»Da ihr Unternehmen fehlgeschlagen ist, werden sie nicht lange hier rumhängen«, stellte Chris fest. »Wahrscheinlich gehen sie in die Zukunft zurück, aus der sie gekommen sind.«
»Du meinst die Männer in unserem Auto?«
»Ja. Vermutlich haben sie bereits auf die Knöpfe an den Gürteln der von dir Erschossenen gedrückt und die Leichen in die Zukunft geschickt. Das heißt, daß es bei uns zu Hause keine Toten, keinen Beweis für die Anwesenheit von Zeitreisenden gibt. Außer vielleicht einige Blutflecken. Und als die zwei oder drei anderen mit dem Mercedes steckengeblieben sind, haben sie vermutlich aufgegeben und sind heimgekehrt.«
»Sie sind also gar nicht mehr hier? Sie würden nicht vielleicht nach Big Bear marschieren, dort ein Auto stehlen und uns zu finden versuchen?«
»Nö. Das wäre zu anstrengend. Ich meine, sie können uns einfacher finden als normale Killer, die tatsächlich rumfahren und uns suchen müßten.«
»Wie denn?« fragte Laura gespannt.
Der Junge kniff die Augen zusammen, während er durch die Windschutzscheibe in die mondhelle Landschaft hinausstarrte. »Die Sache ist folgendermaßen, Mom: Sobald wir sie abgehängt haben, drücken sie auf die Knöpfe an ihren Gürteln, kehren in die Zukunft zurück und machen dann eine weitere Reise in unsere Zeit, um uns eine weitere Falle zu stellen. Sie wissen, daß wir diese Straße benützen. Deshalb unternehmen sie vermutlich eine weitere Reise und stellen uns am anderen Ende dieser Straße eine Falle. Ja, so muß es sein! Darauf gehe ich jede Wette ein!«
»Aber könnten sie nicht zu einem viel früheren Zeitpunkt zurückkommen und uns schon vor der Ankunft meines Beschützers zu Hause überfallen?«
»Paradox«, sagte Chris nur. »Weißt du, was das bedeutet?«
Dieses Wort erschien Laura für einen Jungen in seinem Alter zu schwierig, aber sie antwortete: »Ja, ich weiß, was ein Paradox ist. Alles, was widersprüchlich, aber vielleicht doch wahr ist.«
»Siehst du Mom, das interessante an Zeitreisen ist, daß sie voller möglicher Paradoxe stecken. Voller Dinge, die nicht wahr sein können, nicht wahr sein dürfen - und vielleicht trotzdem wahr sind.« Chris sprach ebenso erregt, wie wenn er ihr Szenen aus seinen Lieblingsfilmen schilderte. »Nehmen wir mal an, du würdest in die Vergangenheit zurückreisen und dort deinen Großvater heiraten. Siehst du, dann wärst du deine eigene Großmutter. Wären Zeitreisen möglich, könntest du das vielleicht tun - aber wie wärst du jemals geboren worden, wenn deine wirkliche Großmutter niemals deinen Großvater geheiratet hätte? Ein Paradox! Oder was wäre, wenn du bei einer Reise in die Vergangenheit deiner Mutter als Kind begegnen und sie versehentlich umbringen würdest? Wäre deine Existenz damit beendet - peng! -, so als wärst du nie geboren worden? Aber wie hättest du dann überhaupt in die Vergangenheit zurückgehen können? Paradox! Paradox!«
Laura, die Chris in dem durch den wolkenverhangenen Mond nur unzulänglich erhellten Inneren des Jeeps anstarrte, hatte das Gefühl, einen ganz anderen Jungen vor sich zu sehen. Natürlich hatte sie schon immer von seiner Vorliebe für Sien-cefiction-Geschichten gewußt, die er mit den meisten Jungen seines Alters bis hinauf zu Teenagern gemeinsam zu haben schien. Aber sie hatte bisher noch keinen tieferen Einblick in einen von solchen Einflüssen geformten Verstand tun können.
Im ausgehenden 20. Jahrhundert führten amerikanische Kinder offenbar nicht nur ein reicheres Phantasieleben als die meisten Kinder vor ihnen, sondern schienen daraus auch einen Vorteil zu ziehen, den die Elfen, Feen, Kobolde und Gespenster, mit denen frühere Kindergenerationen sich amüsiert hatten, nicht hatten bieten können: die Fähigkeit, über abstrakte Begriffe wie Raum und Zeit weit ernsthafter nachzudenken, als es ihrem emotionalen und intellektuellen Alter entsprochen hätte. Laura hatte das eigenartige Gefühl, zu gleicher Zeit mit einem kleinen Jungen und mit einem Weltraumforscher zu sprechen, die gemeinsam in diesem einen Körper existierten.
»Weshalb haben diese Männer keine weitere Zeitreise machen können, nach dem es ihnen bei der ersten nicht gelungen ist, uns zu erledigen?« fragte sie verständnislos. »Weshalb sind sie nicht früher zurückgekommen, bevor mein Beschützer uns gewarnt hat?«
»Paß auf: Dein Beschützer war bereits im Zeitstrom aufgetaucht, um uns zu warnen. Wären sie also zurückgekommen, bevor er uns warnte - wie hätte er uns dann überhaupt warnen können, wie wären wir dann lebend hier? Paradox!«
Er klatschte lachend in die Hände wie ein Gnom, der über eine besonders amüsante Nebenwirkung eines Zauberbanns kichert.
Im Gegensatz zu seiner guten Laune bekam Laura allmählich Kopfschmerzen, während sie sich bemühte, die komplizierten Aspekte dieses Themas auseinanderzuhalten.
»Manche Leute halten Zeitreisen wegen dieser vielen Paradoxe sogar für unmöglich«, sagte Chris. »Andere sind der Meinung, sie seien möglich, solange eine Reise in die Vergangenheit kein Paradox erzeugt. Falls das zutrifft, können die Killer nicht zu einem früheren Zeitpunkt wiederkommen, weil zwei von ihnen bereits auf der ersten Reise umgekommen sind. Aber die Männer, die du nicht erschossen hast, und möglicherweise ein paar neue Zeitreisende könnten zurückkommen und uns am Ende der Straße auflauern.« Er beugte sich nach vorn, um erneut durch die teilweise vereiste Windschutzscheibe zu blicken. »Deshalb sind vorhin, als die anderen uns beschossen haben, im Süden so viele Blitze zu sehen gewesen -weil weitere Männer aus der Zukunft gekommen sind. Ja, ich wette, daß sie uns irgendwo dort unten auflauern.«
Laura massierte sich die Schläfen mit den Fingerspitzen. »Kehren wir jetzt um, anstatt in die vor uns aufgebaute Falle zu tappen, dann merken sie, daß wir diesmal zu clever gewesen sind. Folglich unternehmen sie eine dritte Reise in die Vergangenheit, kehren zu dem Mercedes zurück und erschießen uns, wenn wir daran vorbei zurückzufahren versuchen. Sie erledigen uns, wohin wir auch fahren.«
Chris schüttelte energisch den Kopf. »Nein, denn bis sie merken, daß wir ihre Absichten durchschaut haben - ungefähr in einer halben Stunde -, sind wir bereits wieder an dem Mercedes vorbei.« Der Junge hopste jetzt vor Aufregung auf seinem Sitz auf und nieder. »Versuchen sie dann, eine dritte Zeitreise zu machen, um uns am Anfang dieser Straße abzufangen, ist das unmöglich, weil wir bereits an dieser Stelle vorbei und in Sicherheit sind. Paradox! Siehst du, sie müssen sich an die Spielregeln halten, Mom. Auch sie besitzen keine Zauberkräfte. Sie müssen die Regeln beachten und können deshalb geschlagen werden!«
In ihren 33 Jahren hatte Laura noch nie Kopfschmerzen wie diese gehabt, die sich so rasch von einem leichten Pochen zu einem dröhnenden Schädelspalter entwickelt hatten. Je länger sie versuchte, die Probleme zu lösen, die sich daraus ergaben, daß sie vor einer Horde zeitreisender Killer flüchten mußten, desto stärker wurden diese Schmerzen.
»Ich gebe auf«, sagte sie schließlich. »Um damit zurechtzukommen, hätte ich all diese Jahre wahrscheinlich damit verbringen müssen, mir >Raumschiff Enterprise< anzusehen und Robert Heinlein zu lesen, anstatt eine ernsthafte Erwachsene zu sein. Deshalb verlasse ich mich darauf, daß du cleverer bis als sie. Du mußt versuchen, unseren Vorsprung zu halten. Sie wollen uns ermorden. Wie können sie das, ohne eines dieser Paradoxe zu erzeugen? Wo tauchen sie als nächstes auf ... und als übernächstes? Wir fahren jetzt am Mercedes vorbei die gleiche Strecke zurück, und wenn du recht hast, lauert uns dort niemand auf. Aber wo erscheinen sie danach? Sehen wir sie heute nacht wieder? Denk darüber nach, Chris, und laß mich wissen, was dir dazu einfällt.«
»Wird gemacht, Mom.« Er sackte auf seinem Sitz zusammen, grinste einen Augenblick breit und biß sich dann auf die Unterlippe, während er sich aufs Spiel konzentrierte.