten Türrahmen.

In Küche und Wohnzimmer zersprangen klirrend Fensterscheiben, als eine zweite Maschinenpistole das Feuer eröffnete. Die stählernen Fensterläden schepperten; einige Kugeln gingen zwischen ihren Lamellen hindurch, die dabei verbogen wurden, und ließen Glasscherben auf die Fensterbank und den Boden regnen. Von Kugeln durchschlagene Schranktüren splitterten, von einer Wand sprangen Ziegelteilchen ab, einige Querschläger verbeulten den Dunstabzug aus Kupferblech. Auch die an Haken von den Deckenbalken hängenden Kupfertöpfe und -pfannen erhielten zahlreiche Treffer, die verschiedene Töne erzeugten. Eine der Deckenleuchten zersprang. Dann gaben die Lamellen eines Fensterladens nach, und der nächste Feuerstoß durchsiebte die Kühlschranktür dicht neben Laura.

Ihr Herzschlag raste, eine sprunghaft erhöhte Adrenalinproduktion hatte ihre Sinne fast schmerzhaft geschärft. Am liebsten wäre sie zu dem Jeep in der Garage gelaufen und hätte wegzufahren versucht, bevor die anderen merkten, daß sie fluchtbereit waren, aber ein urtümlicher Kämpferinstinkt veranlaßte sie zum Bleiben. Sie drückte sich außerhalb der Schußlinie an die Seite des Kühlschranks und konnte nur hoffen, daß sie nicht von einem Querschläger getroffen würde.

Wer seid ihr, verdammt noch mal? fragte sie sich wütend.

Als das Feuer verstummte, erwies Lauras Instinkt sich als richtig: Auf die Beschießung folgten nun die bewaffneten Angreifer selbst. Sie stürmten das Haus. Der erste wollte durch das zerschossene Fenster über dem Küchentisch einsteigen. Sie kam hinter dem Kühlschrank hervor, eröffnete das Feuer und warf ihn auf die Veranda zurück. Ein zweiter, schwarz gekleidet wie der erste, kam durch die zersplitterte Schiebetür zum Wohnzimmer. Laura sah ihn eine Sekunde früher als er sie, schwang die Uzi feuerspeiend in seine Richtung, zerschoß die Kaffeemaschine, riß große Brocken aus der Wand neben dem Durchgang und mähte den Angreifer nieder, während er seine Waffe herumzureißen versuchte. Sie hatte in letzter Zeit nicht mehr viel mit der Uzi geübt und war überrascht, wie gut sich ihr Feuer kontrollieren ließ. Ebenso überrascht war sie darüber, wie elend sie sich beim Töten fühlte, obwohl diese Männer versuchten, sie und ihren Sohn zu ermorden. Übelkeit durchflutete sie wie ölig schwappendes Brackwasser, aber Laura würgte die in ihr aufsteigende Galle entschlossen hinunter. Ein dritter Mann war im Wohnzimmer erschienen, und sie war bereit, auch ihn zu erschießen - und hundert andere wie ihn -, selbst wenn ihr davon schlecht wurde, aber er warf sich aus ihrer Schußlinie, als er sah, wie sein Vorgänger durchsiebt wurde.

Jetzt zum Jeep!

Sie wußte nicht, wie viele Killer draußen lauerten; vielleicht waren es lediglich drei Angreifer gewesen, von denen jetzt nur noch einer lebte; vielleicht warteten draußen fünf oder zehn oder fünfzig. Unabhängig von ihrer Anzahl hatten sie bestimmt nicht mit so entschlossener Gegenwehr und schon gar nicht mit solcher Feuerkraft gerechnet - nicht von Seiten einer Frau und eines kleinen Jungen -, zumal sie wahrscheinlich wußten, daß ihr Beschützer verletzt und unbewaffnet war. Deshalb waren die Angreifer zunächst verblüfft in Deckung gegangen, um die Lage zu sondieren und ihr weiteres Vorgehen zu überlegen. Möglicherweise war dies ihre einzige Chance zur Flucht mit dem Jeep. Sie spurtete aus dem Haus hinüber zur Garage.