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Auf der Ladefläche des Jeeps murmelte ihr Beschützer im Fieber unverständliche Worte vor sich hin. Laura machte sich Sorgen um ihn; sie wäre gern schneller gefahren, aber sie hatte Angst, ebenfalls im Graben zu landen.

Nachdem sie ihre Verfolger abgeschüttelt hatten, schwieg Chris zunächst einige Kilometer lang. »Im Haus ... hast du im Haus einen von ihnen erwischt?« fragte er dann.

Sie zögerte. »Ja, zwei.«

»Gut!«

Die aus diesem Wort sprechende grimmige Freude beunruhigte Laura. »Nein, Chris, es ist nicht gut, einen Menschen zu erschießen«, widersprach sie. »Mir ist davon ganz übel geworden.«

»Aber sie hatten den Tod verdient«, stellte er fest.

»Ja, das stimmt. Aber das bedeutet noch lange nicht, daß es ein Vergnügen war, sie zu erschießen. Durchaus nicht! Das ist keineswegs befriedigend. Man empfindet lediglich ... Abscheu von der Notwendigkeit. Und Trauer über das Unvermeidliche.«

»Ich wollte, ich hätte einen von ihnen abknallen können«, sagte Chris mit einer kalten Wut, die für einen Jungen in seinem Alter beunruhigend war.

Laura sah zu ihrem Sohn hinüber. Im schwachen Lichtschein der Instrumentenbeleuchtung wirkte er älter, als er in Wirklichkeit war, und sie ahnte, wie er als Mann aussehen würde.

Als Felsblöcke auf dem Boden der Schlucht die Durchfahrt versperrten, stieg die Straße wieder an und folgte einer natürlichen Terrasse auf halber Höhe der steil in die Schlucht abfallenden Wand.

Laura starrte weiter angestrengt nach vorn. »Schatz, darüber müssen wir uns später ausführlich unterhalten. Im Augenblick möchte ich nur, daß du mir gut zuhörst und etwas zu begreifen versuchst. Auf der Welt gibt’s eine Menge schlechter Philosophien. Weißt du, was eine Philosophie ist?«

»Einigermaßen. Nein ... nicht wirklich.«

»Dann genügt fürs erste die Feststellung, daß viele Menschen Überzeugungen haben, die schlecht für sie sind. Aber zwei, die voneinander sehr verschiedene Menschen haben, sind die schlimmsten, gefährlichsten und falschesten von allen. Manche Menschen sind der Überzeugung, Probleme ließen sich am besten mit Gewalt lösen: Sie verprügeln oder ermorden jeden, der nicht ihrer Meinung ist.«

»Wie die Kerle, die hinter uns her sind.«

»Ja, sie gehören offenbar zu diesem Typ. Aber das ist eine ganz schlimme Auffassung, denn Gewalt erzeugt immer wieder neue Gewalt. Außerdem gibt’s keine Gerechtigkeit, keinen Augenblick Frieden und keine Hoffnung, wenn man Meinungsverschiedenheiten mit der Waffe löst. Hast du das verstanden?«

»Ja, so ungefähr. Aber was ist die zweite schlimme Denkweise?«

»Pazifismus«, antwortete Laura. »Das ist genau das Gegenteil der ersten schlimmen Denkweise. Pazifisten sind der Überzeugung, man solle niemals die Hand gegen einen Mitmenschen erheben - egal was er einem angetan hat oder offensichtlich antun will. Nehmen wir einmal an, ein Pazifist stünde neben seinem Bruder und sähe einen Mann kommen, der seinen Bruder ermorden will; dann würde er seinen Bruder zum Weglaufen drängen - aber er würde keine Waffe in die Hand nehmen, um den Killer zu erledigen.«

»Er würde seinen Bruder nicht verteidigen?« fragte Chris erstaunt.

»Richtig. Schlimmstenfalls würde er lieber seinen Bruder ermorden lassen, als gegen seine Grundsätze zu verstoßen und selbst zum Mörder zu werden.«

»Das ist verrückt.«

Die Straße führte um einen Felsvorsprung herum und senkte sich ins nächste Tal hinab. Die Kiefernäste hingen so tief herunter, daß sie das Dach des Jeeps streiften; Schneeklumpen fielen auf Motorhaube und Windschutzscheibe.

Laura schaltete die Scheibenwischer ein, starrte angestrengt nach vorn und benützte den Wechsel der Szenerie als Ausrede, um nicht weitersprechen zu müssen, bevor sie sich überlegt hatte, wie sie den Punkt, auf den es ihr ankam, am deutlichsten herausarbeiten konnte. In der vergangenen Stunde hatte sie viel Gewalt erlebt; in Zukunft würden sie vielleicht noch mehr Gewalt erleben, und es kam ihr darauf an, Chris die richtige Einstellung dazu zu vermitteln. Er sollte nicht glauben, Muskeln und Schußwaffen seien ein annehmbarer Ersatz für Vernunft. Andererseits sollten ihre Erlebnisse kein Trauma hervorrufen und bewirken, daß er Gewalt fürchtete, nur weil er überleben wollte, wenn es ihn seine persönliche Würde kostete. »Manche Pazifisten sind getarnte Feiglinge«, sagte Laura schließlich, »aber andere glauben tatsächlich, es sei besser, die Ermordung eines Unschuldigen zuzulassen, als selbst zu töten, um diesen Mord zu verhindern. Aber das ist falsch, denn wer nicht gegen das Böse kämpft, macht mit ihm gemeinsame Sache. Er ist ebenso schlimm wie der Mann, der den Abzug betätigt. Vielleicht ist das jetzt noch zu hoch für dich, vielleicht mußt du noch viel darüber nachdenken, bevor du’s verstehst, aber es ist wichtig, daß du erkennst, daß es einen Mittelweg zwischen Killern und Pazifisten gibt. Man bemüht sich, Gewalt zu vermeiden. Man greift niemals als erster zu diesem Mittel. Aber sobald jemand Gewalt anwendet, verteidigt man sich, seine Angehörigen, seine Freunde und jeden anderen Gefährdeten. Ich habe darunter gelitten, diese beiden Männer im Haus erschießen zu müssen. Ich bin keine Heldin. Ich bin nicht stolz darauf, sie erschossen zu haben - aber ich schäme mich auch nicht, es getan zu haben. Ich will nicht, daß du deswegen stolz auf mich bist oder glaubst, der Tod dieser Männer sei befriedigend für mich, weil Rache mich Daddys Ermordung leichter ertragen läßt. Das ist keineswegs so.«

Chris gab keine Antwort.

»Habe ich dir zuviel zugemutet?« fragte sie besorgt.

»Nein, aber ich muß erst darüber nachdenken«, antwortete er. »Im Augenblick denke ich noch böse, glaube ich. Weil ich allen, die etwas mit ... mit Daddys Ende zu tun haben, den Tod wünsche. Aber ich verspreche dir, daran zu arbeiten, Mom. Ich will versuchen, ein besserer Mensch zu werden.«

Sie lächelte. »Das wirst du bestimmt, Chris.«

Während sie nach ihrem Gespräch beide minutenlang schwiegen, wurde Laura das Gefühl nicht los, ihnen drohe weiterhin unmittelbare Gefahr. Sie waren ungefähr zehn Kilometer auf der Bergstraße gefahren und hatten noch knapp zwei Kilometer bis zu dem asphaltierten Straßenstück, das zur Staatsstraße 38 führte. Je länger sie fuhr, desto gewisser wurde ihre Ahnung, sie habe irgend etwas übersehen und müsse auf die nächste Krise gefaßt sein.

Laura hielt plötzlich auf der Kuppe, nach der die Straße sich ins Tal senkte, stellte den Motor ab und schaltete die Scheinwerfer aus.

»Was ist los?« fragte Chris.

»Nichts. Ich muß nur überlegen und nach unserem Mitfahrer sehen.«

Sie stieg aus und ging um den Jeep herum nach hinten. Als sie die Heckklappe öffnete, brachen Teile der zerschossenen Scheibe heraus und fielen ihr vor die Füße. Laura kletterte auf die Ladefläche, streckte sich neben ihrem Beschützer aus und fühlte nach dem Puls des Verletzten. Er schlug noch immer schwach, vielleicht schwächer als zuvor, aber wenigstens gleichmäßig. Sie legte ihm eine Hand auf die Stirn und merkte, daß er nicht mehr eiskalt war, sondern von innen heraus zu glühen schien. Chris reichte ihr die Taschenlampe aus dem Handschuhfach nach hinten. Sie schlug die Decken zurück, um nachzusehen, ob der Verletzte etwa wieder stärker blutete. Seine Schußwunde sah schlimm aus, aber sie schien nur mehr wenig geblutet zu haben, obwohl der Mann auf der Ladefläche hin und her geworfen worden war. Sie deckte ihn wieder zu, gab Chris die Taschenlampe zurück, kletterte aus dem Jeep und schloß die Heckklappe.

Laura brach die restlichen Glassplitter aus dem Heckfenster und dem kleineren Seitenfenster hinten auf der Fahrerseite. Ohne jegliches Glas war der Schaden weniger auffällig, so daß die Wahrscheinlichkeit geringer war, daß ein Cop oder sonst jemand darauf aufmerksam wurde.