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Laura hatte erwartet, einen Untersuchungstisch und medizinische Geräte zu sehen, die seit über dreieinhalb Jahrzehnten in Gebrauch und trotzdem noch gut erhalten waren - eine altväterliche Praxis geradewegs aus einem Gemälde von Norman Rockwell -, aber alles schien neu zu sein. Brenkshaw hatte sogar ein EKG-Gerät, und an einer weiteren Tür las sie die Warnung: RÖNTGENRAUM - IM BETRIEB GESCHLOSSEN HALTEN!

»Sie haben ein eigenes Röntgengerät?« fragte sie ihn.

»Klar. Die Geräte sind nicht mehr so teuer wie früher. Jede größere Praxis hat heutzutage eines.«

»Ja, jede größere Praxis, aber Sie sind doch nur ...«

»Hören Sie, ich sehe vielleicht wie Barry Fitzgerald aus, der in einem alten Film einen Arzt spielt, und halte an der altmodischen Sitte fest, zu Hause zu praktizieren, aber ich behandle meine Patienten nicht mit überholten Methoden, nur um kauzig zu wirken. Ich wage zu behaupten, daß ich als Arzt mehr ernst zu nehmen bin als Sie als Desperada.«

»Wetten Sie lieber nicht drauf«, wehrte Laura unfreundlich ab, obwohl sie es allmählich satt hatte, die Eisenharte zu spielen.

»Keine Angst, ich spiele mit«, versicherte er ihr. »Das scheint amüsanter zu sein.« Er wandte sich an Chris. »Ist dir im Sprechzimmer der rote Keramiktopf auf meinem Schreibtisch aufgefallen? Er ist voller kandierter Orangenschnitten und Tootsie Pops, falls du welche möchtest.«

»Wow, danke!« sagte Chris. »Äh ... darf ich ein Stück essen, Mom?«

»Eines oder zwei«, antwortete sie, »aber nicht zu viele, sonst wird dir schlecht.«

»Wenn’s um Süßigkeiten für kleine Patienten geht, bin ich altmodisch, schätze ich«, stellte Brenkshaw fest. »Bei mir gibt’s keinen zuckerfreien Kaugummi. Wer könnte sich darüber freuen? Das Zeug schmeckt wie Plastik. Wenn sie nach einem Besuch bei mir schlechte Zähne kriegen, soll ihr Zahnarzt sich darum kümmern.«

Während er sprach, holte er einen zusammenklappbaren Rollstuhl aus der Ecke, klappte ihn auseinander und fuhr ihn in die Mitte des Untersuchungsraums.

»Schatz, du bleibst hier, wenn wir jetzt zum Jeep rausgehen«, wies Laura ihren Sohn an.

»Okay«, sagte Chris von nebenan, wo er in den roten Keramiktopf schaute, um sich eine Süßigkeit auszusuchen.

»Steht Ihr Wagen in der Einfahrt?« fragte Brenkshaw. »Dann nehmen wir den Hinterausgang. Weniger auffällig, glaube ich.«

Laura, die ihn weiter mit ihrem Revolver bedrohte, aber sich dabei lächerlich vorkam, folgte ihm durch den Nebenausgang des Untersuchungsraums, vor dem eine Rampe zur Einfahrt hinabführte.

»Der Eingang für Behinderte«, erklärte Brenkshaw ihr halblaut, während er den Rollstuhl auf dem ums Haus führenden Weg vor sich herschob. Seine Lederpantoffeln schlurften über den Beton.

Das Grundstück des Arzthauses war groß, so daß das Nachbarhaus nicht unmittelbar neben ihnen aufragte. Statt der Erlen im Vorgarten wuchsen neben dem Haus Feigen und Kiefern. Trotz des schützenden Blätterdachs und der Dunkelheit erkannte Laura die unbeleuchteten Fenster des Nachbarhauses und wußte, daß sie von dort aus ebenfalls beobachtet werden konnten, falls jemand aus dem Fenster schaute.

Rundum herrschte die für die Zeit zwischen Mitternacht und Morgengrauen charakteristische Stille. Auch wenn Laura nicht gewußt hätte, daß es schon fast zwei Uhr war, hätte sie die Uhrzeit auf eine halbe Stunde genau schätzen können. Obwohl aus der Ferne schwache Großstadtgeräusche zu hören waren, hätte die Friedhofsruhe um Laura herum ihr selbst dann, wenn sie mit dem Mülleimer zum Müllcontainer unterwegs gewesen wäre, suggeriert, sie habe einen Geheimauftrag zu erfüllen.

Der Weg führte ums Haus herum und kreuzte einen anderen, der den rückwärtigen Teil des Grundstücks erschloß. Sie gingen an der Veranda hinter dem Haus vorbei, passierten einen Torbogen zwischen Hauptgebäude und Garage und erreichten die Einfahrt.

Brenkshaw blieb hinter dem Jeep stehen und lachte leise in sich hinein. »Mit Erde unkenntlich gemachte Nummernschilder«, flüsterte er. »Sehr überzeugend!«

Nachdem Laura die Heckklappe geöffnet hatte, kletterte er in den Jeep, um nach dem Verletzten zu sehen.

Laura blickte auf die Straße hinaus, die still und unbelebt blieb.

Wenn ein Streifenwagen der San Bernardino Police vorbeikam, würde die Besatzung bestimmt nachsehen, weshalb in der Praxis des guten alten Doc Brenkshaw um diese Zeit noch Licht brannte .

Der Arzt kam bereits wieder aus dem Jeep gekrochen. »Großer Gott, dort drinnen liegt wirklich ein Verletzter!«

»Warum überrascht Sie das so, verdammt noch mal? Glauben Sie etwa, ich sei zum Vergnügen hier?«

»Kommen Sie, wir müssen ihn reinbringen«, forderte Brenkshaw sie auf. »Schnell!«

Er konnte ihren Beschützer nicht allein aus dem Wagen holen und in den Rollstuhl setzen. Um ihm dabei helfen zu können, mußte Laura ihren Revolver in den Hosenbund ihrer Jeans stecken.

Brenkshaw versuchte nicht, wegzulaufen oder sie niederzuschlagen und sich der Waffe zu bemächtigen. Statt dessen schob er den Rollstuhl mit dem Bewußtlosen sofort durch den Torbogen und ums Haus zum Behinderteneingang. Laura griff nach einer der zwischen den Sitzen liegenden Maschinenpistolen. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß sie die Uzi brauchen würde, aber mit ihr in den Händen war ihr einfach wohler.

Eine Viertelstunde später wandte Dr. Brenkshaw sich von den entwickelten Röntgenaufnahmen ab, die in einer Ecke seines Untersuchungsraums vor einer Lichttafel hingen. »Die Kugel ist nicht zersplittert und glatt ausgetreten. Sie hat keine Knochen verletzt, so daß wir uns keine Sorgen wegen Splittern zu machen brauchen.«

»Klasse!« sagte Chris aus der anderen Ecke, in der er zufrieden einen Tootsie Pop lutschte. Trotz der Wärme im Haus trug er wie Laura weiter seine Jacke, damit sie notfalls sofort aufbruchsbereit waren.

»Liegt er in einer Art Koma?« fragte Laura den Arzt.

»Ja, sein Zustand ist komatös. Allerdings nicht wegen Fiebers nach einer schlimmen Wundinfektion. Dazu ist’s noch zu früh. Und nachdem er jetzt behandelt worden ist, tritt wahrscheinlich gar keine Infektion auf. Nein, das ist ein traumatisches Koma - weil er angeschossen worden ist, wegen des Blutverlusts und so weiter. Er hätte nicht transportiert werden dürfen, wissen Sie.«

»Mir ist nichts anderes übriggeblieben. Wacht er bald wieder auf?«

»Vermutlich. In seinem Fall arbeitet der Körper im Koma sozusagen auf Sparflamme, um Energie zu sparen und die Heilung zu erleichtern. Er hat nicht so viel Blut verloren, wie man glauben könnte; sein Puls ist gut, so daß dieser Zustand nicht lange anhalten dürfte. Sieht man seine blutgetränkten Kleidungsstücke, glaubt man, er müßte literweise Blut verloren haben, aber das stimmt nicht. Andererseits hat er auch nicht nur ein paar Teelöffel voll verloren. Zum Glück für ihn sind keine Hauptblutgefäße zerrissen, sonst wäre sein Zustand viel ernster. Trotzdem gehört er eigentlich ins Krankenhaus.«

»Darüber haben wir schon gesprochen«, wehrte Laura ungeduldig ab. »Wir können in kein Krankenhaus fahren.«

»Welche Bank haben Sie denn überfallen?« fragte der Arzt lächelnd, aber das klang merklich gezwungener als seine anfänglichen Scherze.

Während der Entwicklung der Röntgenaufnahmen hatte Brenkshaw die Wunde gesäubert, sie mit Jod bepinselt und mit antibiotischem Wundpuder bestäubt und einen Verband vorbereitet. Jetzt holte er eine Nadel, Klammern, eine Art Zange und dicken Faden aus einem Wandschrank und legte sie auf das Stahltablett, das er in eine Halterung am Untersuchungstisch eingehängt hatte. Der Bewußtlose lag, durch mehrere Schaumstoffkissen gestützt, auf der rechten Seite.

»Was haben Sie vor?« fragte Laura.

»Die beiden Löcher sind ziemlich groß - vor allem die Austrittswunde. Wenn Sie darauf bestehen, sein Leben dadurch zu gefährden, daß Sie ihn nicht ins Krankenhaus bringen, braucht er wenigstens ein paar Stiche.«