Выбрать главу

Sie blieb eine Zeitlang in der Kälte neben dem Jeep stehen, starrte in die lichtlose Wildnis und bemühte sich, eine Verbindung zwischen Instinkt und Vernunft herzustellen: Weshalb war sie so überzeugt, eine weitere Krise meistern zu müssen, bei der es wieder gewalttätig zugehen würde?

In der Höhe riß ein starker Westwind die Wolken auf und trieb sie vor sich her nach Osten, aber der Höhenwind hatte sich noch nicht bis zum Boden durchgesetzt, wo es eigenartig windstill blieb. Durch diese unregelmäßigen Wolkenlöcher fiel Mondschein und tauchte die verschneite Landschaft mit Hügeln und Tälern, nachtschwarzen Kiefern und hellen zusammengedrängten Felsformationen in silberglänzendes, fast unheimliches Licht.

Laura blickte nach Süden, wo die Bergstraße nach wenigen Kilometern in die Staatsstraße 38 einmündete, und konnte nichts Bedrohliches erkennen. Sie schaute nach Osten und Westen und zuletzt nach Norden, wo sie hergekommen waren; überall schienen die San Bernardino Mountains völlig unbewohnt zu sein - ohne ein einziges Licht, das ihre aus Urzeiten bewahrte Reinheit und Stille gestört hätte.

Sie stellte sich dieselben Fragen und erhielt dieselben Antworten, die seit einem Jahr Bestandteil eines inneren Dialogs gewesen waren. Woher kamen die Männer mit den Gürteln? Von einem anderen Planeten, aus einer anderen Galaxie? Nein, sie waren so menschlich wie sie selbst. Vielleicht kamen sie aus der Sowjetunion. Vielleicht fungierten die Gürtel als Materietransmitter - wie die Teleportationskammern in dem Science-fiction-Film, den sie einmal gesehen hatte. Das hätte eine Erklärung für den Akzent ihres Beschützers sein können - falls er durch Teleportation aus der Sowjetunion kam -, aber es erklärte nicht, weshalb er in einem Vierteljahrhundert nicht gealtert war. Außerdem glaubte Laura nicht im Ernst, daß die Russen oder sonst jemand seit ihrem achten Lebensjahr über einsatzreife Materietransmitter verfügten. Blieben also nur Zeitreisen übrig.

Mit dieser Möglichkeit spielte Laura schon seit einigen Monaten, obwohl sie sich ihrer Sache bisher nicht einmal so sicher war, daß sie sie Thelma gegenüber erwähnt hätte. War ihr Beschützer jedoch als Zeitreisender in entscheidenden Augenblicken ihres Lebens aufgekreuzt, dann konnte er alle seine Reisen binnen einer Woche oder eines Monats seiner eigenen Zeit durchgeführt haben, während für sie viele Jahre verstrichen waren, so daß er dabei nicht gealtert war. Bis sie ihn ausfragen und sich die Wahrheit erzählen lassen konnte, war die Zeitreisetheorie die einzig logische: Ihr Beschützer war aus einer zukünftigen Welt zu ihr gekommen, und diese Zukunft schien sehr unerfreulich zu sein, denn als sie über den Gürtel gesprochen hatten, hatte er ernst und bedrückt gesagt: »Du würdest nicht hinwollen, wohin er dich bringen würde.«

Sie hatte keine Ahnung, weshalb ein Zeitreisender aus der Zukunft zurückkehren sollte, um ausgerechnet sie vor bewaffneten Junkies und schleudernden Lastwagen zu retten, aber darüber konnte sie sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen.

Die Nacht war dunkel, still und kalt.

Vor ihnen lauerten irgendwelche Gefahren.

Das wußte Laura, aber sie wußte nicht, woher sie kommen und woraus sie bestehen würden.

»He, was ist jetzt wieder los?« fragte Chris, als sie einstieg.

»Du stehst doch auf >Raumschiff Enterprisec, >Krieg der Sterne< und ähnliches Zeug - daher könntest du in diesem Punkt mein Fachberater sein, wenn ich einen neuen Roman schreibe. Du bist sozusagen mein Experte fürs Unheimliche.«

Der Motor blieb abgestellt, das Innere des Jeeps war lediglich durch wolkenverhangenes Mondlicht erhellt. Trotzdem sah Laura das Gesicht des Jungen ziemlich deutlich, weil ihre Augen sich draußen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Chris blinzelte und starrte sie verwirrt an. »Was soll das heißen, Mom?«

»Chris, ich habe dir versprochen, dir alles über den Mann zu erzählen, der schon mehrmals auf seltsame Weise in mein Leben getreten ist und nun verletzt dort hinten liegt, aber dafür haben wir im Augenblick keine Zeit. Fang also nicht an, mich mit Fragen zu löchern, okay? Aber nehmen wir mal an, mein Beschützer - so denke ich von ihm, weil er mich in der Vergangenheit aus schrecklichen Gefahren gerettet hat, sooft er konnte - ist ein Zeitreisender aus der Zukunft. Nehmen wir weiterhin an, er braucht dazu keine umständliche große Maschine. Nehmen wir an, die ganze Maschine ist ein Gürtel, den er unter seiner Kleidung trägt und mit dem er sich plötzlich in unserer Zeit materialisieren kann. Hast du das alles verstanden?«

Chris starrte sie mit großen Augen an. »Ist er das?«

»Ein Zeitreisender? Ja, vielleicht.«

Der Junge löste seinen Sitzgurt, drehte sich kniend nach dem Mann auf der Ladefläche um und starrte ihn an. »Ohne Scheiß?«

»Angesichts der besonderen Umstände«, sagte Laura, »bin ich bereit, deine Ausdrucksweise zu überhören.«

Chris warf ihr einen verlegenen Blick zu. »Entschuldige, Mom. Aber ein Zeit reisender?«

Wäre Laura ärgerlich gewesen, ihr Zorn wäre verflogen, denn sie sah Chris jetzt unter einem Ansturm jugendlicher Erregung und der Fähigkeit zu staunen - etwas, was sie seit einem Jahr nicht mehr bei ihm erlebt hatte, nicht einmal zu Weihnachten, als er sich so gut mit Jason Gaines amüsiert hatte. Die Aussicht, einem Zeitreisenden zu begegnen, erfüllte ihn sofort mit Abenteuergeist. Das war das herrliche am Leben: Trotz aller Grausamkeit war es voller Überraschungen und Wunder; und die Überraschungen konnten ihrerseits kleine Wunder bewirken, indem sie einem Verzweifelten neuen Lebensmut gaben, einen Zyniker unerwartet von seinem Zynis-mus heilten oder, wie im Fall dieses Jungen, in einem zutiefst Verletzten den Willen zur Gesundung weckten und Medizin gegen seine Schwermut waren.

»Okay, nehmen wir mal an«, fuhr Laura fort, »er brauchte nur auf einen Knopf seines Spezialgürtels zu drücken, um aus unserer Zeit in seine zurückzukehren.«

»Darf ich den Gürtel sehen?«

»Später. Denk daran, daß du versprochen hast, jetzt nicht allzu viele Fragen zu stellen.«

»Okay.« Chris starrte den Beschützer erneut an, bevor er sich abwandte und sich auf seine Mutter konzentrierte. »Was passiert, wenn er auf diesen Knopf drückt?«

»Er verschwindet einfach.«

»Wow! Und wenn er aus der Zukunft kommt, taucht er einfach aus dem Nichts auf?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe ihn noch nie ankommen gesehen. Aus irgendwelchen Gründen scheint seine Ankunft von Blitzen und Donner begleitet zu sein ...«

»Das Gewitter von heute nacht!«

»Ja. Aber es blitzt nicht immer. Gut, nehmen wir mal an, er wäre in unsere Zeit zurückgekommen, um uns zu helfen und uns vor bestimmten Gefahren zu beschützen ...«

»Zum Beispiel vor dem schleudernden Lastwagen.«

»Solange er’s uns nicht erzählt, wissen wir nicht, weshalb er uns beschützen will. Weiterhin können wir annehmen, daß es in der Zukunft Menschen gibt, die uns nicht beschützt sehen wollen. Auch ihre Motive sind uns unbekannt. Aber einer von ihnen ist Kokoschka gewesen - der Mann, der Daddy erschossen hat ...«

»Und die Kerle, die heute bei uns aufgekreuzt sind«, warf Chris ein, »sind auch aus der Zukunft!«

»Ja, das glaube ich auch. Sie wollten meinen Beschützer, dich und mich umbringen. Statt dessen haben wir zwei von ihnen erschossen und zwei oder drei weitere im Mercedes hinter uns zurückgelassen. Aber ... was haben sie als nächstes vor, Kleiner? Du bist mein Fachmann fürs Unheimliche. Hast du irgendeine Idee?«

»Laß mich nachdenken.«

Mondlicht schimmerte matt auf der Motorhaube des Jeeps.

Im Wagen wurde es allmählich kalt; ihr Atem wurde sichtbar, die Fenster beschlagen. Laura ließ den Motor an und schaltete die Heizung, aber nicht das Licht ein.