Der Mercedes war wieder auf 100 Meter herangekommen, und sein Fahrer betätigte die Lichthupe, als wollte er sagen: He, wir kommen, Laura, wir kriegen dich, wir sind die Buhmänner, wir meinen ’s ernst, uns entkommt niemand, wir holen dich, wir kommen!
Hätte sie in einem der Häuser in der Nähe Zuflucht zu finden versucht, hätten die Killer sie wahrscheinlich dorthin verfolgt und nicht nur Chris und sie, sondern auch die Hausbewohner eiskalt ermordet. Diese Schweinehunde würden vielleicht davor zurückschrecken, sie mitten in San Bernardino, in River-side oder sogar in Redlands zu überfallen, weil sie dort damit rechnen mußten, von der Polizei gestellt zu werden. Aber sie würden sich nicht von einer Handvoll harmloser Außenstehender einschüchtern lassen, zumal sie unabhängig davon, wie viele Menschen sie ermordeten, einer Festnahme bestimmt dadurch entgehen konnten, daß sie auf die gelben Knöpfe an ihren Gürteln drückten und verschwanden, wie Lauras Beschützer vor einem Jahr verschwunden war. Sie hatte keine rechte Vorstellung davon, wohin sie verschwinden würden, aber sie konnte sich denken, daß sie dort für die hiesige Polizei unerreichbar waren. Sie wollte das Leben Unbeteiligter nicht gefährden, deshalb passierte sie Haus nach Haus, ohne ihre Geschwindigkeit zu verringern.
Der Mercedes war noch etwa 50 Meter hinter ihnen und schloß rasch auf.
»Mom .«
»Ich sehe sie, Schatz.«
Sie waren nach Big Bear City unterwegs, das seinen Namen bedauerlicherweise nicht verdiente, denn es war nicht nur keine City, sondern nur ein ziemlich kleines Dorf, kaum größer als ein Weiler. Dort gab es nicht so viele Straßen, daß Laura hätte hoffen können, ihre Verfolger abzuschütteln, und das stationierte Polizeikontingent reichte nicht aus, mit Maschinenpistolen bewaffnete Fanatiker abzuwehren.
Der Gegenverkehr war nur schwach. Laura schloß zu einem in ihre Richtung fahrenden grauen Volvo auf und überholte ihn praktisch blind, weil ihr nichts anderes übrigblieb, da der Mercedes auf 40 Meter herangekommen war. Der Mercedesfahrer überholte den Volvo mit einem ebenso gewagten Manöver.
»Wie geht’s unserem Passagier?« erkundigte Laura sich.
Chris drehte sich nach hinten um, ohne seinen Sicherheitsgurt zu lösen. »Einigermaßen, schätze ich. Er rutscht natürlich viel herum.«
»Das kann ich nicht ändern.«
»Wer ist er, Mom?«
»Ich weiß nicht allzuviel über ihn«, sagte Laura. »Aber sobald wir in Sicherheit sind, erzähle ich dir alles, was ich weiß. Das habe ich bisher noch nicht getan, weil ... na ja, weil ich selbst nicht genug gewußt habe und Angst hatte, für dich könnte es gefährlich sein, überhaupt etwas über ihn zu wissen. Aber gefährlicher als jetzt kann’s kaum werden, stimmt’s? Wir reden also später über ihn.«
Falls es überhaupt ein Später gab.
Nach etwa zwei Dritteln der Strecke entlang dem Südufer des Sees, der Mercedes der Killer war inzwischen auf 30 Meter herangekommen, sah Laura eine Hinweistafel auf die vor ihnen abzweigende Nebenstrecke. Sie führte an Clark’s Summit vorbei durch die Berge: 15 Kilometer Landstraße, die den über 50 Kilometer langen Bogen der Staatsstraße 38 abschnitten und bei Barton Fiats wieder auf sie stießen. Soweit Laura sich erinnerte, waren Anfang und Ende der Bergstraße auf einigen Kilometern asphaltiert, aber die mittleren acht bis zehn Kilometer waren unbefestigt. Im Gegensatz zu ihrem Jeep hatte der Mercedes keinen Allradantrieb; er war mit Winterreifen ausgerüstet, hatte aber keine Schneeketten. Der Mann am Steuer wußte bestimmt nicht, daß der Asphaltbelag der Bergstraße schon bald vereisten und zum Teil verschneiten Fahrrinnen Platz machen würde.
»Halt dich fest!« forderte sie Chris auf.
Sie bremste erst im letzten Augenblick und nahm die Rechtskurve zur Bergstraße so schnell, daß der Jeep sich mit protestierend quietschenden Reifen querstellte. Zugleich erzitterte das Fahrzeug dabei wie ein altes Pferd, das zu einem gefährlichen Sprung gezwungen worden war.
Dem Mercedes gelang die Richtungsänderung besser, obwohl Lauras Abbiegen für seinen Fahrer überraschend gekommen sein mußte. Auf der kurvenreichen Bergstraße verkürzte er den Abstand erneut auf etwa 30 Meter.
Dann auf 25 Meter. Auf 20 Meter.
Über den Nachthimmel im Süden flackerten plötzlich grellweiße Blitze: nicht so nahe wie die vorigen, die sie zu Hause erlebt hatten, aber nahe genug, um die Nacht zum Tage zu machen. Der Donner übertönte selbst das Röhren des Jeepmotors.
»Mommy, was ist hier los?« fragte Chris, der das Naturschauspiel mit angehaltenem Atem beobachtete. »Was hat das zu bedeuten?«
»Keine Ahnung«, antwortete sie und mußte schreien, um die Kakophonie aus Motorenlärm und Donnergrollen zu übertönen.
Laura hörte keine Schüsse, aber sie hörte, wie der Jeep von Kugeln getroffen wurde, spürte den Schlag, mit dem eine durchs Heckfenster kommende Kugel sich in ihre Rückenlehne bohrte. Um den Killern das Zielen zu erschweren, lenkte sie den Jeep in wildem Zickzack über die Straße, wobei ihr im flackernden Schein der Blitze fast schwindlig wurde. Der Schütze mußte das Feuer eingestellt oder nicht mehr getroffen haben, denn Laura hörte keine Einschläge mehr. Durch das Fahren im Zickzack war sie jedoch langsamer geworden, und der Mercedes kam unaufhaltsam näher.
Statt des Rückspiegels mußte sie die beiden Außenspiegel benützen. Obwohl das Heckfenster noch weitgehend intakt war, zogen sich Hunderte von feinen Sprüngen durch das Sicherheitsglas und machten es undurchsichtig.
Noch 15 Meter, nur noch 10 Meter.
Laura fuhr über eine Kuppe und sah, daß die asphaltierte Fahrbahn nach etwa der Hälfte der vor ihr liegenden Gefällestrecke endete. Sie hörte auf, Zickzacklinien zu fahren, und gab statt dessen Gas. Als der Jeep den Asphalt verließ, wäre er beinahe ins Schleudern geraten, aber dann faßten die grobstol-ligen Reifen in Eis und Geröll. Der Jeep rumpelte über mehrere Querrillen, durch eine Senke, in der Bäume ein geschlossenes Dach über ihnen bildeten, und die nächste Steigung hinauf.
In den Außenspiegeln beobachtete Laura, wie der Mercedes die Senke durchquerte und die Steigung in Angriff nahm. Als der Jeep eben die Kuppe erreichte, begann der Wagen hinter ihnen zu schlingern, geriet ins Schleudern, so daß seine Scheinwerfer plötzlich über den Straßenrand hinausleuchteten. Der Fahrer korrigierte mit zu hastigen Lenkausschlägen und gab zuviel Gas. Die Hinterräder des Mercedes drehten durch, der Wagen kam nicht nur zum Stehen, sondern rutschte zurück, bis sein rechtes Hinterrad in den Straßengraben geriet. Die Scheinwerfer strahlten jetzt schräg über die Bergstraße hinweg in den Nachthimmel.
»Sie sitzen fest!« rief Chris.
»Dort rauszukommen dauert mindestens eine halbe Stunde.«
Laura fuhr über die Kuppe und hatte im Scheinwerferlicht das nächste Gefälle der dunklen Bergstraße vor sich.
Obwohl Laura Jubel oder zumindest Erleichterung hätte verspüren müssen, war ihre Angst unvermindert da. Sie ahnte, daß sie noch keineswegs in Sicherheit waren, hatte vor über zwei Jahrzehnten gelernt, ihren Ahnungen zu vertrauen - wie in jener Nacht, als sie vermutete, der Weiße Aal werde auf der Suche nach ihr ins McIllroy kommen, und dann die von ihm zurückgelassene Tootsie Roll unter ihrem Kopfkissen fand. Ahnungen waren schließlich nichts anderes als Botschaften des Unterbewußtseins, das ständig höchst aktiv war und Informationen verarbeitete, die man nur unbewußt aufgenommen hatte.
Irgend etwas stimmte hier nicht. Aber was?
Auf der engen, kurvenreichen, vereisten Bergstraße mit ihren zahlreichen Schlaglöchern und Querrillen kamen sie nur mit Tempo 30 voran. Eine Zeitlang folgte die Straße einem baumlosen Felsgrat, um dann in Serpentinen auf den Boden einer Schlucht hinunterzuführen, in der die Bäume auf beiden Straßenseiten so dicht standen, daß ihre Stämme im Scheinwerferlicht massive Kiefernwände zu bilden schienen.