Laura sah, daß Chris den Motor des Jeeps angelassen hatte, während die Schüsse fielen; aus den Auspuffrohren kamen bläuliche Abgaswolken. Während sie zu dem Fahrzeug rannte, setzte das Garagentor sich nach oben in Bewegung: Chris hatte offenbar die Fernsteuerung betätigt, sobald er sie kommen sah.
Bis sie am Steuer saß, war das Tor zu einem Drittel geöffnet. Sie legte den ersten Gang ein. »Duck dich, Chris!«
Während Chris sofort gehorchte und auf seinem Sitz bis unter die Kante der Windschutzscheibe rutschte, nahm Laura den Fuß von der Bremse. Sie trat das Gaspedal durch, fuhr mit quietschenden Reifen an, ließ eine Gummispur auf dem Betonboden zurück und röhrte unter dem noch hochgehenden Garagentor, dessen untere Kante die Radioantenne abscherte, in die Nacht hinaus.
Die Reifen des Jeeps waren ohne Schneeketten, hatten aber ein grobstolliges Winterprofil. Damit gruben sie sich mühelos in die Mischung aus Kies und gefrorenem Schneematsch, von der die Einfahrt bedeckt war, und schleuderten einen Hagel von Eisbrocken und Kieselsteinen nach hinten.
Von links tauchte eine dunkle Gestalt auf: ein Mann in Schwarz, der zwölf, fünfzehn Meter entfernt über den Rasen lief und bei jedem Schritt Schneewolken aufwirbelte. Es war eine so schemenhafte Gestalt, daß sie lediglich ein Schatten hätte sein können, wenn das Aufheulen des Motors nicht von einem Feuerstoß übertönt worden wäre. Die Flanke des Jeeps erhielt mehrere Treffer, das Fenster hinter Laura zersplitterte, aber das Fahrerfenster blieb unbeschädigt. Sie raste weiter ... nur noch wenige Sekunden, dann waren sie in Sicherheit ... der Fahrtwind heulte und pfiff durch die zersplitterte Scheibe. Sie konnte nur hoffen, daß kein Reifen zerschossen war, hörte, wie das Karosserieblech von weiteren Schüssen getroffen wurde - oder vielleicht nur von wegspritzenden Steinen und Eisbrocken.
An der Einmündung zur Staatsstraße wußte Laura bestimmt, daß sie außer Schußweite waren. Während sie scharf bremste, um nach links abzubiegen, sah sie kurz in den Rückspiegel und erkannte weit hinter sich ein Scheinwerferpaar am Tor der offenen Garage. Die Killer waren ohne Fahrzeug gekommen -der Teufel mochte wissen, wie sie sich fortbewegt hatten, vielleicht mit Hilfe der seltsamen Gürtel - und jetzt im Begriff, sie mit ihrem eigenen Mercedes zu verfolgen.
Sie hatte vorgehabt, an der Staatsstraße 330 nach links abzubiegen, um an Running Springs und der Abzweigung zum Lake Arrowhead vorbei die Autobahn zu erreichen und nach San Bernardino zu fahren, wo es Menschen und Schutz gab, wo schwarzgekleidete Männer mit Maschinenpistolen sie nicht so leicht auf offener Straße überfallen konnten und wo sie ärztliche Hilfe für ihren Beschützer gefunden hätte. Als Laura jedoch die Scheinwerfer hinter sich sah, setzte ihr unterschwelliger Überlebenstrieb sich durch: Sie bog statt dessen rechts ab und fuhr nach Nordosten in Richtung Big Bear Lake weiter.
Wäre sie links abgebogen, hätte sie die unheilvolle, etwa einen Kilometer lange Steigung passieren müssen, auf der Danny vor einem Jahr ermordet worden war. Laura spürte intuitiv, daß der für sie alle gefährlichste Ort der Welt im Augenblick dieser Straßenabschnitt mit seinen zwei schmalen Fahrspuren war. Chris und sie hätten dort schon zweimal den Tod finden sollen: zum ersten Mal, als der Kleinlaster der Robertsons ins Schleudern geriet; zum zweiten Mal, als Kokoschka das Feuer auf sie eröffnete. Manchmal, in Momenten klarsichtigen Denkens, war ihr klar geworden, daß es im Leben vorausbestimmte erfreuliche und bedrohliche Entwicklungen gab - und daß das einmal an deren Verwirklichung gehinderte Schicksal sich bemühte, Vorausbestimmtes durchzusetzen. Obwohl Laura ihre Überzeugung, eine Weiterfahrt in Richtung Running Springs bedeute für sie alle den sicheren Tod, nicht hätte vernünftig begründen können, wußte sie im Innersten ihres Herzens, daß der Tod sie dort erwartet hätte.
Während sie auf die Staatsstraße abbog und zwischen auf beiden Seiten düster aufragenden Nadelbaumriesen in Richtung Big Bear weiterfuhr, setzte Chris sich wieder auf und schaute nach hinten.
»Sie kommen«, erklärte Laura ihm, »aber wir sind schneller.«
»Sind das die Leute, die Daddy erschossen haben?«
»Ja, wahrscheinlich. Aber damals haben wir nichts von ihnen gewußt, waren wir unvorbereitet.«
Auch der Mercedes befand sich jetzt auf der Staatsstraße 330 - allerdings wegen der vielen Kurven, Steigungen und Gefällestrecken meistens außer Sicht. Der Wagen schien etwa 200 Meter hinter ihnen zu sein, aber er holte bestimmt auf, weil er einen größeren, weit stärkeren Motor hatte als der Jeep.
»Wer sind sie?« fragte Chris.
»Das weiß ich nicht sicher, Schatz. Und ich weiß nicht, weshalb sie’s auf uns abgesehen haben. Aber ich weiß, was sie sind: brutale Gewalttäter, der Abschaum der Menschheit. Ich habe solche Typen schon in Caswell Hall kennengelernt und weiß, daß man ihnen energisch entgegentreten muß, weil sie nur davor Respekt haben.«
»Du hast’s ihnen richtig gezeigt, Mom!«
»Und du hast mir klasse geholfen, Kleiner. Das war clever von dir, daß du den Motor angelassen und das Garagentor geöffnet hast. Wahrscheinlich hat uns das gerettet.«
Der Mercedes hinter ihnen war inzwischen auf etwa 100 Meter herangekommen. Der 420 SEL war nicht nur schneller, sondern hatte auch eine hervorragende Straßenlage - viel besser als die des Jeeps.
»Sie kommen schnell näher, Mom.«
»Ich weiß.«
»Wirklich schnell.«
Sie näherten sich dem Ostende des Sees, und Laura hatte plötzlich einen klapprigen alten Dodge-Lieferwagen vor sich, bei dem lediglich ein Rücklicht brannte und dessen rostige Stoßstange anscheinend nur von witzig sein sollenden Aufklebern wie BLONDINEN DÜRFEN ÜBERHOLEN und ICH GEHÖRE ZUR MAFIA zusammengehalten wurde. Er tuckerte unterhalb der Geschwindigkeitsbegrenzung mit etwa 50 Stundenkilometern dahin. Laura wußte, daß der Mercedes zu ihnen aufschließen würde, wenn sie jetzt zögerte; waren die Killer nahe genug heran, konnten sie erneut das Feuer eröffnen. Auf diesem Straßenabschnitt herrschte Überholverbot, aber die freie Gegenfahrbahn reichte knapp für ein Überholmanöver. Laura zog den Jeep nach links, trat das Gaspedal durch, überholte den kleinen Dodge und scherte wieder ein. Unmittelbar davor fuhr ein Buick mit etwas über 60 Stundenkilometern, den sie ebenfalls überholte, bevor die Straße wieder so kurvenreich wurde, daß der Mercedes den alten Dodge nicht mehr überholen konnte.
»Sie sind dahinter hängengeblieben!« berichtete Chris.
Laura fuhr jetzt fast 90 Stundenkilometer, was für einige Kurven zu schnell war, aber sie schaffte es, den Jeep auf der Straße zu halten, und begann zu hoffen, sie würden ihren Verfolgern entkommen. Aber die Straße gabelte sich vor dem See, und weder der Buick noch der alte Dodge folgten dem Jeep das Südufer entlang nach Big Bear City; beide bogen in Richtung Fawnskin am Nordufer ab, so daß die Straße zwischen Laura und dem Mercedes, der sofort aufzuschließen begann, wieder frei war.
Überall standen jetzt Häuser: auf den Hügeln rechts der Straße ebenso wie in dem zum See hin abfallenden Gelände links von ihnen. Manche - vermutlich nur an Wochenenden bewohnte Ferienhäuser - waren unbeleuchtet, aber die Lichter anderer leuchteten zwischen den Bäumen hindurch.
Laura wußte, daß sie einem der Wege, einer dieser Zufahrten zum nächsten Haus folgen konnte, in dem Chris und sie aufgenommen worden wären. Die Bewohner hätten ihnen ohne zu zögern ihre Tür geöffnet. Hier herrschte keine Großstadtatmosphäre; auf dem Lande, in den Bergen waren die Menschen nicht sofort mißtrauisch, wenn nachts unangemeldeter Besuch an ihre Tür klopfte.